mini|hochkant|Abteiwappen
Die Abtei Saint-Maurice (, ) ist ein Kloster der Augustiner-Chorherren in Saint-Maurice, Kanton Wallis, Schweiz. Es gilt als ältestes Kloster des Abendlandes, das ohne Unterbrechung besteht. 2014/2015 feierte die Abtei ihr 1500-jähriges Bestehen.
Die Abtei ist über das Kloster hinaus auch eine Territorialabtei mit einem Gebiet von fast 100 Quadratkilometern. Sie umfasst seit 1993 die Pfarreien Finhaut, Vernayaz, Salvan und Saint-Maurice/Mex, von 1933 an waren ihr auch die Pfarreien Choëx und Lavey-Morcles zugehörig, die 1993 dem Bistum Sitten zugeschlagen wurden.Olivier Roduit: Chronique. In: Les Echos de Saint-Maurice. 89 (1994), S. 4.
Die Abtei ist ein Schweizer Kulturgut von nationaler Bedeutung.
Geschichte mini|links|hochkant|Darstellung des heiligen Mauritius auf dem Sigismund-Schrein im Klosterschatz der Abtei Saint-Maurice
Ortsgeschichte Die Ursprünge der Abtei gehen auf ein Heiligtum zurück, das über dem Grab des Heiligen Mauritius (deutsch Hl. Moritz) und seiner Gefährten von der Thebäischen Legion, die angeblich zusammen mit ihm gegen Ende des 3. Jahrhunderts nach Christus das Martyrium erlitten hatten, errichtet wurde. Das Heiligtum lag bei dem alten römischen Militärstützpunkt Agaunum. mini|Grundmauern der Vorgängerkirchen mini|Innenraum der Abteikirche mini|Die Abtei in einem Modell des Ortes Saint-Maurice mini|hochkant|Blick auf die Abteikirche Der Heilige Theodor, Bischof von Octodurus (Martigny), überführte die Reliquien der Märtyrer um 380 in die grossen Höhlen am Fuss des Felsentors, durch welches die Rhone das Wallis verlässt. Dadurch entwickelte sich Agaunum zum christlichen Wallfahrtsort. Der Heilige Sigismund, Sohn des Burgundenkönigs Gundobad, gründete am 22. September 515 das noch heute bestehende Kloster und der heilige Abt Ambrosius (516–520) errichtete über dem ursprünglichen Heiligtum eine neue Basilika. Im 8. Jahrhundert soll die Abtei bereits ein Fremdenspital besessen haben.Conrad Brunner: Über Medizin und Krankenpflege im Mittelalter in Schweizerischen Landen (= Veröffentlichungen der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften. Band 1). Orell Füssli, Zürich 1922, S. 10. Im 9. Jahrhundert wurden die Mönche durch (regulierte) Chorherren ersetzt und 1128 übernahmen sie die Augustinusregel.
In den Jahrzehnten nach ihrer Gründung wurde die Abtei Saint-Maurice unter Sigismund zur bedeutendsten Abtei im Königreich Burgund. Die dort praktizierte charakteristische Liturgie des laus perennis, des ewigdauernden Lobgesangs, war für die damalige Zeit für Westeuropa eine Innovation, da sie aus dem Byzantinischen Reich übernommen wurde. Von Saint-Maurice aus verbreitete sich diese Praxis in ganz Westeuropa. Um den ewigdauernden Lobgesang in Gang zu halten, war eine grosse Zahl von Mönchen nötig, weshalb Sigismund das Kloster reich ausstattete und zahlreiche Mönche aus dem übrigen Königreich dorthin abordnete. 961 verlegte der spätere Kaiser Otto I. die Reliquien des heiligen Mauritius, darunter die bedeutende Heilige Lanze, das älteste Stück der Reichskleinodien der Könige und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, in den Magdeburger Dom. Dies versetzte der Attraktivität der Abtei für Pilger einen schweren Schlag.
Baugeschichte Die ältesten Fundamente im Cour du Martolet datieren aus römischer Zeit. Nicht geklärt ist die Funktion der, im Vergleich zu den jüngeren Bauten, mit einer auffallend schrägen Ausrichtung errichteten Bauten, ebenso der Bezug zu der weiter im Westen liegenden antiken Quellfassung. Am Felsfuss wurde ein kleiner, nach Süden orientierter Bau errichtet, in dem Bestattungen erfolgten. Denkbar wäre ein durch Bischof Theodor gegen Ende des 4. Jahrhunderts veranlasster Bau, um die Gebeine der Märtyrer zu bestatten. Daneben lag ein rechteckiger Bau mit einem Annex auf der einen Kurzseite. Dieses Gebäude wurde zuerst als Behausung einer religiösen Gemeinschaft interpretiert, Untersuchungen von 2001 deuten aber auf einen ersten sakralen Bau. Diesen zwei ersten Bauten folgte eine Reihe von neu erstellten Kirchen und Kapellen, die zunächst parallel zur Felswand errichtet wurden.
Archäologisch erfasst sind die Fundamente der sogenannten Sigismund-Kirche, die vermutlich aus dem frühen 6. Jahrhundert stammt. 575 wurde sie durch einfallende Langobarden zerstört und im Anschluss daran wieder aufgebaut. Die als Gontran-Kirche bezeichnete Bauphase aus dem 7. Jahrhundert lässt eine deutliche Vergrösserung des Gebäudes erkennen; erhalten haben sich die polygonale Apsis und der Zugang, der mit einer monumentalen Treppe zum Westeingang führte. Im 8. Jahrhundert entstand wiederum eine neue Anlage, eine Basilika, die mit den Äbten Willicarius und Altheus in Verbindung gebracht wird. Sie wies an den beiden Schmalseiten je einen Chor auf. Im Gegensatz zu den bisherigen Bauten, die geostet waren, befand sich ihre Krypta unter dem Westchor. In dieser wurden auch die Reliquien des heiligen Mauritius aufbewahrt.
Kaiserin Adelheid, die der Abtei auch einen Besuch abstattete, stiftete Ende des 10. Jahrhunderts den Glockenturm, der an der Stelle des Ostchors errichtet wurde und noch heute das Kloster überragt. Ab dem 11. Jahrhundert fungierte er als Eingang in den neu errichteten romanischen Kirchenbau. Zwischen diesem Eingangsturm und dem Felsen entstanden in gotischer Zeit zwei Kapellen.
Am 25. Mai 1148 weihte Papst Eugen III. die neue Kirche.Pierre Alain Mariaux, Romain Jeanneret: V.07 Reliquienschrein des Theudericus. In: Holger Kempkens, Christiane Ruhmann (Hrsg.): Corvey und das Erbe der Antike. Kaiser, Klöster und Kulturtransfer im Mittelalter. Michael Imhof, Petersberg 2024, ISBN 978-3-7319-1425-9, S. 491–493, hier S. 491. Der Bau war in den folgenden Jahrhunderten jedoch immer wieder durch Felsstürze gefährdet, so auch im Jahr 1611. Daraufhin wurde von 1614 bis 1624 ein Neubau der Kirche errichtet, der im Vergleich zu der alten Anlage um 90 ° gedreht war, sodass das neu erstellte Schiff von Norden nach Süden, rechtwinklig zur Klosteranlage verläuft. 1693 verwüstete ein Brand zahlreiche Gebäude der Abtei, die Anfang des 18. Jahrhunderts wieder aufgebaut wurden. Am 3. März 1942 zerstörte ein Felssturz den Kirchturm und die Vorhalle sowie die Orgel. Der Neuaufbau erfolgte von 1946 bis 1950 unter Leitung des Architekten Claude Jacottet, die bunten Glasfenster fertigte Edmond Bille an. In diesem Rahmen wurde auch der aus romanischer Zeit stammende Kreuzgang wiederhergestellt. Am 30. November 1948 wurde die Kirche durch Papst Pius XII. zur Basilica minor erhoben, die Weihe erfolgte 1949.
Archäologische Erforschung und touristische Präsentation Ausgrabungen an der Stelle der alten Kirche wurden durch den Prior Pierre Bourban (1896–1920) und den Genfer Professor Louis Blondel (1944–1945) geleitet. Weitere Arbeiten fanden zwischen 1994 und 1996 statt. Sie brachten mehrere Böden, bemalte Gräber und Mauern zum Vorschein, die in der überlieferten Dokumentation nicht verzeichnet waren. Ab 2001 wurden deshalb die bisherigen Erkenntnisse überprüft.
Das Jubiläumsjahr der Abtei wurde am 21. September 2014 mit der Eröffnung eines Rundgangs für die Besichtigung der Kulturerbestätte eingeläutet. Er führt von der Basilika über die archäologische Stätte, die Katakomben und den neuen Saal des Stiftschatzes ins Kloster. «Mithilfe von Leuchttafeln, interaktiven Bildschirmen, Modellen und 3D-Filmen wird die Geschichte einer [....] religiösen Gemeinschaft erzählt, die von einer im christlichen Abendland beispiellosen spirituellen und kulturellen Aktivität zeugt». Den Besuchern wird unter einer 1200 m² grossen, lichtdurchlässigen Überdachung zum Schutz der Ruinen die Geschichte und die Entwicklung der Abtei veranschaulicht.
Fälle von sexuellem Missbrauch Laut Recherchen des Westschweizer Fernsehens RTS gab es bis 2023 Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegen insgesamt neun Augustiner-Chorherren der Abtei Saint-Maurice; fünf von ihnen lebten noch. Erste Vorwürfe kamen im September 2023 ans Licht, im Rahmen einer Studie der Universität Zürich zum Thema. Im gleichen Monat liess Abt Jean César Scarcella sein Amt ruhen, da ihm vorgeworfen wurde, er habe einen Jugendlichen sexuell belästigt; das mutmassliche Opfer soll sich mit einem Brief an Papst Franziskus gewandt haben, und bei der Schweizer Polizei wurde Anzeige gegen Scarcella erstattet. Sein Vertreter, der Interims-Abt Roland Jaquenoud, trat bereits im November 2023 von diesem Amt zurück, nachdem bekannt geworden war, dass er 2003 einen ihm untergebenen Novizen zum Geschlechtsverkehr gezwungen haben soll. Die Abtei hatte ihn daraufhin 2004 in die Mission nach Kasachstan entsandt; 2015 sei er nach Saint-Maurice zurückgekehrt und Prior geworden. Am 28. November 2023 wurde Scarcellas Vorgänger als Abtprimas, Jean-Michel Girard, zum Apostolischen Administrator sede plena et ad nutum Sanctae Sedis ernannt, womit die Amtsausübung Scarcellas nicht mehr nur durch eigene Entscheidung ausgesetzt ist. Die 2019 gegründete Brauerei St-Maurice Abbaye verkaufte 2023 nur noch die Hälfte. Coop nahm die Biere im November 2023 aus dem Sortiment. Nach den Missbrauchsvorwürfen trat 2024 auch der Priester und Pfarrer Gilles Roduit zurück. Am ersten Fastensonntag 2025 nahm Scarcella sein Amt wieder auf, nachdem das Dikasterium für die Bischöfe der Entscheidung der Schweizer Staatsanwaltschaft gefolgt ist, das kirchenrechtliche Verfahren einzustellen. Zugleich endete damit das Mandat des Apostolischen Administrators.
Der Orden beauftragte eine unabhängige Kommission mit einer Untersuchung. Nach deren im Juni 2025 veröffentlichtem Bericht gab es in der Abtei im Untersuchungszeitraum von 1960 bis 2024 mindestens 67 Fälle sexualisierter Gewalt, die von mindestens 30 Chorherren verübt wurden, das Kloster hätte jedoch erst auf Druck der Öffentlichkeit reagiert. Insgesamt wurden 50 Zeugen und 24 Geistliche befragt. Es handelte sich dem Bericht zufolge bei den Vorfällen um „Gesten oder Äusserungen mit sexuellen Anspielungen in einem Machtverhältnis, wiederholte sexuelle Berührungen, zweideutige Fotosessions, Verführungsversuche in einem Machtverhältnis, Exhibitionismus oder Konsum von Kinderpornografie“, außerdem Fälle von sexuellen Übergriffen, Vergewaltigungen und Zwangsabtreibungen. Seit 1970 seien fünf Strafverfügungen gegen drei Chorherren und einen Novizen erlassen worden, mehrere Prozesse seien wegen Verjährung eingestellt worden. Die Studie wirft den verantwortlichen Äbten und den Behörden im Wallis Versagen vor. Die Abtei zeigte sich betroffen und nahm die Ergebnisse „mit Ernst und Reue zur Kenntnis“ und erkannte an, dass es „eine Kultur des Schweigens und der Verharmlosung gab, die die Fähigkeit zum Zuhören, das Verantwortungsbewusstsein und die Wachsamkeit der Gemeinschaft geschwächt“ habe.
Abt Jean César Scarcella erklärte daraufhin seinen Rücktritt, den Papst Leo XIV. am 28. Juni 2025 annahm.
Schule Der Abtei war eine Schule angegliedert. Diese wird nach Bekanntwerden des sexuellen Missbrauchs in staatliche Trägerschaft überführt, die Schulleitung wird künftig nicht mehr von der Abtei gestellt, wie der Walliser Staatsrat im März 2024 beschloss. Augustiner-Chorherren können auch weiterhin unterrichten, wenn sie entsprechend qualifiziert sind, doch müssen sie künftig weltliche Kleidung tragen. Religiöse Elemente des Schullebens sollen freiwillig werden.
Klosterkirche Die heutige Klosterkirche, eine dreischiffige Basilika, wurde im 17. Jahrhundert in gotischen Formen erbaut. Das neunte Kirchengebäude auf dem Klostergelände ist nicht geostet. Im Süden schliesst an das Mittelschiff der Chor mit Fünfachtelschluss an. Der romanische Turm aus dem 11. Jahrhundert, älter als das Kirchengebäude, steht heute an der Westseite des Langhauses. Seine oberen Geschosse mussten nach dem Felssturz von 1942 rekonstruiert werden.
Ausstattung