Mescalin oder Meskalin ist ein psychedelisch und halluzinogen wirksames Alkaloid aus der Stoffgruppe der Phenethylamine.

Geschichte Entdeckung und Synthese Louis Lewin beschrieb 1888 den nach ihm benannten Kaktus „Anhalonium Lewinii“ (Lophophora williamsii, Peyote), dessen chemisches Prinzip er extrahierte und untersuchte. Dieses nannte er „Anhalonin“ (eine mescalinhaltige Alkaloidfraktion).L. Lewin: Ueber Anhalonium Lewinii. In: Archiv für Experimentelle Pathologie und Pharmakologie. Band 24, 1888, S. 401–411, doi:10.1007/bf01923627. Zur selben Zeit stellte Arthur Heffter Forschungen über Lophophora williamsii an, wobei er den Reinstoff Mescalin erstmals 1896 isolierte;Ueber Pellote. Ein Beitrag zur pharmakologischen Kenntniss der Cacteen. In: Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie. Band 34, 1894, S. 65–86 (Digitalisat, doi:10.1007/bf01864855); Ueber Pellote. Beiträge zur chemischen und pharmakologischen Kenntniss der Cacteen. Zweite Mittheilung. In: Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie. Band 40, 1898, S. 385–429 (Digitalisat doi:10.1007/BF01825267). Ernst Späth gelang 1919 die Strukturaufklärung und die erste Totalsynthese.Ernst Späth: Über die Anhalonium-Alkaloide: I. Anhalin und Mezcalin. In: Monatsh. Chem. 40, Nr. 2, 1919, S. 129–154; doi:10.1007/BF01524590.

Vorkommen mini|links|Der Peyote-Kaktus Lophophora williamsii enthält als Hauptwirkstoff Mescalin.Albert Gossauer: Struktur und Reaktivität der Biomoleküle. Verlag Helvetica Chimica Acta, Zürich 2006, ISBN 3-906390-29-2, S. 247. mini|links|Biogenes, isoliertes kristallines Mescalin Mescalin findet sich im mittelamerikanischen Peyote-Kaktus (Lophophora williamsii), in den Kakteen Echinopsis pachanoi, Echinopsis peruviana, Echinopsis lageniformis, Echinopsis santaensis und Echinopsis schoenii aus der südamerikanischen Kakteengattung Echinopsis sowie in vielen weiteren Kakteenarten in geringen Spuren (unter 0,1 % Gesamtgehalt).O. Ogunbodede, D. McCombs, K. Trout, P. Daley, M. Terry: New mescaline concentrations from 14 taxa/cultivars of Echinopsis spp. (Cactaceae) (“San Pedro”) and their relevance to shamanic practice. In: Journal of ethnopharmacology. Band 131, Nummer 2, September 2010, S. 356–362, doi:10.1016/j.jep.2010.07.021, PMID 20637277.Yohei Hashimoto, Kazuko Kawanishi, Masataka Moriyasu: Forensic Chemistry of Alkaloids by Chromatographic Analysis. In: The Alkaloids: Chemistry and Pharmacology. Band 32, 1988, S. 40 (doi:10.1016/S0099-9598(08)60215-1).Keeper Trout: Cactus Chemistry by Species, 2014. doi:10.13140/RG.2.1.4715.8886.

Verwendung

Als Halluzinogen war Mescalin neben LSD in der Drogenszene der 1960er-Jahre weit verbreitet. Es wurde mit Blick auf den sozialen Kontext der US-amerikanischen Indigenen-Reservate von einigen Medizinern und Ethnologen wiederholt als Alternative zum Alkohol vorgeschlagen.

Die Wirkung von Mescalin ist im 20. Jahrhundert außer von Anthropologen (besonders von Richard Evans Schultes, Weston La Barre, J. S. Slotkin) sowie Neurowissenschaftlern (Heinrich Klüver) auch von manchen Schriftstellern und Künstlern erforscht worden, unter anderem von Aldous Huxley, Antonin Artaud, Allen Ginsberg, Ernst Jünger, Carlos Castaneda und Henri Michaux.

Von der ethnobotanischen Nutzung von mescalinhaltigen Kakteen zeugen Funde von Tonwaren, Textilien, Grabfiguren und Felszeichnungen aus der amerikanischen Frühgeschichte. Bei der Ankunft der Spanier in Peru war die Nutzung von Trichocereus macrogonus var. pachanoi als zeremonielle Pflanze verbreitet. Die römisch-katholische Kirche verfolgte diese rituellen Nutzungen. Für die 1914 gegründete Native American Church wurde in den USA eine Sonderregel festgelegt, die es den Gläubigen erlaubt, den Peyote-Kaktus oder das darin enthaltene Meskalin zu besitzen und zu konsumieren.

Chemie Mescalin kann aus Kakteen mittels Extraktion gewonnen werden, es lässt sich aber auch synthetisch herstellen. Strukturverwandt mit Mescalin ist das 3-Methoxy-4,5-methylendioxyamphetamin (MMDA), welches nach Einnahme von Myristicin, einem Inhaltsstoff des Muskatnussöls, möglicherweise als Stoffwechselprodukt entsteht. MMDA ist das Methoxy-Analogon des 3,4-Methylendioxyamphetamins (MDA). Auch sind 3,4,5-Trimethoxyamphetamin (TMA), 2,4,5-Trimethoxyamphetamin (TMA-2) und 2,4,6-Trimethoxyamphetamin (TMA-6) bekannte Amphetamin-Analoga des Mescalins mit ähnlich psychedelischer Wirkung. Der Mescalingrundkörper war Vorlage für die Entwicklung der 2C-Stoffgruppe sowie Vertreter der Dimethoxyamphetamine.A. T. Shulgin, M. F. Carter: Centrally active phenethylamines. In: Psychopharmacology communications. Band 1, Nummer 1, 1975, S. 93–98, PMID 1223994.

Analytik Zur qualitativen und quantitativen Bestimmung des Stoffs kommt nach angemessener Probenvorbereitung die Kopplung der HPLC oder Gaschromatographie mit der Massenspektrometrie zur Anwendung.C. Gambelunghe, R. Marsili, K. Aroni, M. Bacci, R. Rossi: GC-MS and GC-MS/MS in PCI mode determination of mescaline in peyote tea and in biological matrices. In: J Forensic Sci. Bd. 58, Nr. 1, Januar 2013, S. 270–278, PMID 22900815.L. A. Nisbet, F. M. Wylie, B. K. Logan, K. S. Scott: Gas Chromatography-Mass Spectrometry Method for the Quantitative Identification of 23 New Psychoactive Substances in Blood and Urine. In: J Anal Toxicol. Bd. 43, Nr. 5, 1. Juni 2019, S. 346–352, PMID 30698723.S. Yang, Y. Shi, Z. Chen, M. Chen, X. Liu, W. Liu, M. Su, B. Di: Detection of mescaline in human hair samples by UPLC-MS/MS: Application to 19 authentic forensic cases. In: J Chromatogr B Analyt Technol Biomed Life Sci. Bd. 1195, 15. April 2022, S. 123202, PMID 35248899.

Pharmakologie Die Pharmakodynamik des Mescalins besteht in einer Bindung und Aktivierung des Serotonin-Rezeptors 5-HT2A als Partialagonist mit relativ starker Affinität (Bindungsstärke).A. Rickli, O. D. Moning, M. C. Hoener, M. E. Liechti: Receptor interaction profiles of novel psychoactive tryptamines compared with classic hallucinogens. In: European neuropsychopharmacology: the journal of the European College of Neuropsychopharmacology. Band 26, Nummer 8, August 2016, S. 1327–1337; doi:10.1016/j.euroneuro.2016.05.001, PMID 27216487.D. E. Nichols: Psychedelics. In: Pharmacological reviews. Band 68, Nummer 2, April 2016, S. 264–355; doi:10.1124/pr.115.011478, PMID 26841800, (Review). Auch besteht eine Wirkung am Serotonin-Rezeptor 5-HT2C.

Die oral wirksame Dosis wird mit 200 bis 400 mg (als Mescalin-Sulfat) und 178 bis 356 mg (als Mescalin-Hydrochlorid) angegeben.PiHKAL #96 MeskalinErowid: Mescaline Dosage Der Rausch selbst hält dann sechs bis neun Stunden an. Nachwirkungen können bis zu zwölf Stunden wahrgenommen werden. Die Plasmahalbwertszeit von Mescalin wird mit sechs Stunden angegeben.K. D. Charalampous, K. E. Walker, John Kinross-Wright: Metabolic fate of mescaline in man. In: Psychopharmacologia. Bd. 9, 1966, S. 48–63; doi:10.1007/BF00427703.

Bevor die Wirkung einsetzt, kommt es meist zu Übelkeit und oft auch zu Erbrechen. Zunächst setzen Hyperaktivität und innere Unruhe ein, dann leicht veränderte Wahrnehmung und ein intensiviertes Farbensehen. Halluzinatorische Visionen und Traumbilder mit Realitätsverlust und Glücksgefühlen treten auf. Intensiv leuchtende Farben werden wahrgenommen. Die Wahrnehmung mit allen Sinnen ist subjektiv deutlich geschärft. Es kommt häufig zu Synästhesien.

Risiken des Drogenkonsums mini|links|hochkant=2.7|Vergleich von Abhängigkeitspotential und Verhältnis zwischen üblicher und tödlicher Dosis verschiedener psychoaktiver Substanzen und Mescalin (nach R. S. Gable)R. S. Gable: Acute toxicity of drugs versus regulatory status. In: J. M. Fish (Hrsg.): Drugs and Society: U.S. Public Policy. Rowman & Littlefield Publishers, Lanham MD 2006, S. 149–162. Mescalin kann unter Umständen eine substanzinduzierte Psychose oder persistierende Wahrnehmungsstörungen (Hallucinogen persisting perception disorder, HPPD)J. H. Halpern, H. G. Pope: Hallucinogen persisting perception disorder: what do we know after 50 years? In: Drug and alcohol dependence. Band 69, Nummer 2, März 2003, S. 109–119, PMID 12609692 (Review). auslösen. Auch können sogenannte auftreten; es wurde jedoch gezeigt, dass sich je nach Set und Setting diese stark reduzierten.Richard Bunce: In: E. Zinberg, W. M. Harding: Control Over Intoxicant Use: Pharmacological, Psychological, and Social Considerations. In: Human Sciences Press. 1982, S. 105–125.

Bei starker Erregung ist unter anderem medizinische Behandlung indiziert – schlägt Diazepam peroral vor, allerdings haben sich beruhigende Gespräche als wirksam erwiesen und sind daher als erste Maßnahme angezeigt. Antipsychotika können das Erleben verstärken und sind daher nicht angezeigt. Laurence Brunton, Bruce A. Chabner, Bjorn Knollman: Goodman and Gilman’s Manual of Pharmacology and Therapeutics. Twelfth edition. McGraw-Hill 2011, ISBN 978-0-07-176939-6, S. 1537.

In einer retrospektiven Querschnittsstudie (2013) von Patientenangaben in Fragebögen aus den Jahren 2001 bis 2004 wurde ein möglicher statistischer Zusammenhang zwischen ärztlicher Behandlung innerhalb des vergangenen Jahres wegen psychischer oder psychiatrischer Probleme und mindestens einmaliger Einnahme von Mescalin/Peyote während des gesamten Lebens untersucht. Die Unterlagen des National Survey of Drug Use and Health (NSDUH), durchgeführt vom Gesundheitsministerium der USA, lieferten die Daten von 130.152 solcher Patienten für diesen Zeitraum. Davon hatten 9.374 angegeben, mindestens einmal im Leben Mescalin/Peyote eingenommen zu haben. Ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen den untersuchten Variablen wurde nicht gefunden. Die Autoren folgerten daraus, dass eine mindestens einmalige Einnahme von Mescalin/Peyote während des gesamten Lebens kein unabhängiger Risikofaktor für psychische Probleme des vergangenen Jahres sei. Sie wiesen jedoch darauf hin, dass eine Studie dieser Art keine Hinweise auf mögliche ursächliche Zusammenhänge gebe.Teri S. Krebs, Pål-Ørjan Johansen, Lin Lu: Psychedelics and Mental Health: A Population Study. In: PLoS ONE. Bd. 8, 2013, S. e63972, doi:10.1371/journal.pone.0063972.