Lernstrategien sind Handlungspläne zur Steuerung des eigenen Lernens. Neben Verhaltensweisen umfassen sie nach einer bekannten Definition von Heinz Mandl und Helmut F. Friedrich auch Gedanken, die lernende Personen aktivieren, um den Prozess des Wissenserwerbs und ihre Motivation zu beeinflussen. Jeder Mensch verfügt über verschiedene Lernstrategien.

Lernstrategien werden sowohl bewusst als auch unbewusst angewandt. Sie unterscheiden sich je nach den Erfordernissen des Lerngegenstandes, der allgemeinen Situation, die das Lernen erforderlich macht, und dem individuellen Lernstil. Lernstrategien sind auf das Lernziel ausgerichtet und tragen dazu bei, mit Hilfe eines effizienten Lernprozesses ein gutes Ergebnis zu erreichen.

Für Mandl und Friedrich sind Lernstrategien Schlüsselelemente der Lern- und Methodenkompetenz.

Definition Lernstrategien sind nach Friedrich und Mandl „Handlungssequenzen zur Erreichung eines Lernziels“.Friedrich und Mandl, 1992, S. 6. Dieselben Autoren bezeichnen Lernstrategien als „jene Verhaltensweisen und Gedanken, die Lernende aktivieren, um ihre Motivation und den Prozess des Wissenserwerbs zu beeinflussen und zu steuern“.Friedrich und Mandl, 1992, S., S. 1. Damit wird der Fokus auf den Prozess (Vorgang) der aktiven und individuellen Wissenskonstruktion gelegt, der durch den Einsatz von Lernstrategien unterstützt wird.

Lompscher (1996) kommt zu folgenden Überlegungen und Erkenntnissen:

Lernstrategien werden bezüglich der Art und Weise der Handlungsausführung individuell unterschiedlich gehandhabt, sind in die Struktur und den Kontext einer Tätigkeit mit konkreten Motiven, Bedingungen und Mitteln eingebettet, sind gleichermaßen das Ergebnis von Lernprozessen in unterschiedlichen Tätigkeiten und subjektive Voraussetzungen für das Lernen, entstehen entweder durch die unbewusste Ausrichtung an den jeweiligen Tätigkeitsbedingungen oder durch bewusste Orientierung auf bestimmte Ziele und Aufgaben, können sich in Abhängigkeit von den Entstehungs- und Realisierungsbedingungen in unterschiedliche Richtungen entwickeln: Generalisierung oder Spezifizierung, Entfaltung oder Reduktion, Bewusstwerdung oder Automatisierung, stehen in Wechselwirkung mit Motivation, Emotion, Kognition und Volition, können durch pädagogische oder andere Tätigkeitsgestaltung gefördert oder auch behindert werden.

Lernstrategieforschung Die Lernstrategieforschung (siehe Artelt und Moschner, 2006) wirft darüber hinaus die Frage auf, wie die Anwendung von Lernstrategien zuverlässig untersucht und erfasst werden kann; zum Zweiten wird versucht, die Wirkung von Lernstrategien auf den Lernerfolg nachweisbar zu machen. Generell lässt sich ein positiver Einfluss von Lernstrategien auf den Lernerfolg ausmachen. Dies gilt aber nur bei zweckangemessenem Einsatz und bei ausreichender Geübtheit. Von Lernenden selbst berichtete Lernstrategien sagen Unterschiede im Lernerfolg nicht voraus; dies gilt lediglich für tatsächlich eingesetzte Lernstrategien. Tiefenstrategien fördern das Wissen; sie sind außerdem Mediatoren für emotionale Faktoren wie Hemmung und Interesse, die sich also indirekt über den Einsatz von Strategien auf den Lernerfolg auswirken.

Wie groß die Unterschiede zwischen den verschiedenen Strategien ausfallen zeigt unter anderem eine Übersichtsarbeit von Dunlosky et al. (2013). In dieser Arbeit wurden Lerntechniken danach bewertet, wie weit ihr Nutzen über Lernbedingungen, Lernendenmerkmale, Materialien und Kriteriumsaufgaben hinweg generalisiert. Hierbei erhielten nur zwei der 10 untersuchten Techniken das Urteil "hoher Nutzen": "Selbsttesten" und "verteiltes Lernen". Fünf Techniken wurden als "geringer Nutzen" eingestuft, darunter das "wiederholte Lesen" und "Markieren", gerade jene beiden Techniken, die Studierende am häufigsten berichten.

Klassifikation von Lernstrategien mini|1000x1000px|Lernstrategien nach Mandl und Friedrich (2006) Zur Strukturierung des komplexen Gegenstands schlagen Mandl und Friedrich eine Klassifikation der unterschiedlichen Lernstrategien vor:

Kognitive Strategien dienen dabei hauptsächlich der Erarbeitung, Strukturierung und Nutzung von Wissen. Sie müssen vom Einzelnen selbst erarbeitet und gefestigt werden, um eine Nutzung der Metakognition erst zu ermöglichen. Die metakognitiven Strategien werden hauptsächlich dazu genutzt, bereits vorhandenes Wissen zu überprüfen und neue Fakten einzuordnen. Sie sind somit ein wichtiger Prozess der Selbstkontrolle und Selbstregulation. Ein besseres Abspeichern des Wissens und dessen Abrufbarkeit wird durch motivational-emotionale Stützstrategien erreicht, die von jedem Menschen eingesetzt werden. Dies bedeutet, dass jedes erlernte Wissen mit einem Gefühl zusammen abgespeichert wird, was es für den Fall des neuerlichen Gebrauchs nutzbar macht. Kooperationsstrategien dienen der Entlastung einzelner Hirnregionen und machen den Lernstoff leichter zugänglich. Sie sind eng verknüpft mit den Strategien zur Ressourcennutzung. Diese sind ebenso wie die Kooperationsstrategien notwendig, um Lernen überhaupt sinnvoll zu ermöglichen. Jeder Mensch setzt für das Lernen individuelle, habituelle und geschlechtsspezifische Lernstile ein.

Wiederholungsstrategien dienen dazu, Wissen, das erlernt werden soll, in wörtlicher Form im Arbeitsgedächtnis aktiv zu halten und so die Voraussetzung dafür zu schaffen, dass die Informationen in das Langzeitgedächtnis überführt werden können. Beispiele dafür sind: Texte abschreiben wiederholtes Aufsagen.

Elaborationsstrategien Durch Elaboration soll versucht werden, bereits vorhandenes Vorwissen über einen Gegenstandsbereich zu aktivieren und neues Wissen mit diesem zu verknüpfen. Typische Elaborationsstrategien sind z. B. sich Beispiele überlegen gelerntes mit eigenen Worten formulieren.

Organisationsstrategien sollen helfen, innerhalb eines neuen Wissensbereiches Ordnungsbeziehungen herauszuarbeiten, um sich so ein kohärentes Bild vom Thema aufzubauen. Organisationsstrategien sind beispielsweise Zusammenfassungen von Texten schreiben Mindmaps zu einem Themenbereich erstellen.

Kognitive und metakognitive Strategien Die unmittelbaren Kontroll-, Regulations- und Planungsmechanismen, die in Lernprozessen zum Einsatz kommen, werden als metakognitive Strategien bezeichnet. In (etwas unscharfer) Abgrenzung dazu umfassen kognitive Lernstrategien all jene Prozesse, die der unmittelbaren Informationsaufnahme, Informationsverarbeitung und Informationsspeicherung dienen. Sie stellen in Bezug auf die Prozesse der Wissenskonstruktion beim Lernen (sowohl beim formellen, d. h. institutionell verankerten als auch beim informellen, d. h. außerhalb von Bildungsinstitutionen/privat stattfindenden Lernen, (siehe „informelles Lernen“)) zentrale Handlungsweisen dar:

Elaborationsstrategien dienen dem Verstehen und dem auf Dauer angelegten Behalten neuer Informationen: „Zentrales Prinzip von Elaborationsstrategien ist, neue Information in bestehende Wissensstrukturen (z. B. Vorwissen, Vorstellungsbilder) zu integrieren, was den späteren Abruf erleichtert“.Mandl und Friedrich, 2006, S. 2. Einzelstrategien der Erarbeitung sind: Aufmerksamkeit wecken/herstellen Vorwissen aktivieren Fragen stellen Notizen machen Vorstellungsbilder generieren Mnemotechniken anwenden (hier findet sich eine anwenderfreundliche Darstellung bei Schuster und Dumpert (2007)) variantenreiches Wiederholen

Organisationstechniken zielen dagegen darauf ab, die Informationsfülle auf das Wesentliche zu reduzieren, „neues Wissen zu organisieren und zu strukturieren, indem die zwischen den Wissenselementen bestehenden Zusammenhänge herausgearbeitet werden“.Mandl und Friedrich, 2006, S. 4. Sie sind nicht nur effektive Verstehensstrategien, sondern auch effiziente Abrufhilfen zur Wiedergabe von Inhalten des Langzeitgedächtnisses: Zusammenfassen von Textinformationen Nutzung von Wissensschemata Einsatz externer Visualisierung (z. B. Mindmaps bzw. Concept-Maps)

Selbstkontroll- und Selbstregulationsstrategien beziehen sich auf die situations- und aufgabenangemessene Steuerung der Lernprozesse; als metakognitive und selbstreflexive Komponenten laufen sie quasi über den kognitiven Prozessen ab und regulieren das Denken über die eigenen Denk- und Lernprozesse: Planung von Lernen Überwachung von Lernen Bewertung von Lernen.

Wissensnutzungsstrategien sollen dazu beitragen, „einem typischen Lernproblem entgegenzuwirken: dem Problem des „trägen Wissens“ (träges Wissen bzw. inert knowledge), welches darin besteht, dass erlerntes und unter Umständen reproduzierbares Wissen in Anwendungs- und Transfersituationen mangels Einübung nicht aktiviert und genutzt werden kann“. Dem dienen: Schreiben von Texten Lösen von Problemen Argumentieren/Diskutieren im sozialen Kontext.

Motivations- und Emotionsstrategien Strategien in diesem Bereich sind: Beeinflussung der Lernmotivation (z. B. sich selbst Ziele setzen) Aktivierung verschiedener Komponenten der Lernmotivation (z. B. Leistungsmotiv, thematisches Interesse, Kompetenzerleben etc.) Emotionsregulation (z. B. Umgang mit Frustrationen) (s. a. Coping) Gestaltung der Lernumgebung Konzentration fördern, z. B. durch kurze Pausen, Lernen während circadianen Leistungshochs

Es wird angenommen, „dass motivational-emotionale Bedingungen und Strategien das Lernen eher indirekt beeinflussen, indem sie sich beispielsweise auf das Ausmaß an investierter Anstrengung/Ausdauer, auf die Aufgabenauswahl (z. B. Schwierigkeit, Inhalt der von einer Person gewählten Lernaufgaben) sowie auf die Wahl entsprechender kognitiver und metakognitiver Lernstrategien auswirken“.Mandl und Friedrich, 2006, S. 7.

Kooperationsstrategien Lernen besitzt – als Wissenskonstruktion gefasst – grundlegend eine sehr individuelle Ausrichtung; es findet allerdings ebenso häufig in Kommunikation und Interaktion mit anderen statt. Sozial-interaktive Lernformen können sich – unter der Voraussetzung, dass sie sinnvoll gestaltet sind – „auf die Motivation, selbst zu lernen, auf die Motivation, andere zum Lernen zu motivieren sowie auf die Motivation, anderen beim Lernen zu helfen“Mandl und Friedrich, 2006, S. 8. positiv auswirken. Insofern das eigene Lernen positiv beeinflusst wird, sind erfolgversprechende Lernstrategien: gemeinsames Lernen (in unterschiedlichen Gruppen) Hilfesuchverhalten (z. B. Academic Help-Seeking)

Ressourcenmanagement Notwendige Ressourcen und Rahmenbedingungen der Lernprozesse können durch entsprechende Koordinations- und Managementprozesse begleitet werden:

Zeitmanagement Informations- und Wissensmanagement (z. B. die Frage, wann, wo und wie notwendige/geeignete Informationen zu bekommen sind)

Individuelle und habituelle Aspekte des Einsatzes von Lernstrategien sind sowohl als Voraussetzung wie auch als Zieldimension geglückter Lernprozesse von Interesse. Die Unterschiedlichkeit der Lernenden drückt sich einerseits in durchaus individuellen Denk- und Lernstilen aus, andererseits sind Veränderungen in der Lernorientierung (siehe unten) erwünschte Effekte von Lehr- und Lernprozessen: kognitive Stile Lernstile Lernorientierungen Geschlechtsspezifität (Genderproblematik)

Domänenspezifische Strategien Eine Domäne ist ein bestimmter Wissensbereich, und domänenspezifische Strategien helfen, Probleme in diesem Wissensbereich zu lösen. Domänenspezifische Strategien werden also, im Gegensatz zu allgemeinen Strategien, auf einem engeren Wissensgebiet angewendet, sie sind jedoch wesentlich effektiver als allgemeine Strategien und führen fast immer zu Ergebnissen. Mit zunehmender Erfahrung wächst und verfeinert sich das Wissen der Strategieanwender, es bildet sich Expertise. Dieses Expertenwissen ist ein prozedurales Wissen.