mini|Jüdische Familie in Damaskus, 1910 mini|Altstadt von Damaskus 1855, mit Stadttoren und Stadtmauer. Im Südosten, südlich der Geraden Straße, bei den Stadttoren Bab Sharky und Bab Kisan das Jüdische Viertel (Jewish Quarter), im Nordosten das christliche. mini|Altstadt von Damaskus 1958, Stadtmauer nicht eingezeichnet. Das Judenviertel im Südosten trägt noch immer diesen Namen (Hâret al-Yahoud, ). mini|Jüdisches Viertel von Damaskus 1958, Stadtmauer nicht eingezeichnet. Legende: Synagoge SyMn: Al-Menarscha-Synagoge SyRq: Al-Racqy-Synagoge SyFr: Al-Farandsch-Synagoge RTA: Römischer Triumphbogen Schule MFs (UNRWA): Ehemalige jüdische Schule der AIU, nunmehr in Verwaltung von UNRWA, daneben: Palestine refugee camp (palästinensisches Flüchtlingslager) Moschee JAh: Rote Moschee (Jâmi al-'Ahmar, vor 636 Synagoge) Kirchen AaC: Armenische St.-Sarkis-Kathedrale GoP: Griechisch-Orthodoxes Patriarchat (direkt nördlich davon Mariamitische Kathedrale) MkC: Melkitische al-Zeitoun-Kathedrale (vor 1832 karäische Synagoge) MkPa: Melkitische Pauluskapelle, südlich davon (jenseits der Ibn-Assaker-Straße) der ehemalige jüdische Friedhof, dann überbaut mit der Autobahn zum Flughafen ScC: Syrisch-Katholische St.-Paul-Kathedrale
Das Jüdische Viertel von Damaskus () ist das bis 1948 vor allem von Juden bewohnte Viertel im südöstlichen Teil der Altstadt von Damaskus. Die beiden anderen Stadtviertel sind das muslimische Viertel in der westlichen Hälfte und das christliche Viertel () im Nordosten der Altstadt.
Name Das Jüdische Viertel der Altstadt von Damaskus war nicht der einzige überwiegend von Juden bewohnte Stadtteil im heutigen Stadtgebiet der Hauptstadt; so lebten bis zu den verheerenden Ausschreitungen im Zuge der Damaskusaffäre 1840 auch in der einst eigenständigen, 2 km nordöstlich des Stadttores Bab Scharqi liegenden, heute aber zur Hauptstadt gehörenden Ortschaft Dschubar vorwiegend Juden. Die dortige Synagoge stand auch nach dem Exodus der Juden bis zu ihrer völligen Zerstörung im Bürgerkrieg in Syrien, allerdings zweckentfremdet als Schule.
Dennoch ist in Publikationen mit „Judenviertel von Damaskus“ das Viertel in der Altstadt gemeint.Diana Darke: Syria. Bradt Travel Guides, 2006. S. 91f. The Jewish quarter.Siehe auch Jewish Quarter auf der Landkarte: J. L. Porter: Map of Damascus. In: Five years in Damascus: Including an Account of the History, Topography, and Antiquities of That City; with Travels and Researches in Palmyra, Lebanon, and the Hauran, Five years in Damascus. J. Murray, London 1855.
Auf neueren Stadtplänen findet man statt der Bezeichnung Hārat al-Yahūd (bisweilen auch die Transkription Hâret al-Yahoud) häufiger den Namen al-Amīn () nach der in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Straße, die das Viertel nach Westen begrenzt. Der Name al-Amīn leitet sich nach Aussagen des Leiters der jüdischen Gemeinde, Albert Qamoo, von einem schiitischen Gelehrten ab, der einige Jahrzehnte vor dem Exodus der Juden aus Damaskus in das jüdische Viertel zog.Albert Qamoo, 30. Oktober 2019. In: Rania Kataf: Hidden Stories of Damascene Jews. A collection of the cultural memory of the last generation of Jews in Damascus (PDF). Working Paper II, November 2020. S. 27–38, hier S. 30f.
Ausdehnung In der Mitte der Geraden Straße (), die vom Bāb al-Dschābiya () im Westen bis zum Osttor Bāb Scharqī () (Bāb Sharqi) verläuft, befindet sich ein römischer Triumphbogen. Dieser gilt als Grenze zwischen dem muslimischen Teil im Westen und dem christlichen und jüdischen Teil im Osten, wobei im Wesentlichen nördlich der Geraden Straße das christliche und südlich das einstige jüdische Stadtviertel liegt. Allerdings ist der Bereich südlich der Geraden Straße zwischen der Sackgasse Ḥārat az-Zaitūn () und dem Bāb Scharqī, der von drei Kathedralen und ihren Einrichtungen dominiert wird, ebenfalls dem christlichen Viertel zuzurechnen. Die Gerade Straße heißt östlich vom römischen Triumphbogen, also im Bereich des christlichen Viertels, offiziell Šāriʿ Bāb Šarqī ().Diana Darke: Syria. Bradt Travel Guides, 2006. S. 91–95. Etwa 80 m westlich vom Triumphbogen zweigt nach Süden die Straße Šāriʿ al-Amīn () ab, die ehemalige „Judenstraße“ Šāriʿ al-Yahūd (),Jewish Street (Shari' al-Yehud), Damascus, Syria. Diarna.org (Archive), 2015, abgerufen am 17. April 2021. die das jüdische Viertel im Westen begrenzt, während direkt beim Triumphbogen die östlich parallel zur vorgenannten verlaufende asch-Schalah-Straße () abgeht.
Beschreibung des Viertels und Sehenswürdigkeiten Die Reisebuchautorin Diana Darke beschreibt das Jüdische Viertel im Jahre 2006 als heruntergekommen und verlassen, da die Juden von Damaskus die Stadt ab Ende der 1940er Jahre verließen, zuletzt in einer Emigrationswelle in den 1990er Jahren. Sie beobachtete Anfang der 2000er Jahre vier verlassene Synagogen, alle aus dem 19. und dem 20. Jahrhundert. Viele Häuser hier sind verfallen und in Ruinen. Vor dem Bürgerkrieg gab es deshalb Pläne, die Gegend in ein Künstlerviertel umzugestalten und so wiederzubeleben. 200 m südlich vom Triumphbogen und der Bāb-Scharqī-Straße steht an der asch-Shurafāʾ-Gasse (Al-Shorfaa, ) nahe der al-Amīn-Straße der „arabische Palast“ Beit Dahdah (),Beit heißt sowohl auf Arabisch () als auch auf Hebräisch ( bzw. ) „Haus“. der früher der jüdischen Händler- und Bankiersfamilie Farhi () gehörte und nach seinem Besitzer Murād (Mordechai) Farhi ()Bait Fārḥī–ad-Daḥdaḥ (). Born In Damascus, 3. August 2019. Beit Murād Farhi () hieß, später von der christlichen Familie Dahdah gekauft wurdeBeit Al-Dahdah. Love Damascus, abgerufen am 15. April 2021. und in dem gelegentlich Feiern und Kulturveranstaltungen stattfinden. Entlang der west-östlich verlaufenden Talat-al-Hidschāra-Straße (, „Steinhügelchen-Straße“) reihen sich hier mehrere alte Häuser der Farhi-Familie, darunter auch das große Beit Farhi-Muallim () sowie das heutige Hotel Tālīsmān al-Amīn (). Zwei weitere Anwesen einstiger sephardischer Familien an dieser Straße sind Beit Liniado () und Beit Lisbona ().A description of the Farhi Houses in 18th & 19th century Damascus. Farhi.org, Les Fleurs de L'Orient. Letzte Bearbeitung am 18. September 2018. Die Familie Lisbona kam nach der Reconquista aus Lissabon nach Damaskus. In den 1970er Jahren nahm Beit Lisbona eine jüdische Schule auf, was es bis zum Exodus der letzten jüdischen Kinder 1992 blieb. Danach wurde es an die christliche Familie Haddad verkauft.
Laut einem syrischen Tourismusführer gibt es im jüdischen Viertel noch drei intakte Synagogen: Die al-Menarscha-SynagogeAl-Menarsha Synagogue. Love Damascus, abgerufen am 15. April 2021. () und die al-Racqy-SynagogeAl-Racqy Synagogue. Love Damascus, abgerufen am 15. April 2021. () stehen noch, aber ungenutzt. In der al-Farandsch-Synagoge (), der „Fränkischen Synagoge“, nahe beim Beit Mourad Farhi finden als einziger in Damaskus noch Gottesdienste statt, wobei nur noch sehr wenige Juden in der Stadt leben.Omar al Jbain: ‘Syria was his promised land’: why Moshe the foreigner stayed in the Jewish Quarter of Damascus. Raseef22.net, 19. Juni 2019.Al-Faranj Synagogue. Love Damascus, abgerufen am 15. April 2021. Die 2013 im Bürgerkrieg dem Erdboden gleich gemachte, im damals von Rebellen beherrschten Dschubar 2 km nordöstlich liegende Dschobar-Synagoge ist in dem Reiseführer bereits als zerstört genannt. Weiter südlich befindet sich im jüdischen Viertel die Rote Moschee () von Damaskus.Die Rote Moschee ist als Jâmi al-'Ahmar () auch in einer älteren Skizze des jüdischen Viertels (ohne Datum) verzeichnet, als es noch die 1948 geschlossene Schule der Alliance Israélite Universelle (AIU) gab. Siehe Skizze in: Rania Kataf: Hidden Stories of Damascene Jews. A collection of the cultural memory of the last generation of Jews in Damascus (PDF). Working Paper II, November 2020. S. 15. Figure 1. Nr. 9. Jameh el Ahmar.
Geht man vom Osttor kommend und an der südlich abgehenden „Olivengasse“ vorbei die Gerade Straße entlang nach Westen, so kommt man durch einen kleinen Park, wo sich junge Sänger und auch Liebespaare treffen und der als Qischla bezeichnet wird – nach dem Türkischen Wort für „Kaserne“, denn hier befand sich in der Zeit der osmanischen Herrschaft tatsächlich eine Kaserne.
Geschichte Juden gab es in Damaskus seit der Zeit König Davids rund ein Jahrtausend vor Christi Geburt. In der Römerzeit lebten zur Zeit Jesu etwa 10.000 Juden in Damaskus,Brooke Allen: The Other Side of the Mirror: An American Travels through Syria. Paul Dry Books, Philadelphia 2011, S. 123 die von einem Ethnarch regiert wurden. In der Apostelgeschichte kann man im 9. Kapitel lesen, dass Saulus mit Briefen an die Synagogen in Damaskus gesandt wurde, dass Anhänger Jesu in diesen gefangen gesetzt werden sollten . Nach seinem Damaskuserlebnis konnte Saulus etliche Juden für den Glauben an Jesus gewinnen. Dies brachte den Ethnarchen derart auf, dass er Saulus verhaften wollte, doch dieser entkam durch ein Fenster in der Stadtmauer – angeblich Bab Kisan – seinen Häschern . Im ersten jüdisch-römischen Krieg wurden viele Juden von heidnischen Einwohnern der Stadt getötet.Josephus: Jüdischer Krieg, ii. 20, § 2; vii. 8, § 7 Im fünften Jahrhundert, als das Christentum bereits Staatsreligion im Römischen Reich war – in der Zeit des Talmud –, predigte Rabbi Rafram bar Pappa in der Dschobar-Synagoge.Babylonian Talmud, Berachot 50a
Mit der islamischen Eroberung von Damaskus 636 durch Chālid ibn al-Walīd begann die islamische Herrschaft über die Stadt. Im Jahre 706 ließ Kalif al-Walid I. die Johannes-der-Täufer-Kathedrale in die Umayyaden-Moschee umwandeln, verfügte aber gleichzeitig, dass die Christen ihre übrigen Kirchen und die Juden ihre Synagogen weiter besuchen könnten, allerdings als Dhimmis bei Zahlung der Dschizya.Justin Marozzi: Islamic Empires – Fifteen Cities that Define a Civilization. Penguin Books, London 2019, Kapitel 2, 8th Century: Damascus – The Perfumed Paradise (GB, GB)Christian C. Sahner: . Wall Street Journal, 17. Juli 2010 Ibn ʿAsākir berichtet Anfang des 12. Jahrhunderts, dass nicht nur acht von 14 Kirchen der Stadt verfallen und eine zerstört waren, sondern dass neben drei Kirchen auch die Synagogen in Moscheen umgewandelt worden waren. Nach der Eroberung Jerusalems im Ersten Kreuzzug 1099 gab es nach Damaskus einen Zustrom an etwa 50.000 Juden, die aus Jerusalem vor den Kreuzrittern auf der Flucht waren. So wuchs die jüdische Gemeinde in Damaskus zu einer der größten jüdischen Gemeinden der Welt heran.Raphael Ahren: Community is gone, but Putin claims to help Syrian Jews restore their holy sites. Although no Jews are known to still live in the war-torn country, Russian president says his government is cooperating with Syrian Jews on ‘ongoing basis’. The Times of Israel, 1. November 2019.