Quedlinburg ([], plattdeutsch Queddelnborg, mit offiziellem Beinamen auch Welterbestadt Quedlinburg) ist eine Stadt an der Bode nördlich des Harzes im Landkreis Harz (Sachsen-Anhalt) und staatlich anerkannter Erholungsort. 922 urkundlich zum ersten Mal erwähnt und 994 mit dem Stadtrecht versehen, war die Stadt vom 10. bis zum 12. Jahrhundert Sitz der zu Ostern besuchten Königspfalz weltlicher Herrscher und fast 900 Jahre lang eines (zunächst geistlichen, nach der Reformation freiweltlichen) Damenstifts. Im Spätmittelalter war Quedlinburg auch als Hansestadt aktiv.

Quedlinburgs architektonisches Erbe steht seit 1994 auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes und macht die Stadt zu einem der größten Flächendenkmale in Deutschland.

In der historischen Altstadt mit ihren kopfsteingepflasterten Straßen, verwinkelten Gassen und kleinen Plätzen befinden sich über 2100 Fachwerkhäuser aus acht Jahrhunderten. Am Markt liegt das Renaissance-Rathaus mit der Roland-Statue, südlich davon der Schlossberg mit der romanischen Stiftskirche und dem Domschatz als Zeugnissen des Quedlinburger Damenstifts. Auch der Münzenberg mit der romanischen Klosterkirche St. Marien und im Tal dazwischen die romanische Kirche St. Wiperti, der sich anschließende Abteigarten und der Brühl-Park gehören zum Weltkulturerbe.

Geographie mini|hochkant=1.15|alt=Luftaufnahme der Altstadt von Quedlinburg mit dicht stehenden Fachwerkhäusern, historischen Gebäuden und umgeben von grünen Flächen und Feldern|Quedlinburg, Luftaufnahme, 2015 Lage Die Stadt liegt im nördlichen Harzvorland durchschnittlich , 50 km südwestlich der Landeshauptstadt Magdeburg. Die unmittelbar angrenzenden Höhen erreichen etwa . Die Stadt liegt im Flussbett der Bode mit dem größeren Teil westlich des Flusses. Das Stadtgebiet hat eine Fläche von 78,14 Quadratkilometern.

Geologie Quedlinburg liegt inmitten des Quedlinburger Sattels, eines Schmalsattels, der das Stadtgebiet von Nordwesten nach Südosten durchquert.Gerald Patzelt: Sammlung geologischer Führer, Band 96, nördliches Harzvorland (Subherzyn), östlicher Teil. Gebrüder Bornträger, Berlin 2003, ISBN 3-443-15079-9. Dazu gehören der Quedlinburger Schlossberg mit seiner Verlängerung über den Münzenberg-Strohberg, die nördlich gelegene Hamwarte und die südlicher gelegene Altenburg.S. Siegesmund, C.-H. Friedel, J. Vogel, S. Mosch, D. Naumann, A. Peter, H. Giesen: Stability assessment of sandstones from the St. Servatius Church in Quedlinburg (UNESCO’s World Heritage Site, Germany). In: Environmental Earth Sciences 63 (2011), S. 641–659. doi:10.1007/s12665-010-0736-7.

Weiter im Süden liegt die Harznordrandstörung. Parallel zum Nordrand des herausgehobenen Harzes sind die mesozoischen Gesteinsschichten daran aufgebogen und teilweise abgebrochen. Die wechselnden Lagen von unterschiedlich widerständigen mesozoischen Gesteinen (Jura, Kreide, Muschelkalk) bilden teilweise freipräparierte Schichtrippen, die als markante Höhenzüge von der Bode quer durchschnitten werden. Der markanteste Höhenzug ist die Teufelsmauer.

Während der Elster- und der Weichsel-Kaltzeit hatte das Eis den Harzrand erreicht, während die Region in der letzten Kaltzeit (Saale-Kaltzeit) nicht mit Eis bedeckt war. Während der Hochglazialphasen bildeten sich äolische Decken.Hilmar Schröder: Die natürliche Umwelt Sachsen-Anhalts. In: Eckhard Oelke (Hrsg.): Sachsen-Anhalt. Gotha 1997, ISBN 3-623-00673-4, S. 61. Diese großflächig aufgewehten Lössschichten überlagerten die älteren Fest- und Lockergesteine und wurden später zu Schwarzerdeböden hoher Güte umgewandelt. Es sind dies die südlichen Ausläufer der fruchtbaren Magdeburger Börde.Henry Schroeder, Fritz Dahlgrün: Erläuterungen zur Geologischen Karte von Preußen und benachbarten deutschen Ländern. Blatt Quedlinburg, Lfg. 240, Nr. 2381. Berlin 1927. In der Nähe liegen die Sand-Silberscharten-Standorte, ein FFH-Schutzgebiet.

Klima Die Stadt befindet sich in der gemäßigten Klimazone. Die durchschnittliche Jahrestemperatur in Quedlinburg beträgt 8,8 °C. Die wärmsten Monate sind Juli und August mit durchschnittlich 17,8 beziehungsweise 17,2 °C und die kältesten Januar und Februar mit 0,1 beziehungsweise 0,4 °C im Mittel. Der meiste Niederschlag fällt im Juni mit durchschnittlich 57 Millimeter, der geringste im Februar mit durchschnittlich 23 Millimeter.

Der Harz liegt als Hindernis in der von Südwesten kommenden Westwinddrift. Durch die Höhe (Brocken mit ) werden die Luftmassen zum Aufsteigen gezwungen und regnen sich dabei ab. Die nordöstliche Seite liegt im Regenschatten des Harzes. In diesem Gebiet befindet sich Quedlinburg mit einem der geringsten Jahresniederschläge in Deutschland von nur 438 Millimetern (zum Vergleich: Köln annähernd 798 Millimeter). Da die Monate Dezember, Januar und Februar absolut die niedrigsten Niederschlagswerte besitzen und die stark abnehmende Tendenz bereits im Spätherbst beginnt, kann von einer Quedlinburger „Wintertrockenheit“ gesprochen werden.Umfangreiches Klimadiagramm: Niederschlag, Temperatur, Sonnenschein, Sonnenstunden, deutsche Mittelwerte. Bei der 2010 erstmals durchgeführten Gesamtauswertung der 2100 Messstationen des Deutschen Wetterdienstes wurde festgestellt, dass Quedlinburg im August 2010 mit 72,4 Liter je Quadratmeter (= mm) der trockenste Ort in Deutschland war. (PDF). Frostfreie Tage gibt es pro Jahr 177, während an 30 Tagen Dauerfrost herrscht. Eine geschlossene Schneedecke ist an weniger als 50 Tagen vorhanden, und die Sonnenscheindauer liegt bei 1422 Stunden jährlich.C. Senula: Erweiterung Industrie- u. Gewerbegebiet Magdeburger Straße. Vorentwurf. Stand: 4. Mai 2010. Quedlinburg 2010, S. 41 ().Alle Extremdaten von 1945 bis 2019.

Stadtgliederung mini|hochkant|alt=Romanische Kirche St. Cyriakus in Gernrode mit zwei runden Türmen und kupfernen Dächern vor blauem Himmel|Stiftskirche in Gernrode, 2019 mini|alt=Historisches Fachwerkgebäude mit Schild 'Badehaus' in einer Kuranlage, umgeben von Bäumen und Wald im Hintergrund|Bad Suderode, Kuranlage

Die historische Kernstadt besteht vor allem aus dem ehemaligen Königsbesitz mit dem Westendorf, dem Burgberg, der St.-Wiperti-Kirche sowie dem Münzenberg. Nördlich davon liegt die 994 gegründete Altstadt und östlich die im 12. Jahrhundert gegründete Neustadt. Dazwischen wurden im 13./14. Jahrhundert die Steinbrücke angelegt und die Word trockengelegt. Nördlich der Altstadt befindet sich das mittelalterliche Vorstadtviertel Gröpern.

Um diesen mittelalterlichen Kern wurde am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert ein Gürtel aus Villen im Jugendstil gebaut. Im Zuge der Industrialisierung entstanden außerhalb dieses Gürtels neue Ortsteile, so die Kleysiedlung, das Neubaugebiet in der Süderstadt (19./20. Jahrhundert) und das auf dem Kleers (1980er Jahre).

Zur Welterbestadt Quedlinburg gehören neben dieser Kernstadt die Ortsteile Stadt Gernrode, Bad Suderode, Quarmbeck (südlich), Münchenhof (nördlich), Morgenrot (östlich) und Gersdorfer Burg (südöstlich).

Nachbargemeinden Quedlinburg ist eine Stadt im Landkreis Harz und grenzt an acht sachsen-anhaltische Städte und Gemeinden (im Uhrzeigersinn, im Nordosten beginnend): Gemeinde Harsleben, Stadt Wegeleben, Gemeinden Ditfurt und Selke-Aue, Städte Ballenstedt und Thale.

Geschichte mini|alt=Luftaufnahme der Stiftskirche St. Servatius in Quedlinburg mit roten Dächern und romanischer Architektur|Quedlinburger Schloss, Luftaufnahme, 2015

Frühe Besiedlungen Die ersten Siedlungsspuren reichen bis in die Altsteinzeit zurück. Die Gegend war fast durchgehend besiedelt. Die ertragreichen Böden machten die Gegend für Siedler während des Neolithikums besonders interessant, was sich durch über 55 Siedlungsreste dieser Epoche allein in der Stadt und der näheren Umgebung nachweisen lässt.Christa Rienäcker: Die neolithische Besiedlung Quedlinburgs. In: Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte 62 (1978), S. 109–133. So befinden sich auf den markanten Bergspitzen wie dem Moorberg, der Bockshornschanze oder dem Brüggeberg, die an den Seitenwänden des Bodetals aufgereiht wie auf einer Kette aufragen, neolithische Begräbnishügel. Etwa zwei Kilometer nordwestlich von Quedlinburg, westlich der Wüstung Marsleben, konnte 2005 eine Kreisgrabenanlage der Stichbandkeramik untersucht werden, die der Kreisgrabenanlage von Goseck in Alter, Ausdehnung und Form nicht nachsteht.Hanfried Schmidt: Das Frühneolithikum. In: Harald Meller (Hrsg.): Archäologie XXL. Archäologie an der B 6n im Landkreis Quedlinburg. Halle/Saale 2006, S. 65–69.

Am Ende des 8. Jahrhunderts häufen sich urkundliche Nachrichten über Ortschaften in der Umgebung Quedlinburgs: Marsleben, Groß Orden, Ballersleben (alle wüst), Ditfurt und Weddersleben. Die Wipertikirche als Filiale der Abtei Hersfeld ist wahrscheinlich um 835/863 gegründet worden.

Königliche Osterpfalz vom 10. bis 12. Jahrhundert mini|hochkant|alt=Rundfenster mit farbigem Glasbild, das eine mittelalterliche Szene mit mehreren Personen um einen Baum zeigt, darunter ein Ritter und weitere Figuren in historischer Kleidung|Krönungsfenster im Rathaus: Die legendäre Königserhebung Heinrichs I. am Quedlinburger Finkenherd fand tatsächlich 919 zu Fritzlar statt mini|alt=Fachwerkhäuser am Finkenherd in Quedlinburg bei Abenddämmerung mit beleuchteter Straßenlaterne|Fachwerkhaus Finkenherd 3 aus dem späten 18. Jh., 2021 Bedeutung erlangte Quedlinburg, als es im 10. Jahrhundert die Königspfalz wurde, in der die Schwestern des Kaisers wohnten und die deshalb von den ottonischen Herrschern für die Feier des Osterfestes genutzt wurde. Erstmals erwähnt wurde der Ort als villa quae dicitur Quitilingaburg in einer Urkunde König Heinrichs I. vom 22. April 922.

Später bestimmte Heinrich I. den Ort zu seiner Grablege. Nach seinem Tod im Jahr 936 in Memleben wurde sein Leichnam nach Quedlinburg überführt und in einer Kapelle auf dem Schlossberg bestattet. Seine Witwe Königin Mathilde ließ sich von ihrem Sohn Otto I., der sich als Nachfolger Heinrichs durchsetzte, die Gründung eines Damenstiftes (im Spätmittelalter Kanonissenstift) mit der Aufgabe der Totenmemorie bestätigen. Für fast dreißig Jahre stand sie ihrer Stiftsgründung selbst als Leiterin vor, ohne Äbtissin geworden zu sein. Otto I. besuchte Quedlinburg in unregelmäßigen Abständen zur Feier des Osterfestes und zu den Gedenktagen seines Vaters. Im Jahr 941 entging er dabei nur knapp einem Mordanschlag durch seinen jüngeren Bruder Heinrich. Auf dem Oster-Hoftag 966 wurde Ottos Tochter Mathilde als Äbtissin mit der Leitung des Damenstiftes betraut. Zwei Jahre später, am 14. März 968, starb ihre Großmutter Mathilde und wurde an der Seite ihres Gemahls bestattet. Ihr Grab und ihr steinerner Sarkophag in der Krypta sind erhalten geblieben, während Heinrichs Grablege leer ist.

Der größte und glanzvollste Hoftag Ottos des Großen fand 973 statt. Unter den aus Osteuropa angereisten Teilnehmern befanden sich Boleslav I., Herzog von Böhmen, und Mieszko I., Herzog der Polanen, die dem Kaiser den Treueeid leisteten. Kurz darauf starb Otto I. Sein Sohn Otto II. besuchte seine Schwester, die Äbtissin Mathilde, in Quedlinburg während seiner zehnjährigen Regentschaft nur zwei Mal.