Zenaga [Eigenbezeichnung: Tuẓẓungiyyä]Taine-Cheikh, Catherine 2008: Dictionnaire zénaga-français, S. xv. ist eine Berbersprache, die zwischen Mederdra und der Atlantikküste in Süd-Mauretanien gesprochen wird. Die Sprecherzahl wurde im Jahr 2008 auf knapp 5000 geschätzt,Taine-Cheikh, Catherine 2008: Dictionnaire zénaga-français, S. xix. mit abnehmender Tendenz. Die Sprache ist vom Aussterben bedroht, da sie nur noch von älteren Personen gesprochen und nicht an Kinder weitergegeben wird. Letztere lernen stattdessen Hassania, den in Mauretanien dominierenden Dialekt der Arabischen Sprache, der seinerseits eine größere Zahl Lehnwörter aus dem Zenaga enthält.

Zenaga ist wahrscheinlich die ungewöhnlichste überlebende Berbersprache. Die Sprache hat zwar die gleiche Grundstruktur wie andere Berbersprachen, aber Lautveränderungen wie l → y, ɣ (q) → ʔ und die Aufgabe der ursprünglichen Vokalquantitäten haben das Bild der Sprache stark verändert.

Der Name Zenaga kommt von einem früher viel größeren Berberstamm, den arabische Geografen des Mittelalters Sanhadscha nannten. Der Name des Flusses Senegal leitet sich ebenfalls von Zenaga ab.

Zenaga wird von muslimischen Nomaden gesprochen, die schwarzafrikanische und mittelöstliche Vorfahren haben. Einige sind Nachfahren von Sklaven, die vor Jahrhunderten in diversen Kriegen gefangen genommen wurden.

Der ISO 639-2 Code für Zenaga ist: zen.

Lautsystem Konsonanten Das Zenaga unterscheidet eine relativ große Zahl von Konsonanten:

Labiale Dentale emphatischeDentale Palatale Velare Postvelare Pharyngale stimmlose Plosive t č k (q) stimmhafte Plosive b d ḍ ǧ g stimmlose Frikative f θ θ̣ (x) (ḥ) stimmhafte Frikative v ð ð̣ ɣ (ʕ) stimmlose Sibilanten s š stimmhafte Sibilanten z ẓ ž, ž̠ Nasale m n ñ

Dazu kommen l, r, w, y, sowie die Glottale ʔ, h. Die eingeklammerten Laute sind selten und vor allem in arabischen Fremdwörtern anzutreffen.

ž̠ ist eine schwächer artikulierte Variante von ž.

Die Konsonanten f, t und k kommen (mit sporadischen Ausnahmen in arabischen Fremdwörtern) nicht zwischen Vokalen vor, sondern werden dort durch v, ð bzw. g ersetzt. Der Konsonant v kommt im Wesentlichen auch nur in dieser Position vor und kann daher als positionsbedingte Variante von f aufgefasst werden.

Kurze und lange Konsonanten Wie die anderen Berbersprachen kennt auch das Zenaga einen Gegensatz von kurzen und langen Konsonanten. Ein Wechsel von kurzen und langen Konsonanten findet unter anderem bei vielen Verben zwischen dem Präteritum und dem Durativ statt. Bei einem Teil der Konsonanten besteht tatsächlich nur ein Unterschied bezüglich der Länge, so etwa bei t, m und f. Die folgende Tabelle zeigt einige solche Alternationen (lange Konsonanten sind doppelt geschrieben):

Paar kurz-lang Beispielverb mitder Bedeutung... 3.sg.mask.Präteritum 3.sg.mask.Durativ t - tt „bleiben“ yuktäy yikättäy m - mm „ertragen“ yiž̠mär yiž̠ämmär f - ff „sich ausbreiten“ yətfä yiðäffä

Bei einem anderen Teil der Konsonanten wird der Unterschied in der Länge von einem zusätzlichen Unterschied in der Artikulation begleitet. Zusammengehörige Paare lassen sich gut anhand der Alternationen im Verbalsystem identifizieren. Folgendes sind die wichtigsten zusammengehörigen Paare:

Paar kurz-lang Beispielverb mitder Bedeutung... 3.sg.mask.Präteritum 3.sg.mask.Durativ š - ss „hinabsteigen“ yukšär yikässär ð - dd „liegen“ yūðäž̠ yāddäž̠ ð̣ - ḍḍ „leihen“ yuṛð̣äy yiṛaḍḍäy θ - zz (keine Alternation im Verbalsystem bekannt) θ̣ - ẓẓ „zerbrechen“ yaṛθ̣a yiṛaẓẓa y - ll „werfen“ yəž̠yäh yiž̠älläh ž̠ - žž (keine Alternation im Verbalsystem bekannt)

Infolgedessen kommen Konsonanten wie š, y etc. überwiegend als Kürzen, Konsonanten wie s, l etc. überwiegend als Längen (ss, ll) vor. Die jeweils umgekehrte Variante (šš, yy, s, l etc.) ist in der Regel ebenfalls möglich, jedoch seltener und zum Teil weitgehend auf arabische Fremdwörter beschränkt.

Lange Konsonanten können prinzipiell auch am Anfang und Ende eines Wortes stehen. In diesem Fall ist die Länge allerdings kaum oder nicht hörbar. Sofern die Längung mit einem Wechsel der Artikulationsart einhergeht, bleibt die Unterscheidung trotzdem gewahrt. In anderen Fällen kann die Opposition von Kürzen und Längen in dieser Position verlorengehen. Beispielsweise beginnt der Durativstamm zahlreicher Verben mit tt- (yə-ttättä „er isst“). Wenn aber kein Präfix vorangeht, ist die Doppelung weder als Länge hörbar noch in der Artikulationsart, da sich diese zwischen kurzem und langem t nicht unterscheidet (tättaʔn „sie essen“ statt *ttättaʔn).

Emphatische Konsonanten Das Zenaga besitzt wie andere Berbersprachen und das Arabische emphatische Konsonanten, die durch einen untergestellten Punkt markiert werden. Sie werden mit einer Verengung des Mundraums durch Anhebung der Zunge artikuliert und wirken sich auch auf die Artikulation benachbarter Vokale aus. Da sich das Phänomen oft auf Silben oder ganze Wörter erstreckt, kann zweifelhaft sein, welche Konsonanten genau als emphatisch zu notieren sind. Man nimmt für das Zenaga wie generell für andere Berbersprachen an, dass vor allem ḍ und ẓ (sowie deren Varianten ð̣ und θ̣) primär emphatisch sein können und sich die Emphase von dort auf benachbarte Konsonanten ausbreitet. Doch kommen im Zenaga besonders ṛ, f̣ und ṃ ebenfalls als primär emphatische Laute vor.

Vokale In der Dokumentation von Taine-Cheikh werden folgende Kurzvokale unterschieden: a, ä, o, ə, i, u. Die Vokale sind aber teilweise durch die konsonantische Umgebung vorhersagbar. Wahrscheinlich liegen nur zwei Phoneme vor: /a/ (häufigste Realisierung ä, daneben a vor allem neben ʔ und emphatischen Konsonanten, sowie o vor allem neben Labialen und Velaren), sowie /ə/ (im Wechsel mit i, neben Labialen und Velaren oft u). In der Dokumentation treten ə und i mehr oder weniger als freie Varianten auf; sie werden hier aber gemäß den Quellen wiedergegeben.

Des Weiteren existieren drei Langvokale: ā, ī, ū. Diese sind klar unterschieden und werden nicht so sehr wie die Kurzvokale durch die konsonantische Umgebung beeinflusst.

Glottal stop Der Glottal stop (Symbol ʔ) kommt im Zenaga außergewöhnlich häufig vor, jedoch nie als Länge. Er zeigt die positionelle Besonderheit, dass er nur im Wortinnern am Silbenende, also vor einem Konsonanten erscheint. Am Wortende kommt kein offensichtlicher glottal stop vor, doch besteht folgender interessanter Zusammenhang: Wörter, die auf einfachen Vokal enden, erhalten einen glottal stop, sobald ein Suffix angefügt wird: yəttättä „er isst“ - tättaʔ-n „sie essen“. Man kann annehmen, dass diese Wörter in der zugrundeliegenden Form auf glottal stop enden, der aber am Wortende nicht artikuliert wird. Wörter, die auf -h enden, verlieren dieses vor Suffix: yənäbbäh „er sagt“ - näbbä-n „sie sagen“. Man kann annehmen, dass diese Wörter in der zugrundeliegenden Form auf Vokal enden, der aber am Wortende in -h ausklingt. Langvokale gehören immer zur zweiten Gruppe, d. h., sie klingen am Wortende in -h aus und haben keinen verborgenen glottal stop: yəttäggāh „er hört auf“ - täggā-n „sie hören auf“

Personalpronomen Das Zenaga unterscheidet beim Pronomen das Geschlecht nicht nur – wie das Deutsche – in der 3. Pers. sg., sondern in den 2. und 3. Personen im Singular und Plural:

selbständig Suffix nachPräposition Possessiv-suffix Objektsuffix Objektsuffixnach ʔ Dativsuffix 1.sg. „ich“ niʔkk -iʔh -iʔn -iʔh -iʔh -iʔh 2.sg.mask. „du“ kəkk -ki -ənk -ki -āg -āg 2.sg.fem. „du“ kəmm -käm -əm -käm -ām -ām 3.sg.mask. „er“ nəttä -š -ənš -ti -iʔh -āš 3.sg.fem. „sie“ nəttäʔhäð -š -ənš -täð -iyäð -āš 1.pl. „wir“ nəkni -näg -ənnaʔn -aʔnäg -aʔnäg -aʔnäg 2.pl.mask. „ihr“ nətni -kūn -ənnūn -kūn -āgūn -āgūn 2.pl.fem. „ihr“ nətnaʔgəmñäð -kəmñäð -ənnäðkəmñäð -kəmñäð -āgəmñäð -āgəmñäð 3.pl.mask. „sie“ nəhni -šän -ənšän -tän -nän -āšän 3.pl.fem. „sie“ nəhnäʔññäð -šəññäð -ənšəññäð -təññäð -ññäð -āšəññäð

Substantiv Übersicht Das Substantiv bildet im Zenaga zwei Genera (Maskulinum und Femininum) sowie zwei Numeri (Singular und Plural). Diese werden generell durch Präfixe und/oder Suffixe markiert, so dass Genus und Numerus normalerweise aus der Form ablesbar sind. Für die meisten Substantive gilt das folgende Schema:

Singular Plural maskulin a- ə-an feminin ta-t tə-ən

Dabei wird das Phonem /a/ je nach Kontext durch a, ä oder o, das Phonem /ə/ je nach Kontext durch ə, i oder u realisiert.

Diese Formenbildung kann man gut an Stämmen wie den folgenden illustrieren, die in beiden Geschlechtern vorkommen: ämɣar „alter Mann, Chef, Sheich“ - uṃɣarän „alte Männer“ - tämɣart „alte Frau“ - tuṃɣarən „alte Frauen“ (Stamm: -mɣar-) oʔḅḅäy „Sklave“ - uʔḅḅäyän - toʔḅḅäll „Sklavin“ - tuʔḅḅäyn „Sklavinnen“ (Stamm: -ʔḅḅäy-) ärð̣äy „männliche Hyäne“ - ərðäyän „männliche Hyänen“ - tärðäll „weibliche Hyäne“ - tərðäyin „weibliche Hyänen“ (Stamm: -rð̣äy-) äyiʔm „männliches Kamel“ - iʔymän „männliche Kamele“ - täyi(ʔ)mt „weibliches Kamel“ - tiʔymən „weibliche Kamele“ (Stamm: -yiʔm- ~ -ʔym-) äðuʔmri „männliche Wüstenspringmaus“ - əðuʔmräʔn „männliche Wüstenspringmäuse“ - täðuʔmriʔð „weibliche Wüstenspringmaus“ - təðuʔmraʔn „weibliche Wüstenspringmäuse“ (Stamm: -ðuʔmr-)

Im Detail kommen zahlreiche Besonderheiten und Unregelmäßigkeiten hinzu. Zu beachten ist insbesondere: Die meisten Feminina beginnen mit einem Präfix t- und enden (im Singular) mit einem Suffix -t. Eine geringe Zahl femininer Substantive weist das Suffix nicht auf, z. B. taxssäh „Bauch“, täwž̠ih „Ei“, täšši „Kuh“. Ganz vereinzelt fehlt auch noch das feminine Präfix: yuṃṃih „Mutter“, yäðmäh „Schwester“. Die Endung -t für das Femininum Singular ist allerdings nur nach einigen Konsonanten direkt sichtbar (z. B. nach -m, -r, -k). Mit anderen Konsonanten verschmilzt sie zu einem langen Konsonanten, wobei dann die Artikulationsveränderungen eintreten, die oben im Abschnitt „Kurze und lange Konsonanten“ besprochen wurden (z. B. y + t → ll, θ̣ + t → ẓẓ). Nach Vokal (sehr selten) sowie nach Vokal + ʔ und Vokal + y wird die Endung -t als -ð realisiert. Auslautender Vokal wird vor Suffix wie Vokal + ʔ behandelt (vgl. oben den Abschnitt „Glottal stop“).

Die Pluralbildung im Einzelnen Zunächst einige weitere Beispiele für Pluralformen, die regelmäßig sind oder nur geringe Besonderheiten aufweisen: äššaʔr „Baum“ - šaʔrän „Bäume“ ägoʔðər „Geier“ - əgoʔðərän „(die) Geier“ täyəṛθ̣aẓẓ „Hase“ - tiyəṛθ̣aθ̣ən „Hasen“ äššäbbäš „Jahr“ - iššäbbäšän „Jahre“ oʔf̣f̣uð „Knie“ - uʔf̣f̣uðan „(die) Knie“ äšäggär „Schlüssel“ - əšäggärän „(die) Schlüssel“ äwgθīh „Sohn“ - ugθān „Söhne“ (Kontraktion -īh + -an → -ān) äðäri „Stern“ - əðärän „Sterne“ (-i des Singulars fällt bei diesem Wort im Plural ab) aṣṣ „Tag“ - uṣṣan „Tage“ äwkši „Zahn“ - ūkšän „Zähne“ (ə + w → ū)

Gelegentlich kommt im Plural gegenüber dem Singular ein glottal stop hinzu oder es fällt einer fort: að̣aʔṛ „Fuß“ - əð̣aṛan „Füße“ täwrəss „Weg“ - tuʔršaʔn „Wege“ (am Ende š + t → ss)

Einige Wörter, besonders solche, die auf Vokal plus -h auslauten, zeigen eine Pluralendung -ayn: taθ̣uð̣ „Axt“ - tīθ̣äyn „Äxte“ täwž̠ih „Ei“ - tūž̠äyn „Eier“ täwgθətt „Tochter“ - tugθäyn „Töchter“ ägunnih „Wald“ - ugunnäyn „Wälder“

Andere Wörter zeigen eine Pluralendung -ūn. Häufig haben diese nicht die sonst üblichen Alternationen bei den Präfixen: taxssäh „Bauch“ - taxssūn „Bäuche“ əll „Fluss“ - ällūn „Flüsse“ əmmi „Mund“ - əmmūn „Münder“ əθri „Seite“ - äθrūn „Seiten“

Zahlreiche Substantive ändern im Plural ihren Stamm. Die häufigste Änderung besteht in der Ersetzung eines Stammvokals -i-/-ə- oder -u- des Singulars durch -a- im Plural: tänf̣uẓẓ „Backenzahn“ - tənf̣aθ̣ən „Backenzähne“ aʔžžiy „Esel“ - uʔžžäyän „(die) Esel“ təffiʔð „Geschenk“ - tuf̣f̣aʔn „Geschenke“ tunḍull „Grab“ - tunḍayən „Gräber“ əmīð̣niš „Maus“ - əmāð̣näššän „Mäuse“ äʔžžər „Monat“ - īžžärän „Monate“ taɣθəll „Niere“ - tuɣθäyin „Nieren“ täššänḍuḍḍ „Spiegel“ - təššändäðən „(die) Spiegel“ aɣð̣uð̣ „Vogel“ - uɣð̣að̣än „Vögel“ täḅyuɣiʔð „Wolke“ - tuḅyaɣən „Wolken“