mini|Domansicht aus Südosten (2024) mini|Domplatz, Blick nach Osten mini|Innenansicht des Halberstädter Doms mini|Chorgestühl, Lettner und Langhausgewölbe

Der Dom St. Stephanus und St. Sixtus in Halberstadt, eine vom 13. bis ins 15. Jahrhundert im Stil der nordfranzösischen Gotik errichtete kreuzförmige Basilika, gilt als einer der wenigen großen Kirchenbauten des französischen Kathedralschemas in Deutschland. Aus dem Dom erhielt sich eine umfangreiche mittelalterliche Ausstattung mit Altarretabeln, kirchlichem Gerät, Goldschmiedewerken und Reliquiaren, zahlreichen geistlichen Gewändern und Textilien sowie Möbeln zur Raumausstattung und liturgischen Handschriften im Domschatz, die gemeinsam mit der Ausstattung des Domes das größte mittelalterliche Ensemble am Ort seines Gebrauchs außerhalb des Vatikans darstellt. Dom und Domschatz sind Eigentum der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt.

Infolge der Reformation wurde der Dom 1591 protestantisch, das Domkapitel blieb jedoch gemischt konfessionell. Nach der Aufhebung des Kapitels im Zuge der Säkularisation wurde der Dom 1810 evangelische Pfarrkirche. Er befindet sich inmitten eines Ensembles von romanischen, barocken, neogotischen und modernen Bauten am Rande des historischen Kerns von Halberstadt.

Baugeschichte Das Bistum Halberstadt wurde im 9. Jahrhundert als Missions- und Verwaltungsmittelpunkt im neu eroberten sächsischen Stammesgebiet errichtet.

Als erste Bischofskirchen dienten kleinere Steinbauten, denen ein 859 geweihter karolingischer Neubau in Form einer dreischiffigen, kreuzförmigen Basilika folgte. Dieser Dom stürzte im Jahr 965 ein, unmittelbar danach begann der Bau des ottonischen Doms, der 992 geweiht wurde und schon fast die Ausmaße des späteren gotischen Neubaus erreichte. Im 10. Jahrhundert trat das nahe Magdeburg, das immer mehr als Zentrum ottonischer Herrschaftspolitik diente und in dem Otto I. 968 ein Erzbistum auf Kosten der hiesigen und der Merseburger Diözese installierte, zunehmend in Konkurrenz zu Halberstadt. Die (ottonische) Kathedrale wurde im Zuge der Zerstörung der Stadt 1179 durch Heinrich den Löwen schwer beschädigt, aber anschließend rasch restauriert und neu eingewölbt; die Weihe war 1220.

1209 begann das konkurrierende Magdeburger Erzstift mit dem Bau eines Domes, der stark von der Architektur der französischen Kathedralgotik beeinflusst war. Das Domkapitel Halberstadt beschloss nun seinerseits den sukzessiven Bau einer zeitgemäßen gotischen Kathedrale. Zudem machten steigende Pilgerzahlen infolge eines neuen Heiltumsschatzes veränderte Nutzungsanforderungen mit einem Umgangschor nötig.

Ungewöhnlicherweise begann man mit dem Westbau. Das Kapitel wollte den bestehenden Dom noch möglichst lange weiter nutzen, war doch noch kurz zuvor für die Einwölbung viel Geld investiert worden. Der Westbau verbindet die lokale spätromanische Bautradition mit den modernen frühgotischen Einflüssen, insbesondere der Architektur der Zisterzienser. Der obere Teil der heutigen Westfassade ist allerdings größtenteils dem 19. Jahrhundert zuzuordnen, ihre Gestaltung geht auf Otto Kilburger zurück.

mini|Emporengestaltung am Nordportal mit Eva (li.) und Adam (re.) Um 1260 begann der Bau des hochgotischen Langhauses, dessen Dimensionen – wohl wieder als Konkurrenz zu Magdeburg, gegenüber der ursprünglichen Planung wesentlich gesteigert wurden. Das Mittelschiff erreicht die für damalige Verhältnisse beeindruckende Höhe von 27,0 m, die Seitenschiffe sind 14,0 m hoch. In dieser zweiten Bauphase errichtete man die ersten drei Joche des Langhauses und hielt den alten Dom dadurch funktionsfähig für die Gottesdienste. Im Gegensatz zu Magdeburg orientieren sich diese ersten Joche wesentlich näher an den französischen Vorbildern, besonders das offene Strebesystem ist hier voll entwickelt, allerdings in „deutscher“ Reduktion. Als Vorbild dürfte hier die Kathedrale von Reims gedient haben. Wegen der notorisch schlechten Finanzsituation des Domkapitels zog sich der Bau über etwa 50 Jahre hin.

Um den alten Dom weiter zu nutzen, begann man um die Mitte des 14. Jahrhunderts am entgegengesetzten Ende mit der Errichtung der Marienkapelle. Um 1350 erfolgten die Abbrucharbeiten für den Chorbau, der sich an den Maßverhältnissen der westlichen Langhausjoche orientierte. Dieser Bauabschnitt dauerte wiederum etwa 60 Jahre bis zur Weihe im Jahre 1401. Kurz danach begannen die Bauarbeiten für die fehlenden gotischen Ostjoche des Langhauses und das Querhaus. 1491 konnte die gesamte Kathedrale geweiht werden. Als letzte spätgotische Ergänzung wurde 1514 der neue Kapitelsaal fertiggestellt (Gewölbe 1945 zerstört).

Bischof Heinrich Julius führte 1591 am Halberstädter Dom die protestantische Lehre ein, wobei er es allerdings den Domherren freistellte, im katholischen Glauben zu verbleiben oder dem protestantischen beizutreten. Auch führte er eine gemeinsame Liturgie für die Stundengebete ein. In der Folge lebten und beteten protestantische und katholische Geistliche gemeinsam im Dom. Das gemischt konfessionelle Domkapitel hielt sich über den Dreißigjährigen Krieg hinaus. Erst nach seiner Aufhebung im Zuge der Säkularisation im Jahre 1810 wurde der Dom zur evangelischen Pfarrkirche.

mini|Blick von Nordosten auf Halberstadt (vor 1900), mit den Hauptkirchen Martinikirche (links), Dom und Liebfrauenkirche Die folgenden Jahrhunderte – bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges – bewahrten im Wesentlichen das mittelalterliche Erscheinungsbild; die größte Baumaßnahme war hier die erwähnte Neuaufmauerung der Westtürme.

Der 8. April 1945 brachte schließlich den Untergang des alten Halberstadt mit seinen über tausend erhaltenen Fachwerkhäusern. Auch der Dom wurde von zwölf Bomben schwer getroffen. Unter anderem war das Dach über dem Chor und dem Querschiff oberhalb der Gewölbe zerstört, während die Turmhelme stehengeblieben waren. Die Glasmalereien sowie die meisten Kunstwerke überstanden die Bombardements dank einer vorherigen Auslagerung. Während die Altstadt nach dem Krieg weitgehend dem Verfall preisgegeben wurde, unternahm die DDR-Denkmalpflege umfangreiche Maßnahmen zur Sicherung und Wiederherstellung der großen gotischen Kathedrale:

Unter anderem erfolgten sehr aufwändige Stabilisierungsmaßnahmen an den drei zuerst, zwischen 1250 und 1276 errichteten Strebepfeilern an der Nordseite. Diese waren damals, mangels Erfahrungen in der Dimensionierung von Strebewerk, noch sehr schlank gebaut worden (die später errichteten Pfeiler des Domes sind kräftiger). Das Pfeilerinnere war nicht massiv, sondern als Gussmauerwerk mit Mörtel und Kalkschutt ausgeführt. Zudem verminderte Sulfattreiben im Kalkmörtel die Tragfähigkeit der Pfeiler. Sie waren von Rissen durchzogen, es drohte aufgrund ihrer Schlankheit und eines ungleichmäßigen Kräfteeintrags ein seitliches Ausknicken und somit ein Teileinsturz des Kirchenschiffs.

Zuerst wurden in den 1950er Jahren Zementinjektionen eingebracht, um das 700 Jahre alte, angegriffene Fugenmaterial zu stabilisieren. Weil das nicht ausreichte, tauschte man dann in den 1960er bis 1980er Jahren ganze Bereiche der Pfeiler aus. Hierzu mussten massive Stahlkonstruktionen, welche das Langhaus und die Gewölbe temporär als Pfeilerersatz abfingen, aufgestellt und verankert werden.

Die Restaurierung wurde nach der Wende fortgesetzt.

Am 15. September 2010 wurde die Rekonstruktion des seit 1945 fehlenden Dachreiters über der Vierung abgeschlossen.

Beschreibung mini|Frühgotisches Erdgeschoss der Westfassade Der Dom ist eine langgestreckte, dreischiffige, hoch- bis spätgotische Basilika über kreuzförmigem Grundriss. Südlich schließen sich die Klausurgebäude mit dem vierflügeligen Kreuzgang, dem Remter und der Neuenstädter Kapelle an. Die eindrucksvolle Doppelturmfront des Westbaues musste gegen Ende des 19. Jahrhunderts teilweise abgetragen und neuerrichtet werden. Der untere Teil mit dem frühgotischen Hauptportal, das eine auf wenige Symbole reduzierte Weltgerichtsdarstellung zeigt, ist jedoch noch weitgehend original. Zu sehen ist ein Löwe mit Beute im Maul und unter dem Bogenscheitel des Doppelportals ein Brustbild des Weltenherrschers, das von den Dreipassblenden zweier Engel und von vier Evangelistensymbolen flankiert ist. In den überfangenden Archivolten finden sich, ebenso wie zwischen den Gewändesäulen, winzige Köpfe.

Der Typus der klassischen französischen Kathedrale wurde in Deutschland nur bei wenigen Großbauten so konsequent übernommen, wie es hier der Fall ist. Besonders das offene Strebewerk trägt zu diesem Gesamteindruck bei, wenn auch die Einzelformen gegenüber den Vorbildern deutlich reduziert wurden. Die Strebebögen wurden in Halberstadt nur einfach ausgeführt, während französische Dome meist doppelte oder gar dreifache Strebesysteme aufweisen. Durch dieses offene Strebewerk wirkt der Halberstädter Dom auf Betrachter moderner und prächtiger als der Magdeburger Dom, bei dem vollständig auf dieses typische Kennzeichen einer gotischen Kathedrale verzichtet wurde. Im Unterschied zu den französischen Kathedralen ist auch der Wandaufriss vereinfacht ohne Triforium gestaltet; dieses wird nur durch Blendmaßwerk unter den Obergadenfenstern angedeutet.

mini|Altar, Lettner und Chor Der Innenraum blieb von nachmittelalterlichen Veränderungen weitgehend verschont. Der überwiegend mit einfachen Kreuzrippen eingewölbte Sakralraum weist nur in den Seitenschiffen und dem Querschiff reichere (spätgotische) Gewölbeformen auf. Chor und Gemeinderaum werden durch einen spätgotischen Lettner getrennt. Das Querschiff ist innen im Norden und im Süden je mit einer zweijochig unterwölbten spätgotischen Empore versehen, im Süden ist es über den Kreuzgang hinaus verlängert. Die Brüstungen der Emporen wurden erst um 1470 geschaffen, ebenso die Skulpturen: an der Nordempore naive Darstellungen von Adam und Eva, über der Säule eine Darstellung des Paradiesbaumes mit der Schlange und ein Tabernakel mit der Darstellung von Gottvater. Außen ist am Nordquerhaus ein Portal aus der Zeit um 1440 eingebaut, das im Tympanon ein Relief mit dem Marientod zeigt; in den Archivolten sind Apostel und Propheten dargestellt. Darüber ist ein mächtiges Kruzifix ohne Korpus mit Evangelistensymbolen an den Enden eingefügt, die Restflächen sind mit Rechteckblenden und Stabwerk gegliedert. Im Innern sollte auf der Nordquerhausempore offenbar die mittelalterliche Orgel aufgestellt werden. Darüber ist das breite, kurze Maßwerkfenster eingebaut. Am Südquerhaus ist das riesige Fenster bis nach unten verlängert; beide Querhausfenster sind mit reichem Maßwerk verziert. An den Motiven dieses Maßwerks („Rose mit hängenden Blütenblättern“) ist der Einfluss von mittelalterlichen Plänen für die Doppelturmfassade des Regensburger Doms erkennbar.

Wie bei den französischen Vorbildern sind die Seitenschiffe als Umgang um den Hochchor herumgeführt, auf einen Kapellenkranz wurde allerdings – bis auf die Scheitelkapelle (Marienkapelle) – verzichtet, stattdessen sind nur schlichte rundbogige Nischen vorhanden, in denen ehemals die zahlreichen Nebenaltäre aufgestellt waren. Die Marienkapelle ist ein Bauteil mit eigenständiger Gestaltung und einem zierlichen steinernen Dachreiter, der mit Krabben und kleinen Wasserspeiern ausgestattet ist. Auch im Innern fällt die Kapelle durch die besonders fein ausgebildeten Maßwerkfenster und die Dienstbündel auf, die kämpferlos in die Gewölberippen übergehen.

Klausur und Kreuzgang mini|hochkant|Blick vom Kreuzgang auf den Chor Die Klausur des ottonischen Vorgängerdoms lag bereits in etwa an der heutigen Stelle. Es haben sich noch zwei Räume aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts erhalten, darunter der zweischiffige, kreuzgratgewölbte sogenannte Alte Kapitelsaal.