mini|Hinweis auf den Ort der ersten japanischen Bibliothek „Untei“, die ab 770/80 in Nara öffentlich zugänglich war Die Geschichte des japanischen Bibliothekswesens ist stark verwoben mit der Geschichte des schriftlich fixierten Wortes – der Geschichte des Buches. Die Einflüsse Chinas sind spätestens mit der Einführung der chinesischen Schrift im 4. Jh. und zahlreichen Texten, besonders bei religiösen, offenbar.

Geschichte

Beginn Die Geschichte des japanischen Bibliothekswesens steht im direkten Kontext zu dem Erblühen verschiedener Grundzüge der chinesischen Kultur – einschließlich Buddhismus, Konfuzianismus, Schrift und der Verwaltung. Vorbild war die Tang-Dynastie, 619–907. Ein Beispiel frühster Bibliotheksform begegnet uns in dem Beginn der Schriftkopie buddhistischer Texte, die aufgrund ihrer hohen Nachfrage und Ortsgebundenheit zu einer blühenden Verbreitung der Tempel, deren Mitglieder sie vervielfältigten, führte.

Die bedeutendste Bibliothek des alten Japans wurde von Hōjō Sanetoki (, 1224–1276) gegründet, der in der Kamakura-Regierung verschiedene Posten bekleidete. Auf seinem Anwesen in KanazawaHeute Stadtteil von Yokohama., nicht weit von Kamakura, soll er dafür ein Gebäude errichtet haben. Diese Bibliothek, Kanazawa Bunko (), wurde auch von seinen Nachkommen weiter gepflegt. Der Bestand soll zwanzigtausend Bände überstiegen haben und umfasste das ganze Wissen jener Zeit. Nach dem Fall der Kamakura-Regierung 1333 und dem damit verbundenen Fall der Hōjō kümmerte sich der benachbarte Tempel Shōmyō-ji weiter um die Bestände. Große Teile daraus wurden aber nach und nach weggebracht, wobei die damals entnommenen Bestände leicht kenntlich sind durch den Stempel Kanazawa Bunko. Nach 1868 wurde der Bunko mit einem eigenen Gebäude am alten Ort wieder errichtet. Er wurde zunächst der Präfekturbibliothek Kanagawa unterstellt, seit 1955 wird er als Museum der Präfektur geführt, in dem auch Kunstgegenstände aus der Kamakurazeit gezeigt werden. Das jetzige Gebäude wurde 1990 errichtet. Es vereint in gelungener Weise Bibliotheks- und Museumsfunktionen. Die Bibliothek besitzt eine Sammlung von 29.000 alten Büchern und Dokumenten.

Die wichtigste Bibliothek der Edo-Zeit wurde durch Tokugawa Ieyasu begründet, der nicht nur ein fähiger Feldherr und Politiker war, sondern auch großes Interesse an Büchern hatte. Er richtete 1602 eine Bibliothek innerhalb des Burgbereiches in Edo an, die nach ihrer Unterbringung im Fujimi-Pavillon Fujimi-tei Bunko genannt wurde. Die Bibliothek wurde 1639 unter Ieyasus Enkel Iemitsu in den „Herbstlaub-Berg“ (, Momijiyama) genannten Bereich der Burg verlegt, von der sie ihren neuen Namen und Stempel erhielt. Die Bibliothek unterstand dem „Kommissar für Publikationen“ (, Shomotsu bugyō), dessen Stelle 1633 innerhalb des Tokugawa-Shogunats eingerichtet worden war.

Unter den etwa 90 Leitern, die bis zur Auflösung des Amtes gezählt werden, finden sich Gelehrte wie der durch sein botanisches Wissen bekannte Aoki Konyō (1698–1769), der Erforscher von Hokkaidō und den Kurilen, Kondō Jūzō (1771–1829) und der Astronom und Geograph Takahashi Kageyasu (1785–1829). Takahashi, der die Landkarten herausgab, die auf der ersten exakten Landesvermessung Japans durch Inō Tadataka (1745–1818) basierten, ist durch den „Siebold-Zwischenfall“ auch im Westen bekannt geworden.

Die Bestände der Momijiyama-Bibliothek befinden sich heute zum Teil im Nationalarchiv, zum Teil im Archiv des Kaiserlichen Hofamtes.

Meiji-Zeit Die Meiji-Zeit (1868–1912) ist Synonym eines hohen Reformwillens – sie beschreibt die neuerliche Erstarkung des Kaisers und das Ende des Schwertadels. Orientierung an politischen, bildungspolitischen und militärischen Verfahrensweisen des Westens (USA, Preußen und Frankreich) suchten das Land den Industriemächten zu nähern.

In dieser Zeit, in der zahlreiche Beamte ins Ausland entsandt wurden, entwickelten sich Berührungspunkte zu dem Bibliothekswesen Europas und Amerikas, besonders die amerikanische public library hinterließ einen starken, im Heimatland aufmerksam reflektierten, Eindruck.

Die gesellschaftliche Dynamik der neuen Verfassung des neuen Schulwesens und der zunehmenden Öffnung des Landes gebar im Jahr 1872 zahlreiche Zeitungslesestellen. Der öffentliche Dialog und die Produktion von Zeitungen und Drucksachen stieg sprunghaft, erste Vereinsbibliotheken wurden gegründet. Die Buchhandlung Kyōto gründete die Büchersammlungsgesellschaft, in der gegen einen Jahresbeitrag oder ein „Medienentgelt“ Bücher entliehen werden konnten. Doch bereits 1875 hemmte ein Erlass zur Kontrolle der Zeitungen und dem Verbot der Kritik an der Regierung diese Entwicklung spürbar.

Ebenfalls 1872 wurde, auf Anraten eines Beamten des Kultusministeriums, die Shojakukan gegründet, eine frühe Form der National- und Parlamentsbibliothek, ein in einem Hörsaal der Universität Tokio aufgestellter Bücherbestand.

Trotz der erlassenen Restriktionen gab es zahlreiche positive Entwicklungen, wie die Gründung der Nihon Toshokan Kyōkai (engl. Japan Library Association, JLA) 1892, die Gründung der Kaiserlichen Bibliothek (Teikoku Toshokan) 1898 und der 1899 folgenden Ratifizierung der Bibliotheksverordnung zur Gründung Öffentlicher und privater Bibliotheken. Diese erhielten die Möglichkeit, Gebühren zu erheben. Erste Initiativen entstanden in der Präfektur Akita. Einflüsse des amerikanischen Bibliothekswesens wurden Dank Kichiro Yuasa (1858–1943), der seine Ausbildung in Amerika erfuhr, besonders früh in Tokio spürbar. Die 1910 erlassene Verordnung „Richtlinien zur Gründung von Bibliotheken“ regte den Wuchs öffentlicher Bibliotheken an und förderte diese Entwicklung 1919 durch Gründung der Abteilung Volksbildung unter dem Kultusministerium zusätzlich.

Taisho-Zeit und Militarismus Die Weltwirtschaftskrise und das folgenden Aufbegehren materiell benachteiligter Bevölkerungsteile, die sich auch in den Volksbibliotheken organisierten, führten zu einer Anpassung der Bibliotheksverordnung. Präfekturbibliotheken erfuhren Wandel in Zentralbibliotheken unter neuen Kontrollvorgaben. Die 1931 gegründete „Proletarische Bibliothek“ wurde geschlossen, Angestellte und Lehrende, die marxistische, kommunistische, pazifistische Inhalte publizierten, verwalteten und kommunizierten wurden ihren Positionen enthoben oder verhaftet. An der Säuberung der Bibliotheksbestände waren neben den Staatsbeamten auch Bibliothekare aktiv beteiligt.

Während des Zweiten Weltkrieges dienten die Bibliotheken primär der Verbreitung von Propaganda und Kriegsideologie, militärisches und nationalistisches Schriftgut wurden über Wanderbibliotheken den Adressaten zugeführt. Wertvolle Bestandssegmente wurden ausgelagert, Bibliotheksbauten vom Staat umfunktioniert, Angestellte wurden eingezogen oder mit der Munitionsproduktion betraut. Die Folgen der furchtbaren Ereignisse fanden deutliches Echo in Beständen als räumlicher Infrastruktur.

Nachkriegszeit Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, während der amerikanischen Besatzung, verschwanden erneut ideologisch einseitig geprägte Literatursegmente, diesmal wurde das militär- als nationalorientierte Schrifttum beschlagnahmt. Die vor und während des Krieges verbotene Literatur wurde von den Alliierten wieder genehmigt. Obgleich von der Revision private Bibliotheken ausgenommen waren, gilt die Reorganisation der Bestände als umfassend.

Die Reform des Erziehungswesens durch die amerikanischen Besatzer führte ebenfalls zu einer Evaluation des öffentlichen Bibliothekswesens, besonderer Fokus ruhte auf der Stärkung der Demokratie. Schwerpunkte bildeten somit die Chancengleichheit aller Nutzer in Benutzung der Bibliotheken, die Organisation von Kinderbibliotheken und die allgemeine Verfügbarkeit auch umstrittener Quellen.

1948 wurde nach Erlass des National- und Parlamentsbibliotheksgesetzes die Nationale Parlamentsbibliothek (NDL) gegründet.

1950 wurde das Bibliotheksgesetz ratifiziert, das primär an die öffentlichen und privaten Bibliotheken adressiert war. Schwächungen ruhten im Vorschlagscharakter des Gesetzes, die Errichtung von Bibliotheken und das Einstellen ausgebildeter Mitarbeiter wurde nicht ausdrücklich zur Pflicht erhoben.

Es folgten Bemühungen, Mütter und Kinder als Kerngruppen stärker wahrzunehmen. Auf die Initiative von Lehrern und einzelnen Bibliotheken wurden „Parent Teacher Associations“ gegründet, ein Projekt in dem Schüler für ihre Müttern ausgewählte Lektüre entliehen, die später gemeinsam kommuniziert werden konnte. Die Präfekturbibliothek Kagoshima versuchte, mit dem Projekt „Zwanzig Minuten Lektüre von Mutter und Kind“ durch das Vorlesen daheim eine höhere Lesekompetenz zu erreichen und das Interesse an Literatur zu fördern.

Im Jahr 1952 gab es durch die Zerstörungen des Kriegs noch große Defizite: 70 % der städtischen Bibliotheken verfügten nur über einen Bestand von unter 20.000 Bänden, 66 % der Gemeindebibliotheken konnten nicht einmal über 2000 Bände verfügen.

Im Folgenden wurde die Rolle der öffentlichen Bibliothek weiterhin gestärkt; Schwerpunkt war eindeutig der möglichst freie Zugriff auf Literatur als unerlässliches Instrument der Demokratisierungsbemühungen. Die 1964 gegründete Stadtbibliothek Hino, die ohne einen Bibliotheksbau auskommen musste, konnte sehr hohe Leihzahlen durch einen Bücherbringdienst erzielen.

Universitätsbibliotheken Das nach der Meiji-Restauration an Deutschland orientierte Hochschulwesen folgte nach Ende des Zweiten Weltkrieges neuen Impulsen, für uns am wichtigsten – die 1991 verabschiedete staatliche Verpflichtung Hochschulen, ausnahmslos, mit Bibliotheken auszustatten und für den Einsatz geschulten Personals Sorge zu tragen. Ein Jahr zuvor wurden die größten Universitätsbibliotheken zum gezielten Sammeln, Verzeichnen und Bewahren von ausländischer wissenschaftlicher Literatur berufen, vergleichbar mit den Sondersammelgebietsbibliotheken in Deutschland. Anfänglich führte dieses allerdings zu einem Verlust an Ressourcen für die unmittelbaren Belange der Studierenden.

Die japanische Universitätslandschaft kennt zahlreiche Zweige. Neben den staatlichen Universitäten begegnen uns noch private Universitäten, höhere Fachschulen und zweijährige Kurzzeithochschulen.

Für die staatlichen Bibliotheken muss, anders als in Deutschland, der Bibliotheksdirektor gleichzeitig eine Professur nachweisen, reine „Berufsbibliothekare“ sind nur in seltenen Einzelfällen als Leiter ein Universitätsbibliothek gestattet. Grund ist eine höhere Sensibilisierung und Sachkenntnis für die Belange des Universitätsbetriebs, der angewandten Forschung und Lehre. Eine mögliche Synergie begegnet uns in Direktoren, die eine Professur in Bibliothekswissenschaften erlangt haben. Universitätsbibliotheken verfügen über ein Gremium, in dem neben dem Direktor, Professoren und bibliothekarische Abteilungsleiter zum Beispiel über den Etat, Fragen der Benutzung und die Anschaffung besonderer Medien beraten. U. a. aufgrund der unterschiedlichen Universitätstypen und Trägern ist der Hintergrund des Personals sehr heterogen. Häufig nehmen Verwaltungskräfte Aufgaben innerhalb der Bibliothek war. Kraft verstärkter Aus- und Weiterbildung ändert sich das Verhältnis aber zunehmend zugunsten geschulten Personals.

Eine wichtige Universitäre Einrichtung im Bezug auf die Ausbildungssituation innerhalb des Bibliothekswesens begegnet uns in ULIS [University of Library and Information Science]. Erste Kursangebote wurden bereits im Jahre 1918 in der Imperial Library angeboten, in den folgenden Jahrzehnten musste ULIS zahlreichen historischen Änderungen Rechnung tragen [Wandel der Imperial Library in NDL usw.]. Seit 1980 ist ULIS in Tsukuba [Ibaraki], etwa 30 Meilen außerhalb Tokyos beheimatet. Bachelor- [gakugei gakushi] und Masterabschlüsse [gakujutsu shushi] können hier erlangt werden, genauso wie die Qualifikation zum Lehrerbibliothekar [Einsatz in Schulen] und das vom Staat verlangte Zertifikat für die Grundarbeit in Bibliotheken.