Finanzierung () ist in der Finanzwirtschaft die Versorgung eines Wirtschaftssubjekts mit Kapital, damit es seine Ziele verfolgen kann. Jemand, der mit seinem Vermögen Projekte anderer Wirtschaftssubjekte finanziert, wird als FinanzierWortbedeutung.info, Stichwort: Finanzier, abgerufen am 10. Juni 2022. (oder weiblich Finanziere) bezeichnet; das Wort wurde im 18. Jahrhundert von entlehnt. Synonym wird der Begriff Geldgeber verwendet. Wenn dieser keine direkte Gegenleistung verlangt, ist es ein Mäzen.

Wirtschaftssubjekte sind Privathaushalte (Private Finanzplanung), Unternehmen (Unternehmensfinanzierung) oder der Staat (Staatsfinanzen). Wegen der Verschiedenheit der Wirtschaftssubjekte muss die Finanzierungsdefinition allgemein ausfallen, da die Finanzierung in Unternehmen oder bei Staaten unterschiedlich abläuft. Gemeinsam ist allen, dass ihr Kapitalbedarf zur Erfüllung ihrer unterschiedlichen Ziele im Rahmen der Finanzierung zu decken ist. Meist wird in der Wirtschaftswissenschaft die Finanzierung bei Unternehmen untersucht, wobei diese Erkenntnisse analog auf die übrigen Wirtschaftssubjekte übertragen werden können.

Die Finanzierung bildet bei Unternehmen eine betriebliche Funktion, wobei zwischen dem kapitalwirtschaftlichen Finanzierungsbegriff (Bereitstellung von Kapital) und dem monetären Finanzierungsbegriff (Geld zur Liquiditätssicherung) zu unterscheiden ist. In beiden Fällen ist mindestens die Passivseite einer Bilanz betroffen, die dazu dient, das auf der Aktivseite vorhandene oder anzuschaffende Vermögen im Rahmen der Unternehmensziele zu finanzieren. Die sich auf der Passivseite abspielende Kapitalbeschaffung ist Günter Wöhe zufolge der enge Finanzierungsbegriff, die hiermit vorgenommenen Investitionen auf der Aktivseite stellen den weiten Finanzierungsbegriff dar.Günter Wöhe/Jürgen Bilstein/Dietmar Ernst/Joachim Häcker, Grundzüge der Unternehmensfinanzierung, 2013, S. 2.Günter Wöhe/Ulrich Döring, Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, 25. Auflage, 2013, S. 472; ISBN 978-3800646876 Finanzierung umfasst alle Prozesse zur Bereitstellung und Rückzahlung der finanziellen Mittel, die für die Produktion und Investitionen benötigt werden. Darunter fallen alle Maßnahmen von der Beschaffung (Refinanzierung) bis zur Rückzahlung (Tilgung) finanzieller Mittel sowie die damit verbundene Gestaltung der Zahlungs-, Informations-, Mitbestimmungs-, Kontroll- und Sicherungsbeziehungen zwischen Unternehmen und Kapitalgebern. Die Finanzökonomik umfasst auch die umgekehrte Betrachtung dieser Sachverhalte vom Standpunkt des Anlegers aus (Finanzplanung).

Geschichte Das Lehnwort Finanzierung stammt aus für „Zahlung, Bezahlung, fällige Zahlung, Beendigung“ und erschien im spätmittelhochdeutschen „finantien“, das erstmals im Jahre 1341 in Köln bei dem altdeutschen Misstrauen gegen jede Art moderner Kapitalnutzung als „Geldgeschäft im üblen Sinn oder Wucher“ auftauchte.Friedrich Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 1883, S. 198. Das Kölner Stadtbuch schrieb im Originaltext „Döt ist die morgensprache von woichger und finantien“.Hans Schulz/Otto Basler, Deutsches Fremdwörterbuch, 2004, S. 891 f. Unter „Morgensprache“ verstand man im Mittelalter die morgens stattfindenden Besprechungen der Zunftangelegenheiten. Noch um 1549 galt der „Finanzer“ als Wucher oder listiger Betrüger. Im Jahre 1582 verboten die Statuten der Stadt Köln unter Strafandrohung den Handel durch „Wucher/Finantzerey“.Die Statuta und Concordata der Heiligen Freyen Reichs Statt Cölln durch Bürgermeister und Rat, 1582, S. 106. Der Lexikograf Georg Henisch beschrieb im Jahre 1616 „Finantz“ als ,Georg Henisch, Teütsche Sprach und Weißheit, 1616, Sp. 1095 f. also „öffentliche Gelder, die Hauptsache der Quästoren“.Quästoren waren im römischen Reich mit der Verwaltung der Staatskasse und der Eintreibung von Steuern und Pachten betraut Daraus leitete sich auch für die Geldmittel eines Staates ab,Hermann Paul, Deutsches Wörterbuch – Bedeutungsgeschichte und Aufbau unseres Wortschatzes, 2002, S. 332. was sich im deutschen Wort Finanzen niederschlug. Die mittellateinische Bedeutung stammte aus der Beendigung eines Streitfalls vor Gericht in Form einer Geldbuße. Die Beendigung durch Zahlung ist auch heute noch bei Schulden der typische Fall.

In der Entwicklungsstufentheorie der Volkswirtschaftslehre wird nach Bruno Hildebrand seit 1864 zwischen Natural-, Geld- und Kreditwirtschaft unterschieden und der Übergang zur Kreditwirtschaft erkannt.Bruno Hildebrand, Natural-, Geld- und Kreditwirtschaft, 1864, S. 355. Otto von Bismarck verstand den Begriff Finanzierung in seiner Autobiografie 1898 als Wort der Börse: „Die ‚Finanzierung‘, wie die Börse sich ausdrückt, wurde durch die großen Vermögen Bethmann-Hollwegs und der Grafen Fürstenberg-Stammheim … von den geschickten Händen der Grafen Goltz und Albert von Pourtalès besorgt“.Otto von Bismarck, Gedanken und Erinnerungen, Band 1, 1898, S. 113.

Die ältere Betriebswirtschaftslehre fasste 1921 Kapital und damit dessen Bereitstellung noch als Güter auf, die „zum Erwerb verwandt werden können“.Ernst Pape, Grundriss der doppelten Buchführung, 1921, S. 9. Eugen Schmalenbach verzichtete 1922 in seinem Werk „Finanzierungen“ auf eine Definition, obwohl sie angesichts des Buchtitels zu erwarten wäre.Eugen Schmalenbach, Finanzierungen, 1922. Wilhelm Kalveram brachte im Jahre 1925 auch die „tägliche Kreditdisposition des Unternehmens“ in den Finanzierungsbegriff ein,Wilhelm Kalveram, Die Finanzierung der Unternehmung. In: Archiv der Fortschritte betriebswirtschaftlicher Forschung und Lehre, 1925, S. 154. und verstand 1929 unter Finanzierung „alle zum Zwecke des Aufbaues und Abbaues von Unternehmungen notwendigen Kapital- und Kreditoperationen und die Anpassung des Kapitals nach Höhe und konkreter Zusammensetzung an die Zwecke der Unternehmung“.Wilhelm Kalveram, Die Handelshochschule, Band 1, 1929, S. 1266. Für Wilhelm Rieger hat der Unternehmer durch Finanzierung „geldliche, finanzielle Probleme zu meistern“.Wilhelm Rieger, Einführung in die Privatwirtschaftslehre, 1927, S. 16. Curt Eisfeld engte 1929 den Begriff auf die langfristige Kapitalbeschaffung ein.Curt Eisfeld, Finanzierung. In: Heinrich Nicklisch (Hrsg.), Handwörterbuch der Betriebswirtschaft, 1929, Sp. 934. Liesel Beckmann verstand 1949 darunter verallgemeinernd „alle Kapitaldispositionen, die im Leben einer Betriebswirtschaft auftreten“.Liesel Beckmann, Die betriebswirtschaftliche Finanzierung, 1949, S. 28. Konrad Mellerowicz sah 1956 unter Finanzierung „jede Ordnung der betrieblichen Kapitalverhältnisse“.Konrad Mellerowicz, Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, 1956, S. 59. Erich Gutenberg widmete im Jahre 1969 der Finanzierung ein ganzes Buch seiner „Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre“ und versteht hierunter die geldwirtschaftliche Absicherung der Input-Output-Beziehungen eines Unternehmens durch die Aufrechterhaltung des „finanziellen Gleichgewichts“.Erich Gutenberg, Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre, Band 3: Die Finanzen, 1969, S. 272 ff. Den entscheidungsorientieren Finanzierungsbegriff brachte Erwin Grochla 1976 ein, der darunter „die Summe der Tätigkeiten, die darauf ausgerichtet sind, den Betrieb in dem entsprechenden Umfang mit Geld und anderen Vermögensteilen auszustatten, der zur Realisation der betrieblichen Ziele erforderlich ist“.Erwin Grochla, Finanzierung. In: Hans E. Büschgen (Hrsg.), Handwörterbuch der Finanzwirtschaft, 1976, Sp. 414.

Gliederung der Finanzierung Die Finanzierungsformen lassen sich nach der Mittelherkunft (Außenfinanzierung bzw. Innenfinanzierung) und gleichzeitig nach der Rechtsstellung der Kapitalgeber (Eigenkapitalgeber bzw. Fremdkapitalgeber) gliedern, sodass sich eine Zwei-mal-zwei-Matrix ergibt:

mini|Gliederung der Finanzierung Innenfinanzierung/AußenfinanzierungEigenfinanzierung/Fremdfinanzierung Art außenfinanzierte Fremdfinanzierung Kreditfinanzierung innenfinanzierte Fremdfinanzierung Rückstellungsfinanzierung außenfinanzierte Eigenfinanzierung Beteiligungsfinanzierung innenfinanzierte Eigenfinanzierung Selbstfinanzierung

Eine Zwischenstellung zwischen Eigen- und Fremdfinanzierung nimmt folgende Form ein:

Innenfinanzierte Umschichtungsfinanzierung: Abschreibungsfinanzierung und Finanzierung aus Vermögensumschichtung

Innenfinanzierung Bei der Innenfinanzierung erfolgt die Finanzierung durch den innerbetrieblichen Umsatzprozess in Form von Abschreibungen, Gewinnthesaurierungen oder Zuführungen zu Rückstellungen im Rahmen des operativen Geschäfts. Im weiteren Sinne gehören zur Innenfinanzierung auch Kapitalfreisetzungsmaßnahmen, die aus Rationalisierungen, außergewöhnlichen Veräußerungsgewinnen oder Vermögensumschichtungen resultieren.Insa Sjurts, Gabler Lexikon Medienwirtschaft, 2011, S. 281 Dazu müssen zwei Bedingungen erfüllt sein:Siegfried G. Häberle, Das neue Lexikon der Betriebswirtschaftslehre, Band 1, 2008, S. 588 f. Dem Unternehmen fließen liquide Mittel aus dem innerbetrieblichen Umsatz- und Leistungsprozess zu und dem Mittelzufluss steht kein oder ein geringerer auszahlungswirksamer Aufwand gegenüber. Ein Maß für das Innenfinanzierungspotenzial ist die Cashflow-Kennzahl, vereinfacht der Einzahlungsüberschuss.

Selbstfinanzierung Es gibt zwei mögliche Finanzierungsunterpunkte:

offene Selbstfinanzierung: Gewinnthesaurierung: Bildung von Gewinnrücklagen verdeckte Selbstfinanzierung (stille Selbstfinanzierung): Auflösung von stillen Reserven

Bei der offenen Selbstfinanzierung werden die ausgewiesenen Gewinne entweder vollständig oder zu einem Teil einbehalten. Werden sie ganz einbehalten, verzichten die Gesellschafter auf ihren Gewinn, wohingegen Kapitalgesellschaften nur einen Teil einbehalten dürfen. Wird der Gewinn ausgeschüttet und gleichzeitig eine Kapitalerhöhung um den Betrag des Gewinns durchgeführt, können – in Abhängigkeit vom Steuersystem – Steuern gespart werden. Dieser Sachverhalt ist auch als „Schütt-aus-hol-zurück-Methode“ bekannt.

Die verdeckte oder stille Selbstfinanzierung ist in zwei Formen möglich: zum einen durch die Anwendung von zwingenden Gewinnermittlungsvorschriften (beispielsweise Abschreibungen, Rückstellungen) und zum anderen durch die Nutzung von Spielräumen, die das zugrunde liegende Bilanzierungssystem bietet. Stille Reserven resultieren aus dem Vorsichtsprinzip sowie der Anwendung von Bewertungs- und Bilanzierungswahlrechten:

Überbewertung von Passiva Unterbewertung von Aktiva (gemildertes Niederstwertprinzip und Beibehaltungswahlrechte) Nichtaktivierung von Vermögen unter Ausnutzung der Bilanzierungswahlrechte (zum Beispiel Nichtaktivierung geringwertiger Wirtschaftsgüter) niedriger Ansatz von Vermögensgegenständen (zum Beispiel hohe Abschreibungssätze, evtl. Sonderabschreibungen) Unterlassung von Zuschreibungen (zum Beispiel durch Anschaffungskosten/Herstellungskosten-Obergrenze in der Bilanz).

Die Selbstfinanzierung gilt in einigen Situationen als vorteilhaft, da durch sie Steuern gespart werden, sie die Krisenfestigkeit eines Unternehmens erhöht und durch ausbleibende Zinszahlungen eine risikoreichere Unternehmensstrategie forciert werden kann. Zugleich kann aber auch Kapital nicht optimal verwendet werden und im Vergleich zu den Marktalternativen könnte sie vergleichsweise „teurer“ (mögliche Kosten durch fehlende Gewinne bei Finanzanlagen) sein.

Die Selbstfinanzierung neu gegründeter Unternehmen (Startups) wird auch Bootstrapping genannt.Klaus Nathusius: Grundlagen der Gründungsfinanzierung. S. 36; Springer, 2001, ISBN 978-3-409-11869-9.

Rückstellungsfinanzierung Rückstellungsfinanzierung ist Fremdfinanzierung durch Innenfinanzierung. Sie wird auch als innerbetriebliche Fremdfinanzierung bezeichnet.