mini|Rita Süssmuth im Deutschen Bundestag (2021) rahmenlos|zentriert|klasse=notpageimage skin-invert-image|hochkant=0.8|Unterschrift Rita Süssmuth deutsche Pädagogin, Hochschulprofessorin und Politikerin (CDU) Rita Süssmuth (* 17. Februar 1937 als Rita Kickuth in Wuppertal; † 1. Februar 2026 in Neuss) war eine deutsche Pädagogin, Hochschulprofessorin und Politikerin (CDU). Sie war von 1985 bis 1988 Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit (ab 1986 Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit) und von 1988 bis 1998 Präsidentin des Deutschen Bundestages.
Leben Werdegang Rita Süssmuth wurde als Tochter des Schulrats Karl Kickuth und dessen Frau Hedwig Kickuth, geborene Bischoff, in Wuppertal-Barmen geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie im münsterländischen Wadersloh (damals Kreis Beckum), wo ihr Vater als Lehrer beschäftigt war. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Lippstadt und des Gymnasiums Martinum Emsdetten legte sie im Februar 1956 ihr Abitur am Emsland-Gymnasium in Rheine ab und studierte seit dem Sommersemester 1956 Philologie mit den Fächern Französisch, Geschichte und Pädagogik in Münster, Tübingen und Paris. Am 20. Juli 1961 legte sie in Münster ihr erstes Staatsexamen in den Fächern Französisch und Geschichte ab. Danach folgte ein Postgraduiertenstudium der Erziehungswissenschaft, Soziologie und Psychologie. Im Dezember 1964 wurde sie bei Ernst Lichtenstein an der Universität Münster promoviert. Das Thema ihrer Dissertation lautete: Studien zur Anthropologie des Kindes in der französischen Literatur der Gegenwart unter besonderer Berücksichtigung François Mauriacs; Zweitgutachter der Dissertation war Heinrich Lausberg.
Bereits Ende 1963 erhielt sie eine Assistentenstelle für Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Osnabrück. Im Sommer 1965 übernahm Süssmuth einen Lehrauftrag an der Pädagogischen Hochschule Westfalen-Lippe und ab 1966 eine Dozentur an der Pädagogischen Hochschule Ruhr in Dortmund. Von 1969 bis 1982 hatte sie einen Lehrauftrag an der Ruhr-Universität Bochum für Internationale Vergleichende Erziehungswissenschaft. 1971 wurde sie dann zur ordentlichen Professorin für Erziehungswissenschaft an der Pädagogischen Hochschule Ruhr ernannt. 1973 nahm sie den Ruf der Universität Dortmund an. Ab 1971 war sie im wissenschaftlichen Beirat des Bundesministeriums für Familie tätig. Von 1982 bis 1985 war sie Direktorin des Instituts Frau und Gesellschaft in Hannover. Während ihrer Zeit als aktive Politikerin gab sie Blockveranstaltungen an der Universität Göttingen.
Partei mini|Süssmuth auf dem CDU-Parteitag 2012 Im Jahr 1981 wurde sie Mitglied der CDU, 1983 Vorsitzende des Bundesfachausschusses für Familienpolitik der Partei. 1986 bis 2001 war sie Bundesvorsitzende der Frauen Union, von 1987 bis 1998 Mitglied im Präsidium der CDU. Im September 1989 zählte sie gemeinsam mit Lothar Späth und Heiner Geißler zu derjenigen innerparteilichen Gruppierung, die beim CDU-Parteitag in Bremen eine Kandidatur gegen den CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl erwog. Im Oktober 1996 setzte sie sich in einer Rede vor dem Bundesparteitag der CDU für die Einführung der Frauenquote innerhalb der CDU ein.Stichtag: 21. Oktober 2006 – Vor zehn Jahren: CDU beschließt ein Frauenquorum, wdr.de, 21. Oktober 2006.Immer mal schnell nach Zürich: Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth und die Flugbereitschaft, Die Zeit 1/1997 vom 26. Dezember 1996.
Bei der Wahl des CDU-Bundesvorsitzenden im Januar 2021 unterstützte sie Armin Laschet, der in ihrer Amtszeit als Bundestagspräsidentin für sie gearbeitet und z. T. ihre Reden geschrieben hatte.
Bundesministerin Am 26. September 1985 wurde sie als Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit (ab 6. Juni 1986: Bundesministerium für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit) in die von Bundeskanzler Helmut Kohl geführte Bundesregierung berufen. Nach ihrer Wahl zur Bundestagspräsidentin schied sie am 25. November 1988 aus dem Kabinett aus. Sie forderte einen möglichst weit gefassten Gesundheitsbegriff und wandte sich gegen die Aufhebung des kassenärztlichen Schutzes bei Abtreibung.
Konfrontiert mit AIDS, setzte sie als Vorbeugungsmaßnahmen insbesondere auf ärztliche Aufklärung und Beratung. Daneben propagierte sie gegen Widerstände in ihrer Partei die Verwendung von Kondomen zur Prävention. Kritisiert wurde sie dafür, dass ungeprüfte Medikamente für Bluter nicht zurückgerufen wurden. Zahlreiche Bluter in Deutschland waren durch ungeprüfte Medikamente mit HIV infiziert worden und starben. Genaue Zahlen sind nicht bekannt, Der Spiegel (41/1987) sprach von 1500 bis 2200 mit HIV infizierten Blutern. Als Gesundheitsministerin initiierte sie im Jahr 1987 die Gründung der Nationalen AIDS-Stiftung und unterstützte die spätere Fusion mit der Deutschen AIDS-Stiftung Positiv leben im Jahr 1996. Zunächst war sie als Vorsitzende des Stiftungskuratoriums tätig und danach die Ehrenvorsitzende der Stiftung.
Abgeordnete mini|CDU-Wahlplakat (1998/99) Von 1987 bis 2002 war sie Mitglied des Deutschen Bundestages. Bei den Bundestagswahlen 1987, 1990 und 1994 gewann sie das Direktmandat im Wahlkreis Göttingen und 1998 zog sie über die Landesliste der CDU Niedersachsen ins Parlament ein.
Präsidentin des Deutschen Bundestags mini|Süssmuth bei der Besichtigung des Krankenhauses Friedrichshain in Ost-Berlin, Februar 1990 Am 25. November 1988 wurde Rita Süssmuth zur Präsidentin des Deutschen Bundestages gewählt. Sie folgte damit Philipp Jenninger, der einen Tag nach einer missglückten Rede zur Reichspogromnacht zurückgetreten war. Die beliebte, aber innerparteilich kontroverse Familienministerin wurde laut mehrerer Kommentatoren auf den Posten „weggelobt“.
In ihre Amtszeit fielen unter anderem Wende und friedliche Revolution in der DDR, der Fall der Mauer, die Öffnung des Eisernen Vorhangs, das Ende des Ostblocks, die Auflösung des Warschauer Pakts, der Zwei-plus-Vier-Vertrag, der Zerfall der Sowjetunion und der Abzug der Sowjetischen Streitkräfte aus der vormaligen DDR. Im Dezember 1989 trat Süssmuth für eine gemeinsame Erklärung beider deutscher Staaten zur Anerkennung der polnischen Westgrenze ein. In einer Rede vor dem Bundestag schlug sie einmal den „Freikauf“ der deutschen Ostgebiete vor. Nach der DDR-Volkskammerwahl am 18. März 1990, der ersten demokratischen Volkskammerwahl überhaupt, wählte die Volkskammer Sabine Bergmann-Pohl (CDU) zu ihrer Präsidentin. Bergmann-Pohl, Süssmuth und die Abgeordneten der Volkskammer bereiteten mit einem enormen Arbeitspensum den Weg zur Wiedervereinigung, die am 3. Oktober 1990 um 0 Uhr in Kraft trat.bundestag.de: Zwei Präsidentinnen ebnen den Weg zur Deutschen Einheit.
Im Juli 1990 präsentierte sie einen „Dritten Weg“ im Streit um den § 218 (Schwangerschaftsabbruch) zwischen Indikations- und Fristenlösung.Abtreibung: Dritter Weg, Der Spiegel 31/1990 vom 30. Juli 1990. 1992 kritisierten die CDU-Bundestagsfraktion und Bundeskanzler Helmut Kohl ihre Initiative „Die letzte Entscheidung muss bei der Frau liegen“ zur Reform des Abtreibungsparagraphen.
Süssmuth initiierte Reformen des Bundestags: Ihr Vorstoß, eine Diätenerhöhung auszusetzen („Diätennullrunde“) scheiterte im September 1992 am Widerstand ihrer eigenen Fraktion.Nullrunde abgelehnt, Der Spiegel 40/1992 vom 28. September 1992. Im März 1993 unterstützten allerdings alle Fraktionen ihren Vorschlag, die Anzahl der rund 660 Bundestagsmitglieder auf 500 zu senken.
In ihre Amtszeit fielen auch nach 1990/91 historische Debatten und Entscheidungen im Deutschen Bundestag, u. a. die Festlegung Berlins als Bundeshauptstadt, die Abstimmung zur Verhüllung des Reichstages im Jahr 1994 und die Debatte zur Wehrmachtsausstellung im Jahr 1997.
Im Juli 1993 verstimmte Süssmuth die CDU durch ihre Forderung nach Offenlegung des Kali-Fusionsvertrages im Zusammenhang mit dem von Stilllegung bedrohten Thüringer Kalibergwerk Bischofferode.Matthias Thüsing: Die Tragödie von Bischofferode (13): Rita Süssmuth – „Schon vorm Hungerstreik war alles entschieden“, Thüringer Allgemeine, 11. Juli 2014. Im Oktober 1993 warf Süssmuth dem Kandidaten der CDU für das Bundespräsidentenamt, Steffen Heitmann, vor, die nationalsozialistische Vergangenheit zu verharmlosen. Auf einer Klausurtagung des Parteivorstandes stimmte sie jedoch für Heitmann.Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth verteidigt das Recht auf Kritik an Steffen Heitmann: „Ich sage, was gesagt werden muß“, Die Zeit 44/1993 vom 29. Oktober 1993.
1995 vertrat Süssmuth die Ansicht, dass ohne Aufarbeitung der Vergangenheit der neuen Bundesländer keine Versöhnung möglich sei.
Sie war 1995 eine der Erstunterzeichnerinnen des KirchVolksBegehrens Wir sind Kirche.KirchenvolksBewegung, Info Frühjahr 2025, S. 4.
Im Mai 1995 kritisierte sie scharf die im Sparpaket der Bundesregierung geplanten Verschlechterungen bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und beim Kündigungsschutz sowie die Heraufsetzung des Renteneintrittsalters für Frauen auf 65 Jahre. 1998 engagierte sie sich für die Errichtung eines Holocaust-Mahnmals in Berlin.Kultur: „Hängepartie“, tagesspiegel.de, 15. Mai 1998.
Zwei Affären taten ihrer Popularität Abbruch: Im März 1991 geriet sie im Zusammenhang mit der „Dienstwagen-Affäre“ in die Schlagzeilen. Ihr Ehemann habe, so der Vorwurf, den Fahrdienst des Deutschen Bundestages benutzt. Die Bundestagsverwaltung stellte die Rechtmäßigkeit dieses Vorgangs fest. Im Januar 1997 entlastete der Ältestenrat des Bundestags Süssmuth von dem Vorwurf, sie habe von 1993 bis 1996 die Flugbereitschaft des Bundesministeriums der Verteidigung zu privaten Besuchen bei ihrer Tochter in der Schweiz genutzt.Mark Gellert: Rita Süssmuths Vorliebe für Flüge in die Schweiz, welt.de, 27. Dezember 2000.Bettina Gaus und Jan Feddersen: Hat Rita Süssmuth die Flugbereitschaft der Luftwaffe privat genutzt? Die Vorwürfe werden immer bizarrer. Pikant: Bisher wollten fast nur Oppositionspolitiker Ehrenerklärungen für sie abgeben. Die Anzeichen für eine gezielte Kampagne der Parteifreunde mehren sich, die tageszeitung, 20. Dezember 1996, S. 3.Dienstreisen: Klose entlastet Süssmuth, spiegel.de, 13. Januar 1997.
Nach der Bundestagswahl 1998 endete die Ära Kohl, und das erste rot-grüne Kabinett (Schröder I) kam an die Regierung. Die SPD stellte den Bundestagspräsidenten. Wolfgang Thierse wurde am 26. Oktober 1998 zu Süssmuths Nachfolger gewählt.
Mit fast zehn Jahren war ihre Amtszeit die drittlängste in der Geschichte des Bundestages. Nur Eugen Gerstenmaier und Norbert Lammert hatten das Amt länger inne.
Weitere Tätigkeiten Von 1988 bis 2015 war sie Präsidentin des Deutschen Volkshochschul-Verbandes und setzte sich für die Erwachsenenbildung und das lebenslange Lernen ein. Ab 2015 war sie Ehrenpräsidentin des Verbandes. Deutscher Volkshochschul-Verband, 23. Juni 2015, abgerufen am 2. Februar 2026.
Im September 2000 wurde Süssmuth vom damaligen Minister des Innern Otto Schily zur Vorsitzenden einer Unabhängigen Kommission Zuwanderung berufen, die am 12. September 2000 eingesetzt wurde und der 21 Mitglieder angehörten. Stellvertretender Vorsitzender der Kommission war Hans-Jochen Vogel. Auftrag der Kommission war es, ein Gesamtkonzept für ein neues Ausländerrecht zu erarbeiten. Die Ergebnisse dieser Arbeit wurden im Juli 2001 in Form eines Berichtes vorgelegt, der den Titel Zuwanderung gestalten – Integration fördern trug. Die veröffentlichte Broschüre hatte 323 Seiten.
2003 wurde sie in die neu gegründete Beratende Kommission im Zusammenhang mit der Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts, insbesondere aus jüdischem Besitz („Limbach-Kommission“) berufen. Das Gremium hat die Aufgabe der Mediation im Streit um die Restitution von Raubkunst.