Die Geschichte Indiens umfasst die Entwicklungen auf dem Indischen Subkontinent von der Urgeschichte bis 1947 und die Entwicklung der Republik Indien vor ihrer Gründung 1947 bis zur Gegenwart. Die älteste bekannte Zivilisation auf dem Indischen Subkontinent und eine der ältesten Hochkulturen der Welt ist die Indus-Kultur. Ihre Geschichte reicht mindestens 5000 Jahre zurück. Seit etwa 1500 v. Chr. sollen arische Stämme von Norden eingewandert sein und die vedische Kultur hervorgebracht haben.

Ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. entfaltete sich der Buddhismus, der mehr als 1000 Jahre neben dem Hinduismus eine der maßgeblichen Geistesströmungen Indiens war. Im 4. Jahrhundert v. Chr. entstand das Maurya-Reich, das zum ersten Großreich Indiens aufstieg und seine größte Ausdehnung unter Kaiser Ashoka erlangte.Upinder Singh: A History of Ancient and Early Medieval India: From the Stone Age to the 12th century. Pearson Education, 2009, S. 366. Im 3. Jahrhundert v. Chr. blühten die Prakrit-Literatur und die tamilische Sangam-Literatur im südlichen Indien auf.G. P. Singh: Researches Into the History and Civilization of the Kirātas. S. 33; Brajadulal Chattopadhyaya: A Social History of Early India. Pearson Education India, 2009, S. 259. Im 4. Jahrhundert n. Chr. entstand im Norden Indiens ein Großreich unter der Herrschaft der GuptasSailendra Nath Sen: Ancient Indian History and Civilization. New Age International, 1988, S. 593. sowie im Süden das tamilische Chola-Reich.K. A. Nilakanta Sastri: A History of South India, S. 158.

Arabische Eroberungszüge im 8. Jahrhundert brachten den Islam nach Nordwestindien. Als die Araber versuchten, nach Gujarat und darüber hinaus vorzudringen, wurden sie vom indischen König Vikramaditya II der westlichen Chalukya-Dynastie besiegt.Wilhelm von Pochhammer: India's Road to Nationhood: A Political History of the Subcontinent. South Asia Books, 1993, S. 116; Romila Thapar: Early India: From the Origins to AD 1300. London 2003, S. 333. Vom 8. Jahrhundert bis zum 10. Jahrhundert herrschten die drei Dynastien Rashtrakuta, Pala und Pratihara über einen großen Teil Indiens und kämpften untereinander um die Vorherrschaft in Nordindien.Sailendra Nath Sen: Ancient Indian History and Civilization. South Asia Books, 1988, S. 264–267. Im Süden Indiens herrschten die Chola-Dynastie und die Chalukya-Dynastie vom 10. Jahrhundert bis zum 12. Jahrhundert.Kenneth Pletcher (Hrsg.): The History of India. Rosen Education Service, 2010, S. 103; Kamlesh Kapur: Portraits of a Nation: History of Ancient India. Sterling Publishers, 2010, S. 637. Der Süden Indiens wurde durch das hinduistische Vijayanagar-Reich vom 14. bis 16. Jahrhundert beherrscht. Während der Moguldynastie spielten die Einflüsse der persischen Kultur eine große Rolle. Im späten 17. Jahrhundert wurde das hinduistische Maratha-Reich gegründet, das im 18. Jahrhundert das Mogulreich überrannte und einen großen Teil Nordindiens eroberte.Radhey Shyam Chaurasia: History of Medieval India: From 1000 A.D. to 1707 A.D. Atlantic Publishers, Neu-Delhi 2002, S. 298–300. Im 19. Jahrhundert hatte Großbritannien die vollständige politische Kontrolle über alle indischen Territorien.

Der Widerstand gegen die britische Kolonialherrschaft, vor allem unter Mahatma Gandhi und Jawaharlal Nehru, führte 1947 zur Unabhängigkeit. Der Subkontinent wurde in zwei Staaten aufgeteilt, den säkularen (Hindu‑)Staat Indien und den kleineren islamischen Staat Pakistan. Nach zwei vorangegangenen Kriegen mit Pakistan führte ein dritter Krieg 1971 zur Abspaltung Ostpakistans und zur Gründung des neuen Staates Bangladesch.

Heute sind die fundamentalen Probleme Indiens einerseits der fortdauernde Streit mit Pakistan um die Region Kaschmir, andererseits die starke Überbevölkerung, die zunehmende Umweltverschmutzung, die ausgedehnte Armut sowie ethnische und religiöse Konflikte zwischen Hindus und Muslimen.

Vorgeschichte

Altsteinzeit (Paläolithikum) Die Vorgeschichte Indiens geht bis in die Altsteinzeit zurück, die älteste Fundstätte ist Attirampakkam. Indien liegt am östlichen Rand des Gebietes mit Verbreitung von Faustkeilen. Industrien des Altpaläolithikums sind durch grobe Faustkeile, Chopper, Chopping Tools und Keilmesser charakterisiert.Kumar Akhilesh et al.: Early Middle Palaeolithic culture in India around 385–172 ka reframes Out of Africa models. In: Nature. Band 554, 2018, S. 97–101, doi:10.1038/nature25444. These mysterious stone blades point to early human toolmaking in India. Auf: sciencemag.org vom 31. Januar 2018. Die frühesten bekannten Funde stammen aus dem Acheuléen, beispielsweise aus der Fundstätte Singi Talav. Die südindischen Industrien des Altpaläolithikums sind auch unter der Bezeichnung Madrasien bekannt, nach dem 1863 durch Bruce Foote entdeckten Fundplatz bei Madras, die aus dem Punjab als Soan.

Es sind sowohl Freilandsiedlungen als auch Höhlenfundorte bekannt, die meisten Funde stammen jedoch aus den Schotterterrassen größerer Flüsse und sind umgelagert. Die Fundstelle von Bhimbetka III F-23 bei Narmadapuram (damals Hoshangabad) in Madhya Pradesh stellt einen der wenigen stratifizierten Fundorte dar. Hier wurde eine Stratigraphie beobachtet, die vom späten Acheuléen bis ins Neolithikum reicht. In den Schichten des späten Acheuléen wurden fünf runde, mit flachen Steinen gepflasterte Befunde beobachtet, die vielleicht die Standorte von Zelten oder einfachen Windschirmen anzeigen. Der Großteil der Werkzeuge besteht aus grobem gelblichem Quarzit, Artefakte aus Chalcedon und grobem Silex sind selten.

Der Hügel von Adamgahr bei Narmadapuram und die Höhle von Gudiyam bei Madras haben ebenfalls stratifizierte Funde aus dem Alt- und Mittelpaläolithikum geliefert. Aus Hathnora im Narmadatal stammen Homininireste aus dem Mittelpleistozän: Ein von Arun Sonakia am 5. Dezember 1982 im Flussbett geborgenes Schädeldach, dessen vielschichtiges Merkmalsmosaik dem indischen „Narmada-Mensch“ (Homo erectus narmadensis) einen Platz zwischen dem klassischen Homo erectus und dem aus diesem hervorgegangenen – bislang aber nicht auf asiatische Funde bezogenen – Taxon Homo heidelbergensis zuzuweisen scheint.Sheela Athreya: Was Homo heidelbergensis in South Asia? A test using the Narmada fossil from central India. In: M. D. Petraglia, B. Allchin (Hrsg.): The Evolution and History of Human Populations in South Asia. Dordrecht: Springer Verlag, 2007, S. 137–170.

Mittelpaläolithische Industrien weisen verstärkt Werkzeuge auf, die aus Abschlägen hergestellt sind, auch Abschläge von speziell präparierten Kernen sind bekannt. Im Mittelpaläolithikum bilden sich bereits deutliche lokale Unterschiede aus, zum Beispiel zwischen den Industrien des Dekkan und Zentralindiens und den Traditionen des Punjab und des Industals. Das Nevasan (nach der Fundstelle von Nevasa in Maharashtra) steht am Übergang zwischen Alt- und Mittelpaläolithikum. Hier wurden vor allem feinere Silices verarbeitet, was zu dem „fortgeschritteneren“ Aussehen der Artefakte beigetragen haben mag. Deutliche Bulben an den Artefakten verweisen auf die Technik des direkt harten Schlages. Neben kleinen Faustkeilen kommen retuschierte Abschläge, darunter Bohrer mit steiler Retusche, vor. Kratzer sind häufig und in der Form sehr variabel, die Werkzeuge zeigen insgesamt kaum eine Standardisierung. Westlich des Aravalligebirges, insbesondere im Luni-Becken, findet sich ein wesentlich höherer Anteil von Werkzeugen aus Abschlägen, auch hier sind Kratzer die vorherrschende Form. Daneben kommen auch Stichel und Lateralretuschen aus präparierten Abschlägen vor. Das vorherrschende Rohmaterial ist Rhyolith.

In Jerruk bei Hyderabad wurden Schlagplätze mittelpaläolithischer Artefakte ausgegraben. Neuere Funde sind zum Beispiel ein mittelpaläolithisches Bergwerk im Kaladgi-Becken in Südindien.

Im Jungpaläolithikum finden sich die ersten Klingen-Industrien. Es wird eine lokale Entwicklung von Klingenindustrien in den Rohri- und Luni-Gruppen angenommen. Für jungpaläolithische Funde aus dem Belan-Tal im südlichen Uttar Pradesh liegen Radiokarbon-Daten von 18.000–17.000 v. Chr. vor. Zu Beginn des Jungpaläolithikums wurde vermutlich noch mit direkt hartem Schlag gearbeitet, spätere Industrien des Jungpaläolithikums zeigen sehr regelmäßige Klingen und flaue Bulben, hier wurde vielleicht bereits ein Hammer aus organischem Material eingesetzt. Auch paläolithische Felskunst ist bekannt. Organische Reste wie Knochen haben sich nur selten erhalten, deshalb ist wenig über Ernährung und Lebensweise bekannt.

Mittelsteinzeit (Mesolithikum) Mesolithische Industrien setzen zu Beginn des Holozäns im 9. Jahrtausend ein, eine jägerische und sammlerische Lebensweise wurde in vielen Teilen Indiens jedoch bis weit ins Neolithikum, teilweise bis in die Gegenwart fortgesetzt. Der Übergang vom Jungpaläolithikum zum Mesolithikum scheint in Zentral- und Westindien ebenfalls eine lokale Entwicklung gewesen zu sein. Das verwendete Rohmaterial ändert sich allmählich, Quarz wird beliebt, und die Artefakte werden zunehmend kleiner. Mesolithische Artefakte sind vor allem aus regelmäßigen Klingen gefertigt.

Mesolithische Fundstellen sind sehr häufig, wenn allein Artefakte aus geschlagenem Stein erhalten sind, ist allerdings die Entscheidung, ob es sich um Jäger und Sammler oder frühe Ackerbauern handelt, oft schwierig. Die Fundstelle von Budha Pushkar z. B. hat Schlagplätze mit mikrolithischen Artefakten, Keramik in chalkolithischer Tradition und einen Angelhaken aus Kupfer erbracht. Aus Bagor in Rajasthan stammen Hüttengrundrisse mit gepflasterten Fußböden, auch hier ist die kulturelle Zuordnung aber nicht völlig sicher. Fundstellen mit mesolithischen Industrien wie Langhnaj in Gujarat scheinen noch parallel mit der Indus-Kultur vorzukommen. Aus der Fundstelle Damdama in Uttar Pradesh sind aus dem 3. Jahrtausend Belege für die Nutzung von wildem Reis und anderen wilden Gräsern (Eleusine indica, Dactyloctenium sp.) bekannt. Die Tierknochen stammen alle von Wildtieren. Unter anderem wurden in den späten Schichten zahlreiche Hühner-Knochen gefunden. Forscher wie Fuller (2000, 199) erwägen eine lokale Domestikation in mesolithischem Kontext.

Mesolithische Felskunst ist aus Zentralindien bekannt, z. B. aus dem Felsdächern von Baghai Khor, Bhimbetka bei Bhopal und Adamgarh. Die Felsbilder von Morhana Pahar bei Mirzapur zeigen bereits domestizierte Ziegen und Streitwagen. Die Malereien sind meist mit Hämatit ausgeführt. Aus Mahadaha liegen eine Anzahl gestreckter Bestattungen vor, die Beigaben von Pfeilspitzen, Tierknochen und Knochenanhängern aufwiesen. Weitere wichtige Fundstellen sind Sarai-Nahar-Rai, Birbhanpur in Bengalen und Morhana Pahar in Zentralindien.

Jungsteinzeit (Neolithikum) Die Mehrgarh-Kultur in Pakistan und Nordwestindien datiert ins 7. Jahrtausend v. Chr. und stellt die bisher früheste neolithische Besiedlung dar. In Mehrgarh selber wurden in der letzten Siedlungsphase Häuser aus Lehmziegeln und Hockerbestattungen mit reichen Beigaben ausgegraben. Bereits in der ersten, akeramischen Siedlungsphase wurden Weizen, Gerste und Dattelpalme angebaut. Die Tierknochen stammen noch vorwiegend von Wildtieren; Rindern, Ziegen, Schafen etc. In einer entwickelten Phase der Kultur wurde das Zebu und vielleicht Schafe vor Ort domestiziert, Ziegen und domestiziertes Getreide stammt vermutlich aus Westasien.

Auch in Rajasthan scheinen bereits im 7. Jahrtausend domestizierte Weizenarten angebaut worden zu sein. Sichere Domestikate stammen aus der prä-Harappa-Phase im ausgehenden 4. Jahrtausend aus Fundstellen der Ahar-Kultur wie Balathal. Hier sind auch domestizierte Rinder und Schafe belegt. Ab ca. 5000 v. Chr. spricht man in Nordwestindien von einer prä-Harappa-Kultur.