mini|DDR-Ausgabe mit Ledereinband von 1960 Der Wilhelm Wolff gewidmete erste Band von Das Kapital (Karl Marx) trägt den Titel „Der Produktionsprozeß des Kapitals“ und erschien Mitte September 1867 beim Hamburger Verleger Otto Meissner.Eike Kopf: Wann erschien der erste Band des „Kapitals“ von Karl Marx tatsächlich? In: Beiträge zur Marx-Engels-Forschung 3, Berlin 1978, S. 81–92. Der Band geht der Frage nach, welchen Gesetzmäßigkeiten das Produzieren von nützlichen Dingen in einer Gesellschaft folgt, deren Reichtum in Waren, also dem tauschbaren Wert dieser nützlichen Dinge besteht. Viele der breit diskutierten Thesen, wie die Grundlagen der sog. Arbeitswerttheorie, werden bereits hier entwickelt.
Inhalt mini|Karl Marx im Erscheinungsjahr des ersten Bandes Des Kapitals (1867). Nur diesen Band konnte er zur Publikation fertigstellen, die anderen beiden Bände erschienen posthum, herausgegeben von Friedrich Engels. mini|Titelblatt der Erstausgabe 1867
Vorwort zur ersten Auflage Mit dem Werk sollen die „kapitalistische Produktionsweise und die ihr entsprechenden Produktions- und Verkehrsverhältnisse“ erforscht werden, d. h. die unter kapitalistischer Produktion herrschenden Gesetze, die sich notwendig durchsetzenden Tendenzen, „das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft“. (S. 11–15)alle Zitate aus Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Erster Band, Dietz Verlag, Berlin [DDR] 1962 (= MEW 23) Marx fasst „die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation als einen naturgeschichtlichen Prozeß“ auf. (S. 16) Der Einzelne, etwa der Kapitalist, ist daher nicht verantwortlich für die Verhältnisse, deren Geschöpf er ist.
Erster Abschnitt: Ware und Geld 1. Kapitel: Die Ware Gegenstand der Erklärung ist die kapitalistische Wirtschaftsweise, deren erstes Charakteristikum darin liegt, dass die einzelne Ware die Elementarform des von ihr produzierten Reichtums darstellt. Die „Kritik der politischen Ökonomie“ beginnt deswegen mit der Analyse der Ware. (S. 49)
Der Gebrauchswert (GW)
Die erste Eigenschaft der Ware ist, dass sie ein fürs menschliche Bedürfnis passend gemachtes Stück Natur ist; ein Ding, notwendig und nützlich für das Leben. Sie ist ein GW und damit der stoffliche Reichtum der kapitalistischen Gesellschaft. Der GW einer Sache hat seinen Grund in deren Eigenschaften. Diese Bestimmtheit macht sie zu Mitteln von je besonderen Bedürfnissen. Um ein Bedürfnis zu befriedigen, muss der GW in passender Menge zur Hand sein. Das Maß dieser Mengen kann nur GW derselben Sorte messen (Du sollst nicht Äpfel und Birnen addieren!). Daher – entgegen Nutzentheorie, welche die Nützlichkeit von den GW trennt und „das Bedürfnis“ als Abstraktion von seiner bestimmten Qualität konstruiert – sind GW, wie die auf sie bezogenen Bedürfnisse, inkommensurabel.
Die Benutzung des GW ist der – produktive oder individuelle – Konsum. Dabei kommt es nicht darauf an, ob zur Herstellung viel oder wenig Arbeitsaufwand nötig war. Die produzierten GW bilden den sachlichen Reichtum jeder Gesellschaft. Die kapitalistische Besonderheit liegt darin, dass die GW für den Markt produziert werden. (S. 49–50)
Der Tauschwert (TW) bzw. Wert
Die ökonomisch wesentliche Bestimmung der Ware ist, dass sie für den Austausch bestimmt ist. Der TW der Ware sieht von der Qualität des GW ab, denn sein quantitatives Verhältnis zu anderen TW beruht auf qualitativer Gleichsetzung unterschiedlichster Waren. Das „gemeinsame Dritte“, der Wert, ist keine stoffliche Eigenschaft, die aus dem GW kommt, sondern eine praktizierte Abstraktion vom GW. Der TW erscheint als etwas Zufälliges. Es ist auf dem Markt jede einzelne Ware austauschbar gegen jede andere. Die mannigfaltigen Austauschverhältnisse zeigen, dass der TW nicht durch das besondere Verhältnis zweier Güter bestimmt ist. Der TW der Waren einer Art drückt ihr Gleiches mit anderen aus, ist die Ausdrucksweise eines von ihnen unterscheidbaren Gehalts. Die Tauschbarkeit der Waren beruht auf einer allgemeinen Eigenschaft, die sie überhaupt erst verrechenbar macht. Nur diese einheitliche Qualität macht sie überhaupt quantitativ vergleichbar.
Die Quelle des Werts (wertbildende Substanz)
Die Gemeinsamkeit aller Waren ist, dass sie Produkte von Arbeit sind. Als TW sind sie die praktizierte Abstraktion von ihrem besonderen Inhalt und Zweck. Mit der Nützlichkeit der Arbeitsprodukte verschwindet der Nutzen der auf sie verausgabten Arbeit. Als TW sind sie reduziert auf „abstrakt-menschlicher Arbeit“. „Als Kristalle dieser ihnen gemeinschaftlichen Substanz sind sie Werte – Warenwerte.“ (S. 52)
Jede Arbeit ist so gut wie die andere, konkrete Arbeit gilt dabei als unterschiedslose menschliche Arbeit. Dies ist die Voraussetzung dafür, dass das Arbeitsprodukt, welches Nicht-Gebrauchswert für den Produzenten ist, zum Tausch gelangen kann. Wie der TW der Arbeitsprodukte ist auch die abstrakt-menschliche Arbeit – die „Wertsubstanz“ (S. 81) – keine willkürliche Abstraktion, sondern der Maßstab, der praktisch an jeder konkreten Arbeit geltend gemacht wird.
Die Wertgröße
Eine Ware hat nur einen Wert, weil abstrakt menschliche Arbeit in ihr vergegenständlicht ist. Also ist die Wertgröße bestimmt durch das Quantum der in ihr enthaltenen ‚wertbildenden Substanz‘, abstrakter Arbeit. Die Quantität der abstrakten Arbeit misst sich an ihrer Zeitdauer (Stunde, Tag), Arbeitszeit.
Arbeitszeit als Grund des Werts
Alle Arbeit gilt im Austausch der Produkte als Exemplar der gesellschaftlich normalen Verausgabung; die individuell verschiedenen Produktionsbedingungen, Intensität der Arbeit und Geschick der Produzenten werden diesem Maß des Werts subsumiert. Erst im Vergleich über den Austausch stellt sich also heraus, was die geleistete Arbeit wert war. Wo es um TW als Zweck der Arbeit geht, spielt Vorliebe, Tradition eines speziellen Gewerbes keine Rolle, Produktionszweigwechsel bzw. Mobilität ist selbstverständlich.
Das Geld
Die Reduktion aller verschiedenen Waren auf ihre gemeinsame Wertqualität existiert praktisch in ihrer Gleichsetzung mit einer Ware, die als von der Warenvielfalt unabhängige selbständige Wertgestalt fungiert. Sie verkörpert allen Waren gegenüber Wert und erhält dadurch die Form unmittelbarer Austauschbarkeit mit allen anderen Waren: Geld.
Die Geldware enthält den Gegensatz von GW und Wert unmittelbar an sich selber. Ihr GW ist, die selbständige Existenzweise des Werts und damit die universelle Zugriffsmacht auf den stofflichen Reichtum der Gesellschaft. Geld ist der Zweck der Produktion. Geld ist die Verkörperung des abstrakten Reichtums der kapitalistischen Gesellschaft.
Der „Fetischcharakter“ der Ware
Durch den in der Ware enthaltenen Gegensatz von GW und TW erscheint der spezifisch-gesellschaftliche Charakter der Arbeit als notwendige Eigenschaft von Sachen (Waren bzw. Geld). Wahr ist, dass der Zweck der Arbeit in Ware und Geld vergegenständlicht ist. Den Notwendigkeiten von Ware und Geld folgen die unabhängigen Privatpersonen, indem sie ihren Vorteil verfolgen und dabei mit Marktbedingungen konfrontiert werden, die sich „hinter ihrem Rücken“ einstellen. Fetisch ist, wenn man nicht zur Kenntnis nimmt, dass es sich dabei um einen herrschenden ökonomischen Zweck handelt, sondern ein Bewusstsein von quasi-natürlichen Eigenschaften der GW entwickelt.
Grund des „Fetischs“ ist, dass die Bürger den Zwang, den die sachlichen ökonomischen Verhältnisse darstellen, als ihre Chance behandeln; als Freiheit, die sich auf den Zweck, dem sie dient, wie auf eine vorausgesetzte Bedingung ihrer Betätigung bezieht und ihn als sachgerechte Entscheidung des eigenen Interesses praktiziert. Dafür müssen alle Produzenten die ihnen gewährte Freiheit an die Erfordernisse einer dem Wert unterworfenen Produktion anpassen. Die Freiheit bildet also keinen Gegensatz zum ökonomischen Zwang, sondern ist Mittel der Konkurrenz um den TW im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft.
2. Kapitel: Der Austauschprozeß Das Geld ist das gesellschaftlich gültige allgemeine Äquivalent, in dem alle Waren ihr Wertdasein objektiv ausdrücken. Die Waren müssen sich daher im Austauschprozess – als gesellschaftliches Verhältnis der die Warenbeziehungen vermittelnden Subjekte – auf das Geld beziehen. Dass die Privatproduzenten sich als Repräsentanten der Warenwerte, d. h. als Käufer und Verkäufer gegenübertreten, unterstellt die Anerkennung des Privateigentums: Eigentum heißt Trennung von Bedürfnis und Mitteln seiner Befriedigung als Bedingung ihres Zusammenkommens – unter der Voraussetzung der Preisrealisierung.
Weil die Dinge des Genusses etc. mir nicht gehören, sondern anderen, trete ich als Käufer an und schaffe das Geld herbei, um den Warenpreis zu realisieren.
Die Gültigkeit des Rechtsverhältnisses ist eine Sache des Staates. Die politische Gewalt ist nötig – sie macht den Ausschluss per Privateigentum zur allgemeinen Lebensbedingung und sorgt für dessen Respektierung – damit das freiheitliche Verhältnis der Personen zur Welt der Waren und des Geldes, und entsprechend zueinander, möglich ist (Kein Mensch macht einen Vertrag, wenn nicht Gültigkeit durch politische Gewalt gegeben ist und gewusst wird). Statt persönlicher Abhängigkeit herrscht die Freiheit ökonomischer Charaktermasken, d. h. Unterwerfung unter den gesellschaftlichen Charakter der Waren, deren Zweck gar nicht in ihrem Gebrauch besteht.
Geldfetisch
Wenn der Staat die gesellschaftliche Gültigkeit seines Geldes und damit den Austausch als dauerhaftes, die gesellschaftliche Produktion und Verteilung der Güter im Gemeinwesen bestimmendes, ökonomisches Verhältnis setzt, dann bezieht jeder Privatproduzent seine Waren im Austauschprozess auf das Geld als vorgefundenes gesellschaftlich gültiges Äquivalent. Auf diese Weise reproduziert sich die gesellschaftliche Objektivität dieses Verhältnisses im bewussten Handeln der Individuen. So gewinnt der Warenfetisch im Geld seine gegenständliche Vollendung.
3. Kapitel: Das Geld oder die Warenzirkulation Die Realisierung des Warenwerts stellt sich als Beziehung der Ware auf das Geld dar und erzeugt dadurch besondere Formbestimmungen, die als Kategorien der Warenzirkulation zugleich Funktionen des Geldes sind.
Maß der Werte Die erste Funktion des Geldes „besteht darin, der Warenwelt das Material ihres Wertausdrucks zu liefern oder die Warenwerte als gleichnamige Größen, qualitativ gleiche und quantitativ vergleichbare, darzustellen. So funktioniert es als allgemeines Maß der Werte“ (S. 109). Eine spezifische Ware, Gold, dient als Verkörperung des Werts und ist als solche das einheitliche Maß des Werts aller anderen Waren. Alles hat seinen Preis, das heißt, jede Ware ist als bloßer Stellvertreter des eigentlichen gesellschaftlichen Reichtums mit einem Quantum Geld gleichgesetzt. Für diese Funktion des Geldes ist dessen Existenz bloß unterstellt, sein wirkliches Vorhandensein in dem entsprechenden Umfang nicht vonnöten, denn der Ausdruck des Warenwerts im Preis ist nur ideell. Eine zweite Funktion verrichtet das Geld als Maßstab der Preise (S. 112): Durch die Fixierung der Geldware als technischem Maßstab – ursprünglich als festgesetztes Metallgewicht – und die Einteilung in aliquote Einheiten (z. B. Euro & Cent) vergleichen sich unterschiedliche Preise untereinander. Die Staatsmacht sorgt für die objektive Gültigkeit des Wertmaßes und die Verbindlichkeit des Preismaßstabs, also für die Notwendigkeit des Geldverdienens, um an die Mittel des Bedarfs zu gelangen. Das „harte Geld lauert hinter dem ideellen“ (S. 118), weil der Zugang zum konkreten Reichtum – Gebrauchswert – davon abhängig gemacht ist, dass man das nötige Geld hat. Der durch das Privateigentum gesetzte Zwang zum Tausch stiftet einen gesellschaftlichen Zwangszusammenhang, der sich als „Bedürfnis“ nach Geld bzw. als Schranke der Verfügung darüber geltend macht.
Zirkulationsmittel