Thessaloniki ( , kurz auch Saloniki , Ladino Salonika oder , in südslawischen Sprachen Solun (); im biblischen Zusammenhang verwendeter deutscher Name Thessalonich) ist mit rund 326.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Griechenlands, Hauptstadt der Verwaltungsregion Zentralmakedonien und wirtschaftliches und kulturelles Zentrum der gesamten griechischen Region Makedonien. Zu Jahresanfang 2022 betrug die Einwohnerzahl des engeren Ballungsraums Thessaloniki unter Einschluss der unmittelbar angrenzenden Städte und Gemeinden die insgesamt eine Fläche von 243 km² haben, etwa 814.000 Menschen.
Die Stadt liegt an den nordwestlichen Ausläufern des 1201 Meter hohen Chortiatis und grenzt an den Thermaischen Golf. Sie ist eine bedeutende moderne Universitäts-, Messe-, Kultur-, Industrie- und Hafenstadt im Schnittpunkt wichtiger jahrtausendealter nordsüdlicher und westöstlicher Verkehrswege (Via Egnatia). Als Schutzpatron der Stadt gilt der Heilige Demetrios, dem auch eine große frühchristliche Basilika geweiht ist. Das Wahrzeichen Thessalonikis ist der vom osmanischen Architekten Sinan gebaute Lefkós Pýrgos ( „weißer Turm“).
Die frühchristlichen und byzantinischen Kirchen der bereits im Neuen Testament erwähnten Stadt (der 1. und 2. Brief des Paulus an die Thessalonicher sind an die Gemeinde in Saloniki gerichtet) wurden 1988 in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen. 1997 war Thessaloniki Europäische Kulturhauptstadt.
Geschichte Makedonische Zeit Thessaloniki wurde 315 v. Chr. vom makedonischen König Kassandros als Thessalonikē gegründet durch Zusammenlegung von 26 kleineren Orten an der Stelle von Therme am Thermaischen Golf, einer ursprünglich thrakischen Siedlung, und nach seiner Frau Thessalonikē, einer Halbschwester Alexanders des Großen, benannt. Der Name Thessalonikē erinnerte an die Eroberung Thessaliens durch Makedonien (Thessalonikē: „Sieg in Thessalien“, zu „Sieg“) unter Philipp II. (359 bis 336). 168 v. Chr. schafften die Römer das makedonische Königtum ab und machten Makedonien mit Thessaloniki 146 v. Chr. zu einer Provinz ihres Reiches.
Römische Zeit mini|Triumphbogen des Galerius (Kamara) mini|Bronzemünze aus Thessaloniki, für Julia Domna, Kabir in distylem Tempel Thessaloniki lag an der Via Egnatia, dem Hauptverkehrsweg zwischen Rom und Byzanz, und an der nach Norden führenden Balkanstraße. Sie wurde Hauptstadt der römischen Provinz Macedonia. 58 v. Chr. ging Cicero vorübergehend hierher in die Verbannung. Nach der Flucht aus Italien vor Caesar 49 v. Chr. verlegten die Konsuln ihr Quartier nach Thessaloniki. Etwa 200 Senatoren folgten ihrer Einladung. Sie erklärten den Versammlungsplatz zu römischem Staatsboden, so dass dort Senatssitzungen abgehalten werden konnten. Etwa 49 oder 50 n. Chr. hielt sich der Apostel Paulus auf seiner zweiten Missionsreise in Thessaloniki auf und gründete die zweite namentlich genannte Christengemeinde Europas nach Philippi. Wenige Jahre nach 260 wurden Angriffe der Goten von der Stadt abgewehrt.Christopher Mallan, Caillan Davenport: Dexippus and the Gothic Invasions: Interpreting the New Vienna Fragment (Codex Vindobonensis Hist. gr. 73, ff. 192v–193r). In: The Journal of Roman Studies. Band 105, November 2015, S. 203–226, , erweist, dass die Goten in den frühen 260er Jahren vor der Stadt erschienen.
Um 300 wurde Thessaloniki unter Kaiser Galerius zu einer der Kaiserresidenzen des Römischen Reichs und mit bedeutenden Bauwerken ausgestattet, unter anderem mit dem Kaiserpalast (Überreste am heutigen Navarino-Platz), der Pferderennbahn (Hippodrom) parallel zum Palast, dem Galeriusbogen (Siegesmonument des Kaisers Galerius neben der Via Egnatia, errichtet aus Anlass eines Sieges über die Sassaniden), der Rotunde (vielleicht ein Mausoleum oder ein Pantheon) und dem Forum sowie einer Agora (Pfeiler mit prachtvollen Relieffiguren von einer zweigeschossigen Halle ist heute im Louvre, Paris) mit einem Odeion. 322 ließ Kaiser Konstantin I. (der Große) an der südwestlichen Ecke Thessalonikis ein künstliches Hafenbecken anlegen. 325 wurde Licinius (Mitkaiser von 308 bis 324) in Thessaloniki hingerichtet. Dadurch wurde Konstantin endgültig Alleinherrscher (totius orbis imperator); am 11. Mai 330 wurde schließlich Byzantion christliche Reichshauptstadt (Zweites Rom) und wenig später in Konstantinopolis umbenannt. Die Zeit, in der Thessaloniki Kaiserresidenz gewesen war, gelangte damit an ihr Ende. 390 erlebte Thessaloniki einen Aufstand gegen Kaiser Theodosius I., den dieser beim sogenannten Massaker von Thessaloniki blutig niederschlagen ließ. Nach der Reichsteilung von 395 gehörte Thessaloniki zum östlichen Reichsteil unter Kaiser Arcadius und seinen Nachfolgern.
Byzantinische Zeit mini|Byzantinische Stadtmauer
In den ersten beiden Jahrhunderten der byzantinischen Zeit (560 bis 750) wurde Thessaloniki wiederholt von vordringenden Awaren, Slawen und Bulgaren erfolglos belagert, unter anderem 586, 610?, 615, 617, 682 und 684 (siehe auch Balkanfeldzüge des Maurikios). Während der slawischen Eroberung weiter Teile Griechenlands im Frühmittelalter leistete die Stadt erfolgreich Widerstand und blieb ein kaiserlicher Stützpunkt: Anfang des 9. Jahrhunderts entstand das byzantinische Archontat Thessaloniki. Im 9. Jahrhundert begann eine lange Friedenszeit, in der Thessaloniki Ausgangspunkt der orthodoxen Christianisierung der Slawen durch Kyrillos (826/827 in Thessaloniki geboren) und Methodios unter Schaffung eines slawischen, glagolitischen Alphabets wurde. Thessaloniki war im Byzantinischen Reich in seinen Glanzzeiten zweitwichtigste Stadt neben der Hauptstadt Konstantinopel, dem heutigen Istanbul.
Im Jahre 904 eroberten und zerstörten Sarazenen die Stadt nach nur dreitägiger Belagerung. 1185 wurde sie durch sizilianische Normannen erobert und verwüstet. Ab 1204 war Thessaloniki Hauptstadt eines kurzlebigen fränkischen Königreichs unter Bonifatius I., Markgraf von Montferrat, im Rahmen des 4. Kreuzzugs. Hagios Demetrios und die Hagia Sofia wurden vorübergehend zu katholischen Kirchen. Von 1224 bis 1242 residierten in Thessaloniki die Despoten von Epiros, 1227 ließ sich hier Fürst Theodoros I. Angelos (ein Vetter des Kaisers Alexios III.) zum Gegenkaiser krönen. In der Zwischenzeit wurde die Stadt dem Bulgarischen Reich des Zaren Iwan Assen II. einverleibt. 1246 wurde die Stadt wieder dem Byzantinischen Reich eingegliedert.
Für Thessaloniki, die zweite Stadt im Reich, begann eine glanzvolle Epoche, von der auch heute noch zahlreiche Kirchenbauten zeugen, die Hagioi Apostoloi,Christine Stephan: Ein byzantinisches Bildensemble: Die Mosaiken und Fresken der Apostelkirche zu Thessaloniki (= Manuskripte für Kunstwissenschaft in der Wernerschen Verlagsgesellschaft. Band 7). Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms 1986, ISBN 3-88462-906-9. die Hagia Ekaterini, das Vlatades-Kloster oder auch die große Mole, die den Hafen schützte und von der ein Teil bis heute erhalten ist. Venezianer und Genuesen bauten in dieser Zeit ihren Einfluss aus, Venedig erhielt sogar ein eigenes Stadtviertel. Thessaloniki fühlte sich als ein Zentrum der Wissenschaft: Thomas Magister (1270–1325), Demetrios Triklinios (1280–1340), der heilige Gregorios Palamas (1296–1359) oder Demetrios Kydones (1324–1397) wirkten hier. 1308 belagerte die Katalanische Kompanie Thessaloniki erfolglos, 1342 bis 1349 errichteten radikale Revolutionäre (die „Zeloten“) eine autonome Stadtrepublik. Von 1387 bis 1391 und ab 1394 beherrschten zwischenzeitlich Türken die Stadt. 1403 wurde Thessaloniki wieder byzantinisch und kam 1423 an Venedig. mini|hochkant|Freistehendes Minarett (renoviert) nach der Umwandlung der römischen Rotunde in eine Moschee im Jahr 1509
Osmanische Zeit Am 29. März 1430Ludwig von Thallóczy (Hrsg.): Illyrisch-albanische Forschungen. Band 1. München / Leipzig 1916, S. 332. wurde Thessaloniki nach fast zweimonatiger Belagerung durch Sultan Murad II. erobert und dem Osmanischen Reich einverleibt. Sein Nachfolger Mehmed II. ließ viele Juden unter mehr oder weniger großem Zwang nach Istanbul umsiedeln, um seine neue Hauptstadt zu vergrößern. Aus Thessaloniki wurde . Im Jahr 1515 erreichte der Buchdruck die Stadt. Ein Meister dieser Kunst war Gershon Soncino, der vom Soncino-Stammhaus in Italien nach Thessaloniki gekommen war und in hebräischen Lettern druckte. 1520 eröffnete die erste Talmud Tora. Im 17. Jahrhundert war Thessaloniki das wichtigste Handelszentrum des Balkans. 1821/1822 schlugen osmanische Truppen den aufflammenden griechischen Befreiungskampf nieder, der im Süden Griechenlands erfolgreich war und das Königreich Griechenland entstehen ließ. Ab 1836 gab es offiziell einen Oberrabbiner im Rang eines Hahambachi. 1857 gründete Darblay aus Corbeil-Essonnes mit den Modiano und Allatini die Dampfmühle Darblay jeune, Allatini et Cie.
Ende des 19. Jahrhunderts nahm Thessaloniki einen enormen Aufschwung:Für die Phase zwischen 1830 und 1912 vgl. Meropi Anastassiadou: Salonique, 1830–1912. Une ville ottomane à l’âge des Réformes. Brill, Leiden / New York / Köln 1997. Während 1865 die Stadt etwa 50.000 Einwohner hatte, waren es 1880 schon 90.000 und 1895 etwa 120.000. 1869 wurden unter dem Bürgermeister Suleyman Sadi die südlichen Teile der byzantinischen Stadtmauer niedergerissen, um Platz zu schaffen, und am 4. Juni 1870 wurde der neue Hafen eingeweiht. Die Stadtbewohner erhielten so einen offenen Blick auf das Meer.
Am 6. Mai 1876 töteten verärgerte Muslime bei einem Tumult den preußischen Vizekonsul Henry Abbott und den französischen Konsul Jules Moulin, was zu einer sofortigen militärischen Intervention der betroffenen Mächte führte.
1871 wurde die Eisenbahn nach Skopje gebaut und 1888 über Belgrad an das europäische Bahnnetz angeschlossen sowie 1896 nach Osten bis Dedeağaç, dem heutigen Alexandroupoli, fortgeführt. 1873 begann die Alliance Israélite Universelle mit ihrem allgemeinbildenden und berufsbildenden Unterricht in französischer Sprache. Vorsitzender war Moïse Allatini. Seit 1874 erschien die judenspanische Zeitschrift La Epoca von Bazalel Saadi, die 36 Jahre bestand. Seit 1879/1880 produzierten die Spinnereien der Familien Saïas, Torres und Misrahi. Saïas (Z. Sides & Cie.) beschäftigte vor dem Erdbeben von 1902 rund 470 Arbeiter, meist jüdische Mädchen im Alter von 14 bis 18 Jahren.
1885 nahm die sabbatianistische Schule Feyziye von Anhängern des Schabbtai Zvi den Lehrbetrieb auf. Sie folgte auf die seit 1877 bestehende Terakki-Schule. Joseph Nehama schätzt, dass die drei sabbatianistischen Sekten der Dönme bis 1908 einen Anteil von 11 % an der Stadtbevölkerung erreichten. 1883 begann die Familie Allantini auch mit der Herstellung von Ziegeln und nahm eine gleichnamige Brennerei in Betrieb. 1887 eröffnete das osmanische Gymnasium Idadiye. Die Stadt wurde am 4. und 5. September 1890 durch ein umfangreiches Feuer schwer beschädigt, das 20.000 Menschen, meist Juden, obdachlos machte. Unter anderem brannten das europäische Viertel mit dem britischen und dem griechischen Konsulat, das griechische Krankenhaus, die Sophienkirche, die byzantinische Kirche mit dem Regierungsarchiv, die Metropolitenkirche und sieben Synagogen nieder. mini|Stadtansicht um 1898, Aufnahme von William Miller (1864–1945)