Die Geschichte Perus umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet der Republik Peru von der Urgeschichte bis zur Gegenwart.

Ur- und Frühgeschichte Die vorkoloniale Geschichte des mittleren Andenraums überhaupt (orientiert etwa an der Ausdehnung des Inkareiches oder des spanischen Vizekönigreiches Peru) wird traditionell auch als Altperu bezeichnet (vgl. Altes Ägypten für die vorrömischen oder vorislamischen Epochen Ägyptens).Zum Beispiel bei: Helmut Schindler: Die Kunstsammlung Norbert Mayrock aus Alt-Peru. Hg. v. Staatl. Museum f. Völkerkunde München. München 2000; Julia Kruse-Hübner: Alt-Peru. Kulturen im Reich der Inka. Sammelmappe. Hg. v. Römer-Museum Hildesheim. Hildesheim 1998; Judith Rickenbach: Sicán – ein Fürstengrab in Alt-Peru. Ausst.-Kat. f. d. Museum Rietberg Zürich. Zürich 1997; Alt-Peru. Spinnen – Weben – Opfern. Hg. v. Lippischen Landesmuseum. Detmold 1992.

Möglicherweise bereits um 40.000 v. Chr. wanderten über die damals trockene Beringstraße Menschen vom asiatischen Kontinent ein und besiedelten den amerikanischen Kontinent. Die Einwanderung in Südamerika erfolgte demnach etwa 20.000 bis 10.000 v. Chr. Jedenfalls stammen aus diesem Zeitraum die Höhlenmalereien in der Gegend um die Stadt Ayacucho und den Lauricocha-Höhlen an der Quelle des Rio Marañón, die 1957 gefunden wurden.

Die ältesten bisher bekannten Monumentalbauten der Norte-Chico-Kultur stammen aus der Zeit um 3200 v. Chr.Dies und das Folgende nach Berthold Seewald: Deutsche Forscher finden riesige Pyramide in Peru. In: Die Welt. 19. Oktober 2006 und Peru: Ältestes Gebäude Südamerikas freigelegt. Stufenförmige Pyramiden, Prozessionsstraßen und riesige eingefasste Höfe fanden sich in Sechín Bajo im Casmatal, 370 Kilometer nördlich der Hauptstadt Lima. Die 1992 entdeckte Fundstätte wird seit 2003 von deutschen Archäologen ausgegraben. Als gesichert gilt, dass die Kultur Mais, Erdnüsse, Maniok und Kürbisse anpflanzte und künstliche Bewässerung kannte.

In Grabungsschichten aus der Zeit um 1700 v. Chr. fanden sich zudem zahlreiche Ritzzeichnungen, die ein Mischwesen aus Kaiman und Mensch darstellen. Da französische Archäologen im Osten Ecuadors Relikte einer Kultur fanden, die gleichfalls den Kaiman darstellte, und die auf 2450 v. Chr. datiert wurden, könnten kulturelle Einflüsse aus dem Dschungelgebiet die Kultur von Sechin inspiriert haben. In den Anden konnten jedenfalls keine Kaimane leben, daher liegt der Verdacht nahe, dass diese Kultur aus den Niederungen am Ostrand der Anden stammte.

Um 4000 v. Chr. begann die Züchtung von Lamas. links|mini|Ruinen der Pyramiden von Caral Die Stadt Caral ist nach heutigem Kenntnisstand die älteste Stadt auf dem amerikanischen Kontinent. Die dortige Stufenpyramide wurde 2001 auf das Jahr 2627 v. Chr. datiert. Gefunden wurden Häuser für zumindest 3000 Menschen, Amphitheater und Tempelanlagen. Weitere Funde beweisen, dass die Bevölkerung Handel mit den Küsten- und Amazonasgebieten trieb.

Die Kultur von Chavín de Huántar existierte etwa 800 v. Chr. bis 300 v. Chr. Die in der Huántar-Kunst verwendeten Motive Jaguar, Puma, Vogel und Schlange, legen eine Verbindung zur Olmeken-Kultur nahe. In denselben Zeitrahmen fällt die durch ihre Mumien bekannte Paracas-Kultur in der Gegend um die Hauptstadt. Es ist allerdings unklar, ob in dieser Gegend wirklich eine eigene Kultur existierte oder die Toten wegen der trockenen, konservierenden Luft von weit her herangeschafft wurden.

Um den Titicacasee bestand von etwa 1500 v. Chr. bis 1200 n. Chr. die Tiahuanaco-Kultur. Ob es tatsächlich ein Tiahuanaco-Reich gegeben hat, ist nicht geklärt. Spuren dieser Kultur finden sich zudem in Bolivien und im Norden Chiles.

Im engen Zusammenhang dürfte die Wari-Kultur stehen, die viel später um die Stadt Ayacucho existiert hat.

mini|Satellitenbild der Nazca-Linien Um 200 v. Chr. bis 600 n. Chr. finden sich Spuren der so genannten Nazca-Kultur, die nach dem Ort Nazca, etwa 500 km südlich von Lima benannt wurde. Auf sie gehen die vieldeutigen Nazca-Linien zurück. Auch diese Kultur basierte auf künstlicher Bewässerung, worauf zahlreiche Bewässerungskanäle hinweisen.

Zwischen dem 1. und dem 8. Jahrhundert existierte im Norden die Mochica-Kultur, die im Wüstenstreifen an der Pazifikküste Landbau mit ausgeklügelten Bewässerungssystemen betrieb. Sowohl die Keramik als auch die Metallverarbeitung waren hoch entwickelt. Neben Gold und Silber wurde Kupfer verarbeitet. Es bestanden mehrere Fürstentümer, die möglicherweise infolge eines El-Niño-Ereignisses untergingen.

In der Zeit von 1250 bis 1470 dominierten die Chimús mit der riesigen Hauptstadt Chan Chan in der Gegend um Trujillo, im nordwestlichen Teil des heutigen Perus. Ihre Fähigkeiten im Kunsthandwerk waren weniger ausgeprägt. Sie legten mehr Wert auf die Serienproduktion von Nutzgegenständen. Es gelang ihnen, die steigende Einwohnerzahl mittels gewaltiger Bewässerungssysteme zu versorgen. mini|Machu Picchu Am Ostrand der Anden lebten von 800 bis 1600 die Chachapoyas. Von ihnen ist nur sehr wenig bekannt. Berühmt sind die Felsengräber, die sie an hohen Steilklippen hinterlassen haben. Im 16. Jahrhundert verschwanden die Chachapoyas spurlos.

Reich der Inka (1200–1532)

Die bekannteste Kultur (ca. 1200) ist die der Inka, deren militärische und organisatorische Fähigkeiten ein riesiges Reich geschaffen hatten. Dieses Reich war bei der Ankunft der Spanier allerdings zutiefst gespalten – es herrschte Bürgerkrieg zwischen den Brüdern Atahualpa (Sitz in Quito) und Huáscar. Francisco Pizarro eroberte das Reich für Spanien.

Die nachfolgende Tabelle führt die peruanischen Kulturepochen auf, wie sie von einer Reihe von Archäologen nach derzeitigem Kenntnisstand gesehen werden.

Epoche Zeitraum Kulturen Archaische Zeit Epoche I ???–9500 v. Chr. Oquendo, Rote Zone (Zentralküste) Epoche II 9500–8000 v. Chr. Chivateros I, Lauricocha I Epoche III 8000–6000 v. Chr. Arenal, Chivateros II, Lauricocha I, Playa Chira, Puyenca, Toquepala I Epoche IV 6000–4200 v. Chr. Ambo, Canario, Siches, Lauricocha II, Luz, Toquepala II Epoche V 4200–2500 v. Chr. Honda, Lauricocha III, Viscachani Epoche VI 2500–1500/1800 v. Chr. Casavilca, Culebras, Viscachani, Huaca Prieta Keramikzeit Ausgangszeit 1800/1500–900 v. Chr. Früh-Chiripa, Kotosh, Toríl, Cumbe Mayo Früher Horizont 900 v. Cr.–200 n. Chr. Chavín, Cupisnique, Spät-Chiripa, Paracas, Pichiche, Sechura Frühe Zwischenzeit 200–600 n. Chr. Moche, Nazca, Tiahuanaco, Pichiche, Sechura, Gorbanzai Mittlerer Horizont 600–1000 n. Chr. Moche, Nazca, Wari, Tiahuanaco, Piura, Gorbanzai Späte Zwischenzeit 1000–1476 n. Chr. Wari, Chimú, Chincha, Cajamarca, Gorbanzai, Piura Später Horizont 1476–1534 n. Chr. Cajamarca, Chancay, Chachapoya, Chincha, Chimor/Chiribaya, Chucuito, Huaman Huilca, Inka, Ilo, Qotu Qotu, Pacacocha, Palli Marca, Piura, Tajaraca

Kolonialzeit mini|Pizarros Eroberungszug 1531–1533

Francisco Pizarro landete 1531 an der Küste des heutigen Ecuador und erreichte im April 1532 das heutige Peru. Im Land ging zu dieser Zeit ein jahrelanger Bürgerkrieg zu Ende, bei dem Atahualpa seinen Halbbruder Huáscar besiegte. Pizarro nahm Atahualpa im Handstreich gefangen (Schlacht von Cajamarca) und ließ ihn am 26. Juli 1533 hinrichten. Ein Teil des Inka-Adels und einige unterworfene Stämme verbündeten sich mit den Spaniern. Mit ihrer Hilfe gelang es Pizarro, am 15. November 1533 die Hauptstadt Cusco einzunehmen und in den folgenden Jahren das ganze Inkareich für Spanien zu erobern. Am 18. Januar 1535 gründete Pizarro Ciudad de los Reyes, die heutige Hauptstadt Lima. Es folgten unruhige Jahre mit einem knapp gescheiterten Aufstand des von Pizarro eingesetzten Inkaherrschers Manco Cápac II., gefolgt von Zwistigkeiten zwischen den Konquistadoren, bei denen 1541 Pizarro den Tod fand.

Die Spanier gründeten 1542 das Vizekönigreich Peru mit Lima als Hauptstadt, das mit Ausnahme von Venezuela alle spanischen Besitzungen in Südamerika umfasste. Im Jahr 1570 wurde die Inquisition eingeführt. 1572 nahmen die Spanier Vilcabamba ein, den letzten Zufluchtsort der Inkas. Der letzte Inka Túpac Amaru wurde gefangen genommen und am 24. September 1572 hingerichtet.

Das folgende Jahrhundert war gekennzeichnet durch die gewaltsame Unterdrückung der indigenen Völker durch die spanischen Kolonialherrschaft. Die Zahl der Indigenen sank durch Infektionskrankheiten, Frondienste und Gewalt durch die Konquistadoren von geschätzten 10 bis 15 Millionen auf etwa 800.000. Wegen des Reichtums an Edelmetallen (vor allem die Silberminen im Departamento Potosí) war das Vizekönigreich für die spanische Krone von großer Bedeutung. Der Handel war streng reglementiert und durfte nur über das spanische Mutterland erfolgen; auch die Einwanderung von Nicht-Spaniern war nur in Ausnahmefällen erlaubt.

Lima wurde von den Spaniern zur Prachtstadt ausgebaut. Im ganzen Land wurden 50.000 Kirchen und 400 Klöster errichtet, die durch die Mitwirkung mestizischer und indigener Steinmetze und Künstler einen eigenen Stil erhielten. mini|Statue zu Ehren Tupac Amurus II. in Cusco Das Gebiet der heutigen Länder Ecuador, Kolumbien, Panama wurde 1717 temporär und 1739 endgültig aus dem Vizekönigreich Peru herausgelöst und mit Venezuela als Vizekönigreich Neugranada konstituiert. Auf dem Gebiet des heutigen Bolivien, Argentinien, Uruguay und Paraguay entstand 1776 das neue Vizekönigreich Río de la Plata. (S. zu Landesgrenzen und Bevölkerung: Bevölkerung der iberischen Kolonien in Südamerika am Ende der Kolonialzeit.)

Im 18. Jahrhundert kam es in den Andenländern vereinzelt zu Indianeraufständen. 1780 erhob sich der Kazike José Gabriel Condorcanqui und bezog sich durch seine Namensgebung Tupac Amaru II. ausdrücklich auf die Inkatradition. In Alto Peru, dem heutigen Bolivien, brach gleichzeitig ein Aufstand unter Túpac Katari los. Neun Monate lang wurde La Paz belagert, bevor der Aufstand niedergeschlagen wurde. Ein weiterer Indianeraufstand folgte im Jahr 1814 und wurde ebenfalls blutig beendet.

Unabhängigkeitszeit Während sich in den meisten Ländern Südamerikas ab 1809 Unabhängigkeitsbewegungen bildeten, blieb die Lage in Peru relativ stabil. Dies lag vor allem am Regierungsstil des Vizekönigs, dem Herzog von la Concordia, José Fernando Abascal y Sousa, der bereit war, Zugeständnisse im Hinblick auf eine von der Französischen Revolution inspirierte Politik und eine weniger strikte Anbindung an Spanien zu machen. Er führte die spanische Verfassung von Cádiz aus dem Jahre 1812 in Peru ein, griff allerdings bei den wenigen Aufständen, die es trotzdem gab, rigoros durch. Weil der bis 1816 regierende Abascal in seinem Vizekönigreich die Aufstandstendenzen gering halten konnte, hatte er Gelegenheit, die Königstreuen in Ecuador und Oberperu („Oberperu“ war die zeitgenössische Bezeichnung des heutigen Bolivien) zu unterstützen.

Sein Nachfolger Joaquín de la Pezuela, der ab Mitte 1816 regierte, war durch seine Erfolge in Oberperu gegen die argentinischen Hilfsexpeditionen ins Amt befördert worden, und auch während seiner Regentschaft war die Bereitschaft zum Aufstand vergleichsweise gering. Eine Ausnahme ist der Aufstand von Cusco, den der ehemalige indianische Interimspräsident des Königlichen Gerichtshofs in Lima Mateo Pumacahua (1740–1815) zusammen mit den Angulo-Brüdern anzettelte. Die drei daraus resultierenden Feldzüge scheiterten letztlich und die Rädelsführer wurden hingerichtet. De la Pezuela konnte so 1817 eine Expedition zur Rückeroberung von Chile starten, dem jedoch wegen des Widerstands der dortigen Republikaner kein Erfolg beschieden war.