Islamfaschismus, Islamofaschismus oder islamischer Faschismus beschreibt eine islamische Form des Faschismus. Als Beispiele werden unter anderem Al-Qaida, Boko Haram, Al-Shabaab, IS, die Taliban, die Muslimbruderschaft, Hamas und Hisbollah, auch die Mullah-Diktatur im Iran angeführt. Kritiker des Begriffs sehen in der Verbindung von Islam und Faschismus ein irreführendes politisches Schlagwort.

Ursprung des Begriffes Der Neologismus aus den Substantiven Islam und Faschismus ist ein Determinativkompositum. „Islam-“, „Islamo-“ oder „islamisch“ beschreibt demnach das Substantiv „Faschismus“. Die Begriffe sind in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgekommen.

Die These vom Erstarken eines „Islamfaschismus“ hat insbesondere nach dem 11. September 2001 Verbreitung gefunden, während der Begriff Islamfaschismus bereits im März 1979 während der islamischen Revolution im Iran von Chomeini-Gegnern verwendet wurde.Hans-Peter Drögemüller: Iranisches Tagebuch. 5 Jahre Revolution. Hamburg 1983 Andere Autoren, wie z. B. der Journalist und Kolumnist William Safire, schrieben die erstmalige Benutzung des Begriffes dem britischen Nahostexperten Malise Ruthven zu.William Safire: Language: Islamofascism, anyone? In: The New York Times, 1. Oktober 2006, nytimes.com Unter dem Titel „Die Deutung des Islam als Sprache“ schrieb dieser am 8. September 1990 in der britischen Tageszeitung The Independent: „[…] Auch existiert das Phänomen eines politischen Problems, was die Welt des Islam betrifft. Im Gegensatz zu den Erben anderer nicht-westlicher Traditionen, wie zum Beispiel Hinduismus, Shintoismus oder Buddhismus, scheinen muslimische Gesellschaften große Mühe zu haben, Meinungsverschiedenheiten auf politische Weise zu institutionalisieren: eine autoritäre Regierungsform, wenn nicht gar ein Islamfaschismus, ist eher die Regel als die Ausnahme von Marokko bis nach Pakistan“.hier ins Deutsche übersetzt nach: Malise Ruthven: Construing Islam as a language. In: The Independent, 8. September 1990.

Definition und Verwendung des Begriffes Der Begriff soll die Tendenz innerhalb islamistischer Gruppen benennen, die entweder offen mit faschistischen Ideen sympathisieren oder, ohne Bezug darauf, nach einem Muster agieren, das dem europäischen Faschismus äquivalent erscheine.

Befürworter des Begriffs sehen weitere Merkmale faschistischer IdeologieLaurence W. Britt: Fascism Anyone? In: Free Inquiry Magazine, Volume 23, Number 2, Ausgabe Frühjahr 2003, erfüllt, wie etwa die dem Führerkult ähnliche Idolisierung einiger islamischer Führer, eine Märtyrerideologie, die das Individuum der Gemeinschaft opfert, sowie die Notwendigkeit eines zu bekämpfenden bzw. zu vernichtenden „Volksschädlings“, den im Falle Al-Qaidas und anderer Dschihadisten stets Israel, die USA und das schon von den Nazis als Kampfbegriff benutzte „Weltjudentum“ darstellen. Verschiedene Autoren weisen auch auf die historisch nachgewiesene direkte Zusammenarbeit zwischen dem NS-Regime und verschiedenen muslimischen Organisationen und Persönlichkeiten des Vorderen Orients hin, wie zum Beispiel Mohammed Amin al-Husseini, dem 1974 verstorbenen Großmufti von Jerusalem.David G. Dalin, John F. Rothmann: Icon of Evil – Hitler’s Mufti and the Rise of Radical Islam. New York 2008 Als weitere Elemente werden, u. a. von Alan Posener, Rassismus und Antisemitismus genannt.

Verwendet wird der Begriff unter anderem von einigen Intellektuellen, z. B. in iranischen Weblogs zur Bezeichnung von totalitären Regimes. Auch der verstorbene Publizist Christopher Hitchens, der atheistische und religionskritische Positionen vertrat, bezeichnete islamischen Fundamentalismus gerne als „Faschismus“Christopher Hitchens: The Independent, 22. September 2004 und wird oft als der eigentliche Erfinder des Begriffes „Islamfaschismus“ genannt. In einem Beitrag vom 22. Oktober 2007 für das US-amerikanische Magazin Slate hob Hitchens die Gemeinsamkeiten faschistischer und salafistischer Ideologien hervor:Christopher Hitchens: Defending the term 'Islamofascism’. In: Slate Magazine, 22. Oktober 2007, slate.com

Der Islamwissenschaftler Bassam Tibi sieht den Islamfaschismus als eine weitere totalitäre Ideologie, die sich nun ausbreite, nachdem die Welt den Faschismus und Stalinismus überwunden habe.

Die Frauenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali bezeichnete im Jahre 2007 während eines Interviews mit der britischen Zeitung London Evening Standard den Islam als „den neuen Faschismus“ und „eine destruktive, nihilistische Sekte des Todes“.Ayaan Hirsi Ali – Enlightened intolerance. economist.com/blogs, 16. April 2014, The Economist In einem weiteren Interview im selben Jahr mit dem Independent begründete sie ihre Thesen damit, dass von einem Muslim die gleiche bedingungslose Unterwerfung und Aufopferung bis hin zum eigenen Tod einfordere, wie sie beispielsweise von Mohammed Atta, einem der Attentäter des 11. Septembers, der Welt vor Augen geführt worden war. Darüber hinaus sehe sie keinen Unterschied zwischen Islam und Islamismus, da der Prophet Mohammed selbst zur gewaltsamen Eroberung anderer Länder im Namen des Islams und zum Töten Andersgläubiger und Homosexueller aufgerufen habe.Johann Hari: Ayaan Hirsi Ali: My life under a fatwa. In: The Independent, 27. November 2007, independent.co.uk

Der deutsch-ägyptische Politologe und Islamkritiker Hamed Abdel-Samad unterstreicht die weltanschaulichen Gemeinsamkeiten faschistischer Parteien und Bewegungen in Europa und bestimmter islamischer Organisationen in Vorderasien und Nordafrika zu Beginn des 20. Jahrhunderts.Hamed Abdel-Samad: Der Islamische Faschismus. München 2014, S. 29 ff. Abdel-Samad weist aber, ähnlich wie Ayaan Hirsi Ali, auf angeblich faschistische Elemente im sogenannten „Ur-Islam“ hin, insbesondere das bedingungslose Unterwerfungsprinzip im Islam,Hamed Abdel-Samad: Der Islamische Faschismus. München 2014, S. 60. verschiedene judenfeindliche Passagen im Koran und die ethnischen Säuberungen, die unter der Führung Mohammeds von seinen Anhängern auf der Arabischen Halbinsel im 7. Jahrhundert vollzogen wurden.Hamed Abdel-Samad: Der Islamische Faschismus. München 2014, S. 66 f.

Es ist unklar, ob alle Vertreter des Begriffs das gleiche unter dem Begriff „Islamfaschismus“ verstehen: Josef Joffe benutzte anlässlich der Attentate in Madrid vom 11. März 2004 in der Zeit den Ausdruck Islamo-Faschismus als Beschreibung der Ideologie islamistischer Attentäter, allerdings ohne ihn genauer zu definieren.Josef Joffe: Die Offensive des Islamo-Faschismus Appeasement ist keine Antwort. Die Spanier ziehen die falsche Lehre aus den Anschlägen von Madrid. In: Die Zeit, Nr. 13/2004 Der Journalist Hannes Stein kommentierte für Die Welt: „Der islamische Fundamentalismus […] hatte europäische Lehrmeister. Er wurzelt nicht nur im Koran, sondern auch in der deutschen Volkstumsideologie.“Hannes Stein: Viva la muerte. In: Die Welt, 16. März 2004

Der Begriff Islamfaschismus wurde am 7. August 2006 auch von George W. Bush im Hinblick auf Hisbollah und die sie seiner Meinung nach unterstützenden Länder im Libanonkrieg 2006 bei einer Pressekonferenz in Crawford verwendet: „Sie versuchen ihre Botschaft des Dschihad zu verbreiten. Eine Botschaft, die ich als totalitär bezeichne – Islamischer Radikalismus, islamischer Faschismus. Sie versuchen diese zu verbreiten, indem sie diejenigen attackieren, welche die Freiheit lieben.“President Bush and Secretary of State Rice Discuss the Middle East Crisis, Presseerklärung, whitehouse.gov / Office of the Press Secretary, 7. August 2006

Diskussion des Begriffes

Einen Überblick zur Debatte bis 2005 bieten die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags. Die Islamwissenschaftlerin Sonja Hegasy und der Historiker René Wildangel bezeichnen, unter anderem in einem Artikel für die Süddeutsche Zeitung, den Begriff des Islamfaschismus als historisch nicht korrekt sowie als „die bisher letzte Wortkreation im Wettrüsten der Antagonismen“, die dazu diene, „eine ganze Religion zu diffamieren“ und unterschwellig einen gesellschaftlichen Konsens zu schaffen, der die Verantwortung für aktuelle Entwicklungen den Muslimen bzw. dem Islam an sich zuordnet. Trotz Armut und Demütigung „à la Versailles“ seien muslimische Gesellschaften nicht in den Faschismus abgeglitten. Der den faschistischen Ideologien häufig innewohnende Antisemitismus sei ein Import aus dem Europa des 19. Jahrhunderts. Als Beispiel führen sie die Protokolle der Weisen von Zion an, eine antisemitische Fälschung, die bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts von arabischen Christen ins Arabische übersetzt wurde, damals aber keine öffentliche Aufmerksamkeit erlangt habe. Die „Protokolle“ seien erst weit verbreitet worden, als in den Jahren nach 1948 (Staatsgründung Israels) der Palästinakonflikt eskalierte. Zudem finde die jahrhundertelange Judenfeindschaft in Europa in islamischen Ländern kein vergleichbares Gegenstück, obwohl es im Koran, ähnlich wie im Neuen Testament, judenfeindliche Textstellen gebe.

Bezüglich des Islamismus behaupten sie, dass der für faschistische Systeme charakteristische Nationalismus nicht geteilt worden sei, dass führende Mitglieder der 1928 gegründeten Moslembruderschaft, einer islamistischen Gruppe, den Nationalsozialismus bereits früh verurteilt haben und dass der antiwestliche, konservative Kurs solcher Gruppierungen mit einer „ausdrücklich anti-imperialistischen Haltung verbunden“ gewesen sei. Sie zitieren dazu Muhammad al-Ghazālī, den sie als führendes Mitglied der Moslembruderschaft und „moderat-islamistischen Vordenker“ beschreiben, der mit Bezug auf das faschistische Italien unter Mussolini und das nationalsozialistische Hitler-Deutschland von einem „blinden, chauvinistischen Nationalismus“ gesprochen habe, der die „Teilung der Menschen in unverträgliche Rassen“ bewirkt habe.

Hegasy und Wildangel relativieren auch die Bedeutung der Kollaboration des Jerusalemer Großmuftis und SS-Mitglieds Mohammed Amin al-Husseini mit den Nazis: Al-Husseini habe in seinem Berliner Exil nicht für die gesamte muslimische Welt gesprochen, trotz gegenteiliger Behauptungen der NS-Propaganda. Zudem sei die Tatsache, dass es neben Husseinis Kollaboration auch öffentliche Kritik am Nationalsozialismus gegeben habe, weitgehend unbekannt. „In Ägypten und anderen Ländern, darunter Palästina, Syrien und dem Libanon, sei besonders im intellektuellen Milieu scharfe Kritik am Nationalsozialismus – und an der Judenverfolgung in Deutschland – geäußert worden.“ Auch die Weigerung des damaligen marokkanischen Sultans, Mohammed V., dem Drängen des Vichy-Regimes nach Deportation der jüdischen Bürger nachzugeben, sei „in der Erinnerung nicht präsent.“ Unter anderem diese Punkte würden, Hegasy und Wildangel zufolge, bei der Konstruktion eines historischen Islamfaschismus ausgeblendet, da sie nicht ins Bild passen würden.

Hitler befahl am 11. Juni 1941 in Weisung 32: „Vorbereitungen für die Zeit nach Barbarossa“ ausdrücklich eine Ausnutzung der arabischen Freiheitsbewegung für die deutschen Kriegsziele im Nahen Osten. Seine regionalen Generäle Hellmuth Felmy und Walter Warlimont lieferten sich 1955 nach ihrer vorzeitigen Befreiung aus dem Kriegsverbrechergefängnis Landsberg einen Insider-Streit darüber, woran ihre Umsetzung von Hitlers Direktive gescheitert sei; insbesondere der ideologische Faktor, also der Islam, sei umstritten gewesen; auch Putschist Grobba beteiligte sich an der Debatte.Quellen im Art. Felmy, Weblinks Gerhard Höpp hat die weitgefassten Ideen aller Beteiligten dazu, also von NS-Ämtern, von NS-Wissenschaftlern jeglicher denkbaren Fachrichtungen und der arabischen Islamfaschisten detailliert aus den Quellen dargestellt. (PDF; 2 MB)