mini|hochkant=1.8|Die romanischen Weltsprachen: Dunkle Farbtöne stellen offiziellen Sprachstatus dar, hellere einen inoffiziellen Status mit weiter Verbreitung. Die romanischen Sprachen gehören zum (modernen) italischen Zweig der indogermanischen Sprachen. Die Gruppe der romanischen Sprachen bietet insofern eine Besonderheit, als es sich um eine Sprachgruppe handelt, deren gemeinsame Vorläufersprache das Latein (Sprache aus der indogermanischen Sprachfamilie) (bzw. das Vulgärlatein) war, das in seiner Geschichte und schriftlichen Überlieferungen belegbar ist.Reinhard Kiesler: Einführung in die Problematik des Vulgärlateins. Band 48 von Romanistische Arbeitshefte, Max Niemeyer, Tübingen 2006, ISBN 3-484-54048-6, S. 2. Es gibt etwa 15 romanische Standardsprachen (und mehrere nicht-standardisierte, teils als Dialekte geltende), mit rund 700 Millionen Muttersprachlern, 850 Millionen inklusive Zweitsprechern. Die sprecherreichsten romanischen Sprachen sind Spanisch, Portugiesisch, Französisch, Italienisch und Rumänisch.: vergleichende Zusammenstellung verschiedener Quellen zur Verbreitung der Weltsprachen (englisch).

mini|hochkant=1.8|Beziehungen und Verwandtschaften der romanischen Sprachen (Romania) (FP: Franko-Provenzalisch, IR: Istrorumänisch)

Geschichte der sprachwissenschaftlichen Einordnung der romanischen Sprachen Zu den ersten, die die romanischen und weitere europäische Sprachen klassifizierten und darüber schrieben, gehörte Rodrigo Jiménez de Rada mit seiner Geschichte der Iberischen Halbinsel von 1243 De rebus Hispaniae. De Rada unterschied drei große Gruppierungen, die er in die romanischen, slawischen und germanischen Sprachen aufteilte; zusätzlich erwähnte er weitere Sprachen, etwa das Ungarische und Baskische.Harald Haarmann: Weltgeschichte der Sprachen. Von der Frühzeit des Menschen bis zur Gegenwart. C.H. Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-69461-5, S. 134–135. In der spanischen Renaissance schrieb Andrés de Poza (1587)Andrés de Poza: De la antigua lengua, poblaciones, y comarcas de las Españas. 1587. eine erste Klassifikation der romanischen Sprachen nieder. Es war eine Übersicht der romanischen Sprachen, welche auch das Rumänisch mit einschloss und bis in das 18. Jahrhundert ihre Bedeutung behielt.

Die allgemeine Entwicklung, die im 16. Jahrhundert begann, schritt weiter voran. Joseph Justus Scaliger ordnete Sprachen in eine romanische, griechische, germanische und slawische Familie, Georg Stiernhielm präzisierte und erweiterte diese Einteilung. Sebastian Münster erkannte eine Verwandtschaft zwischen Ungarisch, Finnisch und Samisch. Claudius Salmasius zeigte Ähnlichkeiten zwischen dem Griechischen und Latein sowie den iranischen und indischen Sprachen auf.Gerhard Jäger: Wie die Bioinformatik hilft, Sprachgeschichte zu rekonstruieren. In: Alfred Nordheim, Klaus Antoni (Hrsg.): Genzüberschreitungen. Der Mensch im Spannungsfeld von Biologie, Kultur und Technik. transcript, Bielefeld 2013, ISBN 978-3-8376-2260-7, S. 140

In Deutschland gilt Friedrich Christian Diez mit seiner „Grammatik der romanischen Sprachen“ von 1836 als Begründer der wissenschaftlichen Romanistik. Diez verfasste wissenschaftliche Arbeiten zur provenzalischen Literaturgeschichte, so „Die Poesie der Troubadours“ (1826), „Leben und Werke der Troubadours“ (1829). In seiner vergleichenden Grammatik der romanischen Sprachen – als dreibändiges Werk in der Zeit zwischen 1836 und 1844 erschienen – führte er auf, dass alle romanischen Sprachen auf das Vulgärlatein zurückgehen. Zu seinen Schülern in Bonn gehörten u. a. Hugo Schuchardt, Gaston Paris und Adolf Tobler. Mit dem Jahre 1876 folgte ihm an der Universität Bonn als Nachfolger Wendelin Foerster. Er begründete im Jahre 1878 das „Königliche romanische Seminar“ als das erste Universitätsinstitut für diese Disziplin. Auch er widmete sich der Erforschung der Sprachen, die sich aus dem Lateinischen entwickelt haben.

Geschichte der romanischen Sprachen mini|In den dunkel gefärbten Gebieten ist heute eine romanische Sprache Amtssprache und Mehrheitssprache. Hellblau: Verbreitung der lateinischen Sprache im Römischen Reich. mini|250px|Das römische Imperium zur Zeit seiner größten Ausdehnung (116 n. Chr.)

Im Gegensatz zu den meisten anderen Sprachgruppen ist die Ursprache des Romanischen gut bezeugt: Es handelt sich um Latein, aus dem sich das gesprochene Latein der Spätantike (Volkslatein oder Vulgärlatein) entwickelte. Das Lateinische selbst gilt nicht als romanische Sprache, sondern wird zusammen mit den oskisch-umbrischen Sprachen zu den italischen Sprachen gerechnet, von denen nur das Lateinische heute noch „Nachkommen“ hat, nämlich die romanischen Sprachen.

Die Romanisierung begann als Ausbreitung der lateinischen Sprache in den durch das Römische Reich verwalteten Gebieten. Diese räumliche Ausweitung erreichte um 200 n. Chr. einen Höhepunkt.

Die Gebiete, in denen nur noch Relikte oder indirekte Zeugnisse des Lateinischen wie Ortsnamen vorhanden sind, nennt man Romania submersa („untergetauchte Romania“); im Zusammenhang mit dem noch heute romanischsprachigen Teil Europas wird von der Romania continua gesprochen. Mit Romania nova („neue Romania“) wird dasjenige Gebiet bezeichnet, in welches eine romanische Sprache erst durch die neuzeitliche Kolonisation gelangt ist.Wolfgang Dahmen: Die romanischen Sprachen in Europa. In: Uwe Hinrichs (Hrsg.): Handbuch der Eurolinguistik (= Slavistische Studienbücher Bd. 20). Otto Harrassowitz, Wiesbaden 2010, ISBN 3-447-05928-1, S. 209 f.

Waren die sich aus der indogermanischen Ursprache entwickelnden altindogermanischen Sprachen, so das Sanskrit und dann in abnehmendem Grade das Griechische sowie das Latein, von einem synthetischen Sprachbau, kam es über die Entwicklung vulgärlateinischer Dialekte und Sprachen verstärkt zu einem analytischen Sprachbau. Diese Veränderung hatte weitreichende Folgen. Während bei mehr oder weniger reinen synthetischen Sprachen die Wortstellung frei ist und dadurch einen flexiblen Ausdruck gewährleistet, müssen in den analytischen Sprachen die Beziehungen durch Wortstellungen ausgedrückt werden. Hierzu schufen die Sprecher im Zuge dieser Hinwendung zum analytischen Sprachaufbau der romanischen Sprachen nunmehr Artikel vor den Substantiven, Personalpronomina vor den Verben, führten Hilfsverben in die Konjugation ein, ließen Präpositionen die Kasus ersetzen, führten Adverbien zur Komparation der Adjektive ein, verzichteten auf das Neutrum und vieles andere mehr.

Morphologisch haben die romanischen Verben in vieler Hinsicht die Verwendung von Wortformen bewahrt, zeigen aber auch an vielen Stellen eine Tendenz zu analytischen Bildungen.Martin Haase: Das Spanische aus typologischer und historisch-vergleichender Sicht. Bamberg, S. 1–16. In der Morphologie der Nomen aber war die Entwicklung eine andere, es kam zu einem weitreichenden Verlust der Kasus – eine Entwicklung, die schon im Vulgärlatein nachweisbar ist, wo lateinische Kasusendungen regelmäßig durch Präpositionen ersetzt wurden.

Diese Entwicklung hin zu den romanischen Sprachen ergab eine völlig andere Syntax. Obgleich die Verbformen noch stark markiert sind, das Prädikat also seine kompakte Stellung behielt, wurden die syntaktischen Beziehungen zwischen den Satzgliedern nicht mehr durch die Kasus, sondern durch Präpositionen und die starrere Wortstellung ausgedrückt. Für den Sprecher wurden dadurch die Satzstellungsregeln einfacher, denn syntaktisch zusammengehörende Einheiten bleiben nebeneinander stehen.

Heutige Standardsprachen Die heutigen romanischen Standardsprachen sind:

Sprache Muttersprachler Verbreitung Spanisch (español, castellano) 388.000.000 Spanien, Mexiko, Mittel- und Südamerika (außer Brasilien, Guyana, Surinam, Französisch-Guayana), Äquatorialguinea, Westsahara und Teile der Vereinigten Staaten und der Philippinen. Portugiesisch (português) 216.000.000 Portugal, Brasilien, Angola, Äquatorialguinea, Mosambik, Osttimor, Kap Verde, Guinea-Bissau, São Tomé und Príncipe, Macau Französisch (français) 110.000.000 Frankreich, Belgien (Wallonien), westliche Kantone (Romandie) der Schweiz, Antillen, Kanada (vor allem Québec, Teile von Ontario und New Brunswick/Nouveau-Brunswick), Haiti, Vereinigte Staaten (Louisiana), in ehemaligen französischen und belgischen Kolonien Afrikas (vor allem Elfenbeinküste und DR Kongo) Italienisch (italiano) 65.000.000 Italien, Schweiz (Tessin und südliches Graubünden), San Marino, Vatikanstadt, Kroatien (Gespanschaft Istrien), Slowenien (Koper, Piran, Izola) Rumänisch (română) 28.000.000 Rumänien, Moldau, Serbien (Vojvodina und Timočka Krajina) und andere Länder in Osteuropa und Westasien (unter anderem Ukraine und Israel)Ethnologue Information zur rumänischen Sprache. Katalanisch (català) 8.200.000 Katalonien einschließlich des Roussillon (Südfrankreich), Andorra, Balearen, Valencia, Franja de Aragón und auf Sardinien in der Stadt L’Alguer/Alghero Venetisch (vèneto) 5.000.000 Italien (Venetien, Friaul-Julisch Venetien, Trentino), Kroatien (Istrien), Brasilien (Rio Grande do Sul) Galicisch (galego) 3.000.000 Spanien (Galicien) Okzitanisch (occitan) 2.800.000 südliches Drittel Frankreichs, Randgebiete Italiens (piemontesische Alpen) und Spaniens (Val d’Aran in Katalonien) Sardisch (sardu) 1.200.000 Sardinien (Italien) Asturisch (asturianu) 400.000 Asturien (Spanien), Provinz León (leonés) und Teile Portugals (mirandesisch) Furlanisch (furlan) 350.000 Friaul (Italien) Bündnerromanisch (Rätoromanisch i. e. S.; rumantsch/romontsch) 60.000 Schweiz (Graubünden) Ladinisch (ladin) 40.000 Italien (Südtirol, Trentino, Venetien) Aragonesisch (aragonés) 12.000 Aragonien (Spanien)Status als Standard umstritten

Romanische Sprachen nach Untergruppen mini|hochkant=2|Das romanische Sprachareal in Europa und dessen Hauptgruppen Die romanischen Sprachen lassen sich nach teilweise systemlinguistischen, teilweise geographischen Kriterien in mehrere Untergruppen einteilen. Bei der folgenden Liste der romanischen Sprachen ist zu beachten, dass bei vielen romanischen Idiomen die Aufzählung schwierig ist, da sie je nach Quelle mal als eigenständige Sprachen, mal als Dialekte geführt werden. Das hängt damit zusammen, dass sie nicht über eine einheitliche Standardsprache verfügen, sondern überwiegend neben einer anderen Standardsprache vor allem in informellen Kontexten verwendet werden (Diglossie).

Mit Ausnahme des Sephardischen und des Anglonormannischen handelt es sich bei den hier aufgezählten um Sprachformen, die sich direkt und in ungebrochener zeitlicher Kontinuität aus dem gesprochenen Latein entwickelt haben. Sie bilden in Europa mit Ausnahme des Rumänischen auch ein räumliches Kontinuum. Man spricht aufgrund der zeitlichen und räumlichen Kontinuität auch von der Romania continua.

Die wichtigste Unterscheidung unter den romanischen Sprachen auf dem Gebiet der historischen Lautlehre und Morphologie ist die zwischen ost- und westromanischen Sprachen. Zum Westromanischen werden das gesamte Iberoromanische und Galloromanische sowie die norditalienischen Varietäten und die rätoromanischen Sprachen (Bündnerromanisch, Ladinisch und Furlanisch) gerechnet; zum Ostromanischen das Italienische (mit Ausnahme der norditalienischen Varietäten) und das Balkanromanische. Das Sardische wird meist ganz von dieser Unterscheidung ausgenommen, da es keiner der beiden Gruppen klar zugeordnet werden kann.

mini|hochkant=2|Die heutige Ausbreitung romanischer Sprachen in Europa

mini|hochkant=2|Romanische Sprachen und ihre Dialekte im 20. Jahrhundert in Europa

Iberoromanische Sprachen