Asciburgium war ein römischer Garnisonsplatz am Niedergermanischen Limes, der 2021 zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben wurde. Das heutige Bodendenkmal liegt im Moerser Stadtteil Asberg im Kreis Wesel am Niederrhein. Es überwachte von der frühen römischen Zeit an das rechtsrheinisch gegenüber liegende Mündungsgebiet der Ruhr sowie den dort verlaufenden mutmaßlichen Vorläufer des mittelalterlichen Hellwegs.
Asciburgium gehört zu den besterforschten Auxiliarlagern der Provinz Germania inferior. Die Ausgrabungen erbrachten einen seltenen Nachweis dafür, dass schon in der Zeit von Augustus römische Truppen in dieser Region anwesend waren.
Lage mini|Flussterrassen mini|Römische Fundstellen in und bei Asciburgium Das „Burgfeld“ von Moers-Asberg, unter dem sich die römischen Relikte befinden, gehört zur Mittleren Niederrheinebene. Das Gelände hatte sich durch Bewegungen der Erdkruste und extreme Klimaschwankungen gegen Ende des Pleistozäns herausgebildet. Es ist unter anderem durch die sogenannten Niederterrassen geprägt, die den Rhein auf beiden Seiten flankieren. Da die Terrassen immer hochwasserfrei waren, boten sie sich zu Siedlungszwecken geradezu an; alle römischen Militärlager zwischen Novaesium und Burginatium lagen unmittelbar auf der Terrassenkante.
Diejenige Kante, auf der sich Asciburgium befand, ist auch im heutigen Siedlungsbild noch deutlich zu erkennen. Von rund 30 m ü. NHN unmittelbar oberhalb des Terrassenrandes fällt das Gelände nach Osten, zum alten Flussbett hin deutlich um etwa sechs Meter ab.Renate Gerlach, Thomas Becker, Jutta Meurers-Balke, Irmela Herzog: Das Rhein-Limes-Projekt. Wo lag der Rhein zur Römerzeit?. In: Andreas Thiel (Hrsg.): Neue Forschungen am Limes. 4. Fachkolloquium der Deutschen Limeskommission 27./28. Februar 2007 in Osterburken (= Beiträge zum Welterbe Limes. Band 3). Theiss, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8062-2251-7, S. 9–17, mit weiterführender Literatur.Tilmann Bechert: Landschaft und Lage. In: Derselbe: Die Römer in Asciburgium (= Duisburger Forschungen. Band 36). Braun, Duisburg 1989, ISBN 3-87096-047-7, S. 37–40.
Das Kastell lag direkt an einem in römischer Zeit zunächst noch schiffbaren Altarm des Rheins. Als Asciburgium gegründet wurde, hatte sich die Hauptrinne des Stroms schon um zwei Kilometer nach Osten verlagert, das Kastell verfügte dennoch über einen eigenen Hafen und war über den Altarm an die Hauptverkehrsrinne angebunden. Der Altarm, der bereits in der zweiten Hälfte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts trockenzufallen begann, ist heute verlandet, zeichnet sich aber als „Essensberger Bruch“ noch augenfällig im Gelände und auf Landkarten ab.
Von seiner Position aus sicherte die Garnison die Mündung der Ruhr gegen germanische Überfälle aus östlicher Richtung ab, in die auch der Vorläufer des Hellwegs führte, eine alte Handelsstraße, die vom linken Niederrhein über das Gebiet des heutigen Duisburgs durch Westfalen bis nach Mitteldeutschland verlief. Das Lager war Bestandteil des Niedergermanischen Limes und lag unmittelbar an der römischen Straße von der Colonia Claudia Ara Agrippinensium (Köln) nach Ulpia Noviomagus Batavorum (Nijmegen), jeweils einen Tagesmarsch von Novaesium (Legionslager Neuss) und Vetera (Xanten) entfernt.
Das Kastell und große Teile des Vicus sind heute von einer modernen Siedlung überbaut und nicht mehr sichtbar.
Antike Quellen und der Name des Kastellplatzes mini|Asciburgium auf der Tabula Peutingeriana, der mittelalterlichen Kopie einer spätantiken Karte mini|Lage von Asciburgium am Niedergermanischen Limes Den frühesten konkreten Hinweis auf die Existenz, die Funktion sowie die räumliche und zeitliche Einordnung Asciburgiums gibt Tacitus in seinen Historien Anfang des 2. Jahrhunderts n. Chr. Im Zusammenhang mit der Schilderung des Bataveraufstandes beschreibt er, wie im Jahre 69 die Truppen der aufständischen Bataver auf einem Zug von Vetera/Xanten nach Gelduba/Krefeld-Gellep den Kastellplatz in Asberg überfielen:
Von geringerer Aussagekraft ist eine Stelle in Tacitus’ wenige Jahre zuvor verfasster Germania:
Konkreten Nutzen liefert hier nur die Aussage, dass Asciburgium am Ufer des Rhein gelegen hat und zu der Zeit, als die Germania verfasst wurde (= frühestens 98 n. Chr.), noch bewohnt war.
Präzisiert wird die Lageangabe aus den Historien des Tacitus schließlich in der Tabula Peutingeriana, der mittelalterlichen Kopie einer römischen Straßenkarte aus der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts. Hierin findet sich Asciburgium als römische Straßenstation XIII milia passuum (13 römische Meilen = 19,2 km) südlich von Veteribus (= Vetera) und XIIII milia passuum (14 römische Meilen = 20,7 km) nördlich von Novesio (= Novaesium). Einige Verwirrung gestiftet hat hingegen die spätmittelalterliche Kopie einer Karte des griechischen Naturwissenschaftlers und Geographen Claudius Ptolemäus, auf der Asciburgium rechtsrheinisch eingetragen war, etwa auf dem Gebiet des heutigen Duisburgs.Tilmann Bechert: Die Römer in Asciburgium (= Duisburger Forschungen. Band 36). Braun, Duisburg 1989, ISBN 3-87096-047-7, S. 16–18. Zum Original der Ptolemäus-Karte siehe Askibourgion.
Die Herkunft des Namens Asciburgium ist letztlich ungeklärt. Zwar hat es verschiedene Deutungsansätze gegeben, wobei etymologische Erklärungen auf der Grundlage lateinischer, griechischer, keltischer und germanischer Begriffe versucht wurden, doch konnte sich keiner dieser Deutungsversuche wirklich durchsetzen. Bechert hielt aufgrund der Hafenanlage eine schon ältere, durch Heinrich Simon van AlpenHermann Simon van Alpen: Geschichte des fränkischen Rheinufers, was es war und was es itzt ist. Band 2. Oedenkoven & Thiriart, Köln 1802, S. 519. aus dem Nordischen abgeleitete Deutung als „Schiffsburg“ im Sinne eines befestigten Anlegeplatzes für die plausibelste.Tilmann Bechert: Die Römer in Asciburgium (= Duisburger Forschungen. Band 36). Braun, Duisburg 1989, ISBN 3-87096-047-7, S. 34 f. Eine weitere Möglichkeit ist die Ableitung von germ. *askaz = Esche, und germ. *burg = Burg, also wörtl. „Eschenburg“. Hierbei ist eine relativ allgemeine Bedeutung wahrscheinlich im Sinne von „Waldburg“, denn die Wikinger waren ascomanni (Eschenmänner), weil sie auf Holzschiffen fuhren, ein ascarius war ein Kämpfer mit dem Holzspeer.G. Köbler: Germanisches Wörterbuch. 2007.
Forschungsgeschichte mini|hochkant|Von Hermann von Neuenahr bei Asberg aufgefundener Grabstein des Veteranen der Legio XXX Ulpia Victrix Marcus Caesius Mutilus, 2. Jahrhundert n. Chr. mini|hochkant|Franz Stollwerck (1814–1885) mini|Plan der Ausgrabungen von Asciburgium unter Boschheidgen In den Schriftquellen des Mittelalters wird der Ort Asberg erstmals im späten 9. Jahrhundert erwähntRudolf Kötzschke: Die Urbare der Abtei Werden a. d. Ruhr Tl. A: Die Urbare vom 9.–13. Jahrhundert (= Rheinische Urbare. Band 2). Bonn 1906, S. 16 A§ 3,3., aber vereinzelte Funde vom „Burgfeld“, die aus der Mitte des 6. Jahrhunderts stammen, belegen eine Besiedlung dieses Platzes bereits in frühmittelalterlicher Zeit.F. W. Schmidt, in: Bonner Jahrbücher. Band 31, 1861, S. 101; Frank Siegmund: Merowingerzeit am Niederrhein (= Rheinische Ausgrabungen. Band 34). Rheinland-Verlag, Köln 1998, S. 275 mit Tafel 57.
Seit Hermann von Neuenahr († 1530) (postum veröffentlicht)Hermann von Neuenahr: De Galliae Belgicae Commentariolvs, nunc primum in lucem editvs. Beigebunden zu: Peter van Dieven: Petri Divaei Louanensis De Galliae Belgicae Antiqvitatibvs. 2. Auflage. Christoffel Plantijn, Antwerpen 1584, S. 15: „Asciburgium … ist nämlich ein Dorf, auf dessen Boden auch jetzt noch verschiedene Anzeichen alter Zeit gefunden werden. … Dieser Platz wird noch immer von den Einheimischen Asburg genannt, ein wichtiger Beweis der Wahrheit. … Die Bauern nennen jene Flur Burgfeld (Burgensis), deshalb, weil immer die Sage ging, dort sei eine Burg (burgus) gewesen, deren Ruinen (rudera) in jenem ganzen Gebiet zu sehen sind.“Übersetzung nach Tilmann Bechert: Asciburgium – Ausgrabungen in einem römischen Kastell am Niederrhein (= Duisburger Forschungen. Band 20). Braun, Duisburg 1974, ISBN 3-87096-032-9, S. 14–16 und Derselbe: Die Römer in Asciburgium (= Duisburger Forschungen. Band 36). Braun, Duisburg 1989, ISBN 3-87096-047-7, S. 20. wurde in der Literatur (unter anderem bei Philipp ClüverPhilipp Clüver: Germania antiquae libri tres, 1616. und C. V. WeisseC. V. Weisse: Asciburgium in einem Beytrag zur Erinnerung der Moersischen Altheiten. Fortsetzungsartikel in: Wöchentliche Duisburgische, auf das Interesse der Commercien der Clevischen, Geldrischen, Meurs und Märckischen auch umliegenden Landes Orten eingerichtete Adresse- und Intelligentz-Zettel, 1765.) immer wieder von der Existenz des alten Römerlagers berichtet und seit 1591 (erstmals durch Johannes Mercator, einen Enkel Gerhard Mercators) fanden die in dieser Zeit höchstwahrscheinlich noch sichtbaren römischen Hinterlassenschaften (bei Mercator als reliquiae gekennzeichnet) auch Aufnahme in verschiedenen Kartenwerken.
Es dauerte jedoch noch bis 1879, bevor unter der Leitung des Uerdinger Lehrers Franz Stollwerck (1814–1885) die ersten Sondierungen vorgenommen wurden.Franz Stollwerck: Die altgermanische Niederlassung und römischer Stationsort Asciburgium, Burgfeld-Asberg bei Mörs. Uerdingen 1879. Systematische archäologische Ausgrabungen erfolgten schließlich ab 1898 unter der Leitung des Moerser Amtsgerichtsrates Heinrich Boschheidgen (1864–1924).Hermann Boschheidgen: Asciburgium. Ein Ausgrabungs- und Beobachtungs-Bericht. In: Bonner Jahrbücher 104, 1899, S. 136 ff. Hierbei gelang es zwar, die Anwesenheit römischen Militärs zweifelsfrei nachzuweisen und die Besiedlung des Platzes auf das erste und zweite nachchristliche Jahrhundert zu datieren, nicht jedoch, die Lage des Kastells zu bestimmen. Entsprechende Eintragungen auf den Grabungsplänen dieser Zeit sind hypothetischer Natur.Tilmann Bechert: Ausgrabungen und Forschungen. In: Derselbe: Die Römer in Asciburgium (= Duisburger Forschungen. Band 36). Braun, Duisburg 1989, ISBN 3-87096-047-7, S. 41–52 und Derselbe: Asciburgium – Ausgrabungen in einem römischen Kastell am Niederrhein (= Duisburger Forschungen. Band 20). Braun, Duisburg 1974, ISBN 3-87096-032-9, S. 29–31.
Im Anschluss an die ersten archäologischen Aktivitäten blieben das „Burgfeld“ und seine römischen Hinterlassenschaften für rund fünf Jahrzehnte weitestgehend sich selbst sowie zahlreichen Raubgräbern und Antiquitätensammlern überlassen. Nur vereinzelt wurden von offizieller Seite Funde geborgen, registriert und publiziert.So bei August Oxé: Römischer Grabstein einer Frau, gefunden in Asberg (Asciburgium). In: Bonner Jahrbücher. Band 116, 1907, S. 19 ff. und Derselbe: Die germanische Ala I Tungrorum Frontoniana in Asciburgium. In: Bonner Jahrbücher. Band 133, 1930, S. 62 ff. Erst zu Beginn der 1950er Jahre rückte Asciburgium wieder verstärkt in den Fokus des wissenschaftlichen Interesses. Zu diesem Zeitpunkt wurde innerhalb der provinzialrömischen Archäologie dem niedergermanischen Limes im Allgemeinen mehr Aufmerksamkeit zu Teil, zudem weckte im Besonderen ein reichhaltiges Fundaufkommen aus den örtlichen Kiesgruben das Interesse der Archäologen und Bodendenkmalpfleger des Rheinischen Landesmuseums Bonn. Nachdem 1952 und 1953 in der „Kiesgrube Liesen“ zwei Töpferöfen zu Tage getreten waren, und in der Folgezeit das Fundaufkommen stetig zunahm, begann das Landesmuseum 1956 planmäßige Ausgrabungen durchzuführen, die 1956 von Wilhelm Piepers und im Folgejahr von Siegfried Gollub geleitet wurden.Harald von Petrikovits: Beobachtungen am Niedergermanischen Limes seit dem zweiten Weltkrieg. In: Saalburg-Jahrbuch. Band 14, 1955, S. 7 ff. und Derselbe: Das römische Rheinland. Forschungen seit 1945 (= Bonner Jahrbücher. Beiheft 8). Westdeutscher Verlag, Köln 1960.