mini|hochkant|Quarantänestation eines Krankenhauses in Kinshasa (1976)
Die Quarantäne (in Deutschland [];Eva-Maria Krech u. a.: Großes Wörterbuch der deutschen Aussprache. Leipzig: VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1982; S. 461. in Österreich [], [] oder [];Österreichisches Wörterbuch. Wien: Österreichischer Bundesverlag Schulbuch GmbH & Co. KG, 43. Auflage, 2016; S. 558. in der Schweiz auch []Eva-Maria Krech u. a.: Deutsches Aussprachewörterbuch. Walter de Gruyter, Berlin 2009, S. 276.) ist eine zum Schutz einer Gesellschaft vor ansteckenden Krankheiten befristete (behördlich angeordnete) Separation von Menschen, Tieren oder Pflanzen, die verdächtig sind, an bestimmten Infektionskrankheiten erkrankt oder Überträger dieser Krankheiten zu sein. Bei Import von Tieren und Pflanzen ist die Quarantäne überdies zum Ausschluss der Krankheitsverbreitung in den Einfuhrbestimmungen des jeweiligen Landes präventiv vorgesehen. Die Zeitdauer der Quarantäne richtet sich nach der Inkubationszeit der vermuteten Krankheit. Die Quarantäne ist eine sehr aufwendige, aber auch sehr wirksame seuchenhygienische Maßnahme, die insbesondere bei hochansteckenden Krankheiten mit hoher Sterblichkeit angewendet wird.
In Deutschland und Österreich ist Absonderung der Oberbegriff für Quarantäne und Isolierung.BT-Drs. 19/18967, S. 59 (zu Nummer 18) und IfSG (Deutschland); EpiG (Österreich)
Etymologie Allgemein wird die Bezeichnung für eine befristete Isolation genutzt. Das Wort „Quarantäne“ gelangte im 17. Jahrhundert wie aus („vierzig Tage“) ins Deutsche. Das französische Wort quarantaine wurde im 12. Jahrhundert von galloromanisch quarranta abgeleitet, das über das Volkslateinische von lateinisch quadraginta („vierzig“) stammt. Eine um 1400 aufgekommene Reisesperre für seuchenverdächtige Ankömmlinge – Venedig verbot bereits 1374 die Hafeneinfahrt für pestverdächtige Schiffe – bezeichnete man in Italien als quaranta giorni (vierzig Tage).Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 572. Der spanische Ausdruck „la cuarentena“ bezeichnet auch die Isolation von Müttern und deren Neugeborenen für eine gewisse Zeit. Das Brauchtum einer vierzigtägigen Abgeschiedenheit findet sich auch im Alten Testament (). Im 19. Jahrhundert war ein ebenfalls gängiges Wort für Quarantäne Kontumaz (, deutsch: Trotz, Stolz, Eigensinn, Unbeugsamkeit). Im Bereich der Seeschifffahrt bezeichnet Quarantäne die Wartezeit von Schiffen, bevor Lebewesen, Waren und sonstige Güter eingeführt werden dürfen. Während der Kubakrise wurde der Ausdruck Quarantäne stellvertretend für die Seeblockade genutzt.
Geschichte
mini|hochkant=1.2|Die Astronauten der Apollo-11-Mission waren nach ihrer Rückkehr zur Erde 21 Tage in Quarantäne (rechts US-Präsident Richard Nixon)
Antike Eine frühe Aufforderung, die Infektionskranken sieben Tage zu isolieren, um eine Ausbreitung der Krankheit zu verhindern, befindet sich bereits im dritten Buch der Torah und dem Alten Testament.Die Bibel. 3. Buch Mose (Leviticus) 3. Buch Moses (Leviticus), 13:4, abgerufen am 16. Juli 2020.
Die Idee der 40 Tage Isolation bezieht sich möglicherweise auf eine Aussage des antiken griechischen Arztes Hippokrates bzw. aus dem Corpus Hippocraticum, das (unter anderem) 40 Tage als Wendepunkt für eine Krankheit angibt.Lisa Hellman: Über die politische Dimension der Quarantäne – ein Blick zurück. Universität Bonn, abgerufen am 16. Juli 2020.Eugenia Tognotti: Lessons from the History of Quarantine, from Plague to Influenza A Universität Sassari, abgerufen am 16. Juli 2020Vgl. auch Hermann Grensemann: Der Arzt Polybos als Verfasser hippokratischer Schriften. Verlag der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz (In Kommission bei Franz Steiner Verlag, Wiesbaden), Mainz 1968 (= Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Abhandlungen der geistes- und sozialwissenschaftlichen Klasse. Jahrgang 1968, Nr. 2), S. 89 (aus De octimestri partu: „Bei den Frauen unterliegen die Empfängnis sowie die Fehlgeburten und die Geburten denselben Krisenperioden wie die Krankheiten und die Genesungen und der Tod bei allen Menschen. Denn diese alle haben ihre Krisenzeiten teils nach Tagen, teils nach Monaten, teils nach Vierzigtagen, teils nach einem Jahr“).
Mittelalter Bereits 1374 ist eine, allerdings nur zehn Tage dauernde, Quarantäne in der Stadt Reggio nell’Emilia durchgeführt worden.Gundolf Keil: Quarantäne. 2005, S. 1208.Vgl. auch Werner Bartens: Quarantäne. China hat gestern eine verhängt. Im Mittelalter dauerte sie stets 40 Tage. In: Süddeutsche Zeitung, 23./24. Januar 2020.
Zur Isolierung der von einer Seuche befallenen Menschen wurden früher häufig Seuchenhäuser errichtet.Ernst Mummenhoff: Zur Geschichte der Seuchenhäuser. Festschrift für die 65. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte. Nürnberg 1898.
Um ihre Stadt vor Pestepidemien zu schützen, beschloss im Juli 1377 die Regierung der Republik Ragusa, dass sich vor dem Betreten der Stadt alle ankommenden Reisenden und Kaufleute 30, später dann 40 (d. h. quaranta) Tage lang isoliert in eigens dafür errichteten Lazaretten aufhalten müssen, darunter in Lazareti bei Dubrovnik. Von dieser Regelung leitete sich der Begriff Quarantäne in der heutigen Bedeutung ab. 1383 wurde zum ersten Mal in Marseille die Quarantäne über ankommende Schiffe verhängt, um sich auch vor der Pest zu schützen, die damals in Europa wütete. Eine andere Quelle spricht davon, dass Beamte aus Venedig 1374 die Quarantäne einführten. Besatzung und Waren wurden zunächst auf der Insel Lazzaretto Nuovo isoliert und durften erst nach 30, später nach 40 Tagen an Land.Michael Scott (Althistoriker) in Minute 29 bis 32 von zdfinfo. ZDF Synchronfassung 2017. Das unsichtbare Venedig. Hinter den Fassaden. Ein Film von Harvey Lilley. Eine Produktion der BBC 2017. Deutsche Bearbeitung Docland.
Moderne Im 19. Jahrhundert, mit der starken Ausweitung des internationalen Seehandels, wurde die Quarantäne davon abhängig gemacht, ob das Schiff verdächtig erkrankte Personen an Bord hatte. Als quarantänepflichtig galten unter anderem Cholera, Fleckfieber, Gelbfieber, Pest oder Pocken oder wenn unterwegs bereits eine Person mit Verdacht auf eine Seuche verstorben war. Die Quarantäneflagge, der Buchstabe Q des internationalen Flaggenalphabets, gilt noch heute, allerdings mit umgekehrter Bedeutung: Wer die Flagge setzt, behauptet von sich: „An Bord alles gesund, erbitte freie Verkehrserlaubnis (um in den Hafen einlaufen zu können).“ Nur wer die Flagge Q zusammen mit dem sogenannten Hilfsstander setzt, bedeutet den Behörden, dass er eine Gesundheitsabfertigung für notwendig erachtet. Darüber hinaus kommt heute allerdings Seefunk zum Einsatz, wenn die Mannschaft besondere Maßnahmen für notwendig erachtet.
Quarantänemaßnahmen haben 1918 Australien vor einer allzu rasanten Ausbreitung der Spanischen Grippe geschützt.
Bei Pockenausbrüchen wurden in Deutschland noch in den 1960er Jahren drastische Isolierungsmaßnahmen ergriffen. Die betroffenen Personen wurden teilweise ohne ärztliche Versorgung in Schullandheimen isoliert und mussten sich selbst versorgen.
Bei der COVID-19-Pandemie, die vermutlich in der chinesischen Großstadt Wuhan ihren Anfang nahm, wurde die Stadt Ende Januar 2020 unter Quarantäne gestellt, sämtliche Flug- und Zugverbindungen wurden eingestellt und auch der Personennahverkehr stellte den Betrieb ein. Die Einwohner wurden angewiesen, die Stadt nicht zu verlassen. Diese Maßnahmen wurden in den darauffolgenden Tagen auf mehrere Städte ausgeweitet, sodass zum 25. Januar 2020 etwa 56 Millionen Menschen in 18 chinesischen Städten unter „Massenquarantäne“ (mass quarantine) standen. Quarantänemaßnahmen in diesem Umfang hatte es zuvor noch nie gegeben.
Ein Sonderfall einer Quarantäne ist eine Arbeitsquarantäne. Bei Anordnung einer Arbeitsquarantäne wird der Bereich, in dem sich Personen aufhalten dürfen, die sich in eine häusliche Quarantäne begeben müssen, auf bestimmte Bereiche ihrer Arbeitsstätte sowie auf den Weg dorthin und von dort zurück ausgedehnt.
Bekämpfung übertragbarer Krankheiten in Deutschland
Anordnung der Quarantäne durch das Gesundheitsamt In Deutschland sind gefahrenabwehrrechtliche Quarantänebestimmungen in Infektionsschutzgesetz (IfSG) geregelt. Die dortigen Bestimmungen besagen, dass zur Bekämpfung übertragbarer Erkrankungen die Gesundheitsämter besondere Absonderungsmaßnahmen in Krankenhäusern anordnen können und müssen. Geschieht dies gegen den Willen der Erkrankten, handelt es sich um eine Freiheitsentziehungssache, die einer richterlichen Anordnung auf Antrag des Gesundheitsamts bedarf ( Abs. 2 GG, § 30 Abs. 2 Satz 4 IfSG, , FamFG).
Nach dem Infektionsschutzgesetz sind nur die Lungenpest und von Mensch zu Mensch übertragbare hämorrhagische Fieber quarantänepflichtig. Die betroffenen Patienten werden auf Sonderisolierstationen behandelt. Nur die behandelnden Ärzte, Pflegekräfte sowie Seelsorger und Urkundspersonen haben Zutritt zum Erkrankten, anderen Personen kann ärztlicherseits der Zutritt erlaubt oder verwehrt werden ( Abs. 1 i. V. m. Abs. 4 IfSG).
Bei anderen Erkrankungen wie beispielsweise Cholera oder bei multiresistenten Keimen kommen weniger strenge Isolationsmaßnahmen zum Einsatz. KRINKO, 2016; abgerufen am 13. März 2019. Möglich ist auch eine Absonderung „in sonst geeigneter Weise“ von Kranken und Krankheitsverdächtigen in häuslicher Quarantäne oder einem sonstigen Gebäude.Corona, Quarantäne und das IfSG – Was darf der Staat? jura-online.de, 11. März 2020.Deutsche werden aus Wuhan ausgeflogen: China-Rückkehrer sollen in Kaserne in Rheinland-Pfalz kommen RP-online, 30. Januar 2020.Coronavirus: Deutsche China-Rückkehrer dürfen Quarantäne-Kaserne verlassen. Spiegel Online, 15. Februar 2020.
Sonderform: Häusliche Quarantäne Zur Bekämpfung der COVID-19-Pandemie in Deutschland konnte aufgrund IfSG die häusliche Quarantäne für Personen angeordnet werden, die Kontakt zu einem COVID-19-Erkrankten hatten und damit als ansteckungsverdächtig galten, ohne selber erkrankt zu sein. RKI, Stand: 10. März 2020; abgerufen am 16. März 2020. Die Dauer der Maßnahme wurde in der Regel vom zuständigen Gesundheitsamt angeordnet und beendet RKI, Stand 23. Oktober 2020; abgerufen am 24. November 2020 und durfte auch gegenüber Kindern getroffen werden.Anordnung häuslicher Quarantäne nach dem Infektionsschutzgesetz gegenüber Kindern. (PDF; 0,3 MB) Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages, Sachstand vom 20. August 2020. Personen, die in den letzten zehn Tagen vor ihrer Einreise in die Bundesrepublik Deutschland in einem zum Zeitpunkt der Einreise als Hochrisikogebiet oder Virusvariantengebiet eingestuften Gebiet aufgehalten hatten, mussten sich nach der Einreise auf eigene Kosten für einen Zeitraum von bis zu 14 Tagen in ihrer Haupt- oder Nebenwohnung in Absonderung begeben ( der Coronavirus-Einreiseverordnung). RKI, Stand: 4. Februar 2022.
Von häuslicher Quarantäne Betroffene durften ihr Zuhause nicht verlassen und keinen Besuch empfangen. Außerdem wurde ihnen empfohlen, ihren Gesundheitszustand zu beobachten und z. B. zweimal täglich ihre Körpertemperatur zu messen und über eventuelle Krankheitszeichen ein Tagebuch zu führen.
Während der COVID-19-Pandemie wurden die Regelungen, welche Kontaktpersonen sich in häusliche Quarantäne begeben mussten und wie lange die Quarantäne dauern sollte, mehrfach angepasst.
Sonderform: Häusliche Isolierung Für COVID-19-Erkrankte mit leichter Symptomatik wurde unter bestimmten Voraussetzungen eine häusliche Isolierung angeordnet. abgerufen am 24. November 2020