mini|Zwei junge Frauen in Athleisure Wear, Valencia, 2021 Athleisure oder Athleisure Wear (Neologismus aus und ) ist der in den 1990er Jahren in den USA entstandene Trend in der Kleidermode, Sportbekleidung im Alltag zu tragen. Dazu können etwa Leggings, Shorts, Sport-BHs, Jogginghosen, Kapuzenpullover, Outdoorjacken, Regenjacken und Sneaker gehören. Die Kleidung soll bewusst wie Sportbekleidung aussehen, größtmöglichen Komfort und Funktion bieten und zugleich modisch sein.
Geschichte
Vorgeschichte: Sportswear und der American Look mini|Sportmode von Coco Chanel, entworfen für das Ballett Le train bleu, 1924 Im Zuge der Industriellen Revolution wurde Sport im 19. Jahrhundert zur Freizeitbeschäftigung, für die darauf angepasste Kleidung entstand, etwa Badeanzüge oder Bloomers. Sportlerinnen wie Jane Régny und Suzanne Lenglen, aber auch Designerinnen wie Coco Chanel entwarfen modische Sportkleidung. Vielseitige Sportbekleidung gewann in den Pariser Kollektionen zunehmend an Bedeutung und die Presse warb dafür, solche Kleidungsstücke auch im Alltag zu tragen. Mitte der 1920er Jahre begannen auch amerikanische Werbetreibende, die Idee zu verbreiten, dass sportliche Kleidung für den Alltag ebenso geeignet sei wie für sportliche Aktivitäten, und präsentierten sie als Inbegriff der Modernität und des amerikanischen Ideals. So entstand der American Look, auch Sportswear genannt, der unter anderem von den Modedesignerinnen Claire McCardell, Clare Potter und Elizabeth Hawes vertreten wurde.
In den 1960er und 1970er Jahren veränderte sich in den USA der Lifestyle: ein gesunder Körper und Geist galten nun zunehmend als Statussymbol. Das Tragen von Sportswear wurde nun zum Ausdruck dieses Lebensstils. Damit einher ging die Erfindung neuer atmungsaktiver synthetischer Fasern wie 1959 etwa Spandex und Adidas’ erster Jogginganzug von 1963. Vorreiter waren Tennis- und Basketball-Spieler, die seit den 1970er Jahren ihre Sportschuhe auch im Alltag trugen. Mit dem 1988 von Nike herausgebrachten Sportschuh Air Jordan III wurde der Basketballer Michael Jordan zu einem der bekanntesten Vorreiter. Auch amerikanische Schauspieler trugen am Set wie auch privat zunehmend Turnschuhe. So war etwa Bud Spencer 1981 in Zwei Asse trumpfen auf durchgängig in Adidas-Tennisschuhen zu sehen, Michael J. Fox lief 1985 in Zurück in die Zukunft in Nike-Sneakern durch Gegenwart und Zukunft und Kevin Bacon wechselte 1984 in Footloose zwischen Cowboy-Stiefeln und Nike-Turnschuhen. In Deutschland wurde 1985 der Grünen-Politiker Joschka Fischer ein Vorreiter, als er Nike-Sportschuhe während seiner Vereidigung zum hessischen Staatsminister für Umwelt und Energie trug.
Seit den 1990er Jahren: Athleisure aus den USA mini|Adidas-Geschäft mit Kleidung der Kollektion Y-3, Prag, 2019 In den 1990er Jahren war in den USA eine entspannte Lebenshaltung weit verbreitet. Der Casual Friday entstand und viele Menschen gingen in Turnschuhen zur Arbeit. Zahlreiche neue Sportbekleidungsmarken entstanden seit Ende der 1990er Jahre und trugen zum Athleisure-Trend bei, etwa Sweaty Betty. Marken wie die 1998 gegründete Lululemon Athletica nutzten die aufkommende Beliebtheit von Yoga und der dazugehörigen Kleidung. Die steigenden Verkaufszahlen machten den Trend auch für die Modehäuser der Haute Couture interessant. Als erste Zusammenarbeit zwischen einem Modedesigner und einem Sportbekleidungshersteller gilt die Y-3-Kollektion von Yohji Yamamoto und Adidas im Jahr 2003. Alexander Wang gilt als einer der ersten Designer, der den Athleisure-Look in seine Kollektionen integrierte. 2011 brachte er die Athleisure-Marke T by Alexander Wang auf den Markt und 2014 kooperierte er mit H&M für eine Athleisure-Kollektion. mini|Eine Gruppe modisch gekleideter junger Menschen in Shibuya, die unter anderem Sneaker, Jogginghosen und eine Adidas-Sportjacke tragen, 2017 In den 2010er Jahren übernahm der Athleisure-Trend große Marktanteile und verdrängte vorherige Trends. Mark Parker, CEO von Nike, sagte 2014 auf dem Women’s Innovation Summit: „Leggings sind das neue Denim.“ Tatsächlich stiegen die Verkaufszahlen von Leggings und Yogahosen aus Elastan an, während die Verkaufszahlen von Jeanshosen rückläufig waren. Athleisure Wear beeinflusste zunehmend die Haute-Couture-Mode: So kombinierte der italienische Designer Giambatista Vallie, offizielles Mitglied der Chambre Syndicale de la Haute Couture, in seiner Herbstshow 2017 Nike-Leggings mit einer Couture-Bluse. Donatella Versace stellte 2016 eine sportliche Couture-Kollektion vor, in der die Models Racer-Tops, Netz-Bodysuits und Bungeeseile trugen. Versace nannte ihre Kollektion „Athletic Couture“. Auch Influencerinnen trugen zu dem Trend bei: Die australische Rapperin Iggy Azalea trug auf dem roten Teppich Yogahosen und die britische Schauspielerin Cara Delevingne trug im Weißen Haus ein Paar Puma-Sneaker. Athleisure wurde auch von prominenten Sängerinnen wie Beyoncé („adidas x Beyoncé ivy park collection“) und Rihanna beworben. mini|Geschäft der Marke Gnarly! mit T-Shirts, Shorts und Trainingsjacken, Quezon City, 2025 Gegen Ende der 2010er Jahre gab die weltweite Corona-Pandemie dem Athleisure-Trend erneut Auftrieb. Im Home-Office war es vielen Menschen wichtig, bequeme und praktische Kleidung zu nutzen.
Yuniya Kawamura argumentiere 2010, dass Athleisure ein typisches Phänomen der postmodernen Mode sei, bei der die Abgrenzung verschiedener Modekategorien, wie Oberbekleidung und Unterwäsche, Herren- und Damenmode oder Haute Couture und Streetwear, zunehmend verwischt. Der Athleisure-Trend habe die beiden scheinbar gegensätzlichen Funktionen Praktikabilität und Ästhetik miteinander vereint und stehe für den Bedeutungsverlust gesellschaftlicher Konventionen bzw. Kleiderordnungen.
Marktgröße und Trends In Berichten aus amerikanischen Medien wie USA Today oder The Wall Street Journal im Jahr 2015 wurde der Athleisure-Markt als wachsend beschrieben, er verdränge typische Workwear-Stile und greife im Jahr 2014 mit einer Marktgröße von 35 Milliarden US-Dollar in den Verkauf von Jeans ein, was einem Anstieg von acht Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspricht. Einer Schätzung zufolge betrug der Athleisure-Markt, einschließlich Sneaker im Jahr 2016 etwa 270 Milliarden US-Dollar und sollte bis zum Jahr 2020 in den Vereinigten Staaten und Asien um 30 Prozent wachsen. Darüber hinaus glaubten die Analysten von Morgan Stanley, dass der weltweite Umsatz bis 2020 auf über 350 Milliarden US-Dollar steigen könnte. Trotz dieser Prognosen zeigt sich aktuell das Problem der Marktsättigung, da immer mehr traditionelle Luxus- und Massenhandelsmarken in diesen Trend einsteigen und günstige Bekleidung anbieten – in Europa vor allem die Decathlon-Gruppe oder Fast-Fashion-Marken wie H&M, Zara und Primark. Selbst Discounter wie Lidl verkaufen Athleisure-Mode. Der Markt betrug 2021 etwa 87 Milliarden US-Dollar, was etwa sechs Prozent Marktanteil entspricht.
Materialien und Technologie Neue Textilien mit synthetischen Fasern ermöglichen verbesserten Feuchtigkeitstransport, Dehnbarkeit und Atmungsaktivität. Während die Textilmembran von außen wind- und wasserdicht ist, kann von innen Luftfeuchtigkeit nach außen entweichen. Moderne Sportbekleidung ist sehr leicht und bietet eine optimale Beweglichkeit.
Umwelt Da ein Großteil der Athleisure-Bekleidung aus synthetischer Faser besteht, gibt es Kritik bezüglich der Umweltverträglichkeit. Umweltschützer äußern Bedenken, dass die in Athleisure-Kleidung verwendeten Materialien negative Auswirkungen auf Mensch und Umwelt haben können; dazu gehören Farbstoffe und Lösungsmittel sowie polyfluorierte Chemikalien und Erdöle. Auch Fleece-Materialien werden für ihre Abgabe von Mikroplastik kritisiert. Viele Sportartikelhersteller nutzen daher zunehmend recyclefähige Materialien oder bieten Reparatur oder Umtausch an. Die Modedesignerin Stella McCartney war dabei eine der ersten, die in ihrer Athleisure-Kollaboration mit Adidas seit 2005 Bio-Baumwolle sowie recycelte Garne und Polyestergewebe verwendet und die neue Dry-Dye-Technologie einführte, bei der Kleidung ohne Wasser gefärbt wird.
Einzelnachweise
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