Der Rentenmarkt (auch Obligationenmarkt, Anleihenmarkt oder Bondmarkt genannt, englisch Bond market) ist ein Marktsegment des Kapitalmarktes, auf dem Anleihen und Teilschuldverschreibungen, die so genannten Rentenpapiere, gehandelt werden. Komplementärbegriff ist der Aktienmarkt.
Wortherkunft und frühe Verwendung Die Komposition Rentenmarkt beinhaltet als Bestimmungswort den veralteten Wortbestandteil aus „Rentenpapier“.
Das Wort ist in der Form „Rente“ erstmals im Jahre 1340 für die deutsche Sprache bezeugt. Es wird gewöhnlich vom altfranzösischen Substantiv „rente“ („Ertrag“) hergeleitet, welches auf das Verb rendre zurückgeht und über vulgärlateinisch rendere vom lateinischen Verb reddere (=zurückgeben) abstammt. Man vergleiche dazu auch die Herkunft des Begriffes Rendite.Rendite, duden.de
Das Wort Rente wurde im Deutschen zunächst für den – regelmäßig zahlbaren – Zins benutzt, so dass ein Rentenpapier ein „Zinspapier“ darstellte. Das Wort Anleihe als Synonym für Schuldverschreibung tauchte erstmals am 16. September 1789 auf einem Plakat für Geldaufnahmen der Herzogtümer Schleswig und Holstein auf. Es leitet sich aus dem althochdeutschen analêhan (um 800) ab, das im Deutschen für ein Darlehen () benutzt wurde.Elmar Seebold (Bearb.), Chronologisches Wörterbuch des deutschen Wortschatzes, Zweiter Band: Der Wortschatz des 9. Jahrhunderts, 2008, S. 520
Das Wort Schuldverschreibung tauchte erstmals 1585 in einem Urkundenbuch des Landes Dithmarschen auf („Fürstliches Mandat betreffend Schuld- und Pfandverschreibungen und wucherliche Contracte“), wonach eine Schuldverschreibung unter Anwesenheit von Schreibern und Zeugen protokolliert sein musste.Andreas Ludwig/Jacob Michelsen (Hrsg.), Urkundenbuch zur Geschichte des Landes Dithmarschen, 1834, S. 356 Der Romanist Matthias Kramer übersetzte das deutsche Wort Schuldverschreibung 1679 ins Italienische (),Matthias Kramer, Italienischer Sprachführer, 1679, S. 676 der Sprachwissenschaftler Kaspar von Stieler führte 1691 den Begriff unter dem Stichwort „Verschreiben“ auf.Kaspar von Stieler, Der Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs, Band 2, Sp. 2144 Der Sprachforscher Johann Leonhard Frisch erklärte 1741 die Schuldverschreibung damit, dass der Schuldner einem anderen seine Güter verschreibe, an die sich der Gläubiger halten könne.Johann Leonhard Frisch, Teutsch-lateinisches Wörterbuch, Band 2, 1741, S. 233 Das Allgemeine preußische Landrecht erhob das Wort Schuldverschreibung im Juni 1794 zum Rechtsbegriff.
Allgemeines Die Finanzmärkte werden in Geld- und Kapitalmarkt eingeteilt.Erich Schäfer, Die Unternehmung, 1963, S. 28 Der Kapitalmarkt wiederum setzt sich aus den Marktsegmenten Aktien- und Rentenmarkt zusammen. Wie bei allen Märkten gibt es auch auf dem Rentenmarkt Handelsobjekte und Marktteilnehmer, die Marktdaten zur Herstellung der Markttransparenz im Rahmen der Marktanalyse auswerten und die künftige Marktentwicklung beobachten. Die Preisfindung erfolgt nach Angebot und Nachfrage, die in den Finanzmärkten in der Regel sehr transparent sind (siehe elektronisches Handelssystem). Trends auf den Rentenmärkten werden mit Hilfe der Trendanalyse ausgewertet. Kernstück der Rentenmärkte sind die Wertpapierbörsen.
Der Schuldner (Emittent) erhält am Primärmarkt () von den Gläubigern, im Austausch gegen verbriefte Schuldverschreibungen (), befristet Kapital. Dieses Kapital stellt aus Schuldnersicht Fremdkapital dar. Die emittierten Papiere können im Sekundärmarkt () weiterverkauft werden. Die Handelsvolumen von Anleihen auf dem internationalen Rentenmarkt sind im nominalen Vergleich zum Aktienmarkt deutlich höher. Gründe hierfür sind, dass auf den Rentenmärkten Staatsanleihen gehandelt werden und bei Unternehmen die Fremdkapitalquote (in der die Unternehmensanleihen enthalten sind) bei 70 % bis 80 % liegt.
Geschichte Der Rentenmarkt ist so alt wie die Schuldverschreibung. Diese kam im Mittelalter als „Rentenbrief“ () auf,Georg Friedrich Knapp, Die Bauernbefreiung und der Ursprung der Landarbeiter in den älteren Teilen Preußens, 1887, S. 231 als Städte hiermit ihre Schulden finanzierten. Die Geschäfte wurden allerdings zwischen Einzelpersonen und noch nicht an Märkten abgewickelt. Rentenpapiere dienten seit der Frühen Neuzeit zwei Funktionen: neben der langfristigen Refinanzierung zusätzlich der Beschaffung von Kapital mit kurzen Rückzahlungsfristen für Staaten und Handel. Durch die kurzfristige Nachfrage ausgelöste saisonale Schwankungen der Bondmärkte resultieren wahrscheinlich aus Unterentwicklung des Geldmarkts.Robert V. Eagly/V. Kerry Smith, Domestic and International Integration of the London Money Market, 1731-1789, in: The Journal of Economic History. 36, Nr. 1, The Tasks of Economic History, März 1976, S. 198–212 und S. 205
Vorläufer der heutigen Staatsanleihen waren die mittelalterlichen Kriegsanleihen (, „Darlehen“) in Venedig oder Florenz. In Venedig nahm der Doge Vitale Michiel II. im Jahre 1156 Kredit von seinen venezianischen Bürgern zu 4 % auf – die erste Frühform der StaatsanleihePierre des Essars, A History of Banking III, 1896, S. 153 f. auf einem Rentenmarkt. In Florenz führte Philipp Tuskhan mit 2 Brüdern seit 1287 das hiesige Leihhaus ().Jean Engelhorn, Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde, Band 1, 1886, S. 412 Es handelte sich um verzinsliche Zwangsanleihen der Klein- und Stadtstaaten Norditaliens, die häufig nicht zurückgezahlt wurden.William J. Bernstein, Die Geburt des Wohlstands: wie der Wohlstand der modernen Welt entstand, 2005, S. 158 Im englischen Binnenhandel benutzte man seit dem ausgehenden 12. Jahrhundert dem Inhaber-Schuldschein ähnliche übertragbare Papiere (, auch bekannt als oder ). Sie gelten als Vorläufer der modernen Schuldverschreibung.Michael North, Kredit im spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Europa, 1991, S. 47 Edward III. von England benötigte im November 1338 Geld für den Hundertjährigen Krieg mit Frankreich, das ihm unter anderem der Bankier Bonifacio di Tommaso der Peruzzi lieh, aber nicht mehr zurückerhielt.
Die Stadt Ulm verpfändete durch einen Pfandbrief im Jahre 1378 ihre Einnahmen aus Stadttor-Zöllen von 1.800 Gulden an einen Juden, von dem sie Geld geliehen hatte.Carl Friedrich Jäger, Ulms Verfassung, bürgerliches und kommerzielles Leben im Mittelalter, 1831, S. 370 Neben der Verpfändung von Einnahmen kam es auch zur Beleihung von Vermögen. So verpfändeten in Österreich die Herzöge Albrecht und Leopold ihr Schloss Hainburg im Jahre 1379 an Johann von Lichtenstein, worüber im November 1388 ein Pfandbrief ausgestellt wurde.Franz Xavier Joseph Schweickhardt (Ritter von Sickingen), Darstellung des Erzherzogthums Oesterreich unter der Ens, Band 2, 1834, S. 144 Um 1400 hatte sich in Deutschland neben dem Pfandbrief die Schuldverschreibung herausgebildet, in welcher die geschuldete Summe und der Zins und – für den Fall des Zahlungsverzugs – ein Immissionsrecht (Pfandrecht) festgelegt waren.Hermann Kellenbenz/Paolo Prodi, Fiskus, Kirche und Staat im konfessionellen Zeitalter, 1994, S. 120 Eine Laufzeit oder Fälligkeit war meist nicht vorgesehen, es handelte sich ebenfalls um ewige Renten. Die Stadt Köln begab seit 1416 von der Stadt ablösbare Leibrenten.Eberhard Isenmann, Die deutsche Stadt im Mittelalter 1150-1550, 2014, S. 545
Der spanische König Karl V. unterzeichnete am 12. April 1519 eine für Anton Fugger ausgestellte Schuldverschreibung. Die Antwerpener Börse begann 1532 mit einem geregelten Handel von Anleihen, worunter sich niederländische Hofbriefe (Staatsanleihen), Privat-Obligationen der niederländischen Staatsbeamten und Magnaten (für Rechnung der Regierung), Obligationen der niederländischen Provinzialstände, Stadtobligationen, Rentmeisterbriefe und Obligationen der englischen Krone und des Königs von Portugal befanden.Richard Ehrenberg, Die Weltbörsen und Finanzkrisen des 16. Jahrhunderts, 1922, S. 26 ff. Zuvor hatte die Stadt Antwerpen am 29. Januar 1512 eine Stadtanleihe bei Antwerpener Kaufleuten aufgenommen.Richard Ehrenberg, Die Weltbörsen und Finanzkrisen des 16. Jahrhunderts, 1922, S. 41 Ein kaiserliches Mandat stellte 1537 die Inhaber-Obligation dem Wechsel gleich. Im Jahre 1568 finanzierte Philipp II. den Achtzigjährigen Krieg der Niederlande gegen SpanienZeit Online vom 25. August 2011, Wolfgang Uchatius, Es begann in Italien. Über die Erfindung der Staatsanleihe, S. 18 mit einer Staatsanleihe von 3 Millionen Gulden. Die Bank of England hat ihre Gründung im Juli 1694 einer englischen Staatsanleihe durch Wilhelm III. zum Zinssatz von 8 % zu verdanken. Im Jahre 1751 folgte mit dem englischen „Consols bond“ die erste Staatsanleihe auf Grundlage der ewigen Rente. Hierbei verpflichtete sich der Staat nur zur Zahlung des Zinses („Rente“) und übernahm keine Rückzahlungsverpflichtung, er räumte sich allenfalls ein Tilgungsrecht ein. Die gleichbleibenden und immer fortdauernden Zinszahlungen haben ihr auf dem Rentenmarkt den Namen „ewige Rente“ eingebracht. Diese Form war nur für Staatspapiere zulässig.
Außer in Antwerpen handelten die bereits bestehenden Börsen (Amsterdamer Börse gegründet 1611, Königsberg 1613, Lübeck 1614, Frankfurt am Main 1615 oder Leipzig 1635) ausschließlich mit Wechseln und Sorten.Horst Gericke, Die Börsenzulassung von Wertpapieren, 1961, S. 107 Erst um 1830 gelangten in der Börse Frankfurt auch Anleihen auf den Kurszettel, und zwar bayerische, österreichische, niederländische, neapolitanische und spanische Anleihen.Max Fürst, Die Börse, ihre Entstehung und Entwicklung, ihre Einrichtung und ihre Geschäfte, 1923, S. 31 Im Jahre 1854 notierte die Frankfurter Börse 81 Eisenbahnobligationen, 6 US-Bundesanleihen, 24 US-Staatenanleihen, 20 US-Stadtanleihen und 5 US-Anleihen von Counties.Erich Achterberg, Die Frankfurter Börse: Ein historischer Rückblick, 1957, S. 2 Die Investitionen der Gründerjahre brachten der Industrie neben Aktien um 1860 auch Unternehmensanleihen als Finanzinstrument, die über Börsen platziert wurden. Begünstigt durch die Bemühungen, die Verheerungen des Sezessionskriegs (1861–1865) zu beheben (Reconstruction), entwickelte sich in den USA ab den 1870er Jahren ein nationaler, durch Bankmonopole beherrschter, Kapitalmarkt. Auf diesem wurden neben Staatsobligationen vor allem Unternehmensanleihen von Eisenbahngesellschaften gehandelt.Maria Elisabeth Sushka/W. Brian Barrett, Banking Structure and the National Capital Market 1869-1914, in: The Journal of Economic History. 44, Nr. 2, The Tasks of Economic History, Juni 1984, S. 463–477, S. 472 Allein 41 % der zwischen 1865 und 1914 an der London Stock Exchange gehandelten überseeischen Anleihen stammten von Eisenbahnen.Wolfram Fischer, Expansion-Integration-Globalisierung: Studien zur Geschichte der Weltwirtschaft, 1998, S. 93