mini|Florence Nightingale (1850er Jahre)rahmenlos|klasse=skin-invert-image

Florence Nightingale (* 12. Mai 1820 in Florenz, Großherzogtum Toskana; † 13. August 1910 in London, England) war eine britische Krankenschwester, Statistikerin, Begründerin der modernen westlichen Krankenpflege und einflussreiche Reformerin des Sanitätswesens und der Gesundheitsfürsorge in Großbritannien und Britisch-Indien. Die mathematisch begabte Forscherin Nightingale gilt außerdem als Pionierin der visuellen Veranschaulichung von Zusammenhängen in der Statistik.

Nightingale vertrat die Ansicht, dass es neben dem ärztlichen Wissen ein eigenständiges pflegerisches Wissen geben sollte, und vertrat diese auch in ihren Schriften zur Krankenpflege, die als Gründungsschriften der Pflegetheorie gelten. Unter anderem beschäftigte sie sich darin mit den Auswirkungen der Umgebung auf die Gesundheit. Ihr als Nightingalesches System bezeichnetes Ausbildungsmodell sah eine Ausbildung von Berufsanfängern vor allem durch erfahrene Pflegekräfte vor.

Während des Krimkrieges (1853–1856) leitete sie eine Gruppe von Pflegerinnen, die verwundete und erkrankte britische Soldaten im Militärkrankenhaus im türkischen Scutari (dem heutigen Istanbuler Stadtteil Üsküdar) betreute.Wolfgang U. Eckart: Illustrierte Geschichte der Medizin, Springer Verlag Berlin Heidelberg, 1.+2. Ausgabe 2011, hier zu Florence Nightingale: Der Krimkrieg und die Anfänge der Kriegskrankenfürsorge, S. 243–244. Illustrierte Geschichte der Medizin 2011 Da sie nachts auf ihren Kontrollgängen die Patienten mit einer Lampe in der Hand besuchte, ging Nightingale als Lady with the Lamp („Dame mit der Lampe“) in die britische Folklore ein.

Tatsächlich war Nightingale an der direkten Pflege von Verletzten und Erkrankten kaum beteiligt. Ihre Leistung in Scutari bestand in der Schaffung und Aufrechterhaltung eines rudimentären Krankenhausbetriebes. Aus dem Krimkrieg kehrte Nightingale chronisch krank nach Großbritannien zurück und führte als Invalide von da an ein zurückgezogenes Leben. Durch ihre zahlreichen Veröffentlichungen und Korrespondenzen nahm sie dennoch Einfluss auf mehrere Gesundheitsreformen.

Bedeutung von Nightingales Wirken Für die heutige Pflege Das 19. Jahrhundert wird auch als das „Jahrhundert der Medizin“ bezeichnet. Durch die Fortschritte in Diagnostik und Therapie wandelten sich die „Siechenhäuser“ in Krankenhäuser im heutigen Sinne. Heilungssuchende begannen, gezielt Krankenhäuser aufzusuchen, um sich behandeln zu lassen. Entsprechend wurde nun ausgebildetes Pflegepersonal – anstelle von Krankenwärtern – benötigt, das die Ärzte in der Therapie unterstützen konnte und mit den Patienten angenehmere Umgangsformen pflegte.

Während sich in anderen europäischen Ländern, insbesondere in Frankreich und Deutschland, katholische Orden die Ausbildung von Pflegern zur Aufgabe machten, geschah dies in Großbritannien wenig. Die wenigsten Klöster und Orden hatten die englische Reformation überlebt. Dieser Umstand wurde der britischen Öffentlichkeit durch Veröffentlichungen von Nightingale schmerzlich bewusst. Die Ausbildung von Pflegepersonal wurde daraufhin als nationale Aufgabe gesehen, für die Spendengelder gesammelt wurden.

Die von Nightingale gegründete Pflegeschule Nightingale School of Nursing am St Thomas’ Hospital in London wurde zur Keimzelle dieser Professionalisierung. Krankenhäuser aus allen britischen Regionen forderten in der Folgezeit Absolventen an, die das Pflegesystem an der eigenen Einrichtung reformieren und eine Ausbildung einführen sollten. Durch eine Art Schneeballsystem breitete sich so das Nightingale Nursing über den gesamten Commonwealth aus. Der Pflegeberuf in angelsächsischen Ländern ist bis heute anspruchsvoller in der Ausbildung – z. T. auf Hochschulniveau – und weist der Nurse weit mehr Kompetenzen zu als z. B. dem Gesundheits- und Krankenpfleger in Deutschland.

Im Gegensatz dazu lassen sich die Spuren der Ordenspflege bei uns auch heute noch erkennen: Anrede als „Schwester“ und Nächstenliebe als wesentliche Motivation. Nightingale trug in Großbritannien und den zum Empire gehörenden Ländern wesentlich dazu bei, dass sich die Krankenpflege zu einem gesellschaftlich geachteten und anerkannten Berufsweg für Frauen entwickelte, und legte Ausbildungsstandards fest, die zuerst in der von ihr gegründeten Krankenpflegeschule angewandt wurden.

Mit ihrem Satz „Ärzte beschäftigen sich mit Krankheiten, Krankenschwestern beschäftigen sich mit Menschen“ soll sie den Grundstein für eine Philosophie der Krankenpflege gelegt haben.Mustafa Engin Çoruh, Mukadder Gün: Die Reformen von Professor Dr. Robert Rieder Pascha (1861–1913) in der theoretischen und praktischen Ausbildung von Medizinern im Osmanischen Reich des frühen 20. Jahrhunderts. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 36/37, 2017/2018 (2021), S. 111–121, hier: S. 115.

Für die Pflegewissenschaft und Statistik

Nightingale gilt als Erfinderin des Polar-Area-Diagramms, eines Kreisdiagramms mit unterschiedlichen Radiuslängen, das sie vor allem zur Darstellung zyklischer Vorgänge nutzte. Außerdem propagierte sie in ihren Notes on Nursing sozialwissenschaftliche Feldexperimente.Johann Behrens: Theorie der Pflege und der Therapie. Grundlagen für Pflege- und Therapieberufe. Hogrefe, Bern 2019, S. 78; ISBN 978-3-456-85916-3.

Ein Großteil ihrer Arbeit bestand in der Informationserfassung und -verarbeitung als Managementaufgabe. So entwickelte sie Fragebögen, die in Kliniken verteilt wurden, um Missstände zu erkennen und nachweislich abzustellen. Diesen wissenschaftlichen Ansatz unter Nutzung von statistischen Analysen hat sie nicht nur in der Gesundheitsfürsorge genutzt, sondern auch bei ihren Bemühungen um die Verbesserung der Lebensumstände in Britisch-Indien.

Nightingale ist die erste Frau, die in die britische Royal Statistical Society aufgenommen wurde; später erhielt sie auch die Ehrenmitgliedschaft der American Statistical Association.

Auszeichnungen Für ihre Leistungen wurde Nightingale 1883 durch Queen Victoria mit dem Royal Red Cross ausgezeichnet und 1907 von König Edward VII. als erste Frau in den Order of Merit aufgenommen. Heute wird jeweils an ihrem Geburtstag der Internationale Tag der Pflege (auch Florence-Nightingale-Tag, engl. Herkunftsbezeichnung International Nurses Day, IND) begangen, und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz verleiht seit 1912 im Andenken an sie die Florence-Nightingale-Medaille, die als höchste Auszeichnung gilt, die an Pflegekräfte verliehen werden kann.

Internationale Wirkung und Rezeption Nightingales Wirken im Krimkrieg (1854–1856) inspirierte Henri Dunant, den Mitbegründer des Roten Kreuzes, angesichts der Schlacht von Solferino (1859).Henri Dunant: Eine Erinnerung an Solferino. Genf 1862, S. 107 f. ()

Leben

1820 bis 1836: Herkunft und frühe Jahre Florence Nightingales Mutter Fanny Nightingale, geborene Smith, entstammte einer politisch liberalen Familie. Der Großvater mütterlicherseits, der Kaufmann und Politiker William Smith, setzte sich im britischen Unterhaus für die Rechte der unteren Schichten, die weltweite Ächtung der Sklaverei und für Religionsfreiheit ein.Mark Bostridge: Florence Nightingale. Penguin Books, London 2009, ISBN 978-0-14-026392-3, S. 9–14.

Ihr Vater war William Edward Nightingale, geboren 1794 als William Edward Shore, der 1815 ein beträchtliches Vermögen von einem Onkel geerbt hatte. Entsprechend den Bestimmungen des Testaments änderte er seinen Nachnamen von Shore in Nightingale.Barbara Montgomer Dossey: Florence Nightingale – Mystic, Visionary, Healer. Springhouse Corporation, Springhouse 2000, ISBN 0-87434-984-2, S. 5. Er war ein Schulfreund von Fanny Smiths jüngerem Bruder Octavius und lernte 1811 seine spätere, sechs Jahre ältere Frau kennen.

William Nightingale und Fanny Smith heirateten 1818 und reisten unmittelbar nach der Hochzeit zwei Jahre durch Europa. Nightingales ältere Schwester Parthenope wurde 1819 in Neapel geboren und nach der griechischen Bezeichnung ihrer Geburtsstadt benannt. Florence Nightingales Geburtshaus war die Villa Colombaia in Florenz. Wie bei der älteren Tochter wählte das Ehepaar Nightingale einen Vornamen in Anlehnung an den Geburtsort aus.Ann Marriner Tomey, Martha Raile Alligood: Nursing theorists and their work. 6. Auflage. Elsevier Health Sciences, 2006, ISBN 0-323-03010-6, S. 71. Die Familie kehrte im Winter 1820 nach Großbritannien zurück und ließ sich zunächst in Lea HurstNightingale's childhood home at Lea Hurst in der Grafschaft Derbyshire nieder. Fanny Nightingale empfand die dortigen Winter jedoch als zu streng und die Möglichkeiten, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, als zu eingeschränkt.Bostridge, S. 17. 1825 erwarb William Nightingale zusätzlich den Landsitz Embley Park in Hampshire, der zum Hauptwohnsitz der Familie wurde. mini|Embley Park, der Hauptwohnsitz der Familie Nightingale

Aus Nightingales Kindheit sind mehrere Briefe an Familienmitglieder erhalten, die nach Ansicht des Biografen Mark Bostridge sehr früh eine große sprachliche Begabung und Beobachtungsgabe zeigen.Bostridge, S. 33. Bereits mit neun Jahren sprach sie so gut Französisch, dass sie für ihre Mutter eine Predigt in dieser Sprache zusammenfassen konnte. Ab 1831 übernahm der in Cambridge gebildete Vater einen großen Teil der Erziehung seiner Töchter.Dossey, S. 16–17. Er unterrichtete sie in Latein, Griechisch, Deutsch, Französisch und Italienisch sowie in Mathematik, Geschichte und Philosophie. Die zusätzlich engagierte Hauslehrerin war für den Unterricht in Zeichnen und Musik zuständig.Wolfgang Genschorek: Schwester Florence Nightingale. Teubner, Leipzig 1990, ISBN 3-322-00327-2, S. 12.

Fanny und William Nightingale waren Anhänger des Unitarismus, einer liberalen und dogmenfreien christlichen Glaubensrichtung, die unter anderem die Lehre der Dreifaltigkeit Gottes ablehnte. Auch wenn Bostridge den im Verlauf ihres Lebens zunehmend heterodoxer werdenden Glauben Nightingales betont, waren einzelne Elemente des unitaristischen Ethos für sie prägend: der Glaube an sozialen Fortschritt und an eine moralische Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft sowie die große Bedeutung, die dem Dienst an der Gemeinschaft beigemessen wurde.Bostridge, S. 53. Briefe aus den 1830er-Jahren belegen, dass die Familie Nightingale in dieser Zeit für die Dorfbewohner in der Nähe von Lea Hurst medizinische Versorgung organisierte und bezahlte.Bostridge, S. 49. Nightingale sammelte ihre ersten Erfahrungen in der Krankenpflege zwar durch die Pflege kranker Familienmitglieder, begleitete aber bereits in sehr jungem Alter ihre Mutter und ihre Gouvernante bei Krankenbesuchen in den umliegenden Dörfern. Tagebucheinträge der erst zehnjährigen Nightingale über den Selbstmord einer jungen Mutter weisen darauf hin, dass sie dadurch sehr früh einen Eindruck der Lebensbedingungen der Armen erhielt.

1837 bis 1844: Entscheidung für die Krankenpflege