mini|Einwohner von Prag mit tschechoslowakischer Flagge vor einem brennenden sowjetischen Panzer
Der Prager Frühling (, ) ist die Bezeichnung für das Streben der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei (KSČ, deutsch meist KPČ) unter Alexander Dubček im Frühjahr 1968, ein Liberalisierungs- und Demokratisierungsprogramm in der Tschechoslowakei durchzusetzen, sowie vor allem die Beeinflussung und Verstärkung dieser Reformbemühungen durch eine sich rasch entwickelnde kritische Öffentlichkeit.
Mit dem Begriff „Prager Frühling“ verbinden sich zwei gegensätzliche Vorgänge: einerseits der Versuch, einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ (tschechisch: socialismus s lidskou tváří, slowakisch: socializmus s ľudskou tvárou)die Losung vom „Sozialismus mit menschlichen Antlitz“ ist an eine Textstelle des Akční program KSČ (Aktionsprogramms) angelehnt In: Das Reformprogramm des "Prager Frühlings" Bundeszentrale für Politische Bildung 5. April 2018 zu schaffen, andererseits aber auch die gewaltsame Niederschlagung dieses Versuchs durch am 21. August 1968 in die Tschechoslowakei einmarschierende Truppen aus anderen Mitgliedstaaten des Warschauer Paktes.
Die Bezeichnung „Prager Frühling“ stammt von westlichen Medien und ist eine Fortführung des Begriffs Tauwetter-Periode, der wiederum auf den Titel des Romans Tauwetter von Ilja Ehrenburg zurückgeht.
Vorgeschichte Ab dem Beginn der 1960er-Jahre befand sich die ČSSR in einer tiefgreifenden ökonomischen und gesellschaftlichen Krise: Das bürokratisch-zentralistische Planungssystem hatte zu einer dramatischen Stagnation der Wirtschaft – auch im Vergleich zu den anderen RGW-Staaten – geführt; die Kommunistische Partei wurde von einer stalinistisch geprägten Führungsspitze dominiert. Sie ließ zum Beispiel eine Aufarbeitung der politischen Schauprozesse (siehe hierzu z. B. Milada Horáková, Slánský-Prozess) in der Gottwald-Ära der späten 1940er- und frühen 1950er-Jahre nicht zu.
Wirtschaftsreformdebatten Mit der zunehmend angespannten wirtschaftlichen Lage wurden 1963 schließlich reformerische Stimmen innerhalb und außerhalb der Partei lauter. Unter der Führung des Zentralkomiteemitglieds und Leiters des Wirtschaftsinstituts an der Prager Akademie der Wissenschaften Ota Šik bildete sich eine technokratische Opposition, die grundlegende Wirtschaftsreformen forderte. Nach der Ansicht Šiks sollte die Planwirtschaft zugunsten einer „sozialistischen Marktwirtschaft“ – unter Befreiung der Betriebe von staatlicher Führung und Abbau der Bürokratie – aufgegeben werden. Unter anderem schlug Šik auch die Zulassung autonomer Gewerkschaften und privat geführter Kleinbetriebe, Joint Ventures mit westlichen Firmen, die Einführung einer Arbeiterselbstverwaltung und das Ende der staatlichen Lenkung der Preisbildung vor.
Ota Šik – der sich nicht als Revolutionär, sondern angesichts der prekären Lage der tschechoslowakischen Wirtschaft als Reformer verstand – ging nicht so weit, die Kollektivierung der Landwirtschaft und das Volkseigentum an den Produktionsmitteln infrage zu stellen.
Slowakische Nationalpolitik Im Jahr 1960 nahm die Tschechoslowakei die sozialistische Verfassung an.Verfassungsurkunde der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik vom 11. Juli 1960 Juristische Fakultät der Masaryk-Universität In dieser neuen Verfassung kam es zu einer wesentlichen Einigung über die Kompetenzen der slowakischen nationalen Organe, die Vollmachten des Slowakischen Nationalrates wurden an die Ministerien in Prag übertragen. In der Folgezeit erfuhr die Slowakei durch die Integration in die kommunistisch regierte Tschechoslowakei zwar einen großen Modernisierungsschub, bezahlte diesen jedoch mit dem Verzicht auf politischer Partizipation. Beschlüsse der Kommunistischen Partei der Slowakei (KSS) mussten vor der Verabschiedung in Prag genehmigt werden. Seit 1963 hatte Alexander Dubček das Amt des Ersten Sekretärs der KSS inne. Er setzte sich für die Rehabilitierung der in den 1950er-Jahren verurteilten slowakischen Kommunisten ein und schuf ein liberales Klima in der Slowakei, das liberaler als in Prag war und welches vor allem die slowakischen Journalisten und Schriftsteller nutzten.
Die Kontroversen zwischen Slowaken und Tschechen im Zentralkomitee der KPČ wurden zu einer der Ursachen für den Prager Frühling.Jitka Mládková: Januar 1969: Vorgeschichte der tschecho-slowakischen Trennung Radio Prague International vom 3. Januar 2015
In der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei stand der Slowake Dubček in Opposition zu Antonín Novotný, dem Ersten Sekretär des Zentralkomitees der KPČ und Präsidenten der ČSSR. Dubček wollte unter anderem diese beiden Ämter nicht mehr in einer Person vereinigt wissen und forderte außerdem die Erweiterung der Machtbefugnisse der slowakischen Organe. Novotný nannte Dubček einen slowakischen Nationalisten und plante dessen Absetzung. Ihren Höhepunkt erreichte die Auseinandersetzung Novotny-Dubček im Dezember 1967; aber Novotny „verlor“: Am 5. Januar 1968 stellte er seine Funktion als erster Sekretär der Partei zur Verfügung. Er wurde durch Dubček abgelöst.Susanne Schattenberg: Ein trügerischer Moment. Zur Wahl von Alexander Dubček zum Vorsitzenden der KPČ vor 50 Jahren. Forschungsstelle Osteuropa
Die slowakische nationale Bewegung wurde zu einem entscheidenden Faktor für den Beginn des Prager Frühlings.
Kritische Öffentlichkeit Für die kritische Intelligenz erweiterten sich in einem „Klima unwillig tolerierter Liberalisierung und relativ wirkungsloser Repressalien seitens der politischen Institutionen“Eleonora Schneider: Prager Frühling. S. 86. die Möglichkeiten einer öffentlichen Meinungsäußerung, die von einer breiten Bevölkerungsschicht immer aufmerksamer verfolgt wurden. Bis zum Ende des Jahres 1967 wuchs die kritische Öffentlichkeit immer mehr an und radikalisierte sich dabei in ihrer Kritik zunehmend.
Ein frühes Anzeichen dieser Veränderungen war die „Rehabilitierung“ des lange verfemten Franz Kafka, dessen literarische Bedeutung auf einer internationalen Schriftstellertagung auf Schloss Liblice am 27. und 28. Mai 1963 zur Debatte gestellt wurde. Auf dieser als Kafka-Konferenz bekanntgewordenen Tagung handelte es sich um eine politische Diskussion auf dem Feld der Literaturwissenschaft, wobei Gegenstand der Debatte im Wesentlichen der zentrale marxistische Begriff der Entfremdung war. Gegen die Meinung vor allem der Teilnehmer aus der DDR, die Kafka als Gegenstand eines Personenkults sahen und dafürhielten, dass es die von Karl Marx postulierte Entfremdung des Arbeiters von seiner Arbeit im Sozialismus nicht mehr geben könne, vertraten die tschechoslowakischen Delegierten mit dem Österreicher Ernst Fischer die Auffassung, dass dies im realen Sozialismus sehr wohl der Fall sein könne und dass man die Dinge so sehen solle, wie sie lägen.
Die Diskussionen der Kafka-Konferenz wurde von der Literaturzeitung Literární noviny aufgegriffen und weitergeführt. Diese Zeitschrift war in der Folgezeit ein Hauptschauplatz der Auseinandersetzung zwischen den Ideologen und den Idealisten. Die Zeitschrift erreichte eine für ein Land wie der Tschechoslowakei beachtliche Auflage von 140.000 Exemplaren. Sie hatte sich zunehmend mit Sanktionen des Zentralkomitees der KPČ zu befassen. Der Chefredakteur wurde ausgewechselt, doch sein Nachfolger konnte wenig ausrichten. Auf einem Kongress des tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes im Juni 1967 übten die von Literární noviny entsandten Delegierten (drei Redakteure der Zeitschrift Ivan Klíma, Antonín Jaroslav Liehm und Ludvík VaculíkLiterární noviny (2) 1952–67, online auf: www.slovnikceskeliteratury.cz (Portal Slovník české literatury – Lexikon der tschechischen Literatur)) erstmals direkte Kritik an der Parteiführung.
Sie kritisierten öffentlich die gesamte Ära des Kommunismus in der ČSSR und machten die kommunistischen Parteiführer für die materielle und gesellschaftliche Misere des Landes verantwortlich. Eine Studentendemonstration am 31. Oktober 1967 wurde von der Polizei gewaltsam aufgelöst.Tina Plasil: Die Flucht nach vorne. S. 5
Staats- und Parteichef Antonín Novotný reagierte mit einer öffentlichen Erklärung, wonach der Kongress Teil einer vom Ausland gesteuerten Kampagne gegen die anstehenden Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Oktoberrevolution sei. Die KPČ befahl die Umbildung der Redaktion der Zeitschrift und verbot einer Anzahl der Kongressteilnehmer, darunter Pavel Kohout und Václav Havel, bei den Wahlen des tschechoslowakischen Schriftstellerverbands zu kandidieren. Die oben genannten drei Redakteure wurden aus der Partei ausgeschlossen, andere Teilnehmer – wie Kohout – erhielten Verwarnungen. Die Zeitschrift wurde dem Kulturminister Karel Hoffmann unterstellt und büßte augenblicklich ihre Funktion als Dissidentenorgan ein. Alles dies wurde jedoch als Anzeichen gesehen, dass Novotný Schwierigkeiten hatte, sich wie einst auf der Stelle durchzusetzen. So führten die Sanktionen stattdessen zu einem breiten Protest von Journalisten, Künstlern und Schriftstellern. Eine „gesetzlich ungeregelte, aber disziplinierte Presseanarchie“ begann sich zu entwickeln.Jan Pauer: Der tschechoslowakische Reform- und Demokratisierungsprozess im Lichte der „Perestroika“. In: Tilly Miller (Hrsg.): Prager Frühling und Reformpolitik heute (= Akademiebeiträge zur politischen Bildung, Bd. 20). Olzog, München 1989, S. 44–57, Zitat S. 50. Im März 1968 wurde die Zensur schließlich abgeschafft.
Führungswechsel in der KPČ
Das politische System der ČSSR war in den 1960er Jahren in eine schwere Krise im Kampf zwischen Stalinisten und Liberalen geraten. Ab 1967 wurde die Position der Liberalen ständig stärker, und zwar sowohl im Zentrum, als auch in den Bezirken.Bodo Hechelhammer und Aleš Šulc: Der Bundesnachrichtendienst und der „Prager Frühling“ 1968. S. 49
Am 31. Oktober 1967 protestierten Studenten gegen die Zustände in ihren Wohnheimen. Staats- und Parteichef Antonín Novotný ließ die Proteste gewaltsam auflösen, was ihm im Zentralkomitee der KPČ jedoch massive Kritik eintrug. Auch die Sowjetunion, an die Novotný sich daraufhin wandte, gab ihm zu verstehen, dass er nicht mit Hilfestellung aus Moskau rechnen könne, vielmehr mit seinen Problemen selbst fertigwerden solle. Zum Jahresbeginn 1968 entluden sich die jahrelangen Spannungen zwischen dem linksdogmatischen und dem reformerischen Flügel der KPČ. Auf dem sogenannten Januartreffen des Zentralkomitees der KPČ am 4. Januar 1968 wurde Novotný als Erster Sekretär der KPČ durch Alexander Dubček, dem ersten Sekretär der Kommunistischen Partei der Slowakei, abgelöst und behielt bis zum 22. März lediglich das machtpolitisch wenig bedeutende Amt des Präsidenten der Republik.
Im März 1968 wurde zudem bekannt, dass Novotný geplant hatte, die Mitglieder des Reformflügels zu verhaften und hierzu bereits eine Namensliste mit 1.030 Personen angelegt worden war. General Vladimír Janko, der mit der Aktion beauftragt war, beging nach Bekanntwerden der Pläne am 14. März Selbstmord und Novotny musste nun auch vom Präsidentenamt zurücktreten.Tina Plasil: Die Flucht nach vorne. S. 6–7Konstantin Pritzel: Die Tschechoslowakei und der sozialistische Internationalismus in Aktion
Die Flucht des ranghöchsten Politoffiziers der Tschechoslowakischen Volksarmee, Jan Šejna, im Februar 1968, der wegen Betrugs und Unterschlagung vor Gericht gestellt werden sollte,Bernd Florath: Informationen der DDR-Staatssicherheit über die Lage in der ČSSR 1968 und dessen anschließender Verrat besiegelte nach Bekanntwerden endgültig die Niederlage seines Befürworters Novotný, der am 30. März 1968 das Amt des Staatspräsidenten an General Ludvik Svoboda, einen beliebten Politiker abgeben musste, der auch in der UdSSR respektiert wurde (Radio Prag, 18. August 1998). Das Amt des Parlamentspräsidenten übernahm am 18. April Josef Smrkovský, der von der Jugend geschätzt wurde.Tina Plasil: Die Flucht nach vorne. S. 7