Der byzantinische Ritus (missverständlich auch griechischer Ritus genannt) ist die traditionelle Gottesdienstordnung der Großen Kirche Christi von Konstantinopel. Sie wird heute in allen byzantinisch-orthodoxen Kirchen sowie in vielen katholischen Ostkirchen befolgt. Die Bezeichnung umfasst die Gesamtheit des gottesdienstlichen Lebens dieser Kirchen, die Feiern der Sakramente, der Stunden, der Feste, der Kasualien usw.

Liturgiegeschichte Der byzantinische Ritus entstand und entwickelte sich im Byzantinischen Reich, näherhin in KonstantinopelStefano Parenti: The Cathedral Rite of Constantinople: Evolution of a Local Tradition. In: Orientalia Christiana Periodica 77 (2011) 449–469 (mit Lit.), und ist den ostkirchlichen Liturgien zuzurechnen. Sowohl die byzantinisch-orthodoxen Kirchen als auch die mit Rom unierten Kirchen des byzantinischen Ritus feiern ihre Gottesdienste in dieser Form, nicht jedoch die orientalisch-orthodoxen Kirchen und die ihnen entsprechenden katholischen Ostkirchen, die eigenen Gebräuchen folgen.

Ab dem 4. Jahrhundert in Byzanz, vor allem durch den Klerus der Konstantinopler Hagia Sophia, in feste, aber keineswegs starre Formen gebracht, fand der byzantinische (= konstantinopolitanische) Ritus im 9. und 10. Jahrhundert einerseits weite Verbreitung unter den slawischen Völkern (Bulgaren, Russen, Serben) sowie in der Georgischen Orthodoxen Kirche und andererseits auch bei den durch den Islam geschwächten orthodoxen Kirchen im Nahen Osten (Patriarchate von Alexandrien, Antiochien, Jerusalem und Kirche von Zypern). Von Anfang an wurden überwiegend die Landessprachen verwendet; erst später erstarrten archaisch gewordene Sprachstufen zu Liturgiesprachen (etwa das Kirchenslawische auf dem Balkan und in Russland). Liturgische Zusätze und Ausformungen kamen im Laufe der Zeit hinzu. Anderes ging verloren. Die gegenwärtige Form geht im Kern auf das 8. Jahrhundert zurück, wurde jedoch nach dem Ende des Bilderstreits neu gefasst, ebenso abermals nach dem Ende der Lateinerherrschaft über Konstantinopel. Die heutige Zelebration der Göttlichen Liturgie und der Stunden wird von monastisch geprägten Ordnungen geregelt, deren einflussreichste der spätere Ökumenische Patriarch Philotheos Kokkinos noch als Abt der Großen Laura um 1344/47 auf dem Athos ausgearbeitet haben soll.

Perioden der byzantinischen LiturgiegeschichteNach Robert Taft: The Byzantine Rite. A Short History. Collegeville 1992 Doch beachte die Präzisierungen bei Daniel Galadza: «Les grandes étapes de la liturgie byzantine» de Miguel Arranz, quarante ans après. In: 60 semaines liturgiques à Saint-Serge. Bilans et perspectives nouvelles, ed. A. Lossky – G. Sekulovski. Aschendorff, Münster 2016, 295–310.:

Die Zeit bis zur „Konstantinischen Wende“. Die Kaiserliche oder Patristische Periode bis zur lateinischen Besetzung Konstantinopels (1204–1261) (z. T. in Überschneidung mit den Perioden 3 und 4). Die „dunklen Jahrhunderte“, etwa 610 bis 850, d. h. bis zum Ende des Bilderstreits und zur „studitischen Reform“. Die von den Studiten-Mönchen geprägte Periode (9. bis 13. Jahrhundert), mit verstärktem Einfluss des palästinischen Mönchtums. Die „neo-sabaitische Synthese“ seit der Lateinerherrschaft (= der heutige Byzantinische Ritus).

Der endgültige Byzantinische Ritus wird gerne als eine Mischform von Konstantinopler Kathedralliturgie und Jerusalemer monastischen Riten beschrieben, die sich allmählich zu einer Synthese entwickelten. Doch unterscheidet sich der jeweilige Anteil von einheimischen und importierten Elementen erheblich nach Art der Feier und den verwendeten liturgischen Büchern. Die Messfeier („Göttliche Liturgie“) ist deutlich konstantinopolitanisch und bewahrt bis heute die Gewohnheiten der kirchlichen Hauptstadt.Juan Mateos: La célébration de la Parole dans la Liturgie byzantine (OCA 191). Pont. Inst. Stud. Or., Roma 1971, S. 34.

Für die Kirchen im Nahen Osten (Patriarchate von Alexandrien, Antiochien und Jerusalem) und die Kirche der Georgier wurden bei Übernahme des byzantinischen Ritus Übersetzungen der zugehörigen griechischen Liturgiebücher in das Syrische, Arabische und Georgische gefertigt, für das Christentum auf dem Balkan und in Russland in das Kirchenslawische und in der Moderne weltweit in zahlreiche andere Sprachen.

Die sehr feierliche, zeichen- und symbolreiche Form des Gottesdienstes im byzantinischen Ritus ist für den Betrachter gekennzeichnet durch die Verehrung der Ikonen, die Verwendung von Weihrauch, die Abtrennung (eigentlich Verbindung) des Altarraumes vom bzw. mit dem Kirchenschiff durch das Templon („Ikonostase“) und die festlichen Gewänder der Vorsteher (Zelebranten) und Ministranten. Die liturgischen Ordnungen setzen die Mitwirkung mindestens eines Diakons voraus, doch fehlt ein solcher heute mehr als selten. Seine Textanteile werden dann von einem konzelebrierenden oder dem allein amtierenden Priester übernommen.

Viele Kirchen des byzantinischen Ritus folgen noch heute dem julianischen Kalender, andere, so das Ökumenische Patriarchat und die Kirche von Griechenland, nur noch für den Ostertermin. Die Orthodoxe Kirche Finnlands hat den gregorianischen Kalender komplett übernommen.

Göttliche Liturgie (Eucharistiefeier)

Die heilige Messe („Göttliche Liturgie“) wird heute meist mit dem Formular der Chrysostomos-Liturgie gefeiert, an wenigen Tagen im Jahr, vor allem in der Großen Fastenzeit bis einschließlich der Ostermesse (faktisch gefeiert am frühen Karsamstag), mit der vormaligen Hauptliturgie, der Basilius-Anaphora. Beide Liturgien besitzen z. T. unterschiedliche Texte, aber dasselbe Messzeremoniell (Ordo missae). Tatsächlich handelt es sich bei beiden also um die eine Messliturgie nach der Tradition der Großen Kirche von Konstantinopel, jeweils z. T. mit Eigentexten.

Nur noch an den Wochentagen der Fastenzeit findet die Präsanktifikaten-Vesper („Liturgie der vorgeweihten Gaben“) Verwendung, die ein abendliches Stundengebet mit folgender Kommunionfeier ist (keine Missa Sicca!).

Eine weitere Form der Eucharistiefeier, die restaurierte Jakobus-Liturgie aus Jerusalemer Tradition, wird heute, vor allem im orthodoxen Griechenland, aber auch bei den Slawischen Ostkirchen, zunehmend häufig benutzt. Für ihre Feier wird meist ein Volksaltar vor der Ikonostase („Templon“) aufgestellt, und die Priester beten und agieren mit dem Gesicht zum Volk (versus populum).

Neben der ursprünglichen Liturgiesprache, Altgriechisch, werden je nach Land und Situation viele andere Sprachen (Altslawisch, Rumänisch, Arabisch, Englisch usw.) verwendet.

Der eigentlichen Feier geht eine längere, nicht öffentliche Vorbereitungsphase (Prothesis-Ritus in der Proskomidie) voraus, die der Zurüstung der eucharistischen Gaben dient. Die byzantinische Göttliche Liturgie (Eucharistiefeier im weiteren Sinne) besteht dann aus zwei Hauptteilen: 1. Die Liturgie der Katechumenen (Wortgottesdienst): Im Mittelpunkt stehen die Lesungen aus Apostelgeschichte und -briefen sowie das Evangelium. 2. Die Liturgie der Gläubigen (eucharistischer Gottesdienst im engeren Sinne): Höhepunkte sind hier das Hochgebet mit der Heiligung von Brot und Wein sowie die Austeilung der Kommunion.

Tagzeiten (Stundengebet) Der einheimische „Kathedralritus“ der Hagia Sophia zu Konstantinopel ist mit dem Exil des Patriarchats in Nikaia untergegangen. Die anfangs neben jenem und heute allgemein gepflegte Form verdankt sich den von byzantinischen Klöstern aufgegriffenen Gewohnheiten Jerusalems und Palaestinas.

Der Tageszyklus beginnt mit der Vesper (ursprünglich bei Sonnenuntergang). Die Hauptfeiern, Hesperinos (Vesper) am Abend und Orthros am Morgen, spielen in der ostkirchlichen Tradition auch in den Pfarrkirchen eine große Rolle und werden dort regelmäßig gefeiert – auch die Verschmelzung der beiden Stunden zur Vigil am Eingang des Sonntags und großer Feste des Kirchenjahres. Die anderen Stunden werden in der Regel nur in Klöstern begangen.

Bezeichnung der Stunde (griechisch)Entsprechung in der WestkircheTageszeit (historisch)Hesperinós () Vesper bei Sonnenuntergang Apódeipnon ()Komplet (wörtlich „nach dem Essen“) vor dem Zubettgehen Meditation über den letzten Schlaf, den Tod.Mesonyktikón () MitternachtOrthros () Matutin / Laudes zeitiger Morgen – Sonnenaufgang Prōtē Hōra () Erste Stunde (Prim) gegen 6 Uhr morgens Meditation über die Schöpfung. Wird gewöhnlich im Anschluss an den Orthros gefeiert.Tritē Hōra () Dritte Stunde (Terz) gegen 9 Uhr morgens Meditation über das Herabkommen des Heiligen Geistes an Pfingsten, das zu dieser Stunde geschah.Hektē Hōra () Sechste Stunde (Sext) mittags Meditation über die Kreuzigung Christi, die zu dieser Stunde geschah.Enatē Hōra () Neunte Stunde (None)gegen 3 Uhr nachmittags Meditation über den Tod Christi, der zu dieser Stunde eintrat.

Miguel Arranz: La Liturgie des Heures selon l'ancien Euchologe byzantin. In: Eulogia. Miscellanea liturgica in onore di P. Burkhard Neunheuser (Studia Anselmian 68). Roma 1979, 1–19. A. Lingas: Festal Cathedral Vespers in Late Byzantium. In: Orientalia Christiana Periodica 63 (1997) 421–459. A. Lingas: Sunday Matins in the Byzantine Cathedral Rite: Music and Liturgy. PhD diss., University of British Columbia, 1996. Gregor Maria Hanke, Vesper und Orthros des Kathedralritus der Hagia Sophia zu Konstantinopel : eine strukturanalytische und entwicklungsgeschichtliche Untersuchung unter besonderer Berücksichtigung der Psalmodie und der Formulare in den Euchologien (Jerusalemer Theologisches Forum 21,1-2), Aschendorff, Münster 2018, ISBN 978-3-402-11041-6 Stig S. R. Frøyshov: The Early History of the Hagiopolitan Daily Office in Constantinople. In: Dumbarton Oaks Papers 74 (2020) 351-382.

Sakramente (Mysterien) Taufe (Mysterium der Erleuchtung)

Myronsalbung (Mysterium der Versiegelung) Die Myronsalbung (Chrismation) folgt unmittelbar auf die Taufe. Sie entspricht der westkirchlichen Firmung, wird bei der Taufe von Kleinkindern jedoch nicht auf ein späteres Lebensalter verschoben.

Eucharistie (Mysterium des Heiligen und Kostbaren Leibes und Blutes des Herrn)

Buße (Mysterium der Sündenvergebung) Paulus Matzerath: Busse und heilige Ölung in der byzantinischen Kirche. Paderborn: Schöningh 1940. Heinrich Bernhard Kraienhorst: Buss- und Beichtordnungen des griechischen Euchologions und des slawischen Trebniks in ihrer Entwicklung zwischen Osten und Westen(Das östliche Christentum N.F., 51). Würzburg: Augustinus-Verlag 2003. ISBN 3-7613-0203-7.

Eheschließung (Mysterium der Krönung)