Die Eigentlichen Plattbauchspinnen (Gnaphosa) bilden eine artenreiche Gattung innerhalb der Familie der Plattbauchspinnen (Gnaphosidae), die wiederum der Ordnung der Webspinnen angehört und überdies deren Typusgattung. Sie ist in der Holarktis vertreten und setzt sich aus nachtaktiven Arten zusammen, die einen kräftigen Körperbau und mehrheitlich eine dunkle Farbgebung aufweisen. Eigentliche Plattbauchspinnen sind wie alle Plattbauchspinnen aktive Laufjäger, deren Beutespektrum mitunter auch wehrhaftere Gliederfüßer umfasst.
Merkmale mini|Männliche Eigentliche Plattbauchspinne Von den amerikanischen Arten der Eigentlichen Plattbauchspinnen ist bekannt, dass diese eine Körperlänge von drei bis 12 Millimetern erreichen können. Einige Quellen sprechen von einer maximalen Körperlänge von gut 20 Millimetern bei Vertretern innerhalb der Gattung. Damit handelt es sich um mittel- bis große Vertreter der Echten Webspinnen (Araneamorphae). Typisch sind für Eigentliche Plattbauchspinnen ein vergleichsweise kräftiger Körperbau und die langen, ebenso kräftigen Beine. Der Großteil der Arten hat eine braune bis schwarze Farbgebung und kaum Zeichenelemente. Eine Ausnahme ist die Zweifarbige Plattbauchspinne (G bicolor). Anderweitig sehen sich die meisten Arten der Eigentlichen Plattbauchspinnen derart ähnlich, dass sie oftmals nur durch den Aufbau ihrer Geschlechtsorgane voneinander unterschieden werden können.
Das Peltidium bzw. der Carapax, das Rückenschild des Prosomas, erscheint dorsal (oberhalb) betrachtet oval und er ist im Bereich der Coxen (Hüftglieder) des zweiten Beinpaars am breitesten. Der Bereich bei den Augen ist sehr eingeengt. Der Carapax kann hellorange bis dunkelbraun gefärbt sein, seine Ränder sind dunkel und haben aufrechte dunkle Makrosetae (längere Setae). Der cephale (am Kopf gelegene) Bereich ist verglichen mit denen anderer Plattbauchspinnen gering erhöht. Die Fovea (Apodem) ist längsrichtig ausgelegt. Die acht Augen sind je zu viert in zwei Reihen aufgeteilt. Die anteriore (vordere) Augenreihe erscheint frontal betrachtet leicht re- bis prokursiv, während die posteriore (hintere) Augenreihe aus gleicher Sicht gerade bis leicht rekursiv verlaufend in Erscheinung tritt. Mit Ausnahme der eher dreieckigen posterior medianen (mittleren) Augen sind alle anderen kreisförmig und die lateralen (seitlichen) Augen dabei im Regelfall größer als die medianen. Der Abstand der Augen von der anterioren Reihe beläuft sich auf deren eigenen Durchmesser oder weniger. Die posterior medianen Augen sind durch ihren eigenen Radius oder weniger oder durch ihren horizontalen Durchmesser oder weniger zu den posterior lateralen Augen beabstandet. Das mediane Augenviereck ist hinten breiter als vorne und annähernd quadratisch. Die Höhe des Clypeus (Abschnitt zwischen dem anterioren Augenpaar und dem Rand des Carapax) ist mit dem Durchmesser der anterior medianen Augen identisch oder fällt höher aus.
Die braunen Cheliceren (Kieferklauen) weisen retromarginal (hinten randseitig) einen gezackten Kiel auf, während sich promarginal (vorne randseitig) an den Cheliceren je zwei Zähne befinden. Die Maxillen (umgewandelte Coxen der Pedipalpen) erscheinen abgerundet und haben eine schräge Vertiefung. Das Labium (sklerotisierte bzw. verhärtete Platte zwischen den Maxillae auf der Vorderseite des Sternums) sind länger als breit und an der Spitze abgerundet. Das Sternum weist eine hellorange bis hellbraune Farbgebung auf und ist länger als breit.
Die Beinformel (Nummerierung vom längsten bis zum kürzesten Beinpaar) lautet wie bei den meisten Spinnen 4-1-2-3. Die Beine der Eigentlichen Plattbauchspinnen sind mit zahlreichen Stacheln und langen Setae (chitinisierten Haaren) versehen. Die Tarsen (Fußglieder) besitzen je zwei gezähnte Krallen. Klauenbüschel und Putzkämme an den Metatarsi (Fersenglieder) sind, anders als bei anderen Plattbauchspinnen, bei dieser Gattung nicht ausgebildet. Auch weisen die Trochanter (Schenkelringe) im Gegensatz zu denen anderer Vertreter dieser Familie keine Einkerbungen auf.
Das Opisthosoma (Hinterleib) der Eigentlichen Plattbauchspinnen besitzt eine dunkelorange bis braune Farbgebung. Durch die dichte Bedeckung aus grauen oder gelblichen Setae erscheint dieser Körperabschnitt bei vielen Arten seidig glänzend. Das Opisthosoma der Eigentlichen Plattbauchspinnen ist überdies länger als breit und weist bei den Männchen wie bei einigen anderen Plattbauchspinne anterior ein hier dunkles, glänzendes Scutum (sklerotisierte Platte) auf. Eigentliche Plattbauchspinnen verfügen wie fast alle Spinnen über sechs Spinnwarzen. Von denen sind die anterioren weit voneinander getrennt und besitzen je fünf lange Spinndrüsen.
+Geschlechtsorgane Eigentlicher PlattbauchspinnenBulbus von G. licentiEpigyne von G. sericata100x100px100x100px
Die Pedipalpen (umgewandelte Extremitäten im Kopfbereich) weisen bei den Männchen der Eigentlichen Plattbauchspinnen je eine oder zwei retrolaterale (seitlich rückliegende) Apophysen (chitinisierte Fortsätze) an den Tibien (Schienen) auf. Ein einzelner Bulbus (männliches Geschlechtsorgan) hat ein breites Tegulum (zweites und mittleres Sklerit bzw. Hartteil des Bulbus) und einen kurzen bis langen Embolus (drittes und letztes Sklerit). Darüber hinaus befindet sich terminal (am Ende gelegen) an den Bulbi je eine gekrümmte Endapophyse und bei einigen Arten ein Konduktor (Leiter). Der Aufbau der Epigyne (weibliches Geschlechtsorgan) kann innerhalb der verschiedenen Artengruppen, die zur Gattung zählen, variieren.
Verbreitung und Lebensräume mini|Weibliche Eigentliche Plattbauchspinne, gefunden bei der kanadischen Stadt Kelowna.
Die Gattung der Eigentlichen Plattbauchspinnen ist holarktisch verbreitet. Auf dem amerikanischen Doppelkontinent reicht das Verbreitungsgebiet der Gattung nach Süden bis nach Guatemala. Zusammen mit anderen Plattbauchspinnen (Gnaphosidae) weisen viele Arten der Gattung die für Vertreter dieser Familie übliche Xerothermophilie (Bevorzugung trockenwarmer Habitate) auf und bevorzugen offene Habitate (Lebensräume) mit dieser Eigenschaft, darunter Trockenrasen und Felssteppen. Allerdings fällt die Vielfalt bezüglich bevorzugter Habitate einzelner Arten der Eigentlichen Plattbauchspinnen innerhalb der Gattung recht unterschiedlich aus, sodass einzelne Vertreter auch Nadelwälder und Heidelandschaften bewohnen.
Wieder andere Arten kommen in feuchten Habitaten vor, etwa die in Sümpfen und Mooren lebende Sumpfplattbauchspinne (G. nigerrima). Daneben zählen zu den Echten Plattbauchspinnen auch boreoalpine (kühlere und gebirgige Gebiete bevorzugende) Arten, wie die Bergplattbauchspinne (G. montana) und die Schwarze Plattbauchspinne (G. microps). Einen Sonderfall bilden die Große Alpenplattbauchspinne (G. muscorum) und die Gebirgsplattbauchspinne (G. badia), die auch in extremen Höhenstufen vorkommen.
Lebensweise mini|links|Weibliche Eigentliche Plattbauchspinne auf dem Bodengrund
Eigentliche Plattbauchspinnen sind wie viele Plattbauchspinnen (Gnaphosidae) nachtaktiv und verstecken sich tagsüber in Gespinstsäcken, die etwa unter Steinen oder Baumstämmen befindlich sein können. Weitere geläufige Rückzugsorte der Spinnen sind Moosschichten, Detritus (organische Abfälle) oder Felsspalten. Einige Arten, darunter die Bergplattbauchspinne (G. montana), halten sich auch unter der Rinde von Totholz auf. Während ihrer nächtlichen Aktivitätszeit streifen die wie alle Spinnen räuberisch lebenden Eigentlichen Plattbauchspinnen aktiv auf der Suche nach Beutetieren umher. Das Beutespektrum der Eigentlichen Plattbauchspinnen umfasst auch größere, wehrhafte Insekten wie Käfer.
mini|Weibchen der Großen Alpenplattbauchspinne (G. muscorum) mit Eikokon
Über den Lebenszyklus der Eigentlichen Plattbauchspinnen ist wie bei vielen Plattbauchspinnen wenig bekannt. Das Paarungsverhalten ist zumindest bei der Nachtplattbauchspinne (G. lucifuga) erforscht. Der einige Zeit nach der Paarung von den Weibchen angelegte Eikokon enthält 250 Eier und erscheint abgeflacht. Darüber hinaus ist der Kokon beidseitig gewölbt und hat, anders als die Kokons einiger anderer zu dieser Familie zählenden Spinnen, etwa die der Schwarzspinnen (Zelotes), keine Krempe. Bei einigen Arten, darunter der Zweifarbigen Plattbauchspinne (G bicolor), ist bekannt, dass diese ihre Eikokons in einem eigens angelegten Schutzgespinst positionieren.
Systematik Die Systematik der Eigentlichen Plattbauchspinnen erfuhr mehrfach Änderungen, darunter Ausgliederungen oder den Erhalt weiterer Arten durch Umstellungen von Arten ehemals anderer Gattungen oder Erstbeschreibungen verschiedener Vertreter der Eigentlichen Plattbauchspinnen. Die Typusart der Gattung ist die Nachtplattbauchspinne (G. lucifuga). Die Eigentlichen Plattbauchspinnen sind selber die Typusgattung der Familie der Plattbauchspinnen (Gnaphosidae).
Gnaphos () ist das altgriechische Wort für die „stachelige Karde“, eine Walze, mit der die Wolle gekämmt wird, bevor sie gesponnen werden kann. Man findet den Ausdruck auch in den Artnamen anderer Tiere als gnaphosus (kardenartig). Im Falle der Eigentlichen Plattbauchspinnen nimmt die Bezeichnung Bezug auf das walzenförmige Opisthosoma der Spinnen, das mit langen Setae besetzt ist. Als Karden (Gattung Dipsacus) werden auch distelähnliche Gewächse bezeichnet, bei denen nach dem Abblühen der Pflanze ein stacheliger, walzenförmiger Blütenstand übrig bleibt.
Innere Systematik bei den amerikanischen Eigentlichen Plattbauchspinnen Die 26 in Amerika vorkommenden Arten der Eigentlichen Plattbauchspinnen lassen sich nach einer 1975 seitens Norman I. Platnick und Mohammad Umar Shadab durchgeführten Revision der Gattung eventuell in vier Artengruppen aufteilen. Folgendes Kladogramm verdeutlicht die systematische Stellung der Artengruppen zueinander:
Arten Die Gattung der Eigentlichen Plattbauchspinnen umfasst 151 Arten und Unterarten. Diese und ihre geographischen Verbreitungen sind: G. aborigena , 1965 – Kasachstan G. akagiensis , 1994 – Japan G. aksuensis , 2019 – Kasachstan G. alacris , 1878 – France, Italien, Kroatien, Marokko G. alpica , 1878 – France, Schweiz, Österreich G. altudona , 1922 – Vereinigte Staaten G. antipola , 1933 – Vereinigte Staaten, Kanada G. artaensis , 2011 – Portugal, Spanien (Balearische Inseln) G. atramentaria , 1878 – Frankreich G. azerbaidzhanica , 2003 – Aserbaidschan Gebirgsplattbauchspinne (G. badia (, 1866)) – Europa bis Aserbaidschan G. balearicola , 1942 – Spanien (Balearische Inseln) G. banini , 2001 – Russland (Südsibirien), Kasachstan G. basilicata , 1882 – Italien G. belyaevi , 1992 – Mongolei G. betpaki , 1992 – Russland (Ural), Kasachstan Zweifarbige Plattbauchspinne (G. bicolor (, 1833)) – Europa, Türkei, Kaukasien, Russland (Europa bis Westsibirien) G. bithynica , 1903 – Griechenland (Kreta), Türkei, Libanon, Israel, Jordanien, Iran G. borea , 1908 – Russland (Mittelsibirien bis zum Far East), Nordamerika G. brumalis , 1875 – Vereinigte Staaten, Kanada G. californica , 1904 – Vereinigte Staaten, Kanada G. campanulata , 2001 – China G. cantabrica , 1914 – Spain, Frankreich G. caucasica , 1992 – Russland (Kaukasien) G. chiapas , 1975 – Mexiko G. chihuahua , 1975 – Mexiko G. chola , 1988 – Russland (Mittelsibirien bis zum Fernen Osten), Mongolei, China G. clara (, 1887) – Nordamerika G. corticola , 1914 – Frankreich G. cumensis , 1981 – Ukraine, Russland (Europa), Kasachstan, Mongolei G. cyrenaica (, 1949) – Libya G. danieli , 1972 – Afghanistan G. dege , 1992 – Kirgisistan, Pakistan, Indien, China G. dentata , 1975 – Vereinigte Staaten G. deserta , 2011 – Russland (Europa) G. dolanskyi , 2018 – Südosteuropa, Ukraine, Russland (Europa), Türkei, Kaukasien G. dolosa , 1879 – Süd- bis Osteuropa, Türkei, Syrien, Irak, Iran, Kaukasien, Russland (Europa) bis [Zentralasien] G. donensis , 2015 – Russland (Europa) G. eskovi , 1992 – Kasachstan G. esyunini , 2014 – Mongolei G. eucalyptus , 2002 – Pakistan