mini|hochkant=1.4|Physische Karte von Preußisch Litauen im Jahr 1905
Preußisch-Litauen (im 20. Jahrhundert vereinzelt auch Deutsch-Litauen, litauisch Mažoji Lietuva oder Prūsų Lietuva) war eine im 17. Jahrhundert aufgekommene Bezeichnung für mehrere Ämter im nördlichen und nordöstlichen Ostpreußen mit einem starken litauischen Bevölkerungsanteil. Um 1732 fand die Bezeichnung, auch als „Klein-Litau“, „Preußisch Litthauen“, „Lithuania“, Eingang in die preußische Kartographie.Andreas Kossert: Ostpreußen: Geschichte und Mythos. Siedler, München 2005, ISBN 3-88680-808-4, S. 95. Das Gebiet bewohnten neben den eingesessenen Prußen, Schalauern (nach jüngeren Forschern von den Prußen unterschiedlich) und Kuren infolge einer Besiedlung der Großen Wildnis durch den Deutschen Orden ab dem letzten Viertel des 15. Jahrhunderts mehrheitlich Litauer sowie Deutsche, Polen (Masuren) und aus Kurland im heutigen Lettland eingewanderte Neukuren, die oft ebenfalls „Kuren“ genannt wurden, aber eine andere Sprache verwendeten (manchmal Preußische Letten genannt). Die litauische Prägung des Gebiets endete mit den Verheerungen durch die Pestepidemie von 1709/10 und dem durch den preußischen König eingeleiteten Retablissement, einem Wiederaufbau des Landes einschließlich der Neubesiedlung mit deutschsprachigen Siedlern. Ostpreußen wurde im 18. Jahrhundert vom preußischen Hof offiziell in das Ost-Preußische und Litauische Kammer-Departement eingeteilt.Johann Friedrich Goldbeck: Volständige Topographie des Königreichs Preussen. Erster Theil welcher die Topographie von Ost-Preussen enthält. Königsberg und Leipzig 1785. Erster Buchsektor, S. 3 unten (Google Books). Den detaillierten damaligen Gebietsstand des Litauischen Kammer-Departments, das auch als „Preußisch-Litauen“ bezeichnet wurdet, erfasste 1785 Johann Friedrich Goldbeck im ersten Teil seines vom Hof in Auftrag gegebenen zweiteiligen Werks Volständige Topographie des Königreichs Preussen.Johann Friedrich Goldbeck, 1785, ebenda, S. 29–44, Ziffer II (Google Books), und tabellarischer Anhang Volständige Topographie vom Ost-Preußischen Cammer-Departement, S. 1–197 (Google Books). Das Gebiet gehörte, bis auf das Memelland zwischen 1923 und 1939, nie zum Staat Litauen. Abgesehen von weitergehenden nationalistischen Ansprüchen aus der Vergangenheit wird heute bisweilen das Memelgebiet mit angrenzenden Gebieten „Kleinlitauen“ genannt.
Historische und kulturelle Bedeutung mini|Taufe eines preußisch-litauischen Kindes (1744)
Von der protestantischen Kirche und dem preußischen Staat gefördert, entwickelte sich das preußische Litauertum unabhängig vom katholischen und stark polonisierten Großfürstentum Litauen.
Auf ostpreußischem Boden entstanden die litauische Schriftsprache, das erste litauische Buch, die erste litauische Bibel, die erste litauische Grammatik, das erste Wörterbuch der späteren litauischen Standardsprache, das erste litauische Universitätsseminar, die erste litauische Zeitung, die erste wissenschaftliche Gesellschaft zum Studium des Litauischen und mit Donelaitis’ Metai (Jahreszeiten) die erste litauische Kunstdichtung.
Die meist zweisprachigen preußischen Litauer bezeichneten sich selbst als Lietuwininkai (Litauer), während sich die Litauer in Groß-Litauen Lietuviai nannten bzw. nennen. Sie siedelten vor allem in den ehemaligen Wildnisgebieten Ostpreußens und stellten dort bis zur Pestepidemie von 1709/10 mehrheitlich die Landbevölkerung, während die Deutschen vorwiegend in den Städten lebten.
Das nördliche Ostpreußen wurde im deutschen Sprachgebrauch bis Ende des 19. Jahrhunderts – als im benachbarten, damals russischen Litauen eine nationale Wiederbesinnung begann – auch als Litthauen/Littauen/Lithauen/Litauen bezeichnet (wie z. B. in Wilhelm von Humboldts Litauischem Schulplan von 1809). Seine Bewohner nannte man Litauer, auch wenn sie Deutsche waren. Noch 1898 erschien in Stuttgart eine Studie über das nördliche Ostpreußen mit dem Titel Litauen. Eine Landes- und Volkskunde.Albert Zweck: Litauen. Eine Landes- und Volkskunde. (Digitalisat bei archive.org).
Aus Preußisch-Litauen stammen die vermutlich aus Kurland eingewanderten kurischen väterlichen Vorfahren des Philosophen Immanuel Kant und der Dichterpfarrer Christian Donalitius (litauisch Kristijonas Donelaitis), der im heutigen Litauen als Nationaldichter gilt. In dem seit 1990 von der Sowjetunion unabhängig gewordenen Staat versucht man an das preußisch-litauische Erbe anzuknüpfen.
Seit 2006 ist dort der 16. Oktober staatlicher Tag des Gedenkens an den Genozid an der Bevölkerung Kleinlitauens, in Erinnerung an die Opfer der letzten Kriegsphase, an die Vertreibung nach Westen und an die Deportationen nach Osten bis 1949.X-1286 Lietuvos Respublikos atmintinų dienų įstatymo 1 straipsnio papildymo ir pakeitimo įstatymas.
Politische Geschichte mini|alternativtext=Kleinlitauen und Masuren innerhalb Ostpreußens|Kleinlitauen innerhalb Ostpreußens
Seit dem 13. Jahrhundert stand das Gebiet unter der Herrschaft des Deutschen Ordens. Im Frieden vom Melnosee musste er 1422 östlich angrenzende Teile Sudauens an Polen-Litauen abtreten und weiteren Expansionsversuchen entsagen. Diese Grenze sollte bis 1919 (Abtrennung des Memellandes im Vertrag von Versailles) bzw. 1945 Bestand haben, so lange wie wenige andere Grenzen in Europa. 1525 wurde der Ordensstaat durch Säkularisation zum Herzogtum Preußen, 1701 zum Königreich Preußen, der späteren Provinz Ostpreußen innerhalb des Staates Preußen. Sein Territorium ging 1871 im Deutschen Reich auf. Während für die Region die alten Landschaftsnamen der prußischen Gaue „Nadrauen“ und „Schalauen“ weitergeführt wurden, bürgerte sich auf Grund des starken litauischen Bevölkerungsanteils für die Verwaltungsbezirke auch die Bezeichnung „Litthauische Ämter“ ein.Amtsgrenzen und Orte von Preussisch-Litauen um 1736. (ahnen-gesucht.de). Diese wurden zusammen mit Masuren von 1736 bis 1807 in der „Litthauischen Kriegs- und Domänenkammer“ (auch „Provinz Litauen“ genannt, ab 1808 Regierungsbezirk Gumbinnen) unter einer „Königlichen Litthauischen Regierung“ zusammengefasst. Bei der neuen Kreisbildung im Jahr 1818 umfasste das Gebiet mit litauischsprachiger Bevölkerung die 10 Kreise Memel, Heydekrug, Niederung, Tilsit, Ragnit, Pillkallen, Insterburg, Gumbinnen, Stallupönen und Darkehmen.
Von Ostpreußen gingen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entscheidende Impulse für die nationale Wiedergeburt im russischen Litauen aus. Ein politischer Wille, mit Großlitauern in einem eigenen Staat zusammenzuleben, bildete sich jedoch nicht heraus, denn die „Kleinlitauer“ empfanden sich als Untertanen und Angehörige des preußischen Staates bzw. als Ostpreußen. Dies kam vor allem in den Wahlergebnissen des von Litauen 1923 annektierten Memellandes zum Ausdruck, bei denen pro-deutsche Parteien immer zwischen 80 und 90 Prozent der Stimmen erhielten.
Der durch bäuerliche Lebensweise geprägten Volksgruppe gelang es nicht, eine eigene Intelligenzschicht heranzubilden. Bildung und gesellschaftlicher Aufstieg wurden erst durch Assimilierung an das deutsche Umfeld möglich. Durch weitere Zuwanderung (u. a. aus Salzburg und der französischsprachigen Schweiz) entstand eine multi-ethnische Bevölkerung, die schließlich im Deutschtum aufging. Lediglich nördlich der Memel hielt sich die litauische Sprache länger.
1945 wurde das Gebiet südlich der Memel zur Oblast Kaliningrad und die gesamte Bevölkerung wurde, soweit nicht vorher geflohen, durch die Rote Armee vertrieben, verschleppt oder ermordet. Das Gebiet nördlich der Memel wurde der Litauischen Sowjetrepublik angegliedert. Hier fand keine allgemeine Vertreibung der preußischen Litauer statt. In der Heimat gebliebene und zurückkehrende „Memelländer“ – Kossert schätzt ihre Zahl auf 15.000 bis 20.000 Personen – konnten 1947 durch Annahme der sowjetischen Staatsbürgerschaft im Heimatland verbleiben. Nach dem Abschluss des deutsch-sowjetischen Vertrags vom 8. Juni 1958 siedelten bis 1960 ca. 6000 Memelländer in die Bundesrepublik über. Etwa ebenso viele preußische Litauer sind letztlich in Litauen geblieben.
Für ihr Leben steht das Schicksal des Landwirts Jan Birschkus, der eine der größten litauischen Büchersammlungen aufgebaut hatte.
Vor allem am 1992 gegründeten „Forschungszentrum für die Geschichte Westlitauens und Preußens“ bzw. seinem Nachfolger, dem seit 2003 an der Universität Klaipėda (Memel) bestehenden „Institut für Geschichte und Archäologie der Ostseeregion“, beschäftigt man sich heute mit der preußisch-litauischen Geschichte. In Deutschland wird dieses Kulturerbe nicht gepflegt.
Siedlungsgeschichte Um 1400 war das durch Kreuzzüge (Preußenfahrten und Litauerkriege des Deutschen Ordens) verheerte Gebiet des späteren preußischen Litauen Wildnis und bis auf Siedlungsreste der autochthonen Bevölkerung, prußischen Schalauern und Nadrauern in der Nähe der Ordensburgen sowie Alt-Kuren (am Kurischen Haff und bei Memel), unbewohnt. Nach der Niederlage des Deutschen Ordens in der Schlacht bei Tannenberg (1410) und der Festlegung einer Grenze zu Polen-Litauen (1422) begann die Neubesiedlung des Wildnisgebiets. Zunächst ließen sich dort vereinzelt Prußen (auch Pruzzen oder Altpreußen genannt) und Deutsche nieder, an der Ostseeküste siedelten aus Lettland zugewanderte Fischer, die späteren „Nehrungskuren“. Bezzenberger nennt sie „preußische Letten“, weil ihr Nehrungskurisch auf einem lettischen Dialekt beruht. Im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts, nach dem 2. Thorner Frieden (1466), begann die Einwanderung von Litauern, vor allem aus Schamaiten, bzw. die anzunehmende Rückwanderung nach Litauen geflohener Prußen. In den erhaltenen Archiven des Ordens sind bis zum Jahr 1540 1050 neue Landverleihungen belegt, davon nur eine an einen Deutschen. Die Haupteinwanderung der Litauer nach Preußen gilt um 1550 als abgeschlossen. Der Siedlungsgeograph Mortensen sieht in ihr eine allerletzte Phase der Völkerwanderung. Nicht Glaubensgründe waren für ihre Ansiedlung im protestantischen Preußen ausschlaggebend, sondern neben besseren wirtschaftlichen Bedingungen die zunehmende Verbreitung der Leibeigenschaft in ihrer alten Heimat. Teilweise betrieb der Orden auch eine gezielte Anwerbung von Neusiedlern und verhinderte die Rückführung nach Preußen geflohener Bauern zu ihren adligen Herren. Die litauischen Siedler werden in der Mitte des 16. Jahrhunderts auf etwa 20.000 bis 30.000 Menschen geschätzt. Ihre Namen sind in den Türkensteuerlisten fast vollständig erhalten. Die weitere Erschließung der Großen Wildnis geschah nun hauptsächlich durch Binnenwanderung und erstreckte sich bis ins erste Viertel des 17. Jahrhunderts.
Während des zweiten schwedisch-polnischen Krieges 1656/57 fielen tatarische Hilfstruppen des polnischen Königs in das Land ein. Dabei wurden 11.000 Menschen hingemordet und 34.000 in die Sklaverei verschleppt. 13 Städte und 249 Dörfer wurden zerstört. Die folgende Hungersnot und Seuchen kosteten weiteren 80.000 Menschen das Leben.
Während der Pestepidemie von 1709/10 starben ca. 160.000 – vorwiegend Litauer – der ungefähr 300.000 Bewohner der so genannten „Litauischen Provinz“, das Memelgebiet war von der Epidemie weniger betroffen. Im Laufe des von König Friedrich Wilhelm I. durchgeführten „Retablissement“ übernahmen etwa 23.000 angeworbene Neusiedler (Salzburger Exulanten,Charlotte Haver: Das Experiment des Königs. Europäische Migration und die Peuplierung Preußens am Beispiel der Salzburger Emigranten. In: Mathias Beer, Dittmar Dahlmann (Hrsg.): Über die trockene Grenze und über das offene Meer. Binneneuropäische und transatlantische Migrationen im 18. und 19. Jahrhundert. Klartext Verlag, Essen 2004, ISBN 3-89861-365-8, S. 67–89 (geht vor allem auf Preußisch-Litauen ein). deutsch- und französischsprachige Schweizer, Nassauer und Pfälzer) die wüst gewordenen Höfe, vorwiegend im Hauptamt Insterburg. Das Zusammenleben dieser unterschiedlichen ethnischen Gruppen verlief spannungsfrei.