miniatur|Diana von Versailles(1.–2. Jahrhundert, Louvre, Paris) miniatur|Diana als Jägerin(römisches Mosaik, 2. Jahrhundert) miniatur|Rubens: Diana als Jägerin(Privatsammlung, Madrid)
Diana ist in der römischen Mythologie die Göttin der Jagd, des Mondes und der Geburt, Beschützerin der Frauen und Mädchen. Ihr entspricht die Artemis in der griechischen Mythologie.
Name Als Varianten ihres Namens erscheinen auch Iana,Varro De re rustica 1, 37, 3. Deana und Diviana.Varro De lingua latina 5, 68. Abgeleitet wird der Name vom lateinischen dius („taghell“, „leuchtend“) und einer entsprechenden indogermanischen Wurzel *dei- mit der Bedeutung „glänzen“, „schimmern“, „scheinen“, von der sich auch Götterbezeichnungen wie griechisch Dios () für Zeus und lateinisch Deus („Gott“) herleiten lassen.Gerhard Köhler: Indogermanisches Wörterbuch. 3. Auflage. S. 188 Dementsprechend wird Diana nicht als eine ursprüngliche Mondgöttin angesehen, sondern als „die Leuchtende“, die dann als Gegenpart zur Sonnengottheit Apollo zur Mondgottheit neben Luna, der eigentlichen Mondgöttin, wird.
Als männliche Entsprechung der Diana wird aufgrund der Namenskonstruktion ein Gott Dianus angenommen. Ob dieser mit Janus identisch ist, ist aber umstritten, vor allem, da Dianus auch als Beiname des Jupiter erscheint.
Kult miniatur|Nemisee(Joseph Wright of Derby, um 1790) Diana ist ursprünglich eine italische Gottheit. Ihr bedeutendstes Heiligtum (Dianium) befand sich in den Albaner Bergen bei Aricia am Nemisee, dem speculum Dianae, dem „Spiegel der Diana“.Servius Commentarius in Vergilii Aeneida 7, 515. Die Diana Nemorensis wurde dort zusammen mit Egeria und Virbius, zwei untergeordneten Gottheiten, verehrt. Das Heiligtum war gut besucht. Daher die zahlreichen Bettler, die Martial mehrfach erwähnt, die sich dort beim clivus Virbi versammelten.Martial 2, 19, 3; 10, 68, 4; 12, 32, 10; Juvenal Saturae 3, 117. Es war auch so gut ausgestattet, dass Oktavian sich vom Tempel in Nemi ein Darlehen nahm.Appian Bella civilia 5, 24.
Hauptheiligtum der Diana in Rom war ihr Tempel auf dem Aventin, der nach der Überlieferung von Servius Tullius gegründet worden war.Livius Ab urbe condita 1, 45; Johannes Zonaras 7, 9; Aurelius Victor De viris illustribus urbis Romae 7, 9. Noch zur Zeit des Dionysios von Halikarnassos war die auf einer bronzenen Säule aufgezeichnete Stiftungsurkunde erhalten.Dionysios von Halikarnassos Antiquitates Romanae 4, 26. Das Heiligtum wird darin als „Dianatempel des Latinerbundes“ bezeichnet.Varro De lingua latina 5, 43: commune Latinorum Dianae templum. Das Stiftungsfest an den Kalenden des Sextilis (1. August) stimmt mit dem des Heiligtums von Nemi überein. An diesem Tag war ein Festtag der römischen Sklaven (servorum dies) und die römischen Frauen wuschen und pflegten ihr Haar besonders.Plutarch Quaestiones romanae 100. Dann zogen sie fackeltragend in einer Prozession zum Hain der Göttin von Nemi.Ovid Fasti 3, 263; Properz Elegiae 2, 32, 9f.; Statius Silvae 3, 1, 55f.
Weitere Heiligtümer in Rom waren: Sacellum in Caeliculo, ein Heiligtum auf dem Caeliculus, einem Teil des Caelius.Marcus Tullius Cicero De haruspicum responso 32; bei Varro erscheint der Ortsname Caeliolus, vgl. De lingua latina 5, 46. Das Heiligtum wurde 58 v. Chr. zerstört und 54 als Heiligtum der Diana Planciana wieder errichtet, vermutlich von Marcus Plancius Varus von Perge.C. P. Jones: The Plancii of Perge and Diana Planciana. In: Harvard Studies in Classical Philology Bd. 80, 1976, S. 231–237. Dianium an der Ecke des clivus urbius und vicus Cyprius auf dem EsquilinLivius Ab urbe condita 1, 48, 6. eine nur Frauen zugängliche Kapelle im vicus PatriciusPlutarch Quaestiones romanae 3.
Ein Tempel der Diana-Artemis wurde von Marcus Aemilius Lepidus in einer Schlacht gegen die Ligurer 187 v. Chr. gelobt und acht Jahre später am Circus Flaminius geweiht.Livius Ab urbe condita 39, 2, 8; 40, 52, 1ff. Dieser Tempel wurde von Oktavian nach dem Sieg über Sextus Pompeius in der Seeschlacht von Naulochoi 36 v. Chr. restauriert. Gleichzeitig restaurierte Lucius Cornificius den Dianatempel auf dem Aventin, der daher Tempel der Diana Cornificiana genannt wurde. Augustus weihte 28 v. Chr. seinen (36 v. Chr. gelobten) Apollotempel auf dem Palatin auch der Diana Victrix (der „sieghaften Diana“), die Säkularfeiern des Jahres 17 v. Chr. wurden unter den Schirm der Geschwister Apoll und Diana gestellt und in der Kaiserzeit gab es Widmungen für Diana Augusta (die „erhabene/kaiserliche Diana“).CIL 6, 128. So war Diana schließlich völlig in den Rahmen kaiserlicher Propaganda integriert.
Bedeutende Kultorte außerhalb Roms waren: das Heiligtum der Diana Tifatina bei dem Berg Tifata nahe Capua, ein durch eine Schenkung Sullas, die später von Vespasian bestätigt wurde, sehr begütertes Heiligtum.Velleius Paterculus Historiae Romanae 2, 25, 4; Plutarch Sulla 6; ; . ein Hain bei Anagnia, an der Kreuzung der Via Latina und Via LabicanaLivius Ab urbe condita 27, 4, 12. ein Eichenhain auf dem Mons AlgidusHoraz Carmina 1, 21, 5; Carmen saeculare 69. ein Buchenhain bei Tusculum auf dem Hügel CornePlinius der Ältere Naturalis historia 16, 242: suburbano Tusculani agri, qui Corne appellatur. ein Hain bei TiburMartial 7, 28, 1.
Auffällig ist, dass sämtliche stadtrömischen Weihungen aus der Zeit der Republik außerhalb des Pomeriums liegen, also außerhalb der römischen Stadtgrenzen im religiösen Sinn. Auch die alten Heiligtümer Latiums liegen sämtlich außerhalb von Städten. Man hat das dahingehend interpretiert, dass Diana sich darin als eine Gottheit der Wildnis und des „Draußen“ erweist.Siehe z. B. John Scheid: Diana in DNP Als Göttin der Wildnis wurde sie zusammen mit Silvanus verehrt; . und als Gottheit der Grenze (zwischen Wildnis und Zivilisation) von den an den Grenzen des Imperiums stationierten Truppen.; ; ; .
miniatur|Inneres des Tempels der Diana in Nimes (Hubert Robert, 1771) In der Kaiserzeit finden sich Kultstätten der Diana im gesamten Reich, wobei „Diana“ hier häufig die Interpretatio Romana einer lokalen Gottheit ist. So steht Diana z. B. für die syrische Göttin von Hierapolis oder für Abnoba oder Arduinna bei den Kelten.
Reste von der Diana gewidmeten Tempelbauten finden sich u. a. in: Cefalù Emerita Augusta (heute Mérida) Évora Meßkirch, siehe Villa rustica (Meßkirch) Nîmes
Mythos miniatur|Apollon und Diana(Lucas Cranach d. Ä., 1530)
Ursprünglich scheint Diana hauptsächlich eine Helferin der Frauen bei der Niederkunft gewesen zu sein. Als eine Göttin des „Draußen“ bewahrte sie die Frauen vor dessen Gefahren, also vor allem vor dämonischen Anfechtungen während der Geburt. Ihre Rolle als Helferin bei der Geburt drückte sich auch in ihrem Beinamen Lucina aus, den sie mit Juno, der anderen Geburtshelferin teilte: sie war diejenige, die das Kind ans Licht brachte, es das „Licht der Welt“ erblicken ließ.Catull 34, 13 u. v. a. mini|Votivgabe für Diana als Dank für Erfolg bei der Bärenjagd, Römisch-Germanisches Museum, Köln Ihre Bedeutung als Göttin der Frauen und Geburtshelferin (obstetrix) wird belegt durch zahlreiche sich auf Geburt und Fruchtbarkeit beziehende Votivgaben, die man in Nemi gefunden hat, z. B. Vulven, Phalli, Mütter mit Säuglingen etc. Wissowa argumentiert daher, dass Diana Nemorensis an sich keine politische Göttin gewesen sei, sondern ihre politische Bedeutung nur daher rühre, dass Aricia der Hauptort eines latinischen Städtebundes gewesen sei. Es finden sich auch Votivgaben für Jagderfolg, so etwa von einem in Germania inferior stationierten Centurio, der sich dafür bedankt, innerhalb von nur sechs Monaten 50 Bären gefangen zu haben. Die Tiere wurden bei Tierhetzen in der Arena benutzt.Marcus Nenninger: Die Römer und der Wald. Untersuchungen zum Umgang mit einem Naturraum am Beispiel der römischen Nordwestprovinzen. Franz Steiner, Wiesbaden 1997, S. 35.
Von einem ursprünglichen Mythos der Diana – unabhängig von der griechischen Mythologie – ist nichts überliefert, da Diana schon sehr früh und fast vollständig mit der griechischen Artemis identifiziert wurde. Die griechischen Mythen wurden unter Ersetzung der griechischen Gottheiten mit ihren römischen Entsprechungen übernommen. Demnach ist Diana Jupiters Verbindung mit Latona entsprungen, war die Schwester des Apollo, blieb Jungfrau, vermählte sich nicht usw.
Auch die Verbindung von Artemis und Hekate wurde auf Diana übertragen, weshalb Diana als Attribut neben dem Bogen sehr oft die Fackel der Hekate trägt. Da Hekate auch die Göttin der Scheidewege und Wegkreuzungen (trivium) war, erscheint ab augusteischer Zeit Trivia als Name der Diana. Vergil nennt den Nemisee auch lacus triviae.Vergil Aeneis 7, 516; vgl. Vergil: Aeneis Lateinisch/Deutsch. Stuttgart: Reclam 2008, 2012, S. 959. Vergleiche auch Arcinum triviae nemus bei Publius Papinius Statius Silvae 3, 1, 56.
Die keltische Göttin Artio wird in der Interpretatio Romana ebenfalls der Diana gleichgesetzt.Otto Holzapfel: Lexikon der abendländischen Mythologie. Herder, Freiburg im Breisgau 1993, ISBN 3-451-05500-7, S. 59.
Darstellung Die Behauptung, das Kultbild in Aricia sei dreigestaltig gewesen wie manche Darstellungen der Hekate,Hubert Cancik, Richard Faber, Barbara von Reibnitz (Hrsg.): Verse und Sachen: kulturwissenschaftliche Interpretationen römischer Dichtung. Würzburg 2003, S. 72. lässt sich alleine aus dem Namen nicht ableiten. Vielmehr stellten das Kultbild von Nemi ebenso wie das Kultbild der Diana Tifatina (zumindest in den erhaltenen Kopien) sie als jugendliche Jägerin dar mit kurzem Chiton, Köcher und Bogen, Jagdstiefeln und Fackel, ähnlich dem bekannten Typus der „Diana von Versailles“.
Oft wird sie als junge Jägerin mit kurzem Chiton, Köcher mit Pfeilen und Bogen und einem jungen Hirsch dargestellt.
miniatur|Denar mit dreigestaltiger Gottheit Dass es sich bei dem Denar des Publius Accoleius Lariscolus aus dem Jahr 43 v. Chr., der auf dem Revers drei weibliche Gottheiten zeigt, um eine Darstellung der Diana Nemorensis handelt, ist nicht gesichert. Die Göttinnen tragen Bogen, Zweig und Fackel oder Stab als Attribute und sind durch ein Joch oder einen Balken auf Schulterhöhe verbunden.Sculpture from the Sanctuary of Diana Nemorensis at Lake Nemi. In: Irene Bald Romano (Hrsg.): Classical sculpture. Catalogue of the Cypriot, Greek, and Roman stone sculpture in the University of Pennsylvania Museum of Archaeology and Anthropology. University of Pennsylvania. Philadelphia 2006, S. 75.
Das Kultbild des aventinischen Tempels soll vom Typus der Artemis von Ephesos gewesen sein, da es nach Strabon ein Abbild der Artemis von Massilia war, die wiederum der ephesischen Artemis entsprach.Strabon 4, 180.
Diana als Herrin der Hexen im Mittelalter miniatur|Hexentanz in antiker Ruine miniatur|Zwei Hexen (Hans Baldung, 1523)
Im Mittelalter wurde Diana zur Göttin der Hexen. Das scheint durch zahlreiche Belege aus mehreren Jahrhunderten gesichert. Bereits 906 erscheint des Regino von Prüm De synodalibus causis et disciplinis ecclesiasticis, darin enthalten der Canon episcopi, eine Sammlung von Anweisungen für Bischöfe und ihre Vertreter. In einer Liste auszumerzender Vorstellungen steht dort:
Es darf nicht übergangen werden, daß es gewisse verbrecherische Frauen gibt, die Satan gefolgt sind und, durch Blendwerk und Vorspiegelungen der Dämonen verführt, glauben und bekennen, des Nachts zusammen mit der heidnischen Göttin Diana und einer unzählbaren Menge von Frauen auf gewissen Tieren zu reiten, in der Stille der Nacht große Entfernungen zurückzulegen, die Weisungen der Göttin zu befolgen, als wäre sie die Herrin, und in bestimmten Nächten zu ihrem Dienst gerufen zu werden.F. W. H. Wasserschleben (Hrsg.): Reginonis abbatis Prumiensis libri duo de synodalibus causis et disciplinis. Leipzig 1840, S. 355 (Digitalisat). Zitiert nach: Carlo Ginzburg: Hexensabbat. Entzifferung einer nächtlichen Geschichte. Wagenbach, Berlin 1990, ISBN 3-8031-3549-4, S. 91 f.