In ihrer Studie Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik aus dem Jahr 2006 untersucht Aleida Assmann die letztlich europapolitischen Auswirkungen der zivilgesellschaftlichen Erinnerungskultur von unten und der institutionell gestützten Geschichtspolitik von oben. Mit ihren Überlegungen versucht Aleida Assmann, den Beitrag beider Faktoren zur europäischen Integration zu stärken.

Übersicht Die vorliegende, dem Andenken an Reinhart Koselleck gewidmete Studie will nicht den Holocaust oder den Zweiten Weltkrieg erforschen, sondern „ausschließlich die nachträgliche Rezeption dieser Ereignisse“ in der Erinnerungskultur und der Geschichtspolitik.Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit, S. 239, 274 ff. Deren Debatten hätten die Geschichtswissenschaft verändert: die Geschichtsschreibung habe wieder eine moralische Funktion. Mit diesem Kriterium der Moralität prüft die Autorin den Gebrauch historischer Erinnerungen.Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit, S. 15, 47 ff.

Ihre Überlegungen fokussiert sie auf die Begründung einer kontinentalen, ja globalen Erinnerungsgemeinschaft, die sich auf den Holocaust als ihr universal-negatives Paradigma bezieht. Die Autorin tritt der Wiederbelebung nationaler Geschichtsmythen und der Unterordnung der Gegenwart unter den spaltenden „Schatten der Vergangenheit“ entgegen. Diese meta-historische Untersuchung dient einer Verringerung der durch aggressive Mythen neu belebten historischen Konflikte und damit einer Stärkung der europäischen Perspektive.

In theoretischen Ausführungen und entlang mehrerer Fallstudien werden zentrale Begriffe und Zusammenhänge dieses Diskurses historischer Erinnerungen diskutiert. Der Schwerpunkt liegt darauf, wie die individuelle Erinnerung an Schuld und Leid sich über mehrere Ebenen, Rollen und in Überwindung verschiedener Schnittstellen in ein kollektives Gedächtnis übersetzt und dieses durch Vereinheitlichung und Instrumentalisierung zu einem politischen Gedächtnis geformt wird. Assmann fragt nach dem Verhältnis von Authentizität und Wahrheit, untersucht die Konjunktur des Holocaust-Themas und beschreibt die Infrastruktur des kollektiven und politischen Gedächtnisses.

Basiskategorien im Erinnerungsdiskurs In der gesellschaftlichen Verständigung über nationale Geschichte haben verschiedene Instanzen und Institutionen, Strukturen und Strategien ihren Platz. Die Auseinandersetzung über deren Ziele und Inhalte operiert mit einer Reihe von Kategorien, die Assmann in einer theoretischen Einführung sortiert. In einem ersten theoretischen Schritt grenzt Assmann das kollektive oder kulturelle und politische Gedächtnis vom individuellen und sozialen Gedächtnis ab, in einem zweiten definiert sie „Grundbegriffe und Topoi“ der für den Diskurs über das historische Gedächtnis wichtigen Rollen und Restriktionen von Erinnerung.

Gedächtnisebenen

Individuelles Gedächtnis An Erinnerungsprozessen sind mehrere Gedächtnisebenen wechselwirkend beteiligt, die sich in den Reichweiten und Zeithorizonten deutlich voneinander unterscheiden. Das individuelle Gedächtnis sei flüchtig und trügerisch, gewinne durch soziale Interaktion seine Stabilität und vermittle seinem Träger die eigene Identität, es „ist das dynamische Medium subjektiver Erfahrungsverarbeitung.“ Es ist physisch an den Träger gebunden und mit Kindern und Enkeln im längsten Fall ein „Drei-Generationen-Gedächtnis“, dessen Inhalte und Material (Fotoalben, Möbel, Kleider, Accessoires) schließlich vergehen oder Fossilien werden.Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit, S. 23 ff., 25 f., 32 ff.

Soziales Gedächtnis Da aber jedes Ich vielen verschiedenen Gruppen und Organisationen angehöre, („Jedes Ich ist verknüpft mit einem Wir.“) entstehe ein soziales Gedächtnis, in dem „gewisse Überzeugungen, Haltungen, Weltbilder, gesellschaftliche Wertmaßstäbe und kulturelle Deutungsmuster“ mit anderen geteilt, eigene Erfahrungen mit denen anderer angereichert , „Sekundärerfahrungen“ in die eigene Biografie integriert und bestätigt würden. Dieses zeitlich begrenzte Gedächtnis habe seine Stützen in einer gemeinsamen Erinnerungskommunikation (memory talks), in Briefen, Fotografien und Ritualen. Aber die Hervorhebung von Ereignissen in der wechselseitigen Vergewisserung wird ergänzt durch ein unbewusst-bewusstes Vergessen von Identitätsmakeln: „Wir sind, mit anderen Worten, zu ganz wesentlichen Teilen das, was wir erinnern und vergessen.“Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit, S. 21, 26, 34, 59, 60f., 206 f.

Kollektives Gedächtnis Das kollektive Gedächtnis in Erzählungen, Medien, Denkmälern, Jahrestagen, Ritualen und gestalteten Orten habe im Gegensatz zu den anderen beiden Gedächtnisformen als eine Vergemeinschaftung, die „über Generationen und Epochen hinausgreift“, eine ganz andere Reichweite und einen potenziell über Jahrhunderte wirkenden Zeithorizont. Indem symbolisches Material des kollektiven Gedächtnisses durch eine institutionalisierte Infrastruktur gesichert und die Auseinandersetzung mit ihm in Bildungseinrichtungen, Museen, Bibliotheken, Theatern, Konzerten usw. gefördert und gestützt werde, werde das kollektive zugleich ein kulturelles Gedächtnis. Die „entkörperten und zeitlich entfristeten Inhalte des kulturellen Gedächtnisses“ fließen in die soziale Kommunikation zurück und würden von Individuen in freier Identifikation übernommen, wodurch „das Individuum neben personaler und sozialer seine kulturelle Identität“ gewinnt und auch spätere Generationen so „ohne eignen Erfahrungsbezug in eine gemeinsame Erinnerung“ hineinwachsen.Assmann verwendet diesen Begriff trotz seiner Vagheit und der verbreiteten Skepsis, weil sie hier nicht ausschließlich Ideologie, Mythen und Manipulation, sondern auch eine „irreduzible Angewiesenheit des Menschen auf Bilder und kollektive Symbole“ sieht und daher einen „Paradigmenwechsel von der Ideologiekritik zum kollektiven Gedächtnis“ befürwortet.Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit, S. 29 ff., 36, 53 ff., 208 ff.

Politisches und Nationales Gedächtnis Durch eine vereinheitlichende Überformung des kulturellen Gedächtnisses, durch eine „Engführung“ entstehe ein offizielles oder ein politisches Gedächtnis, das durch eine strategische Kombination aus Akzentuieren und Vergessen eine bereinigte „Wir-Identität“ in einem nationalen Gedächtnis konstruiert:Sie stellt dem eher patriarchalischen, an der Form einer „aufgeblasenen Familie“ orientierten preußisch-deutschen Konzept der Nation das von Ernest Renan an demokratischer Willensbildung und gemeinsamem Leiden orientierte französische Konzept gegenüber. In einem Exkurs zur Geschichtsschreibung bei Herodot, Cicero, im 19. Jahrhundert und zum deutschen Historikerstreit der 1986er untersucht Assmann das Zusammenspiel von Historiografie und ethnisch orientierten oder nationalen Erinnerungsprozessen. Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit, S. 36–52. Historische Ereignisse würden „mit den Augen der Identität“ gesehen, also neu bewertet, und dieses „gemeinsame Erbe von Ruhm und Reue“ (Ernest Renan) verleihe der Gegenwart einen gemeinsamen SinnStuart Hall hat aus der Perspektive der Cultural Studies und der Postkolonialen Theorien die rassistische Infiltration der englischen Nationalkultur während des Imperialismus in Das verhängnisvolle Dreieck beschrieben. und orientiert zugleich auf die zukünftigen Aufgaben der Nation. Auch heroisch aufladbare Niederlagen würden in den nationalen Mythos eingepasst und „was nicht in dieses heroische Bild passt, fällt dem Vergessen anheim.“ Wie vor dem Ersten Weltkrieg die Erinnerungen in Europa nationalistisch ausgeformt wurden, so wurden sie nach 1945 der bipolaren Weltsituation untergeordnet und konnten sich eigentlich erst nach 1989 aus dieser Instrumentalisierung befreien – erst seitdem weichen die offiziellen nationalen Opfer- und Widerstandsnarrative vor allem im westlichen Teil der EU einer differenzierteren Darstellung. Für Polen, Ungarn, Tschechien, Russland und Serbien lasse sich dagegen leider eine Erneuerung nationalistischer Mythen beobachten, die einem gemeinsamen Gedächtnis an Krieg, Holocaust und Vertreibung entgegenstehen.Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit, S. 64 ff., 259 ff.

Rollen und Restriktionen der Erinnerung Mit Holocaust und Zweitem Weltkrieg sind sowohl objektive Rollen von Individuen und Gruppen als auch ihre je bestimmten Perspektiven der Erinnerung verbunden, die sich in entsprechenden Erzählmustern und Topoi zeigen. In einer zweiten methodischen Klärung werden die hier zur Analyse von Standpunkten notwendigen Begriffe konturiert.„Gibt es so etwas wie eine Psycho-Logik der Formung von Erinnerungen unter dem Einfluss von Stolz und Scham, bzw. Schuld und Leid?“ Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit, S. 34 f.

Täter und Opfer „Wo bislang nur von Siegern und Verlierern die Rede war“, müsse im Zusammenhang nicht nur der neueren deutschen Geschichte auch von Tätern und Opfern gesprochen werden. Diese Gegensatzpaare wirkten sich in ihren spezifischen Verschränkungen auf die Perspektiven und Strategien der Erinnerung aus. So mache es einen wesentlichen Unterschied, ob Verlierer eine Niederlage in einen heroischen Mythos umfirmieren,Die Geschichtsschreibung der Verlierer sei zwar wegen eines größeren Erklärungsbedarfs „komplexer und instruktiver“ als die der Sieger (Reinhart Koselleck), ihre Geschichtserinnerung aber arbeitet mehr an „Selbstauratisierung und Mythenbildung. (...) Verlust von Ehre führt auf diese Weise zur Steigerung von Ehre; Verlierer in der Schlacht werden zu spirituellen Siegern.“ Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit, S. 64 ff., 69 f. ob Verlierer in einem moralischen Sinn auch Täter waren und ob die Opfer ihre Erinnerungen des Leids in das kollektive Gedächtnis gleichberechtigt einbringen können oder zusätzlich unter dem Druck der Sieger leben müssen.

Sacrifice und Victim „Absolut grundlegend“ für das Thema sei die sich heute durchsetzende „neue Spaltung des Opferbegriffs“, mit der unterschiedliche Gedächtnisstrategien verbunden seien. Assmann unterscheidet das engl. sacrifice als das aktive Opfer für höhere Ziele vom engl. victim als dem passiven und wehrlosen Objekt von Gewalt: Auf der einen Seite gebe es den selbstbestimmten Opfertod für höhere Ziele, der nachträglich in ein heroische Opferbereitschaft förderndes Gedenken der „Märtyrer“ münde. Auf der anderen Seite einen massenhaften Tod von Opfern durch eine überwältigende Macht, in einer radikal asymmetrischen Situation, ohne oder nur mit wenig Widerstand der Opfer. Darüber nachzudenken wurde mit der Diskussion über den Holocaust intensiviert, aber diese Asymmetrie träfe auch schon vorher zu auf die Versklavung afrikanischer Einwohner, indigener Bevölkerungen und den Genozid an den Armeniern sowie heute auf verfolgte und ermordete Zivilisten überall auf der Welt.Die Kategorie des Opfers im Kontext der Erinnerung sei daher keine naturwüchsige, sondern werde durch eine moralische Gemeinschaft erst konstruiert. Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit, S. 72 ff., 87 ff., 237.

Trauma und Schweigen