Wurzen ist eine Große Kreisstadt im Nordosten des Landkreises Leipzig in Sachsen. Die im Jahre 961 erstmals erwähnte Stadt ist Zentrum und Namensgeberin des Wurzener Landes. Ende des 15. Jahrhunderts verlegten die Meißner Bischöfe ihre Residenz nach Wurzen, die Kirche des Kollegiatstifts wird seitdem als Dom bezeichnet. Als Geburtsort des Dichters Joachim Ringelnatz führt die Stadt inoffiziell den Beinamen Ringelnatzstadt.

Der Name „Wurzen“ leitet sich wahrscheinlich vom slawischen Wort „*wǫrcь“ oder „*wǫrce“ ab, was „Höhe“ oder „Erhebung“ bedeutet. Der Name bezeichnete den kleinen Hügel im Tal der Mulde, auf dem die Stadt liegt. Im Laufe der Zeit wurde der slawische Name in die deutsche Sprache übernommen und blieb als „Wurzen“ bestehen.

Geographie Wurzen liegt am östlichen Hochufer der Mulde, etwa 30 Kilometer östlich von Leipzig, an der ältesten deutschen Ferneisenbahnlinie Leipzig–Dresden und an der Bundesstraße 6. Die B 107 verläuft westlich der Stadt. Im Südosten grenzt das Stadtgebiet an den Wermsdorfer Forst. Der dort entspringende Mühlbach fließt durch das Stadtgebiet. Die etwa 15 km südlich der Stadt verlaufende A 14 ist über den Anschluss Grimma zu erreichen.

Ortsgliederung Wurzen (Stadt) Dehnitz Nemt Roitzsch Kühren Burkartshain Birkenhof Kornhain Mühlbach Nitzschka Oelschütz Pyrna Sachsendorf Streuben Trebelshain Wäldgen

Geschichte mini|Schloss mini|Karte von Wurzen (1745) Auf der Wurzener Stadtflur konnte durch jüngere archäologische Grabungen im Crostigall eine Siedlungskontinuität von etwa 6000 Jahren nachgewiesen werden.

Die ältesten Siedlungszellen der heutigen Stadt sind – wie der Ortsname – slawischen Ursprungs.

Mittelalter Wurzen wird erstmals 961 in einer Urkunde Ottos I. als Vurcine und Civitas erwähnt. Die Burg und die Marktsiedlung bezogen ihre Bedeutung aus ihrer Lage am Übergang der Via Regia über den Fluss Mulde und deren Kreuzung mit einer alten Salzstraße von Halle nach Prag. Wurzen gehörte zeitweise zum Bistum Merseburg und kam nach 995 an das Bistum Meißen. Bischof Herwig gründete 1114 das Kollegiatstift Wurzen, das im 16. Jahrhundert protestantisch wurde und noch besteht (Domkapitel). Eine Marktsiedlung wurde östlich der älteren Burgsiedlung um 1150 von den Bischöfen von Meißen angelegt. Der Landesausbau, vor allem durch die Ansiedlung von Bauern aus den westlichen ReichsgebietenCodex diplomaticus Saxoniae regiae CDS II 1, Nr. 50 „Kührener Ansiedlungsvertrag“: Bischof Gerung weist Einwanderern aus Flandern 1154 das Dorf Coryn (Kühren, heute ein Stadtteil von Wurzen) an und verleiht ihnen gewisse Rechte und die Schaffung einer eigenen weltlichen Territorialherrschaft (Wurzener Land), ließen die Rolle der neu gegründeten Marktsiedlung als zentralen Ort rasch wachsen. Frühe Neuzeit Die Entwicklung der Stadt erreichte im 15. und 16. Jahrhundert einen Höhepunkt, als die Bischöfe von Meißen zeitweise hier residierten und eine nennenswerte Bautätigkeit entfalteten (Schloss, Domerweiterung, Stadtkirche St. Wenceslai). Nach der Teilung der wettinischen Lande (1485) wurde die Schutzherrschaft über Wurzen und das Wurzener Land von den Ernestinern und Albertinern gemeinsam ausgeübt. Beide Linien waren letztlich auf eine Säkularisation des bischöflichen Territoriums aus, was u. a. 1542 zur sogenannten „Wurzener Fehde“ („Fladenkrieg“) führte. Wurzen und das die Stadt hauptsächlich östlich der Mulde umgebende sogenannte „Wurzener Land“ gehörten bis 1581 nicht zu den wettinischen Landen, sondern waren weltlicher Besitz der Bischöfe von Meißen, die mehrmals, seit 1487 immer häufiger und länger, in Wurzen residierten. Auch nach der „Kapitulation“ und „Resignation“ des letzten Bischofs Johann von Haugwitz 1581 wurde das Gebiet noch bis 1818 von einer eigens eingesetzten kursächsischen Stiftsregierung verwaltet. Erst danach kam das Wurzener Land als Amtsbezirk im eigentlichen Sinne zu Sachsen. mini|Wurzen um 1650 mini|Älteste in Betrieb befindliche Eisenbahnbrücke Deutschlands aus dem Jahr 1838 bei Kornhain mini|Ansicht um 1858 mini|Schuldschein über 100 Mark der Stadt Wurzen vom 17. Juni 1898 mini|Neue Muldebrücke mini|Wurzen 2013, mit Schloss, Dom, Wenzeslaikirche und Mühlenwerken

1581 kam Wurzen an das albertinische Sachsen, das inzwischen, in der Folge des Schmalkaldischen Krieges, 1547 in den Besitz der Kurwürde gelangt war und das nun Wurzen und das Stiftsgebiet (Wurzener Land) durch eine eigens eingesetzte Stiftsregierung verwalten ließ (bis 1818).

In Wurzen kam es zwischen 1570 und 1659 zu Hexenverfolgungen: Fünf Personen gerieten in Hexenprozesse, ein Mann wurde 1570 wegen des Vorwurfs der Zauberei mit „Leibesfrüchten“ gerädert, eine Frau starb in der Haft.Manfred Wilde: Die Zauberei- und Hexenprozesse in Kursachsen. Köln / Weimar / Wien 2003, S. 647–649. Im 17. und 18. Jahrhundert erfolgte der durch Pestepidemien (besonders 1607), Stadtbrände und Kriegsfolgen verursachte wirtschaftliche und demografische Niedergang der Stadt. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Stadt 1637 („Wurtznische Creutz- und Marter-Woche“) von den Schweden geplündert und fast vollständig niedergebrannt. Auch der Nordische Krieg, besonders aber der Siebenjährige Krieg und die Napoleonischen Kriege ließen die Stadt verkümmern.

19. und 20. Jahrhundert Erst nach der Verkleinerung Sachsens nach dem Wiener Kongress (1815) und dem Straßenbrückenbau über die Mulde und die Flussaue (1830/1832) setzte wieder ein bemerkenswerter Aufschwung ein.

Industrialisierung und Arbeiterbewegung Am 31. Juli 1838 wurde Wurzen an die Bahnstrecke Leipzig–Dresden und somit an das deutsche Eisenbahnnetz angeschlossen. Über die Mulde wurde die erste Eisenbahnbrücke Deutschlands gebaut. Die Brücke über die B 6 ist heute die älteste in Betrieb stehende deutsche Eisenbahnbrücke. Danach kam es zur stürmischen Entwicklung als Industriestadt (besonders Lebensmittelindustrie, Textilindustrie und Metallverarbeitung). Die Einwohnerzahl vervierfachte sich zwischen 1850 und 1914. Auch im 20. Jahrhundert setzte sich diese Entwicklung bis in die 1970er Jahre fort. Nach der deutschen Wiedervereinigung trat erneut eine starke wirtschaftliche und demografische Rückentwicklung ein: Die Einwohnerzahl sank in bedrohlichem Maße, und das Durchschnittsalter der Einwohner stieg an.

Infolge der stürmischen Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in Wurzen auch früh die Arbeiterbewegung. Julius Künzel war in den 1880er Jahren eine Zeitlang der einzige sozialdemokratische Stadtrat in Sachsen. 1903 wurde in Wurzen ein Unterbezirk der SPD gegründet. Während der Novemberrevolution agierte in Wurzen einer der ersten Arbeiter- und Soldatenräte im damaligen Sachsen. Albert Kuntz wirkte bis 1923 als prominentes KPD-Mitglied in Wurzen, unter anderem im Stadtrat. 1926 gelang es einer Koalition aus SPD und KPD, die Mehrheit im Stadtrat zu stellen und mit Georg Boock erstmals einen sozialdemokratischen Bürgermeister zu wählen.

Wurzen, das zuvor zur Amtshauptmannschaft Grimma gehört hatte, wurde 1924 kreisfreie Stadt, eine der kleinsten in Deutschland. Es kam 1946 zum Landkreis Grimma und 1952 zum Kreis Wurzen bis zu dessen Auflösung im Jahr 1994.

Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit Von 1935 bis 1945 beherbergte die Stadt ein Wehrbezirkskommando und während des Zweiten Weltkriegs mehrere Flak-Einheiten. Von Oktober 1943 bis April 1945 erlebte Wurzen mehrere US-amerikanische Luftangriffe mit über 40 Todesopfern. Der schwerste erfolgte am 7. Oktober 1944, als 13 B-17 „Flying Fortress“ etwa 85 Sprengbomben auf Wurzen abwarfen, die eigentlich für die Hydrierwerke Brüx in Nordböhmen bestimmt waren.

Von Juli 1939 bis Mai 1945 war Armin Graebert (1898–1947) Oberbürgermeister der Stadt; er erreichte am 24. April 1945 zusammen mit Mitgliedern der SPD, KPD und den Pfarrern der evangelischen und katholischen Kirchen die Kapitulation der Stadt gegenüber Major Victor G. Conley vom 273. US-Infanterieregiment und bewahrte sie so vor der Zerstörung.Ruth Gleinig, Oliver Igel (Bearb.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR. Herausgegeben von Annette Kaminsky. Ch. Links, Berlin, 2., überarbeitete und erweiterte Aufl. 2007, ISBN 978-3-86153-443-3, S. 383.

Gemäß den Beschlüssen der Konferenz von Jalta zogen sich die US-Truppen in den Tagen vom 1. bis zum 4. Juli 1945 aus den eroberten Gebieten zurück, die der Sowjetischen Besatzungszone zugeschlagen worden waren. An ihrer Stelle rückte die Rote Armee ein. Das NKWD richtete im Kornhaus des Schlosses ein „GPU-Keller“ genanntes Verhörzentrum ein, in dem missliebige Bürger aus Wurzen, Grimma und Umgebung inhaftiert waren. Viele von ihnen wurden von dort in die Straflager des Gulag deportiert. Am 25. Mai 2004 wurde im Schlosshof eine Gedenktafel für die Opfer des Stalinismus enthüllt.

Seit 1990 Das seit 1993 nach Magnus Gottfried Lichtwer benannte Gymnasium der Stadt bezog 1996 einen Neubau nordöstlich des historischen Stadtkerns.

Wurzen ist seit 2002 eines der Pilotprojekte im Freistaat Sachsen für den Stadtumbau Ost. Durch die demografische und wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte bedingt gilt es, erstmals in der Geschichte Sachsens einen planmäßigen Rückbau städtischer Wohnsubstanz und die sinnvolle Neunutzung der geräumten Flächen zu organisieren.

2004 wurde mit dem Bau einer neuen Muldebrücke begonnen, 2007 wurde sie dem Verkehr übergeben.

Wurzen war vom 4. bis 6. September 2015 Gastgeberstadt des 24. Tags der Sachsen.24.Tag der Sachsen in Wurzen eröffnet, auf radiodresden.de, abgerufen am 20. August 2022

Einwohnerentwicklung DatumDeutschland: Sachsen, auf citypopulation.de Einwohner 1875 7.273 1880 8.042 1890 14.635 1925 18.286 1933 18.961 1939 18.483 31.08.1950 26.456 31.12.1960 23.523 Datum Einwohner01.01.1971 24.22831.12.1981 19.28131.12.1988 19.42131.12.1995 20.27631.12.2001 18.70209.05.2011 16.92831.12.2012 16.52131.12.2013 16.356

Eingemeindungen Ehemalige Gemeinde Datum Anmerkung BurkartshainStatistisches Landesamt des Freistaates Sachsen: Gebietsänderungen 1. Januar 1994 Zusammenschluss mit Kühren zu Kühren-Burkartshain Dehnitz 1. Juli 1950 KornhainDas Sachsenbuch. Kommunal-Verlag Sachsen, Dresden 1943. vor 1880 Eingemeindung nach Mühlbach Kühren 1. Januar 1994 Zusammenschluss mit Burkartshain zu Kühren-Burkartshain Kühren-Burkartshain 1. Oktober 2006 MühlbachVerzeichnisse der seit Mai 1945 eingemeindeten Gemeinden und Nachweis über die Aufgliederung der selbständigen Gutsbezirke und Staatsforstreviere. 1952, Herausgeber: Ministerium des Innern des Landes Sachsen. 1. Januar 1952 Eingemeindung nach Burkartshain Nemt 1. März 1993 Nischwitz 1. Juli 19501. Januar 19571. Januar 1993 Eingemeindung nach WurzenAusgemeindung aus WurzenEingemeindung nach Thallwitz Nitzschka 1. Februar 1974 Eingemeindung nach Burkartshain Oelschütz 1. Juni 1936 Eingemeindung nach Nitzschka Pyrna 1. Januar 1956 Eingemeindung nach Burkartshain Roitzsch 1. Juli 1950 Sachsendorf 1. Januar 1974 Eingemeindung nach Burkartshain Streuben 1. Juli 1950 Eingemeindung nach Kühren Trebelshain 1. Juli 1950 Eingemeindung nach Kühren Wäldgen 1. Juni 1936 Eingemeindung nach Sachsendorf

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