mini|Deutsche Lebensmittelkarte für Urlauber, während des Zweiten Weltkrieges mini|Schweizer Lebensmittelkarten zur Zeit der Rationierung vom 9. Oktober 1940 bis 24. Juni 1948Bernard Degen: Lebensmittelrationierung in der Schweiz Im Blog des Schweizerischen Nationalmuseums vom 14. Januar 2022 mini|Rationierung in der Schweiz im Ersten Weltkrieg vom März 1917 bis April 1920Denkmal in Wipkingen Rationierung (oder Bewirtschaftung) ist in der Wirtschaft ein staatlicher Markteingriff, der bei einem knappen Güterangebot zur limitierten Zuteilung von Teilmengen der Güter an Güternachfrager führt. Rationierung ist das Nomen Agentis von Ration (mit dem Syntagma „eiserne Ration“), letztere ist gleichbedeutend mit einer begrenzten Menge (, „Berechnung“).Ursula Hermann, Knaurs etymologisches Lexikon, 1983, S. 408; ISBN 3426260743 Das Wort kam nach 1870 auf unter dem Einfluss von „auf Rationen setzen“ () und verbreitete sich als Kriegsausdruck auf alle in Notlagen knappe Lebensmittel, Rohstoffe und Verbrauchsgüter.Otto Basler, Deutsches Fremdwörterbuch, Band 3, 1977, S. 170
Es handelt sich um die Zuteilung den Verbrauch beschränkender Teilmengen bestimmter Güter, insbesondere während der Mangelwirtschaft in einer Krise (etwa in Kriegen die Kriegswirtschaft, Wirtschaftskrisen, Hungersnöten, Katastrophen, Epidemien usw.). Rationierung kann aufgrund eines tatsächlichen Mangels an bestimmten Produkten erfolgen oder aber präventiv, wenn etwa in Zeiten politischer Spannungen Hamsterkäufe durch eine beunruhigte Bevölkerung zu befürchten sind. Rationierungen gibt es auch im Zusammenhang mit staatlicher Preispolitik durch Kontingentierungen oder der Ausgabe von Lebensmittelmarken.Volker Häfner, Gabler Volkswirtschafts-Lexikon, 1983, S. 83 Bei dieser Marktstörung liegt entweder eine Angebotslücke oder ein Nachfrageüberhang vor. Beide Ausprägungen stellen ein Marktungleichgewicht dar. Rationierung wird meist von einer Autorität angeordnet: dies kann ein Staat, ein Stammeshäuptling oder auch ein Familienoberhaupt sein.
Arten Unterschieden wird allgemein zwischen Preis- und Mengenrationierung:Georg Marckmann, Zwischen Skylla und Charybdis: Reformoptionen im Gesundheitswesen aus ethischer Perspektive, in: Gesundheitsökonomie und Qualitätsmanagement 12, 2007, S. 99 Preisrationierung: Die knappen Güter werden mit einem Preis versehen, bei dem die Zahlungsbereitschaft oder Zahlungsfähigkeit nicht bei allen Güternachfragern vorhanden ist. Einige Nachfrager ziehen sich freiwillig vom Markt zurück, weil sie nicht mehr bereit oder in der Lage sind, den geforderten Preis zu bezahlen; ein Nachfrageüberhang ist dann nicht (mehr) vorhanden.Eva Terberger, Der Kreditvertrag als Instrument zur Lösung von Anreizproblemen, 1987, S. 59 Die Güter werden wie bei der Auktion an die meistbietenden Nachfrager verteilt. Beispielsweise wirkt die Hochpreisstrategie bei Luxusgütern mit künstlicher Knappheit wie eine Preisrationierung. Mengenrationierung: Die Verteilung erfolgt anhand nicht-monetärer Kriterien wie insbesondere Alter, Bedürftigkeit, Recht des Stärkeren oder Zufall. Beim Alter beispielsweise werden im Rahmen der Mengenrationierung bestimmte Altersgruppen (etwa die über 60 Jahre alten Personen bei der Corona-Impfung) bevorzugt, andere werden nicht oder später berücksichtigt. Unter dem Allgemeinbegriff Rationierung wird im Regelfall die Mengenrationierung verstanden. Während bei der Preisrationierung nur eines der beiden Kriterien gilt, kann eine Mengenrationierung auch aus einer Kombination mehrerer Kriterien bestehen.
Märkte Gütermarkt Auf funktionierenden Gütermärkten kommt das Marktgleichgewicht beim Gleichgewichtspreis zustande, bei dem sich Güterangebot und Güternachfrage ausgleichen. Dieser Gleichgewichtspreis liegt grafisch im Marktdiagramm am Schnittpunkt der Angebots- und Nachfragekurve, wo sich eine Markträumung ergibt, weil angebotene und nachgefragte Mengen übereinstimmen; diese Menge ist die Gleichgewichtsmenge.Horst Siebert/Oliver Lorz, Einführung in die Volkswirtschaftslehre, 2007, S. 52 f.
Finden auf einem Gütermarkt aber Transaktionen nicht zum Gleichgewichtspreis statt, so unterliegen die Marktteilnehmer sowohl einer Budgetrestriktion (Preisrationierung) als auch einer Mengenrestriktion (Mengenrationierung).Ulrich Meyer, Neue Makroökonomik: Ungleichgewichtsanalyse mit Hilfe der Methode des temporären Gleichgewichts, 1983, S. 2 Sie werden ihr Güterangebot und ihre Güternachfrage nicht nur an Preissignalen () ausrichten, sondern auch den weiteren Restriktionen Rechnung tragen ().
Kommt es zur Angebotslücke (etwa wegen länger dauernden Engpässen im Produktionsprozess) oder Nachfrageüberhang (etwa wegen Hamsterkäufen) insbesondere bei Lebensmitteln und Getränken, bilden sich Warteschlangen oder es kommen nur noch die schnell handelnden Nachfrager zum Zuge (First In – First Out). Es kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass die Nachfrager zum Zwecke der Hortung mehr kaufen als ihrem eigentlichen Bedarf entspricht. Dieses Herdenverhalten verhindert eine gleichmäßige und gerechte Verteilung der lebensnotwendigen Güter, es kommt zu Regallücken.
Arbeitsmarkt Das Ungleichgewicht auf dem Gütermarkt überträgt sich als Spill-over-Effekt auch auf andere Märkte wie beispielsweise den Arbeitsmarkt.Volker Häfner, Gabler Volkswirtschafts Lexikon, 1983, S. 396 Die Privathaushalte sehen eine Rationierung als Beschränkung ihrer Güternachfrage an und bieten daher nur ein geringeres Arbeitsangebot an, was wiederum Unternehmen als Beschränkung ihrer Arbeitsnachfrage einstufen und ihr Güterangebot weiter drosseln.Ulrich Meyer, Neue Makroökonomik: Ungleichgewichtsanalyse mit Hilfe der Methode des temporären Gleichgewichts, 1983, S. 136 Umgekehrt gilt das Walras-Gesetz: Befindet sich ein Markt im Marktgleichgewicht (beispielsweise der Gütermarkt), muss dies auch für einen anderen Markt zutreffen (etwa den Arbeitsmarkt).Thorsten Hens/Paolo Pamini, Grundzüge der analytischen Mikroökonomie, 2008, S. 68; ISBN 9783540281573
Finanzmärkte Devisenmarkt Auf dem Devisenmarkt kann es zur Rationierung durch Einschränkung der Konvertibilität einer Währung oder zur Einführung von Devisenverkehrsbeschränkungen kommen. Entsprechend stellt die De-Rationierung den schrittweisen Aufbau der Konvertibilität und den Abbau von Devisenverkehrsbeschränkungen dar.Thomas Plümper, Lexikon der internationalen Wirtschaftsbeziehungen, 1996, S. 51 Die Reichsbank schränkte im Februar 1934 mangels ausreichender Währungsreserven ihren Devisenverkauf im Rahmen einer „Devisen-Repartierung“ so ein, dass er nicht höher war als ihre Deviseneingänge desselben Tages.Chronik der Wirtschaft, in: Die Bank vom 4. Juli 1934, Band 27/Ausgabe 2, S. 962 f.
Geldmarkt Auf Geld- und Kapitalmärkten wird anstelle von Rationierung meist der Begriff Repartierung verwendet. Im Rahmen der Offenmarktpolitik kann es auf dem Geldmarkt beim Zinstender zu einer Repartierung kommen, wenn die Nachfragemenge zum unteren Grenzzinssatz die Angebotsmenge überschreitet. Beim Mengentender erfolgt eine Repartierung zum Einheitszinssatz, falls die Summe der Gebote die Angebotsmenge überschreitet.Dieter Duwendag/Karl-Heinz Ketterer/Wim Kösters/Rüdiger Pohl/Diethard B. Simmert, Geldtheorie und Geldpolitik in Europa, 19991, S. 404
Kapitalmarkt Auf dem Kapitalmarkt kann es im Wertpapierhandel über Wertpapierbörsen im Parketthandel zur Repartierung von Aktien oder (seltener) Anleihen kommen. Es handelt sich um die nur teilweise Ausführung von Aufträgen zum Kauf oder Verkauf von Effekten nach einem bestimmten Verteilungsschlüssel aufgrund eines bestehenden Nachfrage- bzw. Angebotsüberhangs.Günter Wierichs/Stefan Smets, Gabler Kompakt-Lexikon Bank und Börse, 2001, S. 190 Im Börsenjargon ist dies eine „beschränkte Abnahme“, bei der die zum Börsenkurs und niedriger limitierten sowie unlimitierten Verkaufsaufträge nur beschränkt ausgeführt werden können (Kurszusatz: ratB)Wolfgang Gerke, Gerke Börsen Lexikon, 2002, S. 105 oder umgekehrt bei Kaufaufträgen als „beschränkte Zuteilung“ (ratG).Wolfgang Gerke, Gerke Börsen Lexikon, 2002, S. 106 Die Rationierung ist auch bei Wertpapieremissionen erforderlich, wenn aufgrund einer Überzeichnung nicht alle Aufträge der Anleger in vollem Umfang berücksichtigt werden können.Günter Wierichs/Stefan Smets, Gabler Kompakt-Lexikon Bank und Börse, 2001, S. 190
Kreditmarkt Die Mengenrationierung stellt ein spezifisches Merkmal des Kreditmarktes dar.Hellmuth Milde, Informationskosten, Anpassungskosten und die Theorie des Kreditmarktes, in: Kredit und Kapital 7, 1974, S. 489 f. Sie wird erforderlich, weil ein Nachfrageüberhang der Kreditnachfrage nicht mit einer Erhöhung des Kreditzinses beantwortet werden kann. Dieser Marktmechanismus würde jene Kreditnachfrager aus dem Markt treiben, bei denen ein niedriges Ausfallrisiko oder Insolvenzrisiko vorhanden ist, während diejenigen Kreditnachfrager mit schwacher Bonität und hohem Insolvenzrisiko auch hohe Kreditzinsen zu zahlen bereit sind. Deshalb reagieren Kreditinstitute auf einen Nachfrageüberhang nicht mit höheren Kreditzinsen.Hellmuth Milde, Informationskosten, Anpassungskosten und die Theorie des Kreditmarktes, in: Kredit und Kapital 7, 1974, S. 266 f. Aus diesem Grund ist auf dem Kreditmarkt die Mengenrationierung (Kreditrationierung) der Preisrationierung überlegen.
Gesundheitswesen Rationierung im Gesundheitswesen ist eine nachgelagerte Entscheidung der Priorisierung medizinischer Leistungen. Durch das Priorisieren entsteht eine Rangfolge, anhand derer nützliche medizinische Leistungen erkannt und weniger sinnvolle Leistungen rationiert werden können.Heiner Raspe, Prioritizing and Rationing, in: Friedrich Breyer/Felix Thiele/Hartmut Kliemt, Rationing in Medicine: Ethical, Legal and Practical Aspects, Berlin, 2001, S. 31–38; ISBN 3540427821 Als Gründe für Rationierung im Gesundheitswesen werden häufig finanzielle Restriktionen, oder auch beschränkte Ressourcen genannt.
Im Rahmen der Diskussion um die Rationierung von medizinischen Leistungen werden verschiedene Arten der Rationierung dargestellt: Primär/Sekundär: Aufgrund finanzieller Knappheit ist der Staat gezwungen, einen angemessenen Anteil an den Gesamtausgaben für das Gesundheitswesen festzulegen. Somit entsteht eine beabsichtigt akzeptierte Knappheit an medizinischen Leistungen, da das zur Verfügung stehende Budget begrenzt ist. Diese Entscheidung – getroffen von Staat und Gesundheitswesen – wird als primäre Rationierung bezeichnetChristian Erk, Rationierung im Gesundheitswesen, 2015, S. 325 ff. und beinhaltet die Festlegung der zur Verfügung stehenden Menge. Teilweise wird hierbei auch von indirekter Rationierung gesprochen, da keine personen-, sondern eine ressourcenbezogene Rationierung gemeint ist. Die sekundäre Rationierung erfolgt dann innerhalb des Gesundheitssystems. Hierbei geht es um die Finanzzuteilung auf bestimmte medizinische Bereiche sowie auf die Mittelzuteilung an die Patienten selbst. In diesem Kontext wird auch häufig von der direkten Form der Rationierung gesprochen; der Arzt entscheidet im Einzelfall vor Ort, ob der jeweilige Patient eine bestimmte Leistung erhält. Stark/Schwach:Christian Erk, Rationierung im Gesundheitswesen, 2015, S. 331 f. Eine weitere Differenzierung bildet das Wortpaar stark und schwach. Bei der starken Rationierung ist ein Zukauf von medizinischen Leistungen nicht möglich. Es wird gesetzlich verboten, zusätzliche Leistungen in Eigenverantwortung und mit eigenen finanziellen Mitteln erwerben. Im Gegensatz dazu gibt es bei der schwachen Rationierung einen legalen Markt zur Beschaffung von medizinischen Gütern, die nicht von staatlicher Seite finanziert werden. In Deutschland ermöglicht dies die private Zusatzversicherung, bzw. die Eigenfinanzierung von medizinischen Leistungen. Kritiker bemängeln bei der schwachen Rationierung, dass nicht vermögende Gesellschaftsmitglieder benachteiligt werden.