Literarische Wertung (auch Textbewertung) ist die Beurteilung literarischer Gegenstände. Dabei wird Wertung als soziales Handeln einer Person gesehen, die nicht notwendigerweise fachliche Kompetenzen erworben hat. Einem literarischen Gegenstand (in der Regel einem literarischen Werk) wird abhängig von bestimmten Wertmaßstäben und situativen oder anderen Voraussetzungen, ein Wert zugeordnet.

Literarische Gegenstände werden dabei auf einer Skala zwischen „wertvoll“ und „wertlos“ eingeordnet, wobei die verwendete Wertsprache viele Facetten und auch Zwischentöne annehmen kann. Die Einordnung steht dabei in direktem Zusammenhang mit unterschiedlichen Zielen und Motiven des sozialen Handelns (neben fachlicher Kategorisierung z. B. auch Sicherung von Anschlusskommunikation, Renommeegewinn, Unterstützung anderer). Literarische Wertung kann verbal, insbesondere schriftlich, aber auch non-verbal und multimodal vollzogen werden.

Generell sind die verwendeten Wertmaßstäbe und deren spezifische Zuordnung abhängig von relativ konstanten individuellen und überindividuellen Schemata des Wissens und der Motivation, auch Geschmack genannt.

Literarische Wertung findet sich explizit in Beiträgen der professionellen Literaturkritik und der Literaturwissenschaft, die in der Regel auf historisch veränderliche Poetiken und literarische Kanone bezogen sind. Im Zuge der Digitalen Transformation gewann die Rolle der literarischen Wertung durch Laien in den Sozialen Medien an starker Bedeutung, zum Beispiel auf Plattformen wie LovelyBooks, Goodreads, Amazon, TikTok und Youtube. In der literaturwissenschaftlichen Wertungsforschung werden soziale Funktionen und Wertmaßstäbe literarischer Wertung vor diesem Hintergrund neu diskutiert.

Begriffsklärung Wertung und Literatur Der Begriff der literarischen Wertung wird von Heydebrand und Winko (1996) definiert als »eine Handlung, in der ein Subjekt in einer konkreten Situation aufgrund von Wertmaßstäben (axiologischen Werten) und bestimmten Zuordnungsvoraussetzungen einem Objekt Werteigenschaften (attributive Werte) zuschreibt« (S. 39).

Sie machen deutlich, das Wertungshandlungen immer Zuschreibungen sind, der Wert also nicht a priori beim Objekt selbst vorliegt. Gleichzeitig sind diese Zuschreibungen aber durch überindividuelle Schemata bzw. Wertmaßstäbe erklärbar.

Wertung im Diskurs der Literaturkritik ist eine Beurteilung literarischer Gegenstände, die in der Regel auch eine Handlungsempfehlung «Kauf oder Nichtkauf» oder «Rezeption oder Nichtrezeption» beinhaltet. Wertung im Diskurs der Literaturwissenschaft ist eine Beurteilung literarischer Gegenstände, die in der Regel eine Handlungsempfehlung «(Weiter-) Kanonisierung oder Nichtkanonisierung» beinhaltet.

Zugrunde liegen der Wertung Annahmen über bestimmte Funktionen, die Literatur haben sollte. Dazu gehören z. B. Formen, Strukturen, Wirkung, aber auch die Abbildung gesellschaftlicher Themen.

Literaturwissenschaftliche Wertung ist stark von Poetiken (Regelkatalogen/Konzeptionalisierungen) und von der Grunddefinition von «Literatur» innerhalb einer Gesellschaft beeinflusst. Daher hat sich um 1800 ein grundlegender Wandel in den Wertmaßstäben vollzogen, die Wertung zugrunde liegen.

Wertungshandlungen haben in der Fachsprache Objekte (literarische Gegenstände) und Subjekte (Leser, Rezensent, Literaturwissenschaftler).

Wichtige Einflussfaktoren auf die literarische Wertung sind konkrete situationelle Kontexte, die die Aktualisierung von Wertmaßstäben bedingen. Hier interagieren persönliche, literatur-historische, politische, soziale, emotionale (und weitere) Faktoren miteinander. Beispiele sind unterschiedliche Poetiken, die den Wert von Literatur und bestimmte Schreibweisen historisch regeln oder Genres, die Wertungshandlungen vorstrukturieren sowie grundlegende Definitionen von „Literatur/literarisch“, in der gegebenenfalls „autonome“ (Kunst als Selbstzweck) und „heteronome“ (Kunst mit externen Zwecken wie Überzeugung, Bildung, Genuss, Ritual) Vorstellungen gegeneinander abgewogen werden müssen.

Obwohl Wertungshandlungen subjektiv sind, können sie in der Regel auf konventionalisierte Schemata bezogen werden.

Kanon Das Wort „Kanon“ bedeutet Maßstab oder Regel und bezeichnete früher Zusammenfassungen verschiedener Art. Die Kanon-Forschung begann in der Literaturwissenschaft in den 1960er Jahren. Der Kanon heute ist eine Zusammenstellung von besonders lesenswerten oder kulturell wichtigen Werken auf einem bestimmten Gebiet.

„Zusammenstellung als exemplarisch ausgezeichneter und daher für besonders erinnerungswürdig gehaltener Texte; ein aus einem bestimmten Gebiet als verbindlich geltendes Textcorpus“.

Der Kanon ist eine Zusammenstellung von Texten, die zu einer bestimmten Zeit die wichtigsten für die Bildung in einem Land waren. (S. 224)

„Als Kanon in diesem Sinne ist ein Korpus von Texten aufzufassen, an dessen Überlieferung eine Gesellschaft oder Kultur interessiert ist.“ (S. 9)

Prämissen der Kanonbildung:

(1) Kein Mensch kann alle Texte lesen.

(2) Menschen tendieren zu sinnvoll besetztem Handeln. Aus einer größeren Menge wird nach Wichtigkeit ausgewählt (S. 12)

Ein Kanon kann von verschiedenen Institutionen erstellt werden, wie z. B. Journalisten oder auch Verlagen.

Poetik In der heutigen Zeit handelt es sich bei der Poetik um die Lehre von der Dichtkunst. Sie ist ein Teilbereich der Literaturwissenschaft und der Ästhetik.

Zugrunde liegt als substantiviertes Adjektiv griech. ποιητικός [poietikós] ‚schaffend‘, ‚dichterisch‘, zu ποιεΐν [poieín] ‚machen‘, ‚dichten‘; geläufig in der Verbindung ποιητική τέχνη [poietiké téchne] ‚erstellende Kunst’ (z. Β. Aristoteles, Nikomachische Ethik 6,4), dann auch für dichterische Fertigkeit, Kunst’; als selbständiges Substantiv ποιητική [poietiké] ‚Dichtkunst‘ bei Piaton (Gorgias 57, 502c) und in der Poetik des Aristoteles (1,1) verwendet. Ins Lat. übernommen als Ars poetica (so mindestens seit Quintilian als übliche Kurzbenennung für die Epistula ad Pisones von Horaz) und substantivisch als Poetica (Cicero, Tusculanae disputationes 1,3) und Poetice (Varrò, De lingua latina 7).

Im bildungs- wie im fachsprachlichen Gebrauch ist der Ausdruck Poetik mehrdeutig. Oft wird er wie der Begriff Literaturtheorie oder auch der literarischen Ästhetik verwendet, meint aber traditionell einen engeren Bereich. Zusätzliche Ambiguitäten ergeben sich aus der systematischen Mehrdeutigkeit der Begriffe type („die Geschichte der Poetik“) versus token („meine Poetik“) bzw. des abstrakten Fachgebiets („Fragen der Poetik“) versus des konkreten Fachbuchs („in einem Jahr erschienen drei Poetiken“). In jüngster Zeit zeichnet sich eine Ausweitung über den sprachlich-literarischen Bereich hinaus ab.

Interpretation Unter einer Interpretation (lat. = Erklärung, Auslegung) wird in der Literaturwissenschaft eine Auslegung, Erklärung oder Deutung von literarischen Texten definiert. Dabei wird einem Text eine gewisse Bedeutung zugeschrieben, welche innerhalb der Interpretation versucht wird zu erklären. Der Prozess, der eine Interpretation als Ergebnis hat, nennt sich Interpretieren.

Folgende Merkmale sind typisch für eine Interpretation:

Eine Interpretation bezieht sich auf einen literarischen Text (Bsp. Gedicht, Kurzgeschichte etc.). Der Interpret/die Interpretin bezieht sich nur auf den literarischen Gegenstand und versucht deswegen nicht, textexterne Informationen, beispielsweise im Hinblick auf den Autoren/die Autorin, zu gewinnen. Bei einer Interpretation bezieht man sich auf einen ganzen Text und nicht auf einzelne Wörter. Der Versuch, nur einzelne Wörter eines Textes zu erklären, wird nicht als Interpretation verstanden. Jede Interpretation sollte mehr als die bloße Wiedergabe des Inhalts des betreffenden Textes beinhalten. Wenn nur der Inhalt wiedergegeben wird, handelt es sich nicht um eine Interpretation, sondern nur um eine Inhaltsangabe. Bei einer Interpretation handelt es sich nicht um eine subjektive Meinungsäußerung. Der Verfasser/die Verfasserin einer Interpretation sollte sich immer an objektiven Kriterien orientieren.

In der Literaturtheorie ist allerdings umstritten, ob das erste Merkmal obligatorisch ist. So wird in einigen Interpretationen nicht nur mit dem Text gearbeitet, sondern auch mit textexternen Informationen, die bei der Interpretation berücksichtigt werden.

Wertmaßstab Ein Wertmaßstab ist ein Maßstab oder Kriterium, mit dessen Hilfe der ideelle oder tatsächliche Wert einer Sache bestimmt werden kann. An Wertmaßstäben orientieren sich auch literarische Wertungen (siehe Wertung). Für literarische Texte ist das Bestimmen von ideellen oder tatsächlichen Werten komplexer als beispielsweise in klar messbaren Bereichen der Wissenschaft. Bei der Wertung von Literatur durch Akteure können in der Regel Werte auf unterschiedlichen Ebenen identifiziert werden, welche komplex ineinander verzweigt sind. Ein Beispiel für solche Wertmaßstäbe sind die axiologischen Werte nach Heydebrand und Winko (1996). Hier werden Wertmaßstäbe für unterschiedliche Wertkategorien (wie beispielsweise relationale Werte oder wirkungsbezogene Werte) benannt, welche jeweils bestimmte potenziell relevante Dimensionen von Wertungshandlungen beschreibbar machen.

Werturteil Wertmaßstäbe, verstanden als Werthaltungen, sind eigentlich Sache der Sozialpsychologie, genauer der Motivationspsychologie. Werte sind nämlich eine der wichtigsten Faktoren, die unser Verhalten antreiben, strukturieren und uns überhaupt zu Individuen und Teilen von sozialen Gruppierungen werden lassen.

(Literarische) Werthaltungen werden in der (literarischen) Sozialisation erworben, sie sind relativ stabil, sowie zentral (also wichtig für das Subjekt / Gruppen) und haben kognitive wie emotionale Komponenten. Es handelt sich um Präferenzmodelle, das heißt situationsübergreifende Schemata, die es Subjekten ermöglichen, bestimmten literarischen Objekten den Vorzug vor anderen zu geben.

Werthaltungen sind nicht zwangsläufig bewusst. Sie steuern Handlungen und/oder lösen sie aus. Man kann also davon ausgehen, dass die ureigenen Wertmaßstäbe, die uns zu eigenständigen und sozial verbandelten Individuen machen, auch in der Wertung von Literatur zum Tragen kommen.

Axiologische Werte zur Beurteilung literarischer Texte (nach Heydebrand und Winko) Heydebrand und Winko haben einen schematischen Überblick über die Maßstäbe, die für Literaturbewertungen herangezogen werden, in verschiedene Kategorien unterteilt. Sie unterscheiden zwischen Ästhetizität/Literarizität und wirkungsbezogenen Werten.

Zur Asthetizität/Literarizität zählen sie formale, inhaltliche und relationale Werte.

Zu den formalen Werten zählen Selbst- und Wirklichkeitsreferenz sowie Polyvalenz vs. Eindeutigkeit, Stimmigkeit, Komplexität oder Einfachheit, aber auch ästhetische und rhetorische Gestaltung der Sprache, Deutlichkeit und die Schlichtheit oder aber der Schmuck der gewählten Sprache. Zu den inhaltlichen Werten zählen sie Moralität, Gerechtigkeit, Humanität und Gesellschafts- und Kulturkritik, die der Text vermitteln möchte. Die relationalen Werte unterscheiden vor allem, inwieweit der Text innovativ ist oder traditionell bleibt, wie angemessen und wirklichkeitsnah der Text ist. Ist er authentisch? Inwieweit begeht er Normbrüche oder bleibt er bei bereits Bewährtem?

Zu den wirkungsbezogenen Werten gehören kognitive, praktische, gesellschaftliche und individuelle Werte.