Autismus (von „selbst“) ist eine angeborene neuronale Entwicklungsstörung. Erste Symptome zeigen sich bereits in frühester Kindheit, insbesondere in folgenden Bereichen:
Schwierigkeiten bei der sozialen Interaktion (z. B. Verständnis und Aufbau von Beziehungen); Auffälligkeiten bei der sprachlichen und nonverbalen Kommunikation (z. B. Blickkontakt und Körpersprache); eingeschränkte Interessen mit sich wiederholenden, stereotypen Verhaltensweisen; Über- oder Unterempfindlichkeit auf äußere und innere Sinnesreize.
Betroffene werden als Autisten, autistisch oder vom/im/auf dem (Autismus-)Spektrum bezeichnet. Gegenbegriffe für Nicht-Autisten sind allistisch und neurotypisch. Während ersterer konkret „nicht-autistisch“ bedeutet, umfasst letzterer die erweiterte Bedeutung, dass jemand auch von keiner anderen Form von Neurodivergenz (ADHS, Legasthenie usw.) betroffen ist. Im Sprachgebrauch werden beide Begriffe oftmals synonym im Sinne von „nicht-autistisch“ verwendet. Die Bezeichnung von Nicht-Autisten als normal gilt jedoch mittlerweile als diskriminierend gegenüber Autisten, da die Pathologisierung von Autismus als Krankheit oder psychische Störung infolge der Neurodiversitätsbewegung zunehmend abgelehnt wird. Stattdessen wird die Einordnung als Normvariante befürwortet. Dennoch stellt Autismus in der Regel eine Behinderung im rechtlichen Sinne dar.
Die Ausprägung der Symptomatik ist bei jedem Autisten individuell verschieden und wandelt sich mit dem Alter. Autismus kann mit Störungen der Sprachentwicklung und/oder einer geistigen Behinderung einhergehen, muss es aber nicht. Je nach Erscheinungsbild des Autismus und möglicher Begleiterkrankungen können manche Autisten ein weitgehend selbstständiges Leben führen, während andere lebenslang auf Hilfe und Unterstützung angewiesen sind. Autismus ist zum größten Teil genetisch bedingt, eine allgemein anerkannte Erklärung der spezifischen Ursachen gibt es bislang jedoch nicht.
Im deutschsprachigen Raum werden nach dem derzeit noch gültigen Klassifikationssystem ICD-10-GM drei Formen von Autismus unter dem Oberbegriff der tiefgreifenden Entwicklungsstörungen unterschieden: frühkindlicher und atypischer Autismus sowie das Asperger-Syndrom. Aus wissenschaftlicher Sicht gilt diese Unterteilung jedoch als überholt. Im 2013 veröffentlichten DSM-5 und der seit 2022 international gültigen ICD-11 werden die bisherigen Subtypen stattdessen als Autismus-Spektrum-Störung (ASS) zusammengefasst. Grund hierfür ist die Erkenntnis, dass eine klare Abgrenzung der drei Formen selten möglich und stattdessen von einem fließenden Übergang mit individuell verschiedenen Symptomausprägungen auszugehen ist, also einem Spektrum.F. R. Volkmar, J. C. McPartland: From Kanner to DSM-5: autism as an evolving diagnostic concept. In: Annual review of clinical psychology. Band 10, 2014, S. 193–212, doi:10.1146/annurev-clinpsy-032813-153710, PMID 24329180. Der Übergang von der ICD-10 zur ICD-11 soll ab 2022 mindestens fünf Jahre in Anspruch nehmen.
Symptomatik Die Kernsymptome von Autismus sind anhaltende Schwierigkeiten bei der sozialen Interaktion und Kommunikation sowie beschränkte, repetitive Verhaltensweisen, Interessen und Aktivitäten, die für Außenstehende dem Alter unangemessen oder generell ungewöhnlich erscheinen. Diese Symptomatik besteht seit frühester Kindheit und fällt typischerweise im Kleinkindalter auf, in vielen Fällen jedoch auch erst im weiteren Lebensverlauf, wenn sie zu Schwierigkeiten oder Beeinträchtigungen führt.
Autismus kann mit einem völligen Fehlen von Lautsprache, einer verzögerten Sprachentwicklung, Schwierigkeiten beim Sprachverständnis oder einer auffälligen Sprechweise und Verwendung von Sprache einhergehen. Da Spracherwerb eng mit sozialer Interaktion verknüpft ist, verläuft er bei autistischen Kindern häufig von Beginn an auffällig. Über zwei Drittel von ihnen entwickeln im Laufe des Lebens zumindest eine grundlegende Lautsprache. Autismus tritt oft zusammen mit einer Störung der Intelligenzentwicklung auf. Bei einem großen Teil autistischer Menschen liegt die Intelligenz jedoch im Normalbereich und kann bis hin zur Hochbegabung reichen. Typisch für Autismus ist – unabhängig vom Intelligenzniveau – ein unausgeglichenes Intelligenzprofil. Charakteristisch sind zudem eine Über- oder Unterempfindlichkeit gegenüber bestimmten Sinnesreizen. Zudem kann Autismus mit einer Reihe weiterer Auffälligkeiten einhergehen, z. B. Störungen der Exekutivfunktionen oder muskulärer Hypotonie.
Autismus tritt in vielfältigen, individuellen Ausprägungen auf. Nicht jedes mögliche Symptom tritt bei jedem autistischen Menschen in gleicher Ausprägung oder überhaupt auf. Das Erscheinungsbild ist nicht als lineares Kontinuum von schwachen bis starken Ausprägungen zu begreifen. So können Autisten in einigen Bereichen erhebliche Unterstützung benötigen, auch bei Aufgaben, die als einfach gelten, während sie in anderen Bereichen überdurchschnittliche Stärken zeigen. Abhängig beispielsweise von Sprachfähigkeit und Intelligenz können Defizite verdeckt oder ausgeglichen werden.
Das Störungsbild bleibt ein Leben lang bestehen, jedoch variieren Ausprägung und Erscheinungsbild individuell mit Alter und Entwicklungsstand. Erste, noch unspezifische Anzeichen für Autismus lassen sich oft bereits im Säuglingsalter feststellen, z. B. eine übermäßig starke Empfindlichkeit gegenüber bestimmten Reizen oder ungewöhnliche Bewegungsmuster. Deutlichere Auffälligkeiten zeigen sich in der Regel im Kleinkindalter. Ein Teil autistischer Kinder verliert im zweiten Lebensjahr zuvor erworbene sprachliche, soziale oder andere Fähigkeiten. Insbesondere bei autistischen Kindern ohne umfassende Entwicklungsverzögerungen fallen Symptome erst auf, wenn sie zu Schwierigkeiten im alltäglichen Leben führen, z. B. mit Eintritt in den Kindergarten oder die Grundschule. Teilweise fällt Autismus auch erst in der Pubertät oder im Erwachsenenalter auf.
Es werden Unterschiede in der Symptomatik in Bezug auf das Geschlecht vermutet. Im Vergleich zu männlichen Altersgenossen kann weiblichen autistischen Kindern – trotz ähnlicher Schwierigkeiten – wechselseitiger Austausch, die Verbindung von verbaler und nonverbaler Kommunikation sowie Verhaltensanpassung an soziale Situationen besser gelingen.
Soziale Kommunikation und Interaktion Die Fähigkeit, mit anderen Personen in Interaktion zu treten oder Gedanken und Gefühle mitzuteilen, ist bei Autismus beeinträchtigt.
Bei kleinen Kindern zeigt sich dies beispielsweise häufig dadurch, dass sie keine oder kaum soziale Interaktion initiieren und auch das Verhalten anderer Personen selten imitieren. Vorhandene Lautsprache wird oft einseitig eingesetzt und nicht zum gegenseitigen Austausch. Im Bereich der nonverbalen Kommunikation fallen autistische Kinder oft schon früh dadurch auf, dass sie nicht auf Gegenstände zeigen oder diese anderen Personen bringen, um ihr Interesse an ihnen zu signalisieren und zu teilen. Umgekehrt kann auffällig sein, dass autistische Kleinkinder Zeigegesten oder Blicken anderer Personen nicht folgen.
Allgemein sind fehlender oder ungewöhnlicher Einsatz von Blickkontakt, Gesten, Mimik, Körpersprache oder Intonation typisch für Autismus. Auch wenn beispielsweise einige Gesten erlernt wurden, bleibt das Repertoire hinter einem alterstypischen Umfang zurück und sie werden nicht spontan zur Kommunikation eingesetzt. Bei voll ausgebildeter Lautsprache ist oft eine fehlende Koordination zwischen verbalen und nonverbalen Elementen zu beobachten. So kann beispielsweise die Körpersprache auf andere Personen hölzern oder übertrieben wirken.
Im Bereich der sozialen Interaktion kann fehlendes, reduziertes oder ungewöhnliches Interesse an sozialen Kontakten bestehen. Dies kann etwa durch Ablehnung anderer, passives Verhalten in sozialen Situationen oder durch unangemessene, aggressiv oder unhöflich wirkende Kontaktaufnahme sichtbar werden. Diese Schwierigkeiten sind besonders bei autistischen Kindern auffällig, welche häufig kein alterstypisches Interesse an gemeinsamen Spielen oder Fantasie- und Rollenspielen zeigen oder auf Spielen nach strikten Regeln bestehen.
Ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene können Schwierigkeiten haben, das für eine soziale Situation kulturell angemessene Verhalten zu identifizieren oder zwischen unterschiedlicher Verwendung von Sprache zu unterscheiden, also etwa Ironie oder soziale Lügen zu erkennen. Eine Präferenz für alleine verfolgte Beschäftigungen oder die Interaktion mit deutlich jüngeren oder älteren Personen ist typisch. Häufig besteht ein Interesse an Freundschaften, ohne genau zu verstehen, was eine solche beinhaltet, also beispielsweise nicht allein auf einem geteilten Spezialinteresse aufbauen kann.
Ältere autistische Kinder und Erwachsene ohne kognitive Einschränkungen und verzögerte Sprachentwicklung haben oft Schwierigkeiten, sich in komplexen Situationen sozial angemessen zu verhalten oder auf nonverbale Kommunikation zu reagieren. Sie entwickeln häufig Kompensationsstrategien, so dass diese Schwierigkeiten vor allem in ungewohnten Situationen auffallen. Von dieser Gruppe wird soziale Interaktion oft als sehr anstrengend empfunden, da sie im Gegensatz zu nicht-autistischen Menschen, denen dies intuitiv gelingt, das Verhalten anderer aktiv beobachten und die eigene Reaktion bewusst steuern müssen. Mädchen und Frauen gelingt dieses sogenannte Camouflaging bzw. Masking häufig besser.
Verhaltensweisen, Interessen und Aktivitäten Typisch für Autismus sind repetitive Bewegungen wie Schaukeln mit dem Oberkörper, Flattern mit den Händen oder Fingerschnipsen, die fachsprachlich als Stereotypien bezeichnet werden. Auch die auf Wiederholung ausgerichtete Verwendung von Gegenständen, bei Kindern etwa das Aufreihen von Spielzeug oder die Beschäftigung mit kreiselnden Münzen, sind häufig zu beobachten. Im Bereich der Sprache sind Echolalie (das Wiederholen von Worten und Lauten) oder stereotype Verwendung von Worten, Phrasen und Prosodie typisch. Bei autistischen Kleinkindern lässt sich häufig eine ungewöhnlich intensive, wiederholte Beschäftigung mit einzelnen Gegenständen beobachten.
Viele autistische Menschen ohne kognitive oder sprachliche Einschränkungen lernen, dieses übergreifend als Stimming bezeichnete Verhalten in der Öffentlichkeit zu unterdrücken (Masking). Stimming wird von dieser Gruppe als angenehm und beruhigend beschrieben und kann zur Emotionsregulation und dem Abbau von Ängsten dienen.
Repetitive Verhaltensweisen können mit einer erhöhten oder reduzierten Empfindlichkeit für Reize in Verbindung stehen. Dies kann sich beispielsweise in Form von außergewöhnlich starken Reaktionen auf bestimmte Geräusche oder Texturen, dem Riechen und Berühren von Gegenständen oder einer Faszination für Lichter oder rotierende Objekte äußern. Auch eine Unempfindlichkeit für Schmerz, Hitze oder Kälte wird manchmal beobachtet. Typisch sind starke Reaktionen auf den Geschmack, Geruch, Textur oder Erscheinung von Essen oder ritualisiertes Verhalten in Bezug auf diese Reize. Eine stark begrenzte Diät ist ebenfalls häufig anzutreffen, bis hin zu einer vermeidend-restriktiven Ernährungsstörung.
Weiterhin typisch für Autismus ist ein starkes Festhalten an Routinen, das sich durch Bestehen auf strikte Befolgung von Regeln, starr wirkendes Denken oder Stress auch bei kleinen Abweichungen (wie einem veränderten Weg zur Schule oder Arbeit) äußern kann. Dieses Verhalten wird oft als „Widerstand gegen Veränderungen“ oder „Beharren auf Gleichartigkeit“ beschrieben.