mini|Die Marien-Magdalenen-Kirche um 1800 mini|Das Kloster am Rand des Stadtkerns (1320) auf dem von Gaedechens 1880 rekonstruierten Stadtplan. Das Marien-Magdalenen-Kloster in Hamburg war ein Franziskanerkloster, das vom 13. Jahrhundert bis zur Reformation 1529 bestand. Nach seiner Aufhebung wurden die Gebäude in ein Wohnstift für bedürftige Jungfrauen und Witwen umgewandelt, das weiterhin den Namen Marien-Magdalenen-Kloster trug. Nach mehreren Umzügen und der vollständigen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg ging es in die Stiftung Hospital zum Heiligen Geist ein, die heute ihren Sitz im Stadtteil Poppenbüttel hat und dort Hamburgs größtes Alten- und Pflegeheim betreibt.
Franziskanerkloster Gründung Das Kloster des 1210 gegründeten Franziskanerordens in Hamburg wurde von Graf Adolf IV. von Holstein gestiftet. Einer im 15. Jahrhundert in dominikanischen Quellen überlieferten Legende nach hatte er in der Schlacht bei Bornhöved im Jahr 1227 gegen den dänischen König Waldemar II. ein entsprechendes Gelübde abgelegt, nachdem er die heilige Maria Magdalena um Hilfe angefleht hatte und die Schlacht für ihn siegreich ausgegangen war, weil die heilige Maria Magdalena mit ihrer Schürze die Sonne verdeckt und dadurch dem Heer des Grafen Adolf Kampfesmut gegeben hatte. Das Ereignis dient in den Legenden auch als Auslöser für die Gründung verschiedener Dominikanerklöster durch Adolf IV.Frank Hatje: „Gott zu Ehren, der Armut zum Besten“. Hospital zum Heiligen Geist und Marien-Magdalenen-Kloster in der Geschichte Hamburgs vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Hamburg 2002, S. 73f, 79–82.
Das genaue Gründungsdatum des Klosters, das das Patrozinium der heiligen Maria Magdalena und anfangs zusätzlich auch das vom Heiligen Kreuz trug,Frank Hatje: „Gott zu Ehren, der Armut zum Besten“. Hospital zum Heiligen Geist und Marien-Magdalenen-Kloster in der Geschichte Hamburgs vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Hamburg 2002, S. 107f, Anm. 109. ist nicht bekannt. Spätestens als Adolf IV. selber 1239 in dieses Kloster eintrat, wie er es 1227 gelobt haben soll, wird es bestanden haben. Es ist aber anzunehmen, dass das Franziskanerkloster bereits existierte, als Adolf IV. 1236 den Dominikanern die Erlaubnis zur Klostergründung in Hamburg gab,Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt, Katja Hillebrandt: Hamburg. Franziskaner. In: Oliver Auge, Katja Hillebrand (Hrsg.): Klosterbuch Schleswig-Holstein und Hamburg. Klöster, Stifte und Konvente von den Anfängen bis zur Reformation. Regensburg 2019. Band 1, S. 450–474; 450f. frühestens also nach 1227.Angela Koch: Die Minderbrüder in Hamburg. In: Dieter Berg (Hrsg.): Franziskanisches Leben im Mittelalter. Werl 1994, S. 71–92, hier S. 72. Adolf IV. trennte sich für seinen Schritt ins Kloster von seiner Frau Heilwig, die ihrerseits Gründerin und erste Äbtissin des Klosters Herwardeshude wurde, und erhielt 1245 vom Lübecker Bischof Johannes die Priesterweihe. Zuvor hatte der Graf in Rom von Papst Innozenz die Dispens vom Weihehindernis der Irregularität erhalten, die er sich wegen seiner mehrfachen Kriegführung zugezogen hatte; der Papst erteilte ihm auch die Weihe zum Subdiakon.Angela Koch: Die Minderbrüder in Hamburg. In: Dieter Berg (Hrsg.): Franziskanisches Leben im Mittelalter. Werl 1994, S. 71–92, hier S. 74. Er siedelte dann aber in das von ihm gegründete Kieler Kloster des Ordens um, wo er bis zu seinem Tod 1261 lebte. Auch sein jüngster Sohn Ludwig (Luder) wurde Franziskaner.Hans-Joachim Schmidt: Wirtschaft der Konvente und Beziehung zur Bevölkerung. In: Volker Honemann (Hrsg.): Von den Anfängen bis zur Reformation. (= Geschichte der Sächsischen Franziskanerprovinz von der Gründung bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts, Bd. 1, hrsg. von der Sächsischen Franziskanerprovinz) Paderborn 2015, S. 165–193, hier S. 179.Zum Gelübde Adolfs: Volker Honemann: Franziskanische Geschichtsschreibung. In: Volker Honemann (Hrsg.): Von den Anfängen bis zur Reformation. Paderborn 2015, S. 730–844, hier S. 767. mini|Adolf IV. von Schauenburg als Franziskanerbruder im Sarg, ehemals im Marien-Magdalenen-Kloster, heute im Museum für Hamburgische Geschichte Das Kloster lag am nördlichen Rand der damaligen Stadt auf einem Geestsporn direkt an der Unteralster. Mit dem Bau der Klosterkirche wurde nach archäologischen Befunden 1231 oder kurz danach auf neu erschlossenem Gebiet begonnen.Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt, Katja Hillebrandt: Hamburg. Franziskaner. In: Oliver Auge, Katja Hillebrand (Hrsg.): Klosterbuch Schleswig-Holstein und Hamburg. Klöster, Stifte und Konvente von den Anfängen bis zur Reformation. Regensburg 2019. Band 1, S. 450–474; S. 467. Die Anlage des Reesendamms und die damit erfolgte zweite Aufstauung der Alster 1235 ermöglichte eine Vergrößerung der Klosteranlage. Mehrere Um- und Anbauten im folgenden Jahrhundert konnten durch Ausgrabungen dokumentiert werden. Urkundlich erwähnt wurde das Kloster erstmals 1246, als Adolfs Söhne Johann I. von Holstein-Kiel und Gerhard I. von Holstein-Itzehoe Hamburg erlaubten, das Gebiet zwischen dem Klostergelände und dem Millerntor für den Bau der Stadtbefestigung zu nutzen.Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt, Katja Hillebrandt: Hamburg. Franziskaner. In: Oliver Auge, Katja Hillebrand (Hrsg.): Klosterbuch Schleswig-Holstein und Hamburg. Klöster, Stifte und Konvente von den Anfängen bis zur Reformation. Regensburg 2019. Band 1, S. 450–474; 451f. Im Hamburger Kloster tagte wiederholt das Provinzkapitel der Sächsischen Franziskanerprovinz (Saxonia), zu der der Konvent gehörte, so 1281, 1386, 1406, 1463 und 1522.Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Werl 1999, S. 73, 129, 141, 185, 255; nach Frank Hatje: „Gott zu Ehren, der Armut zum Besten“. Hospital zum Heiligen Geist und Marien-Magdalenen-Kloster in der Geschichte Hamburgs vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Hamburg 2002, S. 102 waren die Kapitel in den Jahren 1386 und 1463 sogar Generalkapitel des gesamten Franziskanerordens. Dass so wichtige Versammlungen stattfinden konnten, lässt darauf schließen, dass bereits 1281 größere Räumlichkeiten vorhanden waren. Ab 1365 konnte der neue Chor der Klosterkirche für die Versammlungen genutzt werden. Innerhalb der Ordensprovinz Saxonia gehörte das Hamburger Kloster mit Stade, Lüneburg und Kiel zur Kustodie Bremen.Angela Koch: Die Minderbrüder in Hamburg. In: Dieter Berg (Hrsg.): Franziskanisches Leben im Mittelalter. Werl 1994, S. 71–92, hier S. 71.
Klosterzeit bis zur Reformation mini|Lageplan der Klostergebäude im Jahr 1753 Das Franziskanerkloster pflegte eine enge Beziehung zur Stadt und zur Bevölkerung. Während sich die Dominikaner eher auf die ökonomische Führungsschicht der Stadt ausrichtete, standen die Franziskaner den Handwerkern und Zünften näher, sie kümmerten sich um Notleidende, begleiteten Fischer auf See und betreuten Verurteilte bis zur Hinrichtung.Frank Hatje: „Gott zu Ehren, der Armut zum Besten“. Hospital zum Heiligen Geist und Marien-Magdalenen-Kloster in der Geschichte Hamburgs vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Hamburg 2002, S. 97f. In der Kirche wurde täglich nach der Vesper gepredigt, und die Brüder pflegten Kranke und unterhielten eine Küche für Armenspeisungen, sie betreuten die Menschen seelsorgerlich, führten Bestattungen in der Klosterkirche und auf dem zum Klostergelände gehörenden Kirchhof durch und hielten stiftungsgemäß Seelmessen an den Tagen zwischen Tod und Begräbnis und am Jahrestag der Verstorbenen; auch gab es Gebetsstiftungen, wo der Verstorbenen vor oder nach einer Predigt durch bestimmte Gebete (Vaterunser, Ave Maria, Credo) gedacht wurde. Das Necrologium des Klosters verzeichnet für die Zeit vom späten 13. bis zum frühen 16. Jahrhundert rund 1.250 Namen von Verstorbenen, derer von den Franziskanern gottesdienstlich gedacht wurde, darunter zahlreiche Bürgermeister, Ratsherren und angesehene Bürger.Patricius Schlager OFM: Das Nekrologium des Hamburger Franziskanerklosters. In: Beiträge zur Geschichte der Sächsischen Franziskanerprovinz vom Heiligen Kreuze III (1910), S. 1–57, hier nach: Frank Hatje: „Gott zu Ehren, der Armut zum Besten“. Hospital zum Heiligen Geist und Marien-Magdalenen-Kloster in der Geschichte Hamburgs vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Hamburg 2002, S. 89 92. Die Schifferzunft und insgesamt siebzehn Bruderschaften pflegten regen Kontakt zu den Franziskanern und hatten Altäre in der Klosterkirche, die sie zum Teil gestiftet hatten. Die angesehene Schonenfahrer-Gesellschaft feierte regelmäßige Gottesdienste in der Kirche.Hans-Joachim Schmidt: Wirtschaft der Konvente und Beziehung zur Bevölkerung. In: Volker Honemann (Hrsg.): Von den Anfängen bis zur Reformation. Paderborn 2015, S. 165–193, hier S. 184.
Um die Begräbnisrechte in der Stadt gab es 1289 einen Streit zwischen den Franziskanern und dem Domkapitel, der durch Vermittlung des Provinzials der Sächsischen Franziskanerprovinz, Burkhard von Halle, geschlichtet wurde. Für den Weltklerus bedeutete der seelsorgliche Erfolg der Franziskanerbrüder, die bei der Bevölkerung sehr beliebt waren, auch eine finanzielle Einbuße bei den Spenden und Abgaben für die Sakramentenspendung (oblationes et sacrificia), die in Form von Geldspenden, testamentarischer Verfügung oder durch Stiftung von liturgischen Geräten, Lebensmitteln oder Kleidung geleistet wurden. Im 14. Jahrhundert übertraf das Franziskanerkloster bei ihm zugedachten Testamenten den Dom, alle Hamburger Pfarrkirchen und das Dominikanerkloster.Frank Hatje: „Gott zu Ehren, der Armut zum Besten“. Hospital zum Heiligen Geist und Marien-Magdalenen-Kloster in der Geschichte Hamburgs vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Hamburg 2002, S. 88, 93f.
Im 15. Jahrhundert hatte das Kloster – wie sonst nur die vier Hamburger Hauptkirchen – das Recht, Asyl zu gewähren.Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Chronologischer Abriß der Geschichte der Sächsischen Franziskanerprovinzen von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Werl 1999, S. 81 (Begräbnisrecht), 187 (Asylrecht).
1481 führte der Provinzialminister der Sächsischen Franziskanerprovinz, Eberhard Hillemann, im Hamburger Konvent die Martinianischen Konstitutionen des Ordens ein, die eine Rückbesinnung auf das franziskanische Armutsideal bedeuteten.Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Werl 1999, S. 201. Entsprechend diesen Regeln hatte das Hamburger Franziskanerkloster keinen Grundbesitz, und die Kirche besaß keinen Turm. Die Einkünfte und Besitztümer des Klosters waren formal Eigentum des Apostolischen Stuhls und wurden von Prokuratoren, meist Ratsmitglieder, verwaltet. Die Brüder erhielten von den Prokuratoren aus den Erlösen des Besitzes Geld als Almosen für ihren Lebensunterhalt und zum Erhalt ihrer Baulichkeiten.Ingo Ulpts: Die Bettelorden in Mecklenburg. Ein Beitrag zur Geschichte der Franziskaner, Klarissen, Dominikaner und Augustiner-Eremiten im Mittelalter. (= Saxonia Franciscana. 6). Dietrich-Coelde-Verlag, Werl 1995, ISBN 3-87163-216-3, S. 317.Frank Hatje: „Gott zu Ehren, der Armut zum Besten“. Hospital zum Heiligen Geist und Marien-Magdalenen-Kloster in der Geschichte Hamburgs vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Hamburg 2002, S. 98f. 1510 wurde die Kirche um ein weiteres Seitenschiff erweitert. 1522 fand noch einmal das Provinzkapitel im Hamburger Franziskanerkloster statt.
Zu Ostern 1523 predigte in der Klosterkirche der Rostocker Franziskaner Stephan Kempe, der der Reformation Martin Luthers nahestand. Er stieß in der Bevölkerung auf Zustimmung und wurde von seinen Hamburger Mitbrüdern geduldet. Ab 1526 feierte er das Abendmahl im lutherischen Sinne in beiderlei Gestalt. 1529 wurde die Aufhebung des Klosters beschlossen. 1531 übergaben die Brüder freiwillig ihr Kloster an die Stadt. Das Gebäude ging in die Verwaltung der Oberalten über und bot fortan bedürftigen Jungfrauen und Witwen Zuflucht. Die im Kloster verbliebenen ehemaligen Franziskaner erhielten eine lebenslange Rente.Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Werl 1999, S. 259. 269. 273.