mini|Verhungernde Bauern in Charkiw (1933) mini|Zeitgenössische Karte in französischer und englischer Sprache mit den von der Hungersnot besonders betroffenen Gebieten im europäischen Teil der Sowjetunion (ohne Kasachstan)Quelle: A. Markoff: Famine en USSR. Russian Comercial Institute, Paris, 1933.

Die Hungersnot in der Sowjetunion in den 1930er Jahren war die nach Todeszahlen größte Hungersnot in der Geschichte der Sowjetunion und die zweite der drei großen Hungersnöte der sowjetischen Geschichte. Während die Schuld der stalinistischen Regierung und ihrer Politik an der Hungersnot unbestritten ist, sind die Intentionen der Sowjetführung sowie die Einstufung der Hungersnot als Völkermord historische und politische Streitpunkte. Ebenfalls umstritten ist die exakte Zeitspanne der Hungersnot. Sie begann frühestens 1930 und endete spätestens 1934. Die Hauptphase war Anfang 1933.

Schätzungen der Todeszahlen haben im Verlauf der Geschichte variiert, liegen aber nach neuestem Stand zwischen 8.000.000 und 9.000.000. Davon entfallen über 3.500.000 auf die Ukraine, über 3.000.000 auf Russland, und über 1.200.000 auf Kasachstan. Die meisten Todesfälle gab es in den ersten sechs Monaten des Jahres 1933.

In der Ukraine wird die lokale Form der Hungersnot, der „Holodomor“, als Völkermord an den Ukrainern eingestuft. Mehrere andere Staaten in Europa sowie Nord- und Lateinamerika teilen diese Auffassung.

Die Hungersnot in Kasachstan von 1930–33 ist in Kasachstan weniger politisch gefärbt als der Holodomor in der Ukraine.

Name der Hungersnot Als Eigenname der Hungersnot wird manchmal der Begriff „Große Hungersnot“ verwendet.

Die russische Regierung benutzt in offiziellen Erklärungen die Formulierung „Hungersnot der 1930er auf dem Gebiet der UdSSR“.

In der Ukraine und in den mehrheitlich ukrainischen Teilen der RSFSR ist das Ereignis als „Holodomor“ bekannt.

In der russischen und kasachischen Literatur ist der Begriff „Goloschtschokin-Genozid“ als Alternativname für die Hungersnot in Kasachstan verbreitet.

Zeitspanne der Hungersnot Während die Zeitspanne der Hungersnot von den meisten Historikern als 1932 bis 1933 gegeben wird, wird manchmal auch das Jahr 1931 als Startpunkt vorgeschlagen. Die Historikerin Sarah Cameron schlägt für die kasachische Hungersnot sogar das Jahr 1930 vor. Ebenso wird manchmal statt des Jahres 1933 das Jahr 1934 als Endjahr der Hungersnot gegeben.

Hintergrund Sowjetische Wirtschaft zwischen Lenin und Stalin Nach den verheerenden Auswirkungen des Ersten Weltkriegs (1914 bis 1918), des Russischen Bürgerkriegs (1917 bis 1922) und der Wirtschaftspolitik des „Kriegskommunismus“ (1918 bis 1921), insbesondere nach der Hungersnot in Sowjetrussland 1921–1922, entschied sich Lenins sowjetrussische Regierung für die Wiedereinführung einer partiellen Marktwirtschaft in Form der Neuen Ökonomischen Politik (1921 bis 1928), gemeinhin „NEP“ (russisch НЭП - Новая экономическая политика, NEP – Nowaja ekonomitscheskaja politika) abgekürzt.

Die NEP brachte einige wirtschaftliche Stabilität und erlaubte in den Großstädten des Staates, seit dem 30. Dezember 1922 offiziell UdSSR genannt, sogar eine kurzlebige Zeit der kulturellen und wirtschaftlichen Liberalisierung und des Massenkonsums. Jedoch war die NEP mit ihren teilkapitalistischen Wirtschaftsaspekten selbst von Lenin stets nur als temporäre Lösung gedacht worden und war schon vor Lenins Tod am 21. Januar 1924 den Kadern der KPdSU regelmäßig ein Dorn im Auge. Nach Lenins Tod wurde die Zukunft der NEP zu einer wichtigen Debatte über die Zukunft der gesamten Sowjetunion, da die verschiedenen Kandidaten für den Führungsposten verschiedene Ansichten bezüglich der NEP vertraten. Der „rechte Flügel“ der KPdSU um Nikolai Bucharin wollte die NEP zumindest kurz- bis mittelfristig fortführen, während der „linke Flügel“ um Leo Trotzki die NEP schnellstmöglich abschaffen wollte und stattdessen den Ersatz der privatwirtschaftlichen Aspekte der Landwirtschaft durch Zwangskollektivierung anstrebte.

Im Zuge der NEP fanden einige klein- und mittelständische Unternehmer in der Sowjetunion durch ihre Geschäfte einen moderaten Wohlstand. Diese „Nepmänner“ wurden schnell zum Feindbild der orthodoxen Kommunisten innerhalb der KPdSU. mini|hochkant|Josef Stalin ging aus den parteiinternen Machtkämpfen der 1920er siegreich hervor. Ab 1929 begann er, die sowjetische Wirtschaft radikal umzumodellieren. Josef Stalin, der schlussendlich als Sieger aus dem Machtkampf nach Lenins Tod hervorgehen würde, war in Wirtschaftsfragen anfangs neutral. Stalin unterstützte bis 1927 die wirtschaftspolitische Linie des rechten Flügels und der Verteidiger der NEP, machte diese Unterstützung aber nicht weithin öffentlich. Er verbündete sich zunächst mit Bucharin gegen Trotzki und seine Anhänger („Linke Opposition“), aber wandte sich nach der Neutralisierung Trotzkis gegen Bucharin und dessen Unterstützer („Rechte Opposition“) und damit gegen die NEP.

Stalin verfolgte ab 1928 öffentlich die Abschaffung der NEP und die Einführung eines ultrabeschleunigten Industrialisierungsprogramms, mit besonderem Fokus auf Schwerindustrie, insbesondere Rüstungsgüter. Zu diesem Zweck wurden die Fünfjahrespläne als neue sowjetische Wirtschaftsdoktrin anstelle der NEP installiert. Die Abschaffung der NEP trug entscheidend zur Hungersnot der 1930er bei, war aber 1928 bei den Kadern der KPdSU als politische Entscheidung durchaus beliebt.

Als Teil der Umformung der Landwirtschaft, die unter NEP teilprivatisiert gewesen war und die es Bauern erlaubt hatte, Teile ihres Ertrages einzubehalten und entweder zu verzehren oder zu verkaufen, wurden stattdessen massive Verstaatlichungen der Landwirtschaft vorangetrieben. Die Bauern der UdSSR wurden angeregt, sich in Kolchosen (gemeinschaftliche Landwirtschaftsbetriebe unter strenger staatlicher Überwachung) oder in Sowchosen (staatliche Landwirtschaftsbetriebe mit Bauern als Staatsangestellte) zu organisieren. Dies war zunächst freiwillig, aber nachdem beispielsweise die Kollektivierungsrate in der Ukrainischen SSR (USSR) 1928 erst 3,4 % der Bauernhöfe und 3,8 % des Ackerlandes betrug, entschloss sich die Zentralregierung der UdSSR, den Kollektivierungsprozess per Zwang zu beschleunigen. Die Zwangskollektivierung in der Sowjetunion begann nach einem Befehl des Zentralkomitees der KPdSU im Februar 1929.

Um mit weniger Arbeitskraft in der Urproduktion trotzdem Produktionswachstum zu erzielen, wurden besonders die nomadischen Bewohner Zentralasiens (oft unter Zwang) dazu bewegt, sich sesshaft zu machen und anstelle von nomadischer Viehzucht Ackerbau zu betreiben. Diese Politik, besonders in der Kasachischen ASSR (KASSR) betrieben, wird auch „Sedentarisierung“ genannt.

Kultur- und Nationalitätenpolitik unter Stalin Unter Stalin erhielten die Minderheiten in der Sowjetunion mehr politische Rechte, besonders die Hauptvölker jeder Teilrepublik. So wurde in der USSR die Ukrainisierung begonnen, um die Benutzung der ukrainischen Sprache zu fördern, eine höhere Teilnahme der ethnisch ukrainischen Bevölkerung in der Kommunistischen Partei anzuregen (vor 1921 war die Partei in der Ukraine fast ausschließlich russisch und jüdisch gewesen) und die Ukraine als Kulturkreis fester in die Sowjetunion einzubinden. In der Weißrussischen SSR (WSSR) gab es stattdessen die Belarussisierung.

Getreidebeschaffungspolitik der Sowjetregierung mini|Getreidebeschlagnahmung bei den Kulaken (1933) Seit 1917 betrieb die Sowjetregierung als Teil ihrer Planwirtschaft Getreidebeschaffungsmaßnahmen. Ursprünglich wurde unter dem System des Kriegskommunismus die Prodrazvyorstka ('Nahrungsmittelverteilung') betrieben, welche aus gesetzten Requirierungsquoten bestand und im Zuge der Landwirtschaftsreformen der NEP 1921 aufgegeben wurde. Diese Quoten wurden danach stattdessen mit einer Sachsteuer ersetzt. Diese Sachsteuer, Prodnalog (Abkürzung von Prodovolstvenniy nalog, 'Nahrungsmittelsteuer'), wurde im März 1921 eingeführt und wurde Teil der NEP.

Nach dem Ende der NEP wurden statt der Prodnalog die Zwangsabgaben in der Landwirtschaft wieder eingeführt. Im April 1930 wurde verfügt, dass die Kolchosen und Sowchosen zwischen einem Viertel und einem Drittel ihrer Erträge an den Staat liefern würden, während der Rest des Ertrags als Bezahlung an die Bauern gehen würde. Die weitreichende Rücknahme und Einbehaltung dieser Getreidebezahlung ab November 1932 würde entscheidend zur Höchstphase der sowjetischen Hungersnot beitragen.

Für das abgelieferte Getreide sollte es vom Staat für die Bauernhöfe Entlohnungen geben. Trotz dieser Erklärung kam es de facto zwischen 1930 und 1932 jedoch nur selten zu finanziellen Ausgleichszahlungen an die Kollektivbauernhöfe. Eine Abkehr von dieser Politik erfolgte erst im Januar 1933, als die Hungersnot bereits im vollen Gange war.

Entkulakisierung mini|Von der Sowjetregierung organisierter Bauernaufmarsch während der Entkulakisierung Die Entkulakisierung war Teil der stalinistischen Landwirtschaftsreform. In der Terminologie der russischen Landwirtschaft waren die Bauern in drei Schichten unterteilt, die „armen Bauern“, die „Mittelbauern“ und die wohlhabenden „Kulaken“. In der Sowjetideologie nahmen die Kulaken (und all jene, die für solche gehalten wurden) die Rolle eines kapitalistischen Klassenfeinds in der Landwirtschaft ein. In der Realität waren die Opfer der sowjetischen Entkulakisierungskampagne oft selbst bitterarm. Da aber in der sowjetischen Selbstdarstellung alle Nicht-Kulaken die ländliche Politik unterstützten, wurden per Definition alle Bauern, inklusive der verarmten Landarbeiter, zu Kulaken, wenn sie sich des Widerstands schuldig machten. In Wirklichkeit gab es Widerstand gegen die sowjetische Politik in allen Reichtumsschichten des Bauerntums.

Kulaken (sowohl tatsächliche als auch vermeintliche) wurden zum Sündenbock für sowjetische Ernteausfälle in den späten 1920ern. Im Juli 1928 verteidigte Stalin die Beibehaltung von niedrigen Getreidepreisen als notwendigen „Tribut“ der Bauern zur Durchsetzung der Industrialisierung.

Am 27. Dezember 1929 kündigte Stalin sein Ziel der „Liquidierung der Kulaken als Klasse“ an. Dieses Ziel wurde ab Januar 1930 in Befehle des Zentralkomitees der KPdSU umgesetzt. mini|Kulakendeportationen in den Jahren 1930 und 1931 Zwischen 1930 und 1931 kam es daraufhin zu den schwersten Exzessen der Entkulakisierungskampagne. Insgesamt gab es 30.000 Erschießungen, 2.100.000 Zwangsdeportationen (davon 1.800.000 in den Jahren 1930 und 1931), und mindestens 2.000.000 lokale Zwangsumsiedlungen auf schlechtere Böden innerhalb der Heimregion. Zwischen Januar und März 1930 wurden allein in der Ukraine 62.000 Kulakenhaushalte, mit insgesamt mehr als 250.000 Menschen, aufgelöst. Die fraglichen Kulaken wurden verhaftet, deportiert oder ermordet.

Die Entkulakisierung führte in allen Bereichen der Landwirtschaft zu erheblichen wirtschaftlichen Schäden. So gab es in der Viehzucht 1934 lediglich die Hälfte der Arbeitstiere, die noch 1929 in der Sowjetunion registriert worden waren.

Von vielen westlichen Historikern wird die Entkulakisierung als Teil der größeren stalinschen Säuberungen gesehen, in welchen Josef Stalin die Parteibürokratie Lenins durch komplette Unterjochung aller Aspekte von Staat, Gesellschaft und Partei in seine persönliche Diktatur umzuwandeln suchte. Damit steht die Entkulakisierung in der Sowjetunion in einer Reihe mit dem Großen Terror und den Moskauer Prozessen.

Geschichte der Hungersnot Die ersten Vorzeichen der sowjetischen Hungersnot zeigten sich in Kasachstan. Zwischen 1929 und 1930 hatte die Sowjetregierung die Politik der Sedentarisierung stark vorangetrieben und die Abgabenforderungen an die neuangesiedelten kasachischen Landbewohner stark erhöht.