Die Geschichte Nordmazedoniens beschäftigt sich mit den Ereignissen und Entwicklungen auf dem Territorium der heutigen Republik Nordmazedonien und auch den Ereignissen außerhalb dieses Gebiets, welche die Veränderungen dort stark beeinflussten. Das Land nannte sich lange Zeit Mazedonien.
Die Region Makedonien (oder auch Mazedonien) auf der Balkanhalbinsel ist ein geographischer Raum ohne klare Abgrenzung. Sie war etwa ab Mitte des 14. Jahrhunderts bis Anfang des 20. Jahrhunderts Bestandteil des Osmanischen Reiches, und in mehrere Provinzen unterteilt. Die bedeutendste Handelsstadt der Region war seit der Zeit des Byzantinischen Reiches, die Stadt Thessaloniki am Ägäischen Meer.
Mazedonische Frage im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts Innerchristliche Verwaltung des Osmanischen Reiches
Nach dem Fall von Konstantinopel im Jahre 1453 und der Auflösung des Byzantinischen Reiches bestätigte Sultan Mehmed der Eroberer 1454 den Patriarchen von Konstantinopel als Oberhaupt für alle orthodoxen Christen im Reich. Der Patriarch stand somit nach weiteren osmanischen Eroberungen auch den serbischen und bulgarischen orthodoxen Kirchen vor, die ihre autokephalen Patriarchate und Erzbistümer teilweise aufgeben mussten. Der Klerus dieser nichtgriechischen Kirchen wurde vom Patriarchen in Konstantinopel berufen und das Patriarchat war auch zuständig für die Eintreibung und Abführung der speziell für die orthodoxen Untertanen geltenden Schutzsteuer. Diese Koexistenz zwischen Orthodoxen und Muslimen ermöglichte neben dem physischen auch das kulturelle Weiterleben der Orthodoxie im Osmanischen Reich.
Der griechische und armenische Klerus konnten eine vom Sultan privilegierte Vorrangstellung gegenüber den Klerikern der Serben, Bulgaren und Rumänen einnehmen. Dadurch entstanden starke innerorthodoxe Spannungen. Im Jahre 1767 erfolgte auf Druck der Phanarioten die Auflösung des Erzbistums Ohrid und des Patriarchats Peć und die gesamte Orthodoxie im Osmanischen Reich wurde dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel unterstellt. Dadurch verstärkte sich der Einfluss der griechischen Kultur und Sprache auf die slawischsprachigen Völker.Hans-Dieter Döpmann: Die orthodoxen Kirchen in Geschichte und Gegenwart, 2. Auflage. Verlag Peter Lang, 2010, S. 92.
Das Patriarchat von Konstantinopel verdankte seine Vormachtstellung während der Osmanenzeit der politisch gewichtigen Tatsache, dass die osmanische Macht bis Anfang des 18. Jahrhunderts keine Intervention einer orthodoxen politischen Macht zu befürchten hatte. Mit den fortdauernden russisch-osmanischen Kriegen verschlechterte sich auch diese Stellung, und spätestens nach dem Russisch-Osmanischen Krieg von 1768 bis 1774 und der verheerenden osmanischen Niederlage wurde am 21. Juli 1774 der Friede von Küçük Kaynarca vereinbart, der unter anderem das Russische Kaiserreich als Schutzmacht aller Orthodoxen im Osmanenreich diktierte, analog zu Frankreich, das dieselbe Stellung schon 1740 für die Katholiken innehatte.
Bulgarische Nationalbewegung
mini|Lasar von Thessaloniki, Bischof von Makedonien In der Region Makedonien entstanden infolge der „Bulgarischen Wiedergeburt“ zwei zum Teil unabhängige Kirchenhierarchien: die im Jahr 1860 gegründete Bulgarisch-Katholische Kirche und das 1870 gegründete bulgarische Exarchat. Die erste ging auf die Union von Kilkis (bulg. Kukusch) aus dem Jahr 1859 zurück, in der französische Lazaristen sich die Unzufriedenheit der örtlichen Bevölkerung mit den orthodoxen phanariotischen Bischöfen zunutze machten und ihr eine nationale Kirchenhierarchie versprachen. Damit setzten sie die von Petar Bogdan in die Wirklichkeit um den katholischen Glauben für die Aufklärung und Unabhängigkeit des bulgarischen Volkes zu nutzen. 1861 war mit Josif Sokolski der erste katholische Erzbischof der Bulgarisch-Katholischen Kirche und mit Lasar Mladenow Bischof der makedonischen Diözese von Thessaloniki eingesetzt worden. Die so entstandene Kirche verstand sich als Teil der bulgarischen Nationalbewegung und hatte 30.000Rudolf Grulich: Die unierte Kirche in Makedonien, 1956–1919. Würzburg 1997; Marlene Kurz: Christen unter islamischer Herrschaft. Die zimmi-Verwaltung im Osmanischen Reich. In: Thede Kahl, Cay Lienau (Hrsg.): Christen und Muslime. Interethnische Koexistenz in südosteuropäischen Peripheriegebieten. Lit, Münster 2009, ISBN 978-3-643-50058-8, S. 96; Friedrich Heyer: Die katholische Kirche von 1648 bis 1870. Vandenhoeck & Ruprecht, 1963, S. 189ff. bis 60.000; Eastern Catholics in Bulgaria, Online-Ausgabe der Catholic Encyclopedia Gläubige.
1870 entstand nun nach einem Ferman (Dekret) des Sultans auch eine bulgarische orthodoxe Kirche in Form eines Exarchats, welches nicht mehr dem Patronat des griechisch-orthodoxen Patriarchats in Konstantinopel unterstand.Dunja Melčić: Der Jugoslawien-Krieg: Handbuch zu Vorgeschichte, Verlauf und Konsequenzen, 2007, S. 142. Mit dem Ferman des Sultans wurde zum ersten Mal ein Millet, das sogenannte bulgarische Millet (Eksarhhâne-i Millet i Bulgar) im osmanischen Reich auf ethnischer Grundlage zugelassen.Lexikon zur Geschichte Südosteuropas S. 427; Sfetas Spyridon: Makedonien und interbalkanische Beziehungen, 1920–1924. Verlag Hieronymus, München 1992, ISBN 978-3-928286-04-6, S. 5. Für alle Orte, die im Ferman nicht namentlich erwähnt worden waren und sich dem Exarchat und dem Millet anschließen wollten, gestattete man der Bevölkerung einen Plebiszit. Wenn sich dabei zwei Drittel der orthodoxen Einwohner zum Bulgarischen Exarchat bekannte, wurde die Ortschaft unter der Jurisdiktion der erneuerten bulgarischen Kirche unterstellt und bekamen alle mit dem bulgarischen Millet verbundenen Rechte.Fikret Adanır: Die makedonische Frage. Ihre Entstehung und Entwicklung bis 1908. Steiner, Wiesbaden 1979, ISBN 3-515-02914-1, S. 54 ff. Dieses betraf auf Druck des Patriarchen von Konstantinopel vor allem Eparchien in Makedonien und Thrakien, die im Ferman nicht erwähnt wurden. In den nächsten Jahren traten einige der makedonischen Diözesen des Patriarchats und der bulgarisch-katholischen Kirche nach einer Volksabstimmung dem Exarchat bei. Dieser Prozess dauerte bis in die 1880er Jahre an.
Die Errichtung des Exarchats und die mit dem Millet verbundenen Rechte, ermöglichte die Besetzung von Bischofssitzen und Priestern durch Bulgaren, die Abhaltung von Gottesdiensten in bulgarischer Sprache und die Errichtung eines bulgarischen Schulwesens innerhalb des Osmanischen Reiches bis hin zur Besetzung der lokalen Verwaltung durch Bulgaren. So wurde 1874 nach einem Plebiszit der erste bulgarische Bischof der Eparchie Skopje eingesetzt und in ganz Makedonien entstanden bulgarische Gemeinden und Schulen. Mit der Bildung der bulgarisch-orthodoxen Kirche endete die zweite, vorletzte Periode der Bulgarischen Wiedergeburt. Gleichermaßen führte die Errichtung des bulgarischen Millets zum unmittelbaren Machtverlust des griechisch-dominierten Patriarchats und die mit der Megali Idea sympathisierte Bevölkerung und auf der Balkanhalbinsel entbrannte – am stärksten in den ethnisch gemischten Regionen Makedoniens und Thrakiens – ein bulgarisch-griechischer Kirchenkampf um das Bekenntnis zum bulgarischen „Exarchat“ oder zum griechisch dominierten Patriarchat in Konstantinopel. Der ökumenische Patriarch von Konstantinopel, der den Ferman nicht anerkannte, erklärte bereits 1872 das bulgarische „Exarchat“ für schismatisch.Björn Opfer: Im Schatten des Krieges. Besatzung oder Anschluss. Befreiung oder Unterdrückung? Eine komparative Untersuchung über die bulgarische Herrschaft in Vardar-Makedonien 1915–1918 und 1941–1944. Verlag Lit, Münster 2005, ISBN 3-8258-7997-6, S. 21.
Die politische Auseinandersetzung tobte zwischen den verschiedenen Schulen, die von den jeweiligen Kirchen unterhalten wurden. Auf dem Höhepunkt des Kirchenstreits und des wirtschaftlichen Zusammenbruchs des Osmanischen Reichs entluden sich die verschiedenen Konfliktpotentiale (politische und geistliche Unabhängigkeit, politische Autonomie etc.) 1875/76 in einer Reihe von bewaffneten Aufständen im bulgarischen Kernland. Damit wurde die dritte und letzte Periode der Bulgarischen Wiedergeburt eingeleitet. Auch fernab der Zentren des Aprilaufstandes kam es 1876 in Makedonien zur Gründung revolutionärer Komitees, die zum Kampf aufriefen; so beispielsweise im Dorf Raslowzi zu bewaffneten Kämpfen und im Bezirk Raslog zu Massenverhaftungen.Christo A. Christov: Die Geschichte Bulgariens. Sofia Press, Sofia 1985, S. 106.
Diejenigen Christen in Makedonien, die dem Patriarchat in Konstantinopel treu blieben (vor allem Aromunen und Meglenorumänen), bekannten sich weiterhin auch zur griechischen Sprache und Kultur, während sich die slawisch sprechenden Menschen der Region mehrheitlich zum bulgarischen Exarchat bekannten. Es ist umstritten, ob es sich, wie von bulgarischen Historikern behauptet, um eine nationale Erhebung der „bulgarischen“ Bevölkerung gegen eine Fremdherrschaft gehandelt habe. Die Zahl der örtlich isolierten, vom rumänischen Ausland operierenden Revolutionäre und deren Organisationsgrad war zu gering, um Einfluss auf die Gesamtbevölkerung zu erlangen. Letztlich konnten die Anführer des Aprilaufstandes lediglich einige hundert Aufständische organisieren und waren schnell besiegt. Nach dem Historiker Björn Opfer kann von einem „nationalen Befreiungskampf“ letztlich nicht gesprochen werden.
Nach dem Russisch-Osmanischen Krieg von 1877 bis 1878 und der erneuten osmanischen Niederlage sah der Vorfrieden von San Stefano zwischen Russland und dem Osmanischen Reich vom 3. März 1878 einen großbulgarischen Staat unter Einschluss Makedoniens vor. Großbritannien, Frankreich, das Deutsche Reich und die Donaumonarchie aber drängten mit Erfolg auf eine Korrektur dieses Vorfriedensvertrages. Auf dem Berliner Kongress konnte Russland seine maximalen Forderungen auf der Balkanhalbinsel nicht durchsetzen. Es entstand ein bulgarisches Fürstentum, welches unter russischem Einfluss stand, sowie die autonome Provinz Ostrumelien unter osmanischer Verwaltung und mit Philippopel als Hauptstadt. Am vereinigten sich das bulgarische Fürstentum im Norden und die autonome Provinz Ostrumelien den Ergebnissen des Berliner Kongresses zum Trotz.retrobibliothek.deauswaertiges-amt.de 1893 entstand die Bewegung der Bulgarischen Makedonien-Adrianopeler Revolutionäres KomiteeBjörn Opfer: Im Schatten des Krieges. Besatzung oder Anschluss. Befreiung oder Unterdrückung? Eine komparative Untersuchung über die bulgarische Herrschaft in Vardar-Makedonien 1915–1918 und 1941–1944. Verlag Lit, Münster 2005, ISBN 3-8258-7997-6, S. 27. (später in Innere Makedonisch-Adrianopeler Revolutionäre Organisation IMARO, bulgarisch/mazedonisch VMARO umbenannt).
In den 1890er Jahren begann der bulgarische Anspruch auf Makedonien ins Wanken zu geraten. Serbische und griechische Priester und Lehrer wetteiferten, anfänglich ohne großen Erfolg, um die Gunst der mazedonischen Bevölkerung für die jeweils erwünschte nationale Hinwendung.Magarditsch A. Hatschikjan: Tradition und Neuorientierung in der bulgarischen Außenpolitik 1944–1948. Die „nationale Außenpolitik“ der Bulgarischen Arbeiterpartei (Kommunisten). Verlag Oldenbourg, München 1988, ISBN 3-486-55001-2, S. 20f. Als weitere Alternative gegenüber dem bulgarischen Angliederungskonzept vertrat die innermazedonisch revolutionäre Bewegung, bei häufig wechselnden Bezeichnungen als „Innere Organisation“ bekannt, ein autonomes Mazedonien im Rahmen einer Balkanföderation. Die „Mazedonische Frage“ war nicht mehr wie selbstverständlich eine bulgarische Angelegenheit. Innermazedonische Partikularinteressen machten den Weg Sofias zur „nationalen Vereinigung“ noch steiniger.