Eckart Hans von Tschammer und Osten (* 5. Dezember 1885 in Dresden; † 29. Januar 1946 in Kiew) war ein deutscher Generalmajor der Wehrmacht und verurteilter Kriegsverbrecher.
Leben
Herkunft Eckart von Tschammer und OstenGothaisches Genealogisches Taschenbuch der Uradeligen Häuser. Der in Deutschland eingeborene Adel 1914, Fünfzehnter Jahrgang, Justus Perthes, Gotha 1913, S. 816. Online war ein Sohn des späteren königlich-sächsischen Oberstleutnants und Kammerherrn Hans von Tschammer und Osten (1856–1922) und dessen ersten Ehefrau Betty, geborene von Metsch (1861–1903), Tochter von Emil von Metsch.Christoph Franke: Genealogisches Handbuch des Adels, Adelige Häuser, A (Uradel), 2001, Band XXVI, C. A. Starke, Limburg an der Lahn 2001, S. 350. ISBN 978-3-7980-0826-7. Online-Auszug Sein Bruder war der spätere nationalsozialistische Sportfunktionär Hans von Tschammer und Osten.
Militärkarriere Kaiserreich und Erster Weltkrieg Eckart von Tschammer und Osten besuchte ab Ostern 1895 das Vitzthumsche Gymnasium Dresden. Er trat im April 1905 als Kadett in die Kaiserliche Marine ein, wechselte aber Anfang März 1906 als Fähnrich in das 1. (Leib-)Grenadier-Regiment Nr. 100 der Sächsischen Armee. Hier wurde er, nachdem er die Kriegsschule besucht hatte, am 16. April 1907 zum Leutnant befördert. Von Tschammer und Osten diente während des Ersten Weltkriegs als Oberleutnant und Führer der MG-Kompanie im Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 244. Für sein Wirken an der Westfront nordwestlich von Péronne wurde er am 19. Oktober 1916 mit dem Ritterkreuz des Militär-St.-Heinrichs-Ordens beliehen.Georg Richter: Der Königlich Sächsische Militär-St. Heinrichs-Orden 1736–1918. Wilhelm und Bertha von Baensch-Stiftung, Dresden 1937, S. 667. Den Krieg beendete von Tschammer und Osten, der außerdem beide Klassen des Eisernen Kreuzes, das Ritterkreuz I. Klasse des Albrechts-Ordens mit Schwertern und das Ritterkreuz II. Klasse des Herzoglich Sachsen-Ernestinischen Hausordens erhalten hatte, als Hauptmann.Reichswehrministerium (Hrsg.): Rangliste des Deutschen Reichsheeres. E. S. Mittler & Sohn, Berlin 1924, S. 150.
Weimarer Republik und NS-Zeit 1919 wurde er in die Reichswehr übernommen. Als Major diente er im 17. Infanterie-Regiment in Göttingen.Reichswehrministerium (Hrsg.): Rangliste des Deutschen Reichsheeres. E. S. Mittler & Sohn, Berlin 1931, S. 124. Ende 1933 wurde er zum Oberstleutnant und in der Wehrmacht im Oktober 1935 zum Oberst befördert. Von Oktober 1936 bis Sommer 1939 war er Ausbildungsleiter an unterschiedliche Standorten, u. a. in Linz.
Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde von Tschammer und Osten erster Kommandeur des Infanterie-Ersatz-Regiments 45 (Linz). Im Februar 1940 übernahm er das aus dem Stab des Infanterie-Ersatz-Regiments 45 neu aufgestellte Infanterie-Ersatz-Regiment 130 und ab Oktober 1940 das neu aufgestellte Infanterie-Regiment 447. Anfang Dezember 1940 wurde er zum Generalmajor befördert. Vom 23. Dezember 1940 bis 15. Juni 1941 war er Kommandant von Colmar im Elsass.
Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion übernahm er das Kommando über die 213. Sicherungsdivision beim Befehlshaber der Heeresgruppe Süd in Nowomoskowsk (heute Samar in der Ukraine). In dieser Eigenschaft befahl er im November 1941 die Registrierung der örtlichen Juden und ihre Kennzeichnung durch gelbe Armbänder. Sie wurden zu Zwangsarbeit herangezogen und kurz darauf ermordet. Von Tschammer und Osten nahm selber an der Massenerschießung teil. Im Dezember wurde er Kommandeur der 202. Sicherungsbrigade im besetzten Weißrussland.Andreas Weigelt, Klaus-Dieter Müller, Mike Schmeitzner, Thomas Schaarschmidt: Todesurteile sowjetischer Militärtribunale gegen Deutsche (1944–1947). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015, S. 719. Anschließend übernahm er bis 27. April 1942 die in Mannheim neu aufgestellte Ersatz-Brigade 202, später die daraus hervorgegangene Sicherungs-Brigade 202. Mit dieser war er in Polen und Weißrussland tätig. Vom 10. Mai 1942 bis 1. Oktober 1942 war er erster Kommandeur der Oberfeldkommandantur 392 mit Sitz in Minsk. Die Oberfeldkommandantur 392 war aus der Sicherungs-Brigade 202 hervorgegangen und in dieser Position wurde er auch Kommandant des Sicherungs-Gebietes Weißrutheniens. In dieser Zeit erging seine Anordnung zur Einrichtung des Minsker Ghettos: Die örtliche Juden hatten für den Umzug in den ihnen zugewiesenen engen Wohnbezirk fünf Tage Zeit, die Kosten, einschließlich der Errichtung einer Abriegelungsmauer, wurden dem örtlichen Judenrat in Rechnung gestellt.Bert Hoppe, Hildrun Glass: Sowjetunion mit annektierten Gebieten I: Besetzte sowjetische Gebiete unter deutscher Militärverwaltung, Baltikum und Transnistrien, Walter de Gruyter, Berlin 2011, ISBN 978-3-486-71339-8, S. 193 f.; Katrin Reichelt: Der Wald war ein letzter Ausweg. Hilfe für verfolgte Juden im deutsch besetzten Weißrussland 1941–1944. Lukas Verlag, Berlin 2014, ISBN 978-3-86732-275-1, S. 39.
Er wurde – es soll Differenzen mit der deutschen Zivilverwaltung gegeben habenPeter Lieb: Konventioneller Krieg oder NS-Weltanschauungskrieg?: Kriegführung und Partisanenbekämpfung in Frankreich 1943/44, Walter de Gruyter, Berlin 2012, S. 59. – in die Führerreserve versetzt und 1943 Kommandeur der Feldkommandantur 531 in Chalons-sur-Marne (Frankreich).Peter Lieb: Konventioneller Krieg oder NS-Weltanschauungskrieg?: Kriegführung und Partisanenbekämpfung in Frankreich 1943/44, Walter de Gruyter, Berlin 2012, S. 520. Online-Auszug Im Frühjahr 1943 übernahm er die Leitung des Truppenübungsplatzes Grafenwöhr. Im Juni 1944 gab er das Kommando ab und übernahm in der Folge erneut eine Feldkommandantur. Am 20. August 1944 wurde er Divisionsführer in Rumänien.
Gefangennahme, Verurteilung und Hinrichtung Anfang September 1944 wurde er als vermisst ausgewiesen, war aber zu dieser Zeit bereits in rumänische Kriegsgefangenschaft geraten. Anschließend wurde er an die Sowjetunion überstellt und dort, wie eine Vielzahl anderer Wehrmachtsoffiziere, wegen Ermordung von Zivilisten angeklagt (Kriegsverbrecherprozess von Kiew). Eckart von Tschammer und Osten wurde im Prozess mit 11 anderen zum Tode Verurteilten, darunter Generalleutnant Karl Burckhardt und SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei Paul Scheer, am 29. Januar 1946 vor geschätzt 200.000 Menschen auf dem Kalinin-Platz von Kiew öffentlich gehängt.Manfred Zeidler: Stalinjustiz contra NS-Verbrechen. Die Kriegsverbrecherprozesse gegen deutsche Kriegsgefangene in der UdSSR in den Jahren 1943 - 1952. Kenntnisstand und Forschungsprobleme, Dresden 1996. Online-Ausgabe
Familie Am 19. August 1913 heiratete von Tschammer und Osten in Dresden Caroline Camp von Schönberg (* 1891).Gothaisches Genealogisches Taschenbuch der Adeligen Häuser, Teil A (Uradel) 1942, 41. Jahrgang, Justus Perthes. Gotha 1941, S. 529. Online-Auszug Das Ehepaar hatte vier Töchter. Eine Tochter heiratete 1946 den ehemaligen Kapitänleutnant und Torpedobootkommandanten Horst Freiherr von Luttitz.Walter von Hueck: Genealogisches Handbuch des Adels, Freiherrliche Häuser, C. A. Starke, Limburg an der Lahn 1978, S. 221. Online-Auszug
Einzelnachweise
Kategorie:Generalmajor (Heer der Wehrmacht) Kategorie:Hauptmann (Sachsen) Kategorie:Oberstleutnant (Reichswehr) Kategorie:Hingerichtete Person (NS-Kriegsverbrechen) Kategorie:Hingerichtete Person (Sowjetunion) Kategorie:Täter des Holocaust Kategorie:Person im Ersten Weltkrieg (Deutsches Reich) Kategorie:Person im Zweiten Weltkrieg (Deutsches Reich) Kategorie:Kommandeur einer Brigade (Heer der Wehrmacht) Kategorie:Träger des Eisernen Kreuzes I. Klasse Kategorie:Ritter des Militär-St.-Heinrichs-Ordens Kategorie:Träger des Albrechts-Ordens (Ritter 1. Klasse) Kategorie:Träger des Herzoglich Sachsen-Ernestinischen Hausordens (Ritter II. Klasse) Kategorie:Deutscher Kriegsgefangener der Sowjetunion Kategorie:Infanterist (Deutsches Reich) Eckart Kategorie:Adliger Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1885 Kategorie:Gestorben 1946 Kategorie:Mann Kategorie:Kommandeur einer Schützen-Brigade (Heer der Wehrmacht)