mini|Sorbonne, gesehen vom Place de la Sorbonne Die Geschichtsschreibung zur Französischen Revolution hat in mehr als zwei Jahrhunderten ein breites Spektrum an Interpretationen, Deutungsmustern, Denkschulen und spezifischen Forschungsansätzen hervorgebracht. Unter den Revolutionen der Neuzeit habe keine den zeitgenössischen Meinungsstreit stärker erregt und in der Folge auch wissenschaftlich mehr Parteilichkeit zur Folge gehabt als die Französische Revolution, so der Bamberger Historiker Eberhard Schmitt. Von Anfang an habe sie in Frankreich wie auch in der übrigen Welt starke Emotionen geweckt, die einerseits auf erbitterter Ablehnung beruhten und andererseits ihre Glorifizierung betrieben. Sie war demnach Katalysator für vielfältige Auseinandersetzungen zwischen Vertretern der Reaktion einerseits und des Fortschrittsoptimismus andererseits, zwischen Klerikalen und Antiklerikalen, zwischen Rechten und Linken.Eberhard Schmitt: Einführung in die Geschichte der Französischen Revolution. C. H. Beck, München 1976, S. 11.

Hinsichtlich der unterschiedlichen Interpretationsansätze beziehungsweise Denkschulen zur Französischen Revolution wird hauptsächlich unterschieden zwischen konservativen, bürgerlich-liberalen, sozialistischen, marxistisch-leninistischen und revisionistischen Betrachtungsweisen. In der französischen Revolutionsforschung und Geschichtsschreibung war diesbezüglich in der Vergangenheit sogar auf institutioneller Ebene eine Aufteilung erkennbar: Die Sorbonne als universitäres Forschungszentrum war im 20. Jahrhundert die Domäne der sozialistischen Forschungsrichtung; an der Académie française herrschte die konservative Ausrichtung vor; und an der École des hautes études en sciences sociales etablierte sich die strukturanalytisch-revisionistische Interpretation. Während noch zum Zeitpunkt des 200-jährigen Revolutionsjubiläums 1989 in den geschätzt rund 800 dazu erschienenen Publikationen die Lesarten und Leistungen der diversen Forschungsansätze zum Teil einseitig hervorgehoben worden waren, rückten danach Bemühungen in den Vordergrund, die politische Ideologisierung der Revolutionsforschung abzubauen und im internationalen Rahmen zu Erkenntnisfortschritten unabhängig von politisch-gesellschaftlichen Einstellungen zu gelangen.Schulin 2004, S. 44 und 57 f.

Fragen zur Französischen Revolution Kontrovers ist in der Deutungsgeschichte der Französischen Revolution vieles diskutiert worden. Wann begann und wann endete sie? Das Datum 1789 hat eine Vorgeschichte mindestens bis 1787, die Vorschläge für das Ende reichen von 1794 bis 1815. Wofür steht sie symbolisch? Emanzipation des Bürgertums, Erklärung der universalen Menschenrechte, Demokratie, Ende des Feudalismus, Kapitalismus, Säkularisierung, Nationsbildung sind wichtige mit ihr verbundene historische Begriffe oder Durchbrüche. Inwieweit war sie ein Erfolg oder ein Misserfolg? Auf der negativen Seite stehen die Schlagworte Terrorherrschaft, Diktatur, Bürgerkrieg, europäische Kriege von 1792 bis 1815. Wie ist ihr Verhältnis zu anderen großen Prozessen? Fragwürdig ist das Verhältnis zur Aufklärung (z. B. Kosmopolitismus und Toleranz bei Voltaire, widersprüchliches Verhältnis zu Rousseau nach Gordon McNeil, Roger Chartier), zur Atlantischen Revolution (Robert Palmer), zur Industriellen Revolution (Carlo M. Cipolla), zum „kolonialistischen Weltsystem“ (Immanuel Wallerstein). Wie ist ihr Verhältnis zu anderen (parallelen) Revolutionen, Begleiterscheinungen oder Reaktionen? Zum Beispiel zur Amerikanischen Revolution, in den Niederlanden, Polen, Großbritannien, Lateinamerika, Preußische Reformen. Was macht sie zu einer Revolution? Geht es um Beschleunigung, Umwälzung, Gewalt, Fortschritt? Was bedeutet sie für die Frauen oder das Geschlechterverhältnis? Was für die Juden und andere religiöse und ethnische Minderheiten? Wie stehen große Individuen oder Eliten einerseits und Volksmassen oder Unterschichten andererseits zueinander?

Folge der Aufklärung mini|Rousseaus Ehrengrab im Pantheon: Die Überführung 1794 nach dem Sturz Robespierres wurde als antijakobinisch aufgefasst. Bereits 1789 führten Sympathisanten und Gegner der Revolution diese auf die Ideen der Aufklärung zurück. Anlass boten die öffentlichen Ehrungen für die Philosophen Voltaire und Rousseau, die ins Pantheon überführt wurden, oder der Kult der Vernunft. Die erste Verfassung setzte die Gewaltenteilung nach Montesquieu um, Robespierre war ein überzeugter Anhänger des Tugendbegriffes und des vernünftigen Gemeinwillens bei Rousseau. Der Publizist Jacques Mallet-du-Pan bekundete erst Verständnis, nach dem Beginn der Gewaltherrschaft jedoch starke Ablehnung. Historiker haben auf starke Gegensätze zu den Schriften der zentralen Aufklärer hingewiesen, doch haben die Revolutionäre nach Roger Chartier eher umgekehrt ein manipuliertes Bild der Aufklärung sich zu eigen gemacht.

Gegenrevolutionär-konservative Strömung

mini|300px|Der Sitz der in Paris Bereits im Auftaktjahr 1789 wurde in Kreisen der vormals privilegierten französischen Emigranten die aus Quellen nicht belegbare Konspirations- und Komplotthese verbreitet, wonach die Revolution bereits in den vorhergegangenen Jahren in Geheimzirkeln minutiös geplant und sodann herbeigeführt worden war. Eine vielbeachtete Folie für die gegenrevolutionär-konservative Betrachtung der Französischen Revolution stellten Edmund Burkes bereits 1790 erschienene Reflections on the Revolution in France, And on the Proceedings in Certain Societies in London Relative to that Event (Reflexionen über die Revolution in Frankreich und über die Verhandlungen in bestimmten Londoner Gesellschaften zu diesem Ereignis) dar. Burke zeichnete wie alle seine diesem Betrachtungsansatz zuneigenden Informanten ein rosiges Bild der Epoche vor 1789. Die revolutionären Akteure hätten unter Missachtung der Würde des Monarchen die Säulen der ausgewogenen Verfassung des Ancien Régime gestürzt, um gleichmacherisch die menschliche Natur und die Erfahrungen der Geschichte zu vergewaltigen.Eberhard Schmitt: Einführung in die Geschichte der Französischen Revolution. C. H. Beck, München 1976, S. 16 f.

Unter dem Eindruck der Niederlage Napoleons III. im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und der Pariser Kommune verfasste Hippolyte Taine sein 1875–1893 erschienenes sechsbändiges Werk Les origines de la France contemporaine (Die Entstehung des modernen Frankreich), in dem er eine scharfe Abrechnung mit der Französischen Revolution vorlegte, die sich bereits auf deren aufklärerische Wegbereiter bezog. In seiner vorwiegend geistes- und kulturgeschichtlichen Betrachtungsweise führte Taine die Ursachen des Revolutionsgeschehens und das Handeln der Akteure auf historische und psychologische Bedingtheiten zurück und sah dabei in den Aspekten Rasse, Milieu und Moment (bzw. Zeitpunkt) die bestimmenden Hauptkräfte. Massenzeitalter und Massenaktion waren für ihn stark negativ besetzte Begriffe; sein Interesse für Massenpsychologie ging mit der Beobachtung einher, dass Massen sich ganz anders verhielten als Individuen. Regierungsfähig waren für Taine nur Notabeln, Honoratioren und herausgehobene Personen von Stand.Schulin 2004, S. 36 f. Im politisch-kulturellen Establishment der Dritten Französischen Republik glich Taines düsteres Revolutionsbild einem Tabubruch, vor allem bezogen auf die historische Aufwertung der Konterrevolution. Dem auf nationale Einheit gerichteten euphorischen Aufruf Georges Clemenceaus von 1897: „Die Revolution ist ein Ganzes“, stand in deutlichem Kontrast Taines Aussage gegenüber: „Die Revolution im Ganzen ist nichts als Anarchie und kriminelle Unterwanderung.“Heinrich A. Hartmann: Hippolyte Taine – Die Revolution als Krankheitsgeschichte. In: Pelzer (Hrsg.) 2004, S. 114. Bürgerlich-liberale Betrachtungsansätze

mini|Adolphe Thiers in den 1830er Jahren Eine von liberalen Vorstellungen getragene Revolutionsdarstellung (Considérations sur les principaux événements de la Révolution française, depuis son origine jusques et compris le 8 juillet 1815)Betrachtungen über die Hauptereigneisse der Französischen Revolution seit ihrem Beginn und bis einschließlich des 8. Juli 1815 aus Zeitzeugensicht verfasste Germaine de Staël, die Tochter Jacques Neckers, der noch zu Zeiten des Ancien Régime unter Ludwig XVI. Finanzminister gewesen war. Das 1818 postum erschienene Werk schilderte verheißungsvolle Reformansätze im Vorfeld der Revolution, erklärte den Revolutionsausbruch mit der Unzufriedenheit in allen Ständen der Gesellschaft, betrachtete aber auch die der ersten Revolutionsjahre mit Wohlwollen. Den positiven Anfängen stellte sie die Entartungserscheinungen der Terreur kontrastierend gegenüber.Schulin 2004, S. 29.

Weitere in der Revolutionshistoriographie des 19. Jahrhunderts bedeutsame Werke von liberaler Denkart stammten von Adolphe Thiers, François-Auguste Mignet und Jules Michelet. Thiers zählte zu den wichtigsten französischen Politikern seiner ZeitHeinrich Heine hielt ihn für einen Staatsmann mit angeborenem Talent zum Regieren. „Die Natur schafft Staatsmänner, wie sie Dichter schafft, zwei sehr heterogene Arten von Geschöpfen, die aber von gleicher Unentbehrlichkeit; denn die Menschheit muss begeistert werden und regiert.“ (Zitiert nach Erich Pelzer: Adolphe Thiers und François Mignet – Die Bourgeoisie entdeckt ihre revolutionären Wurzeln. In: Ders. (Hrsg.) 2004, S. 37.) und war ebenso wie alle ähnlich Gesinnten überzeugter Republikaner. Seine in 20 Auflagen stark verbreitete, zehnbändige Histoire de la Révolution française fasste das Revolutionsgeschehen zwischen 1789 und 1799 als ein organisches Ganzes und prägte die Auffassung von der Revolution als einem Block.Erich Pelzer: Adolphe Thiers und François Mignet – Die Bourgeoisie entdeckt ihre revolutionären Wurzeln. In: Ders. (Hrsg.) 2004, S. 44 f. Gegenüber der farbigen und mit der Einbeziehung politischer Gegenwartsfragen angereicherten Darstellung Thiers war die zweibändige Histoire de la Révolution française seines Studienkollegen und Freundes Mignet von einem methodisch stringenteren Vorgehen und von kühler, nüchterner Logik bestimmt, gemäß der die verschiedenen Phasen der Revolution beinahe zwangsläufig aus der Macht der Ereignisse hervorgingen. Beide wiesen dem Besitzbürgertum die zentrale Rolle im Geschichtsprozess ab 1789 zu: „als Träger der Revolution und Wahrer bürgerlicher Freiheit“.Erich Pelzer: Adolphe Thiers und François Mignet – Die Bourgeoisie entdeckt ihre revolutionären Wurzeln. In: Ders. 2004, S. 50–52 und 61. Jules Michelet, der für sein Werk L’Histoire de la Révolution francaise auch aus archivalischen Quellen schöpfte, sah in dem nach Freiheit strebenden Volk den Hauptmotor der Geschichte und in der Nation die Trägerin humanitären Fortschritts.Erich Pelzer: Jules Michelet – Der Romantiker als Geschichtsschreiber. In: Ders. (Hrsg.) 2004, S. 74 f.

Französische sozialistische Interpretation