mini|Daniel Sanders, lat. Spruch: „Ein Gott ist in uns, wenn er sich regt, facht er uns an.“ Ovid: Fasti VI, 5 Daniel Hendel Sanders (* 12. November 1819 in Strelitz; † 11. März 1897 ebenda) war ein deutscher Lehrer, Lexikograf und Sprachforscher sowie Dichter und Übersetzer. Er schuf unter anderem von 1854 bis 1865 ein Wörterbuch der deutschen Sprache und später den deutschsprachigen Teil des Englisch-Deutsch/Deutsch-Englischen Wörterbuchs „Muret-Sanders“.

Jugend und Ausbildung Daniel Sanders war der zweite Sohn des jüdischen Kaufmanns Hendel Sanders (1770–1846) und dessen Ehefrau Amalie (genannt Malchen), geborene Schäfer. Seine Mutter starb zehn Tage nach seiner Geburt. Um ihren Vater von Geschäftsreisen über Land entlasten zu können, wurden Daniel und sein Bruder Alexander Sanders (1818–1897) schon 1837 vorzeitig für volljährig erklärt. Alexander übernahm später das väterliche Geschäft.Ulrike Haß-Zumkehr: Daniel Sanders. Aufgeklärte Germanistik im 19. Jahrhundert (= Studia linguistica Germanica. Band 35). De Gruyter, Berlin u. a. 1995, S. 65–66.

Daniel Sanders besuchte seit 1827 die damals neu gegründete jüdische Freischule in Strelitz, an der namhafte jüdische Gelehrte unterrichteten, darunter Absolventen der Talmudschule von Glogau, wie der in Heidelberg habilitierte Altphilologe und spätere Buchhändler Joseph Lehfeldt, bis 1839 Levy (1804–1858), und Joseph Zedner (1804–1871), nachmals Kustos der hebräischen Abteilung der British Library. Anschließend wechselte Sanders zum Gymnasium Carolinum in Neustrelitz, wo er Ostern 1839 das Abitur ablegte.

Lehrer und Journalist in Mecklenburg-Strelitz In Berlin studierte er Mathematik und Naturwissenschaften bei Peter Gustav Lejeune Dirichlet, Jakob Steiner, Johann Franz Encke, Paul Erman und Heinrich Wilhelm Dove.Studienmatrikel Daniel Sanders 1839–1842 an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin, Web-Ressource. Forschung Daniel Sanders. Hrsg. von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 2021. In der Philologie waren seine Lehrer August Boeckh und Jacob Grimm, Philosophie studierte er bei Friedrich Adolf Trendelenburg. An der Universität in Halle wurde er 1842 promoviert. Sanders arbeitete zu dieser Zeit als Oberlehrer an der jüdischen Freischule in Strelitz und wurde noch im Jahr der Promotion Schulleiter.Die Schulleitertätigkeit begann nach Ulrike Haß, S. 89, im Jahr der Promotion, und zwar Michaeli (September) 1842 mit vier weiteren Lehrkräften (S. 61). Aus der ersten Rede des „nunmehrigen Dirigenten“ zur Examensfeier zitiert der Artikel: Korrespondenzen. Strelitz, im April. In: Allgemeine Zeitung des Judenthums Jg. 7, Nr. 19, 13. Mai 1843, S. 286 (Digitalisat).

Am 26. April 1847 heiratete Daniel Sanders Ida Koner, geborene Friedländer (1813–1895),Familien-Nachrichten. In: Deutsche Allgemeine Zeitung, Nr. 121, 1. Mai 1847, S. 1104 (Web-Ressource) die Witwe eines mit der Familie Sanders verwandten Arztes Bernhard Benedikt (vormals Bendix Jacob) Koner (1805–1845).Benedikt Koner wurde 1835 bei Stephan Friedrich Barez und Carl Heinrich Schultz-Schultzenstein mit der Dissertation Nonnulla de febri intermittente larvata, adiecta morbi historia an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin promoviert. Ida Sanders brachte einen Sohn Alexander Koner-Sanders (1845–1917) in die Ehe ein. Ihre Schwester Sophie war bereits mit Daniels Bruder Alexander verheiratet. Deren gemeinsame Tochter Johanna Sanders (um 1848–1912) half Daniel Sanders später bei der Redaktion seiner Lexikonprojekte.Sie starb 64-jährig in Berlin und wurde in Strelitz beigesetzt, vgl. die Todesanzeige in der Vossischen Zeitung Nr. 42, 24. Januar 1912, 3. Beilage (Web-Ressource)

Durch seine Bekanntschaft mit Adolf Glaßbrenner wurde Daniel Sanders für die Ideen von Demokratie und für staatsbürgerliche Rechte gewonnen. Innerhalb der 1848er Reformbewegung zählte Daniel Sanders schnell zu den Demokratenführern in Mecklenburg-Strelitz. 1848 war er Redakteur des Wendischen Boten und der Blätter für freies Volksthum, des Sprachrohrs des Neustrelitzer und des Strelitzer Reformvereins. 1850 gehörte er zu den eingeladenen/einzuladenden Mecklenburgern zum Braunschweiger Demokratenkongress, an dem er aber schließlich nicht teilnahm. Nachdem seine Schule im April 1852, wie es seit der DDR-Zeit heißt, wegen ihrer demokratischen Ausrichtung geschlossen worden war, betätigte er sich als Privatgelehrter, Sprachforscher, Wörterbuchschreiber und Publizist. Allerdings ist anzumerken, dass 1852 im Rahmen einer städtischen Schulreform die Schule der Strelitzer jüdischen Gemeinde und die kommunale Schule der Stadt Strelitz zusammengelegt wurden, sodass ein politischer Hintergrund nicht klar belegt werden kann.Vgl. Carl Giebner: Das Kirchspiel Strelitz seit der Reformation. Evangelisch-lutherische Kirchgemeinde Strelitz-Alt, 1999, S. 23 ff. Später wurde Daniel Sanders mehrfach durch den konservativen Großherzog Friedrich Wilhelm (II.) von Mecklenburg [-Strelitz] geehrt, und zwar mit dem Professorentitel und zweimal mit dem Hausorden der Wendischen Krone: am 1. Januar 1880 wurde Daniel Sanders das Verdienstkreuz in Gold und am 12. November 1889 das Ritterkreuz verliehen.Peter Ohm-Hieronymussen: Die Mecklenburg-Strelitzer Orden und Ehrenzeichen. Kopenhagen 2000. S. 59. Einen Ruf an die jüdische Realschule Philanthropin in Frankfurt am Main als Nachfolger von Michael Heß lehnte Sanders ab und blieb als geachteter Sprachwissenschaftler in seiner Heimatstadt Strelitz, die einen Platz nach seinem Bruder Alexanderplatz benannt hatte.

Programmatische Kritik am Deutschen Wörterbuch mini|Daniel Sanders (um 1860)Friedrich Düsel: Daniel Sanders. Worte der Erinnerung und Würdigung zu seinem 100. Geburtstage (12. November 1919). In: Westermanns Monatshefte Jg. 64 (1919–1920), Bd. 127.1, Novemberheft, S. 298 (Web-Ressource). Bereits 1852 und dann 1853 erregte Sanders Aufsehen mit seiner vehementen und prinzipiellen KritikDas Deutsche Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, kritisch beleuchtet. 2 Hefte. Hamburg 1852, 1853. Das Zitat findet sich im 1. Heft auf S. 5 bei den ersten einleitenden Bemerkungen und ist gesperrt gedruckt! Dieses Bemerkung zitiert auch Werner Betz in seiner Einführung und Bibliographie in dem Nachdruck: Daniel Sanders: Wörterbuch der deutschen Sprache. Band 1: A-K. (= Documenta Linguistica, Reihe III Wörterbücher des 19. Und 20. Jahrhunderts). Hildesheim 1969, S. VII* an dem in seinen ersten Lieferungen erschienenen Wörterbuch der Brüder Grimm, das er „in seiner ganzen Anlage und großentheils auch in seiner Ausführung durchaus verfehlt“ nannte. Seine Kritik machte er an zahlreichen Einzelheiten, aber auch an prinzipiellen Mängeln fest. Beispielhaft dafür sei die Lektürenotiz des Zeitgenossen Karl August Varnhagen von Ense vom 12. Oktober 1852 zitiert:

Diese kritischen Bemühungen des wissenschaftlichen Außenseiters führten auch dazu, dass Daniel Sanders in den Kreisen der Universitätsgelehrten völlig abgelehnt und seine spätere Wörterbucharbeit von der damaligen Wissenschaft nicht rezipiert wurde. Er selbst hatte die Absicht, ein besseres und brauchbareres Wörterbuch zu schaffen, und suchte deshalb – ein Novum – bereits vor Beginn der Arbeit, sich über die Grundzüge des Aufbaus eines solchen Werkes klar zu werden.Programm eines neuen Wörterbuches der deutschen Sprache, Leipzig 1854.

Folgende aus Sanders’ eigener Kritik am Wörterbuch der Brüder Grimm abgeleiteten Punkte kennzeichnen sein eigenes lexikographisches Werk. Sie wurden später prägend für die Anlage moderner und praktischer Wörterbücher: Im Gegensatz zu Grimm geht sein Konkurrent Sanders vom gegenwärtigen Sprachgebrauch seiner Zeit aus; er will keine Sprachgeschichte des jeweiligen Wortes geben und berücksichtigt Etymologien eher am Rande da, wo sie der Bedeutungsklärung dienlich sind, nimmt aber dafür den gesamten deutschen Wortschatz sowie die gebräuchlichen Fremdwörter auf. Sanders bietet eine klare und analytische Entfaltung der verschiedenen gegenwärtigen Bedeutungen eines Wortes, die durch treffende Erläuterungen und darauf bezogene Belege veranschaulicht werden. Diese Belege nimmt der Autor aus der deutschen Literatur seit Luther, aber auch aus wissenschaftlichen Werken, Sprichwörtersammlungen sowie – ungewöhnlich für die Zeit – aus Zeitschriften, wodurch das Wörterbuch die Sprache der damaligen Gegenwart treffend widerspiegelt.Wissenschaftlichen Analysen der Methodik und der Struktur der Artikel des Wörterbuches von Sanders bietet Ulrike Haß-Zumkehr: Deutsche Wörterbücher. Berlin/New York 2001, S. 143 ff (Die bürgerliche Sprachbildung – Daniel Sanders) sowie Ulrike Haß: Daniel Sanders Wörterbuch der deutschen Sprache. (1859–1865) In: Ulrike Haß (Hrsg.): Große Lexika und Wörterbücher Europas. Europäische Enzyklopädien und Wörterbücher in historischen Porträts. Berlin/Boston 2012, S. 253 ff. Allerdings hatte Sanders die Verwendung von Zeitungen und Zeitungsannoncen im Grimmʼschen Wörterbuch noch harsch und mit auch typographisch starker Betonung getadelt, zudem kontrastiert mit dem Fehlen von Belegen aus Börne, Freiligrath und anderen bedeutenderen Autoren.Das Deutsche Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, kritisch beleuchtet Heft 1, S. 34; Heft 2, S. 34. – Methodisch geht Sanders in den Wortartikeln von den Hauptbedeutungen eines Wortes aus und erfasst dann von dort Nebenbedeutungen und Nuancen. Sanders ordnet die Wörter so an, dass auf das jeweilige Grundwort (z. B. Schritt) die Ableitungen und Zusammensetzungen (z. B. Fortschritt) folgen. Das Grundwort ist bei Sanders, wie das Beispiel zeigt, ganz schematisch der letzte Teil der Wortzusammensetzung. Diese nicht-alphabetische Anordnung des Wortschatzes erschwert dem modernen Leser zwar heute die Benutzung des Wörterbuchs, gibt aber einen guten Einblick in die sprachschöpferische Kraft des Deutschen und ermöglicht auch, die zahlreichen Ableitungen und Zusammensetzungen in großer Vollständigkeit aufzunehmen, worin das Grimm’sche Wörterbuch, das die Zusammensetzungen alphabetisch, aber doch unvollständig und unsystematisch erfasst, letztlich unzulänglich bleibt. Im Grimm’schen Wörterbuch (zumindest in den ersten Bänden) werden auch die Wortbedeutungen eher flüchtig, gelegentlich nur durch eine lateinische Bezeichnung dargestellt; ihre Belege sind ungleichmäßig verteilt und nicht immer treffend.

Lexikographische Werke mini|Daniel Sanders (um 1900) auf einer Sammelmarke des Langenscheidt-Verlags Mit der Herausgabe seiner eigenen, zwei Bände in drei Teilen umfassenden Sammlung Wörterbuch der Deutschen Sprache. Mit Belegen von Luther bis auf die Gegenwart (1860–1865; 2. unveränderter Abdruck 1876; erste Lieferung 1859) gelang ihm dann ein Werk durchaus eigenständigen Wertes und aus einem Guss. Er selbst hielt fest, dass er nach zwei Jahrzehnten Arbeit die letzte Zeile am 11. Juli 1865, fünf Minuten vor halb zwei Uhr nachts niedergeschrieben hatte.Armin Brunner: Daniel Sanders. Zu seinem 75. Geburtstage. In: Neues Wiener Journal. Unparteiisches Tageblatt Nr. 381, 14. November 1894, S. 1 f. (Web-Ressource)

Mit diesem seinem Hauptwerk gab Sanders seiner Zeit ein umfassendes, praktisch zu gebrauchendes Wörterbuch. Diese große Leistung ist auch daran zu messen, dass das freilich viel umfangreichere Wörterbuch der Brüder Grimm, seit 1852 erscheinend, erst 1960 (Quellenverzeichnis gar erst 1971) seinen Abschluss fand.