mini|Siegel der Gesellschaft der Brüder (um 1790)

Die Gesellschaft der Brüder, auch Brüdergesellschaft genannt, war ein 1780 gegründeter, mutmaßlich bis 1938 aktiver kultureller und humanitärer Verein des Reformjudentums in Breslau, der Freischulen für jüdische Kinder sowie eine liberale Synagoge ins Leben rief.

Gründung Die Vereinsgründung geht auf eine Zusammenkunft junger Breslauer Juden vom 16. April 1780 zurück. Die Stifter, hieß es in einer Eingabe vom 24. Januar 1793, „formirten eine Brüderschaft, die auf That-Sache der Religion hinauslief, das heisst auf Gutesthun und Uebung einer allgemeinen Bruderliebe“.Markus Brann: Geschichte der Gesellschaft der Brüder. Festschrift zur Säcular-Feier am 21. März 1880, Breslau 1881. Sie gaben dem Verein den Namen Ahawa Weachwa (Liebe und Bruderschaft); seit 1790 nannte sich der Verein Gesellschaft der Brüder. Die ältesten Vereins-Statuten sind nicht erhalten. Die älteste schriftliche Aufzeichnung des Vereins datiert von 1786 und betrifft die rituelle Feier der Sterbetage von Mitgliedern der Gesellschaft.

Die vor allem auf Erneuerungen im Kultus- und Erziehungswesen ausgerichtete „Gesellschaft der Brüder“ wurde in erster Linie von einflussreichen, mit einem sogenannten Generalprivilegium ausgestatteten Familien der Stadt getragen. Programmatisch für die Gründung wurde der im selben Jahr von Moses Mendelssohn erschienene Pentateuch, in hebräischen Schriftzeichen, aber in deutscher Übersetzung neben den Urtext gedruckt und in hebräischer Sprache kommentiert.

In Breslau lebten damals rund 2500 Juden. Unter ihnen gab es General-Privilegierte, „Stamm-Numeranten“,Aron Heppner: Die Stamm-Numeranten. Ein Beitrag zur Geschichte der Juden in Breslau und eine Anregung zur jüdischen Familienforschung. In: Breslauer Jüdisches Gemeindeblatt. Amtliches Blatt der Synagogengemeinde zu Breslau Jg. 1, Nr. 6, 20. Dezember 1924, S. 59 f. Web-Ressource; Jg. 2, Nr. 1, 20. Januar 1925, S. 1 f. (Web-Ressource). befristet oder lebenslänglich Geduldete und sogenannte Schutzgenossen, die von der Obrigkeit sehr unterschiedlich behandelt wurden. Es gab spezielle, die Herkunftsorte berücksichtigende Synagogen für die Juden aus Zülz, Krotoschyn, eine Glogauer, Neu-Glogauer und Lissaer Synagoge, in denen unterschiedlichste Kulte und Gesetze galten. Hinzu kam die diskriminierende Besteuerung und Privilegierung der eingesessenen, hinzugezogenen oder nur vorübergehend in Breslau lebenden Juden.

Seit dem Auftreten David Friedländers und anderer Vordenker der Aufklärung im Judentum, Maskilim genannt, wurden im Judentum Reformbestrebungen diskutiert, die auf eine modernisierte und aufgeklärte Glaubenspraxis abzielten. 1790 erließ der liberale und für die Anliegen der Juden aufgeschlossene Graf Hoym ein von König Friedrich Wilhelm II. bestätigtes Reglement für die Verbesserung der bürgerlichen Verhältnisse der Breslauer Juden. Den von der französischen Aufklärung inspirierten innerjüdischen Bestrebungen (die unter dem Stichwort Haskala bekannt sind), durch eine Reform der Glaubenspraxis (Trennung von Kirche und Staat, Religionslehre in deutscher und althebräischer, nicht in jiddischer Sprache, Modernisierung von Speisegesetzen oder Begräbnisritualen) zu einer Erneuerung beizutragen, fühlten sich die Mitglieder der Gesellschaft der Brüder verpflichtet. Damit sollte unter Beibehaltung des jüdischen Bekenntnisses eine Akkulturation der Juden an die christliche Mehrheitsgesellschaft einhergehen.

Zu den Stiftern des Vereins gehörten Benjamin Jakob Dohm (gest. 1798) und sein Sohn Lewin Benjamin Dohm (1754–1825), seit 1790 Syndicus der jüdischen Gemeinde in Breslau, zu deren Nachkommen die Familie Pringsheim gehört. Sie hatten den Familiennamen Dohm zu Ehren des Kriegsrates Christian Konrad Wilhelm Dohm angenommen, der sich in seinen Schriften für die jüdische Emanzipation einsetzte. 1785 trat der Arzt und Geburtshelfer Elias Henschel (1755–1839)Aron Heppner: Jüdische Persönlichkeiten in und aus Breslau. In: Breslauer Jüdisches Gemeindeblatt Jg. 7 (1930), Nr. 2 (Februar), S. 19 (Web-Ressource). dem Verein bei, der Vater des Botanikers August Wilhelm Henschel, der Vorlesungen über Literatur, Physik, Mathematik und Chemie hielt und die Statuten des Vereins in wesentlichen Teilen formulierte.Andreas Reinke: Judentum und Wohlfahrtspflege in Deutschland. Das jüdische Krankenhaus in Breslau 1726–1944. Hahnsche Buchhandlung, Hannover 1999, S. 96. In wenigen Jahren kletterte die Mitgliederzahl auf über fünfzig.

Die Gesellschaft übernahm die Verpflichtung, für das Wohl ihrer Mitglieder durch Fürsprache und Empfehlung, bei Hilfsbedürftigkeit auch durch materielle Hilfe zu sorgen. Diese Fürsorge betraf auch Krankenpflege und Krankenbesuch, die zu den Pflichten der Mitglieder gehörten, und die Versorgung und vormundschaftliche Betreuung von Witwen und Waisen. Kosten für ärztliche Hilfe übernahm, bei freier Arztwahl durch den Patienten, die Gesellschaft. Weitere soziale Projekte, die aus der Gesellschaft hervorgingen und von ihr unterstützt wurden, galten der Gründung von Schulen, Bekleidung mittelloser Juden oder die Ausstattung armer Bräute.

Zugleich wurde streng auf rechtlich und sittlich einwandfreien Lebenswandel geachtet. Verfehlungen wurden nach einem ritualisierten Verfahren in den Sitzungen zur Sprache gebracht und die Betreffenden um Stellungnahme gebeten und gegebenenfalls verwarnt, bei Wiederholung in gleicher Weise verfahren, beim dritten Mal konnten Sanktionen bis hin zum Ausschluss folgen. Wer je mit dem Gesetz in Konflikt gekommen war, konnte nicht aufgenommen werden; für alle anderen mussten zwei Mitglieder bürgen. Die Aufnahme erfolgte in einem mehrstufigen Prozess: zunächst wurde der neu Beigetretene nur als Halbbruder aufgenommen, nach einem halben Jahr erhielt er ein Bruderdiplom, durfte jedoch erst nach einem weiteren halben Jahr an den Sitzungen teilnehmen.

Das Wappen der Brüdergesellschaft weist einen Baum des Lebens mit der Umschrift „Gesellschaft der Brüder“ sowie die römische Ziffer VII auf. Das Zahlensymbol steht für die sieben Stufen der Mitgliedschaft, den siebenköpfigen engeren Ausschuss der Brüderschaft und die 14 (zweimal sieben) Tage, in deren Abstand sich der Ausschuss zur Beratung der Vereinssachen treffen musste.

Es gab Doppelmitgliedschaften mit der zwölf Jahre später in Berlin gegründeten Gesellschaft der Freunde, deren erster Vorsteher Meyer Warburg von der „Stiftung einer ähnlichen Gesellschaft dort“ sprach.Meyer Warburg und Joseph Mendelssohn an Aron Wolfssohn, 17. Oktober 1792, in Josef Cohn: Einige Schriftstücke aus dem Nachlasse Aaron Wolfssohns. In: Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums, Jg. 41 (1896–1897), S. 371 ff. (Web-Ressource).

Königliche Wilhelms-Schule und Industrieschule für jüdische Mädchen Nach dem Vorbild der in Berlin durch David Friedländer und Isaak Daniel Itzig gegründeten Freischule für jüdische Kinder planten die Vereinsmitglieder eine ähnliche Bildungsstätte.

Die Gründung der Reformschule erfolgte gegen Proteste der orthodox dominierten Gemeinde. Ein der königlich-preußischen Kriegs- und Domänenkammer vorgelegter erster Lehrplan sah kein Talmudstudium vor. Das Hebräische sollte als Sprachstudium, nicht zum Auswendiglernen der heiligen Schriften gelehrt, geeignete Lehrer sollten ausschließlich vom Staat bestimmt werden.

Schon der ursprünglich geplante Name „Jüdische Bürgerschule“ stieß auf Widerstand, da die traditionell orientierten Gemeindemitglieder ein Zurückstellen der konfessionellen Orientierung befürchteten. Die Wahl des Namens Königliche Wilhelms-Schule wurde schließlich mit der Dankbarkeit für den Landesfürsten Friedrich Wilhelm II. begründet, der den Namen genehmigte.

Die Leitung der Schule unterstand einem Direktorium, dem Lewin Benjamin Dohm und Elias Henschel, aber auch der Professor am christlichen Elisabeth-Gymnasium Ludwig Gedike (1760–1838) angehörten. Am 15. März 1791 wurde die Schule im Beisein des Kriegs- und Domänenrates August Gottfried Wilhelm Andreae (1757–1830), des schlesischen Landesrabbiners Isaak Joseph Jonas Fränckel (eigentlich Itzchak Joseph ben Chajim Jonah Teomim, 1721–1793) sowie von Geistlichen zweier christlicher Konfessionen feierlich eröffnet. Im ersten Jahrgang wurden 125 Jungen im Alter zwischen sechs und vierzehn Jahren von insgesamt neun Lehrern unterrichtet. Zu den letzteren zählten der Sprach- und Mathematiklehrer Tobias Hiller (um 1773–1841), der Oberlehrer und Inspektor Joël Löwe (1762–1802), Aaron Wolfssohn (1756–1835) und (von 1827 bis 1848) der aus Glogau stammende Philologe Eduard Munk, Bruder des in Paris lehrenden Orientalisten Salomon Munk. 1826 wurde der Rabbiner Isaac Ascher Francolm Direktor der Schule.

1801 wurde von Tobias Hiller gemeinsam mit Rebecka Dohm (um 1756–1847), geb. Berliner, der Ehefrau von Lewin Benjamin Dohm, und Edel Fränckel (1749–1818), der Tochter des Landesrabbiners, eine Industrieschule für arme israelitische Mädchen eingerichtet.Schulnachrichten 1880–1881. In: Die öffentliche Prüfung sämtlicher Klassen der Industrie-Schule für israelitische Mädchen... wozu der Vorstand ergebenst einladet. Freund’s Druckerei, Breslau 1881, unpag. (Web-Ressource der Centralna Biblioteka Judaistyczna). Sie wurde am 4. Januar 1801 mit zehn Schülerinnen eröffnet und in den ersten Jahren von einer Klasse aus 25 Mädchen aus dem jüdischen Waisenhaus besucht (1818 waren es 30, 1827 wurden 44 Waisen aufgenommen; ab 1830 waren es rund 70, darunter auch solche aus armen Familien der Gemeinde). Sie wurden durch das mehrheitlich unentgeltlich unterrichtende Kollegium auf die Anforderungen einer den Religionsgesetzen gemäßen Haushaltsführung vorbereitet.Leszek Ziątkowski: Jüdisches Schulwesen in Breslau bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Aus dem Polnischen übersetzt von Krystyna Kowalik-Rzepiak. In: Breslauer Schulen: Geschichte und Architektur. Hrsg. v. Maria Zwierz, Architekturmuseum, Wrocław 2005, S. 50 (Web-Ressource). 1884 wurden 152 Mädchen durch drei wissenschaftliche Lehrer, einen Zeichenlehrer und zwei Handarbeits-Lehrerinnen unterrichtet.Cassel Alexander: Denkschrift, betreffend die Industrie-Schule für israelitische Mädchen. Breslau 1884 (Web-Ressource der Centralna Biblioteka Judaistyczna). Aus wirtschaftlichen Gründen wurde die ausschließlich von der Gemeinde und Spenden finanzierte Schule 1922 geschlossen.

Die Berufung des liberalen Abraham Geiger zum Rabbinatsassessor (Dajan) im Jahr 1840 löste eine Kontroverse aus, die zur Spaltung der Breslauer Gemeinde führte, weil der Gemeinderabbiner Salman Tiktin die Ernennung nicht akzeptierte und jegliche Zusammenarbeit mit Geiger verweigerte. Weder an Hochzeitsfeierlichkeiten noch an Begräbnissen durfte ein Vertreter der Reform teilnehmen. War von Hinterbliebenen die Zeremonie durch Abraham Geiger ausdrücklich erwünscht, wie am 3. April 1842 bei der Beisetzung des Heymann Oppenheimer (geb. 1772, seit 1816 in der Gesellschaft der Brüder, seit 1829 im Großen Ausschuss), wurde Geigers Ansprache durch Tiktin-Anhänger niedergebrüllt und vereitelt, was eine nachhaltige Entzweiung zur Folge hatte.Aron Heppner: Familie Oppenheim(er) in Breslau. In: Breslauer Jüdisches Gemeindeblatt Jg. 7 (1930), Nr. 10 (Oktober), S. 158 (Web-Ressource).