mini|Losungen auf der Außenmauer der Fudan-Universität im Frühling 1976: „Blut und Leben zur Verteidigung des Zentralkomitees, Blut und Leben zur Verteidigung von Mao“ mini|Rote Garden auf dem Platz des Himmlischen Friedens (1967) Die chinesische Kulturrevolution ( oder kurz wéngé) war eine politische Kampagne in der Volksrepublik China, die 1966 von Mao Zedong und seinen Verbündeten gestartet wurde. Die Kampagne dauerte bis 1976 und ist in China auch als „Zehn Jahre Chaos“ bekannt. Mao startete die Kulturrevolution mit Hilfe der „Gruppe Kulturrevolution“ und anderer. Dazu gehörten seine Frau Jiang Qing, sein Privatsekretär Chen Boda, Verteidigungsminister Lin Biao, die radikalen Kulturfunktionäre Zhang Chunqiao, Yao Wenyuan und der Spezialist für geheime Aktionen Kang Sheng.Vgl. Henning Böke: Maoismus. Stuttgart 2007, S. 72 f. In diese Zeit fällt auch die Etablierung von Maos Personenkult. Mit der vordergründigen Zielsetzung, kapitalistische, bürgerliche und traditionalistische Infiltrierungen der Gesellschaft durch eine Fortsetzung des Klassenkampfs zu entfernen, ging die Bewegung mit massiven Menschenrechtsverletzungen und politischen Morden bis auf der höchsten Ebene einher; unter anderem kamen Maos jeweils in Ungnade gefallene designierte Nachfolger Liu Shaoqi und Lin Biao ums Leben.Vgl. Helwig Schmidt-Glintzer: Das neue China. München 2014, 6. Aufl. S. 89–91.

Eine genaue Zahl der durch die Kulturrevolution getöteten Menschen ist nicht bekannt. Die vorliegenden Schätzungen (teilweise auch politisch motiviert) variieren stark und liegen zwischen Hunderttausenden und 20 Millionen Toten in ganz China. Massaker wie das Massaker von Guangxi (und Kannibalismus), die Säuberung der Inneren Mongolei, das Massaker von Guangdong, der Spionagefall von Zhao Jianmin, das Daoxian-Massaker, der Shadian-Zwischenfall, und der Rote August von Peking fanden während der Kulturrevolution statt. Darüber hinaus waren viele Millionen Menschen Folter und anderen physischen und psychischen Misshandlungen ausgesetzt, wurden verhaftet und landeten in Gefängnissen und Arbeitslagern. Eine noch größere Zahl wurde in entlegene Gegenden des Landes verbannt.Maurice Meisner: Mao's China and After: A History of the People's Republic. Free Press (Simon & Schuster), 3. Auflage, New York 1999, ISBN 978-0-684-85635-3, S. 354. Ab dem Roten August von Peking wurde die Bewegung zur Zerstörung der „Vier Alten“ durchgeführt. Gemeint waren damit alte Denkweisen, Kulturen, Gewohnheiten und Sitten. Während der Kulturrevolution stürzten der Banqiao-Staudamm und andere 61 Staudämme in der Provinz Henan 1975 ein und wurden zu einer der größten technologischen Katastrophen in der Geschichte. Während Mao die Kulturrevolution nach grundlegenden (aber letztlich nicht dauerhaften) Umwälzungen in Gesellschaft und Regierung 1969 für beendet erklärte, wird ihr Ende eher an Lins Tod 1971 oder Maos Tod 1976 festgemacht. Im Oktober 1976 wurden die noch lebenden Initiatoren der Kulturrevolution, die „Viererbande“, verhaftet und damit der Kulturrevolution ein Ende gesetzt.

Von den folgenden chinesischen Regierungen, vor allem in der Beurteilung durch Deng Xiaoping, wird die Kulturrevolution seit 1981 als gravierender Fehler und größter Rückschritt in der Geschichte des Landes angesehen, jedoch abseits der offiziellen Darstellung von 1981 in der Erinnerungskultur kaum berücksichtigt. In den späten 1970er Jahren startete Deng Xiaoping das Programm „Boluan Fanzheng“, um die Fehler der Kulturrevolution zu korrigieren. Im Dezember 1978 wurde Deng der neue oberste Führer Chinas und startete die „Reform und Öffnung“, die eine neue Phase Chinas einleitete. Aber Maos Verantwortung wird eher geringfügig und isoliert von seinen übrigen gepriesenen Tätigkeiten und seinem Personenkult betrachtet.

Entwicklung Zunächst wurde die Kulturrevolution als eine Bewegung zur Beseitigung von Missständen in Staat und Gesellschaft von großen Teilen der Bevölkerung begrüßt. Mao setzte jedoch statt der von Politikern wie Liu Shaoqi gewünschten Erneuerung innerhalb der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) eine Massenbewegung zur Zerstörung der alten KPCh in Gang. Die meisten der alten Kader wurden ihrer Ämter enthoben. Nur 28 % der Politbüro- und 34 % der ZK-Mitglieder sowie 29 % der Provinzsekretäre konnten sich bis Ende 1966 in ihrer Position halten.

Die Kulturrevolution bestand aus einer Reihe von Massenkampagnen, die sich ablösten und teilweise widersprachen. Ursprünglich sollte die Kulturrevolution nur ein halbes Jahr dauern, dann wurde sie zehn Jahre lang, bis zu Maos Tod, immer verlängert. Konnte Mao zu Beginn der Kulturrevolution noch wesentliche Teile der Bevölkerung für die Kulturrevolution begeistern, so wurden die in den letzten Jahren angeordneten Massenbewegungen zu lustlos abgehaltenen Pflichtritualen.

Die Kulturrevolution wird oft in drei Phasen eingeteilt: die Zeit der Roten Garden (Mai 1966 bis 1968), die Lin-Biao-Zeit (1968 bis August 1971) und die Zhou-Enlai-Phase (August 1971 bis Oktober 1976).

Anders als bei der Kampagne des Großen Sprungs nach vorn wurden die Wirtschaft und die Landwirtschaft von der Kulturrevolution weitgehend ausgenommen. Man hatte gelernt, dass die Produktion möglichst ungestört weiterlaufen musste. Die Kampagnen konzentrierten sich auf Politik, Kultur, öffentliche Meinung, Schule und Universitäten, dort jedoch wütete die Kulturrevolution anfangs mit teilweise grenzenloser Grausamkeit. Etliche Professoren wurden totgeschlagen. Die Universitäten stellten zu Beginn der Kulturrevolution ihre Arbeit ein, und ein normaler Universitätsbetrieb, mit Eingangs- und Abschlussprüfungen sowie qualifizierten Zeugnissen, wurde erst 1978 wieder eingeführt. Zahlreiche Kulturdenkmäler wurden durch Revolutionäre zerstört.

Auch bei den führenden Politikern gab es diese Arbeitsteilung zwischen Kulturrevolution und Produktion. Für die Kulturrevolution waren, unter der Anleitung von Mao, Politiker wie Jiang Qing und Lin Biao zuständig, für die Wirtschaft, von der Mao wenig verstand und die er anderen überließ, Politiker wie Zhou Enlai und Deng Xiaoping.

Konzept und Begriff mini|Mao und Chruschtschow (1958)

In den 1960er Jahren war China nach Maos Vorstellungen, wie zuvor bereits die UdSSR, auf dem Weg des Revisionismus. In der UdSSR hatte nach Ansicht Maos eine neue Bürokratenklasse die Macht übernommen, abgehoben von der Masse der Bevölkerung. Mao wies darauf hin, dass die Klassenkämpfe das leitende Prinzip der Politik sein müssten und dass der Klassenkampf „täglich, monatlich und jährlich“ durchgeführt werden müsste. In China sah Mao jedoch ein Erstarren im erreichten Zustand mit einer Bürokratenklasse, die ihre Position, abgehoben von den Volksmassen, zementierte.

Daher forderte Mao eine neue sozialistische Revolution im Bereich des politischen, gesellschaftlichen wie kulturellen Überbaus – die Kulturrevolution. Der Grund für die Ausrufung der Kulturrevolution lag nicht nur im Sturz einiger Politiker der „pragmatischen Linie“ wie Liu Shaoqi oder Deng Xiaoping. Deren Entmachtung war bereits zu Beginn der Kulturrevolution im Mai 1966 erledigt, als sich eine große Mehrheit im neuen Politbüro gegen sie stellte. Sie konnten zwar in der Wirtschafts- und Tagespolitik weiterarbeiten, den Rückhalt im Politbüro hatten sie jedoch verloren. Mao hatte ein größeres gesellschaftliches Ziel vor Augen. Die ganze Gesellschaft und die Partei sollten proletarisch erneuert und ein weiterer Schritt hin zum idealen Sozialismus vollbracht werden. mini|Propagandaposter (1966): „Liu Shaoqi, Deng Xiaoping und Tao Zhu müssen raus aus dem Zentralkomitee der Partei“ Anders als nach der Vorstellung der Politiker um Liu Shaoqi war Mao daran gelegen, dass die notwendigen Erneuerungen nicht innerhalb und durch die Kommunistische Partei, sondern durch die Volksmassen herbeigeführt würden. Er war der Meinung, dass, wenn man sich auf den Ansturm der Volksmassen verlässt, eine Änderung der gesellschaftlichen Gesamtsituation herbeigeführt und damit eine wahre sozialistische Gesellschaft geschaffen werden könne. Daher der Ausdruck Maos: „Mit Chaos auf Erden erreicht man große Ordnung im Land.“Changshan Li: Die chinesische Kulturrevolution (1966–1976) im Spiegel der deutschen und chinesischen wissenschaftlichen Literatur (1966–2008). Diss. Bonn 2010, . S. 100.

Mao hoffte, mittels der Kulturrevolution zum Vater und Führer der sozialistischen Weltrevolution zu werden, und betrachtete deshalb die Kulturrevolution als entscheidendes Ereignis der Menschheitsgeschichte. In der Zeitschrift Rote Fahne schrieb er dazu im Jahr 1967:

Verbunden mit dem täglichen Personenkult um Mao, gab die Verkündung Maos in Richtung der chinesischen Jugend, mit der Kulturrevolution ein neues Kapitel der Geschichte der Menschheit hin zu einer idealen Welt aufzuschlagen, der Bewegung Begeisterung, Fanatismus sowie Brutalität, Hass und Zerstörungswut gegen die angeblichen Feinde.

Ein wesentliches Merkmal der Kulturrevolution war deren Unbestimmtheit. Es sollten „kapitalistische Machthaber“ und „Revisionisten“ entlarvt werden, die den „falschen Weg“ gingen, es war aber nirgends festgelegt, was diese Begriffe zu bedeuten hatten. Gleichzeitig waren die gefällten Urteile absolut. Bei einer Person, der vorgeworfen wurde, auf dem falschen Weg zu sein, war alles falsch, bei Personen, die „auf dem richtigen Weg waren“, war alles richtig. Daraus folgte auch oft sinnlose Brutalität gegen alte, verdiente Genossen und Kämpfer im Bürgerkrieg, die angeblich den „richtigen Weg verlassen hatten“. Selbst zwischen den Antreibern der Kulturrevolution waren gewaltsame Konflikte nicht ungewöhnlich.

Das Kulturleben und die höhere Bildung kamen fast völlig zum Erliegen. Die Universitäten hielten von 1966 bis 1978 keinen normalen Bildungsbetrieb ab. Die Entstehung einer neuen Bildungsschicht zu vermeiden und den Klassenkampf zu propagieren, erschien wichtiger als Wissensvermittlung.

Durch das Ausklammern der Wirtschaft aus der Kulturrevolution war es möglich, dass Deng Xiaoping, der in der Kulturrevolution als besonders übler „Revisionist“ angefeindet wurde, von den zehn Jahren der Kulturrevolution fünf Jahre lang an führender Stelle politisch aktiv sein konnte, von 1966 bis 1968 als Generalsekretär der Partei und von 1973 bis 1976 als Stellvertreter und später Nachfolger von Zhou Enlai. Auf der anderen Seite war der Zugriff im Bereich der Kultur umfassend. Jiang Qing wählte beispielsweise eigenmächtig Werke, in denen proletarische Helden mit ihren Heldentaten präsentiert wurden, als vorbildlich aus. Die Aufführung der traditionellen Opern wurde verboten.

Kurz vor seinem Tod empfing Mao noch einmal seinen Nachfolger Hua Guofeng und seine wichtigsten Mitstreiter für die Kulturrevolution, die spätere Viererbande Wang Hongwen, Zhang Chunqiao, Jiang Qing und Yao Wenyuan, und gab folgendes Urteil über sein Lebenswerk ab:

Vier Wochen nach Maos Tod wurden Wang Hongwen, Zhang Chunqiao, Jiang Qing und Yao Wenyuan als Viererbande verhaftet, und ein Jahr nach Maos Tod wurde Deng Xiaoping wieder in seine früheren Ämter eingesetzt. Die Kulturrevolution, für die Mao zehn Jahre lang gestritten hatte, war zu Ende.

Hintergründe

Seit Gründung der Volksrepublik China standen sich in der KPCh im Wesentlichen zwei Gruppen mit stark voneinander abweichenden Positionen gegenüber. Mao betonte, dass auch nach dem Sieg im Bürgerkrieg der Klassenkampf nicht aufgehört habe und dass es das revolutionäre Bewusstsein der Massen zu fördern gelte. Die Politiker um Liu Shaoqi legten den Arbeitsschwerpunkt darauf, das Land schnell aufzubauen und hohes Wirtschaftswachstum zu erzielen.