mini|Plakatwand von 1914, die Spekulationen an Land kritisiert. Hiermit wird Henry George zitiert.mini|Einladung zum Spekulationskauf, Inserat in der Österreichischen Land-Zeitung 30.1.1904 Spekulation (, „beobachten, spähen, auskundschaften“) ist im Wirtschaftsleben die mit einem Risiko behaftete Ausnutzung von Kurs-, Zins- oder Preisunterschieden innerhalb eines bestimmten Zeitraums zum Zwecke der Gewinnmitnahme. Gegensatz ist die Arbitrage, die diese Unterschiede an einem bestimmten Zeitpunkt ausnutzt und deshalb risikolos ist.

Allgemeines Der Begriff Spekulation wird im Gegensatz zum alltäglichen Sprachverständnis in der Wirtschaftswissenschaft wertneutral verwendet. Die Spekulation gehört neben Arbitrage und Hedging zu den Strategien im Finanzmanagement. Spekulation ist das Halten einer offenen Bestandsposition (Long und Short) an Spekulationsobjekten innerhalb eines bestimmten Zeitraumes bis zur Glattstellung (Verkauf oder Kauf). Zu den Spekulationsobjekten gehören Finanzinstrumente (Immobilien, Forderungen, Verbindlichkeiten, Wertpapiere, Devisen, Sorten, Edelmetalle, Derivate), Handelswaren oder Kunstwerke. Ausschließliches Ziel dieser Bestandhaltung ist die Gewinnerzielung. Der Gewinn einer erfolgreichen Spekulation ist nicht nur als Risikoprämie zu verstehen, sondern auch als Entgelt für die Erhöhung der operativen und informativen Markteffizienz.Ulrich Stephan, Informationseffizienz von Aktienindexoptionen, 1998, S. 39. Da die Entwicklung der Kurse, Zinsen oder Preise in diesem Zeitraum zum Zeitpunkt des Geschäftsbeginns mit Ungewissheit behaftet ist (Marktrisiko), handelt es sich bei der Spekulation um risikobehaftete Transaktionen. Der Spekulant trifft mithin eine Entscheidung unter Ungewissheit.Fernando De Filippis: Währungsrisikomanagement in kleinen und mittleren Unternehmen, 2010, S. 50 f.

Um Spekulation handelt es sich bereits, wenn eine offene Bestandsposition gehalten und – aus reinem Gewinninteresse – nicht sofort glattgestellt wird. Wegen der Asymmetrie der Geschäfte – Käufer und Verkäufer sind beim Eröffnen und Schließen derselben Position im Regelfall nicht identisch – gibt es theoretisch nicht immer nur einen Gewinner und einen Verlierer. Unterschiedliche Zeithorizonte (Haltedauern), Richtungsentscheidungen (long/short), Strategien (Arbitrage, Hedge oder Spekulation) machen die Marktteilnehmer und deren Erfolg oder Misserfolg unübersichtlich.

Arten Im Regelfall kaufen Spekulanten ein bestimmtes Spekulationsobjekt und verkaufen es zu einem späteren Zeitpunkt. Sie spekulieren während des Spekulationszeitraums auf eine Preissteigerung des Objektes (Bullen- und Bärenmarkt). Ein Spekulant kann jedoch auch von einer Preissenkung profitieren. Dazu muss er die Spekulationsart des Leerverkaufs wählen, wobei er ein Spekulationsobjekt zunächst zu einem hohen Preis verkauft – obwohl er es noch gar nicht besitzt –, um es zu einem späteren Zeitpunkt zu einem gesunkenen Preis zu erwerben. Bei der Spekulation mittels Leerverkäufen identifizieren Marktteilnehmer überbewertete Spekulationsobjekte und vertrauen darauf, dass bis zum Abschluss des Deckungsgeschäfts der geringere Fundamentalwert des Objekts zu einem Kursrückgang führt.Friedrich Schlimbach: Leerverkäufe: Die Regulierung des gedeckten und ungedeckten Leerverkaufs in der Europäischen Union, 2015, S. 17.

Geschichte Die Spekulation ist so alt wie der Warenhandel. Mit Finanzprodukten spekulierte man seit der Aufnahme des Aktienhandels an der alten Amsterdamer Börse im Jahre 1530, der Handel mit Staatsanleihen erhielt dort 1672 bereits spekulativen Charakter. 1720 handelte man auch in England und Frankreich spekulativ mit Staatspapieren.

Bereits Adam Smith stellte im März 1776 in seinem Buch Der Wohlstand der Nationen die stabilisierenden Effekte der Spekulation heraus.Adam Smith, An Inquiry into the Nature and the Causes of the Wealth of Nations, Band 1, S. 18 Auch John Stuart Mill (1848)John Stuart Mill: Principles of Political Economy, Vol. II, 1848, S. 279. und Alfred Marshall (1919)Alfred Marshall: Industry and Trade, 1919, S. 264. betonten den stabilisierenden Charakter der Spekulation. Mill und Marshall gingen beide davon aus, dass Spekulanten aus Eigeninteresse besser informiert seien als die übrigen Marktteilnehmer und deshalb in der Lage wären, künftige Preisentwicklungen zu antizipieren. Dadurch verbesserten Spekulanten die intertemporale Allokation, da sie in Zeiten des Angebotsüberhangs Produkte aufkaufen und in Zeiten relativer Knappheit verkaufen und deshalb preisausgleichend wirken.John Stuart Mill: Principles of Political Economy, Vol. II, 1848, S. 257. Mill hielt die Spekulation von Händlern für die Allgemeinheit nützlich, wenn sie Gewinn abwerfe.John Stuart Mill: Principles of Political Economy, Vol. II, 1848, S. 717. Für Alfred Marshall ist die Spekulation konstruktiv.Alfred Marshall: Industry and Trade, 1919, S. 252. John Maynard Keynes hingegen schreibt in seiner berühmten Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes vom Februar 1936 der Spekulation destabilisierende Wirkung auf den Märkten zu.John Maynard Keynes: The General Theory of Employment, Interest and Money, 1936, S. 156. Keynes unterschied zwischen den professionellen Spekulanten mit einem superioren Wissen und den „kleinen“ Spekulanten. Als „Spekulation dritten Grades“ charakterisierte Keynes die Absicht der institutionellen Marktteilnehmer, die Reaktion der nicht informierten Marktteilnehmer zu antizipieren. Im Aktienmarkt sah Keynes prinzipiell einen rein spekulativen Markt.John Maynard Keynes: The General Theory of Employment, Interest and Money, 1936, S. 130.

Die Unterscheidung der Marktteilnehmer nach Spekulanten und Nicht-Spekulanten und die damit einhergehende klassische Definition der Spekulation geht auf Nicholas Kaldor zurück, der 1939 darauf hinwies, dass ein Spekulant niemals an der Realisation eines Gewinns durch Nutzung, Transformation oder Transfer des Spekulationsobjektes interessiert ist.Nicholas Kaldor: Speculation and Economic Stability, in: The Review of Economic Studies, Vol. 7, 1939, S. 1. Für ihn lag Spekulation vor, „wenn Güter, Devisen oder andere Objekte in der Absicht gekauft (verkauft) werden, sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder zu verkaufen (kaufen) und die Transaktion nur vorgenommen wird, weil man eine Preisänderung erwartet und nicht, weil man aus dem Besitz der Objekte einen Nutzen ziehen, sie bearbeiten oder damit Handel treiben will“. Milton Friedman kehrte 1953 wieder zurück zur stabilisierenden Wirkung der Spekulation.Milton Friedman, The Case for Flexible Exchange Rates, in: Friedman, Essays in Positive Economics, 1953, S. 23 Profitable Spekulation erhöht nach Friedman die niedrigen Preise, senkt die hohen Preise und nivelliert damit Preisschwankungen. Friedman folgerte hieraus, dass die Spekulation nicht die Ursache von Finanzkrisen sei, sondern exogene Einflüsse wie Naturkatastrophen, Kriege oder eine falsche Politik. Theoretische Untersuchungen ergaben, dass an fast allen börsenähnlich organisierten Märkten profitable Spekulation möglich ist, die die Preisschwankungen vergrößert.Michael J. Farrell, Profitable Speculation, in: Economica, Vol. 33, 1966, S. 183–193Jörg Schimmler, Speculation, Profitability, and Price Stability - a Formal Approach, in: The Review of Economics and Statistics, Vol. LV, No. 1, 1973, S. 110–114.

In ruhigen Marktphasen agieren überwiegend nichtspekulative Teilnehmer, die ein an den Fundamentaldaten orientiertes Kursniveau generieren mit der Folge gleichgewichtiger Kurse.Nicholas Kaldor: Speculation and Economic Stability, in: The Review of Economic Studies, Vol. 7, 1939, S. 10 ff. Bestimmen die Spekulanten den Marktpreis weitgehend alleine, kann der Marktpreis „überschießen“ (overshooting) und somit destabilisierend wirken und Spekulationsblasen („Bubbles“) entwickeln.Nicholas Kaldor: Speculation and Economic Stability, in: The Review of Economic Studies, Vol. 7, 1939, S. 2. Eine Spekulationsblase führt dazu, dass Kurse/Preise sich von ihrem fundamental-effizienten Gleichgewichtskurs entfernen, um nach dem Platzen der Blase wieder auf den Ausgangswert zurückzukehren. Der aggregierten Spekulation sprach William J. Baumol trendverstärkende Effekte zu, so dass sie destabilisierend wirke.William J. Baumol: Speculation, Profitability, and Stability, in: The Review of Economics and Statistics, Vol. 39, No. 3 (August 1957), S. 263 ff. Baumol versuchte hierin 1957, Friedman zu widerlegen, indem er spekulativen Käufen oder Verkäufen prozyklische (trendverstärkende) Wirkungen attestierte.

Ökonomische Funktionen Die Spekulation erfüllt einige sinnvolle Funktionen, wobei zwischen volkswirtschaftlichen und betriebswirtschaftlichen Funktionen zu unterscheiden ist.

Volkswirtschaftslehre

Preisausgleichsfunktion Spekulation führt zu einer Stabilisierung des Preisniveaus.Oswald von Nell-Breuning, Grundzüge der Börsenmoral, 1928, S. 140. Marktteilnehmer kaufen ein Spekulationsobjekt zum niedrigen Preis. Denn sie erwarten steigende Preise. Steigen die Preise tatsächlich, verkaufen Spekulanten und senken dadurch den Preis. Dadurch konvergiert das Preisniveau zum Gleichgewichtspreis.

Die klassischen und modernen Spekulationstheorien sind insbesondere vom Streit über diese preisstabilisierende Wirkung der Spekulation beherrscht. Die modernen TheorienHolbrook Working: New Concepts Concerning Futures Markets and Prices, in: The American Economic Review, Vol. 52, 1963, S. 445 ff. stellen seit 1963 auf die Informationseffizienz der Märkte als Stabilisierungskriterium ab. Die klassische Spekulationstheorie löst das Problem der Preiserwartungen dadurch, dass sie alle Spekulanten mit einer vollkommenen Voraussicht hinsichtlich der nichtspekulativen Preisentwicklung ausstattet. Die Spekulation gilt jedenfalls dann als preisstabilisierend, wenn die Höhe der Preisausschläge – gemessen an der Frequenz der Preisschwankungen – verringert wird.

Im Rahmen der (intertemporalen) Ressourcenallokation werden Finanzmittel durch Spekulanten ausschließlich zum Zwecke der Spekulation eingesetzt. Sie entscheiden sich dann gegen andere Verwendungen wie Sparen, Konsum oder Investition. Der Spekulationsgewinn soll jedoch nicht (allein) durch die Verwertung eines Spekulationsobjekts im Sinne einer Veränderung der Ressourcenallokation erzielt werden, sondern vor allem durch die Ausnutzung des Ungewissheitselements.Martin Henssler: Risiko als Vertragsgegenstand, 1994, S. 291. Erst Spekulanten ermöglichen den Transfer von Risiko an andere Marktteilnehmer, so dass die Spekulation die optimale Allokation von Risiko auf den Märkten fördert.David Mengle: ISDA Research Notes, 2/2010, S. 6.

Versicherungsfunktion