mini|Gipsmodell der Großen Halle (Ruhmeshalle, Halle des Volkes) von Albert Speer (Planung für die Welthauptstadt Germania), 1939 Der Begriff Welthauptstadt Germania für Berlin wird seit der Nachkriegszeit verwendet, um die Machtansprüche des Nationalsozialismus als gigantomanisch zu kennzeichnen. Adolf Hitler hat die beiden Wörter dagegen nie gemeinsam verwendet; er sprach entweder von der „Reichshauptstadt“ oder von „Germania“. Mitarbeiter von Albert Speer führten den Begriff der „Reichshauptstadt Germania“ ein. Seitdem steht dieses Synonym für den „Gesamtbauplan für die Reichshauptstadt“, mit dem sie zum Mittelpunkt eines großgermanischen Weltreichs umgestaltet werden sollte.

Hitler hatte Speer den eigens geschaffenen Titel „Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt“ (GBI) verliehen und unterstellte ihm die gleichnamige Behörde, mit der dieser den Umbau Berlins in Teilen durchführte.Tom Wolf, Manuel Roy, Roberto Sassi: Verborgenes Berlin. Hier: Hitlers und Speers ‚Welthauptstadt Germania‘. Jonglez Verlag, 2021, ISBN 978-2-36195-371-3, S. 192–197.

Die direkten Bauarbeiten für die Umgestaltung begannen 1938 und wurden noch bis 1943 fortgesetzt. Infolge der deutschen Kapitulation 1945 kam es nie zur Vollendung. Einige im Stadtgebiet verteilte Probebauten und andere Spuren sind erhalten.

Bezeichnung Welthauptstadt Germania Laut den Aufzeichnungen von Henry Picker vom 8. Juni 1942 spielte Hitler mit dem Gedanken, die neugestaltete Stadt Berlin in Germania umzubenennen, um einem großgermanischen Weltreich einen Mittelpunkt zu geben.

Den Begriff Welthauptstadt hatte Hitler bereits drei Monate früher verwendet.

Hintergrund, Planung und erste Baumaßnahmen mini|Hitlers Entwurfsskizze des Triumphbogens, 1925 mini|Albert Speer (3. v. l.) und Rudolf Wolters (r.) in Lissabon, Präsentation der Modelle Welthauptstadt Germania 1942. Speers Teilnahme am Projekt blieb später bei der Vorstellung der ModelleHistoriker über Albert Speer: „Er tat alles für den Endsieg“. taz.de

Hitler schrieb in seinem Buch Mein Kampf, dass moderne Städte im Gegensatz zur Antike nicht mehr über Wahrzeichen verfügten, über „Monumente des Stolzes“, und dass der Staat mit seinen Bauten wieder stärker in die Öffentlichkeit treten sollte. Die geplanten Monumentalbauten sollten dem NS-Staat zur Repräsentation dienen.

Die Pläne für die Bauarbeiten, bereits seit 1935 unter Speer erarbeitet, erschienen im Jahr 1937 unter der Überschrift „Neugestaltung der Reichshauptstadt“ in allen großen Tages- und Fachzeitungen als illustrierte Vorankündigungen. Am 4. Oktober 1937 wurde als juristische Grundlage das Gesetz für die Neugestaltung deutscher Städte beschlossen.

Die Bauarbeiten für die Große Halle begannen am 23. Juni 1938. Bereits am 14. Juni 1938 erfolgte die Grundsteinlegung für die Nord-Süd-Achse.

Albert Speer erhielt als Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt (GBI) von Hitler umfassende, einem Minister vergleichbare Kompetenzen, sodass er auch auf Einwände der Berliner Stadtverwaltung keine Rücksicht nehmen musste. Die Umsetzung seiner Pläne hätte die bestehende Struktur der Stadt nachhaltig zerstört, etwa 50.000 Wohnungen hätten abgerissen werden müssen. Abrissaktivitäten liefen bis zur Einstellung der Umgestaltungsarbeiten im Frühjahr 1943, zirka 150.000 Menschen wären direkt betroffen gewesen. Im Rahmen der notwendigen Umsiedlung forcierte die Dienststelle des GBI die „Entjudung“ der Stadt, um die frei werdenden Wohnungen für eigene Zwecke zu nutzen. Einerseits, um sie den von der Zwangsumsiedlung betroffenen Volksgenossen zur Verfügung zu stellen oder um Bauarbeiter unterzubringen, andererseits wurden diese Wohnungen innerhalb der Dienststelle des GBI allerdings auch privilegierten Mitarbeitern oder Systemfreunden zur Verfügung gestellt.

Darüber hinaus waren nicht nur lebende Bürger von der Umgestaltung betroffen, der Südwestkirchhof in Stahnsdorf wurde erweitert, um die Gräber der im Bereich der Nord-Süd-Achse liegenden Schöneberger Friedhöfe St. Matthäus und Zwölf Apostel aufzunehmen. Vom St.-Matthäus-Kirchhof wurden viele Grabstätten aus dem nördlichen Bereich nach Stahnsdorf umgebettet. Insgesamt wurden 15.000 Tote bis 1940 umgebettet. Betroffen waren darunter die Grabstätten des Regisseurs Friedrich Wilhelm Murnau (Nosferatu) und des Architekten Walter Gropius senior, Vater des Bauhaus-Gründers Walter Gropius.

Beteiligte Künstler Die Ernennung Albert Speers zum Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt zog einen Kreis von Architekten, Bildhauern, Malern und Kunsthandwerkern zur Bewältigung der bis dahin einmaligen Aufgaben herbei. Absoluter Favorit für die Skulpturengestaltung war der Bildhauer Arno Breker. Dessen ehemaliger Professor, der Architekt Wilhelm Kreis, wurde auf Empfehlung Brekers bei Speer bis Kriegsende mit zahlreichen Aufträgen bedacht. Der Bildhauer Josef Thorak, der sich wie Breker auf die Darstellung des Menschen konzentrierte, war für Bauvorhaben außerhalb Berlins vorgesehen, wie zum Beispiel in Nürnberg, Linz und im Raum Bayern.

Weitere angesehene Künstler während der NS-Zeit waren jene, die bei der offiziellen Ausstellung im Haus der Deutschen Kunst in München präsentiert wurden und deren Figuren im Berliner Olympiastadion standen. Dazu gehörten neben Breker und Thorak die Bildhauer Georg Kolbe, Sepp Hilz, Fritz Klimsch, Richard Scheibe sowie Robert Ullmann.

Ost-West-Achse mini|hochkant|OWA-Kandelaber am Charlottenburger Tor Die 50 Kilometer lange Ost-West-Achse sollte von Wustermark über die Heerstraße, Adolf-Hitler-Platz (vor 1933 und 1947–1963: Reichskanzlerplatz; seit 1963: Theodor-Heuss-Platz), Kaiserdamm und Bismarckstraße, Knie (seit 1953: Ernst-Reuter-Platz) mit der Technischen Hochschule Charlottenburg (seit 1946: Technische Universität Berlin) entlang der Charlottenburger Chaussee (seit 1953 Straße des 17. Juni) über den Großen Stern, das Brandenburger Tor und Unter den Linden über Frankfurter Tor und Frankfurter Allee verlaufen.Pharus-Plan: Tiergarten um 1943

Auf Intervention Hitlers wurde die östliche Fortführung zurückgestellt. An der Museumsinsel sollte die Ost-West-Achse um eine Reihe von Museumsbauten erweitert werden, am Kupfergraben waren ein Weltkriegsmuseum und ein Rassekundemuseum nach Plänen des Architekten Wilhelm Kreis vorgesehen.

Ein sieben Kilometer langes Teilstück der Ost-West-Achse, das zunächst vom Brandenburger Tor bis zum damaligen Adolf-Hitler-Platz führte, wurde 1939 nach zwei Umbauphasen ab 1935 zu Hitlers Geburtstag fertiggestellt. Die Siegessäule war dazu vom Königsplatz vor dem Reichstag auf den Großen Stern versetzt und hierbei um  Meter erhöht worden. Eine besondere Herausforderung war die Überquerung des Landwehrkanals am Charlottenburger Tor: Einerseits sollte das Straßenniveau so wenig wie möglich erhöht werden, andererseits sollte auch der Kanal schiffbar bleiben. Eine aufwendige Brückenkonstruktion war die Folge. Da mit Rücksicht auf die bereits in der Planungsphase befindliche Nord-Süd-Achse mit den repräsentativen Bauten keine Beleuchtung die Straße überspannen sollte, entwickelte die Berliner Kraft- und Licht-Aktiengesellschaft (Bewag) neue Leuchten, für die Albert Speer die äußere Hülle gestaltete. Insgesamt stehen noch 800 dieser zweiarmigen OWA-Kandelaber links und rechts der Trasse zwischen Theodor-Heuss-Platz und S-Bahnhof Tiergarten. Sie wurden bislang dreimal instandgesetzt, zuletzt im Jahr 2000.

mini|Arbeiten für den Spree-Durchstich am Königsplatz, August 1939 Eine beiderseitige Verlängerung dieser Trasse war dann zwischen dem östlichen und westlichen Autobahnring vorgesehen. Anfänglich zwei, später vier Ringe sollten den Verkehr von den Achsen in die Stadtfläche verteilen. Nördlich des Schnittpunkts der Monumentalachsen, im Spreebogen, sollte die Große Halle als zentrale Versammlungsstätte liegen. Insbesondere die Nord-Süd-Achse sollte als Prachtstraße ausgebaut werden. Als Ersatz für die wegfallenden Flächen in der Innenstadt sollten unter anderem im Grunewald eine neue Hochschulstadt sowie im Osten und Süden Berlins völlig neue Stadtteile entstehen.

In der zeitgenössischen Presse wurde der Straßenzug in Anlehnung an altrömische Gepflogenheiten als „Via Triumphalis“ bezeichnet.

Nord-Süd-Achse mini|hochkant|Berlin, Modell von 1939 zur Neugestaltung, Blick vom geplanten Südbahnhof über den Triumphbogen bis zur Großen Halle (Nord-Süd-Achse)

Als 120 Meter breite Prachtstraße war ein rund sechs Kilometer langes Kernstück der 40 Kilometer langen Nord-Süd-Achse vorgesehen. Dieses sollte von einem neuen Nordbahnhof im Südosten Moabits bis zu einem ebenfalls neuen Südbahnhof in der Nähe des heutigen Bahnhofs Südkreuz in Tempelhof reichen. Neben dem Nordbahnhof, in direkter Nähe zur Großen Halle, war ein 1200 m × 400 m großes Wasserbecken vorgesehen, in dem sich die Große Halle spiegeln sollte. Wie die anderen geplanten Monumentalbauten waren die Bahnhöfe von ungekannter Dimension. Die Arbeiten zum Südbahnhof, für den die Reichsbahnbaudirektion Berlin bereits 1937 erste Entwürfe vorgelegt hatte, wurden ab 1940 von Speer persönlich geleitet und waren bei der generellen Einstellung der Umgestaltungsplanungen im März 1943 fast zur Baureife gediehen. Im August 1941 erteilte Speer die Anweisung, zu den geplanten 20 Parallelgleisen zwei weitere Gleise für die Einbindung der Breitspurbahn, eines anderen Lieblingsprojekts Hitlers, einzufügen.

Auf dem südlichen Teil der Prachtstraße war nahe dem Südbahnhof ein kolossaler Triumphbogen (in Form eines Tetrapylons) vorgesehen, der 117 m hoch und 170 m breit werden sollte, beschriftet mit den Namen aller im Ersten Weltkrieg gefallenen deutschen Soldaten und geschmückt mit Reliefs von Arno Breker. Im Anschluss daran sollte die „Beutewaffenallee“ als Vorplatz des Südbahnhofs einen triumphalen Abschluss bilden. Entlang der Nord-Süd-Achse sollten alle wichtigen Reichs- und Parteibehörden sowie Firmenzentralen und kulturelle Einrichtungen angesiedelt werden.

Um die Bodenbelastbarkeit für den geplanten Triumphbogen zu ermitteln, wurde im Jahr 1941 ein Großbelastungsversuch in Form eines Betonzylinders in Tempelhof fertiggestellt. Der gewaltige Schwerbelastungskörper (21 m Durchmesser, 14 m Höhe, 12.650 t Masse) ist das einzige oberirdische Bauzeugnis der Nord-Süd-Achse und kann besichtigt werden.Berliner Unterwelten

Die Nord-Süd-Achse sollte als Siegesallee des III. Reiches auf der Trasse der wilhelminischen Siegesallee des II. Reiches beginnen, deren Figuren dafür 1938 abgeräumt und in der Großen Sternallee im Tiergarten neu aufgestellt worden waren. Städtebaulicher Höhepunkt der Nord-Süd-Achse sollte der Große Platz mit dessen umgebenden Gebäuden werden. Der Große Platz, als Aufmarschplatz für bis zu einer Million Menschen gedacht, sollte umgeben werden von der Großen Halle, dem Führerpalast, dem Großdeutschen Reichstag, dem Reichstagsgebäude, dem Dienstgebäude für das Oberkommando der Wehrmacht und dem neuen Dienstgebäude der Reichskanzlei.

Um den Sieg über die Nationalsozialisten baulich zu dokumentieren, ließ die Rote Armee 1945 exakt auf der geplanten Nord-Süd-Achse, nördlich des Schnittpunktes der Ost-West- und Nord-Süd-Achse, in unmittelbarer Nähe zum Reichstagsgebäude und Brandenburger Tor, ein Ehrenmal errichten.Entwicklung des Kreuzungsbereichs Siegesallee/Charlottenburger Chaussee auf dem

Große Halle (Ruhmeshalle, Halle des Volkes)

Im Spreebogen, etwas nördlich des Reichstags, war das wichtigste Gebäude der Germania-Planungen vorgesehen, die Große Halle. Sie war mit 315 m × 315 m Grundfläche und 320 m Höhe als das größte Kuppelgebäude der Welt geplant.

Wehrtechnische Fakultät und Hochschulstadt