mini|hochkant=1.0|Der Maler und Erfinder Louis Daguerre im Jahr 1844, seitenverkehrte Abbildung, Daguerreotypie von Jean-Baptiste Sabatier-Blot (1801–1881)
Die Daguerreotypie war das erste kommerziell nutzbare Fotografie-Verfahren im 19. Jahrhundert. Sie ist nach dem französischen Maler Louis Daguerre benannt, der das Verfahren mitentwickelt und 1839 veröffentlicht hat.Wolfgang Baier: Geschichte der Fotografie, S. 115.
Geschichte Die Rechte an dem Verfahren wurden auf Initiative des Physikers François Arago von der französischen Regierung erworben.R. Derek Wood: A State Pension for L. J. M. Daguerre for the Secret of his Daguerreotype Technique. In: Annals of Science, September 1997, Vol. 54 (5), S. 489–506; Taylor & Francis, UK; . Sie zahlte dafür eine lebenslange Rente an Daguerre und an Isidore Niépce, den Sohn seines ehemaligen Partners Nicéphore Niépce. Arago präsentierte das Verfahren am 19. August 1839 in einer gemeinsamen Sitzung der Pariser Akademien der Wissenschaften und der schönen Künste der Öffentlichkeit.Wolfgang Baier: Geschichte der Fotografie, S. 77.Französischer Originaltext: Extrait d’un rapport fait à la chambre des députés, par M. Arago, sur le Daguerréotype, procédé inventé par M. Daguerre pour prodiure spontanément des images de la nature recues dans la chambre noire. In: Bulletin de la Société d’encouragement. Trente-Huitième Année, L. Bouchard-Huzard, Paris 1839, S. 325 ff., (). Danach stand es als das erste praktikable Fotografieverfahren jedermann zur freien und unentgeltlichen Nutzung zur Verfügung. Ausgenommen war jedoch England aufgrund der vorherigen Erteilung eines Patentes an einen Lizenznehmer Daguerres.Brian Coe: Das erste Jahrhundert der Photographie. 1800–1900. Gondrom, Bindlach 1986, ISBN 3-8112-0484-X, S. 17.
Charakteristik Die Daguerreotypie ist eine Fotografie auf einer spiegelglatt polierten Metalloberfläche. Hierzu wurden in der Regel versilberte Kupferplatten von meist 0,65 bis 0,75 mm Stärke genutzt, die unter dem Namen Silberplaque von den Fabrikanten silberplakierter Waren verkauft wurden.Anton Georg C. Martin: . Band 2: Vollständige Anleitung zur Photographie auf Metall. Nebst den neuesten Fortschritten der Photographie auf Papier. Gerold, Wien 1848, S. 20. Die von Daguerre anfänglich verwendeten reinen Silberplatten erwiesen sich als zu kostspielig, kostensenkende Varianten mit unversilbertem Kupfer oder dünner Silberfolie hatten Nachteile.
Die Daguerreotypie lieferte von Anfang an gut nuancierte und fein strukturierte Bilder, die mit der Lupe betrachtet noch kleinste Details zeigen. Sie begründete dadurch bereits zu Beginn der Fotografiegeschichte einen hohen Standard, an dem sich alle späteren Verfahren messen lassen mussten.Wolfgang Baier: Geschichte der Fotografie, S. 80. Der Bildton, ursprünglich ein helles Grau bis Blaugrau, konnte nach dem Einführen der von Hippolyte Fizeau am 23. März 1840 vorgestellten GoldtonungWolfgang Baier: Geschichte der Fotografie, S. 126. auch goldgelb sein und dadurch eine noch natürlichere Wirkung erzielen.
Schwächen des Verfahrens sind ein hohes Gesundheitsrisiko für den Fotografen infolge des Umgangs mit giftigen Quecksilberdämpfen beim Entwickeln der PlattenBodo von Dewitz, Roland Scotti (Hrsg.): Alles Wahrheit! Alles Lüge! Photographie und Wirklichkeit im 19. Jahrhundert. Die Sammlung Robert Lebeck. Verlag der Kunst, Amsterdam u. a. 1996, ISBN 90-5705-024-2, S. 29. und eine seitenverkehrte Abbildung der aufgenommenen Motive, wobei dieser Umstand auch zur besonderen Beliebtheit der Porträts bei den Abgebildeten führte, da ihnen das seitenverkehrte Spiegelbild ihres Gesichts vertrauter war. Ein Mangel war in der Anfangszeit darüber hinaus die geringe Lichtempfindlichkeit. Außerdem ist jede Daguerreotypie ein Unikat, das nicht ohne weiteres vervielfältigt werden kann, was allerdings seinerzeit ihre Wertschätzung eher erhöhte.Uwe Scheid: Photographica sammeln. Kameras, Photographien, Ausrüstungen. Keyser, München 1977, ISBN 3-87405-102-1, S. 27. Eine besondere und ganz charakteristische Einschränkung gibt es beim Betrachten der Bilder: Die Schattenpartien der Aufnahmen werden durch blankes Silber repräsentiert. Je nachdem, ob sich darin Licht oder Dunkelheit spiegelt, sieht man eine Daguerreotypie negativ oder positiv.James E. Cornwall: Die Frühzeit der Photographie in Deutschland. 1839–1869. Die Männer der ersten Stunden und ihre Verfahren. Verlag für Wirtschaft und Industrie, Herrsching (Ammersee) 1979, ISBN 3-88369-120-8, Abbildung auf S. 14. Die Unbequemlichkeiten wie die gesundheitsgefährdende Arbeit, das wenig lichtempfindliche Material und die Nicht-Reproduzierbarkeit der seitenverkehrten Unikate waren die Hauptgründe für den raschen Erfolg späterer Verfahren.
Kulturgeschichtliche Bedeutung mini|Brandschäden in Hamburg 1842, Daguerreotypie von Hermann BiowAm 2. April 1840 hielt der preußische Beamte Alexander von Minutoli, ein studierter Jurist und Ökonom, in der Versammlung des Gewerbevereins in Liegnitz einen Vortrag über die „Erzeugung von Lichtbildern nach Daguerres Verfahren“. Im gleichen Monat begann seine Zusammenarbeit mit dem Mechaniker August Härtelt, der sich mit dem Bau einer dafür tauglichen Camera nach Daguerres Anleitung und dem notwendigen Kasten beschäftigte. Mit Unterstützung seines Vaters Heinrich von Minutoli konnte sich Alexander eine Sammlung von 1000 Platten anlegen. Er nutzte sie zum Ablichten der Kunst- und Kunstgewerbe-Sammlung der Familie von Minutoli, die anfangs vor allem Objekte aus der Sammlung des Vaters enthielt. In der Anfangszeit wurden zuerst kleine Schildchen mit der Aufschrift Institut Minutoli und einem Maßstab in Zolleinheiten unterhalb der Objekte angebracht. Nur die Nr. 1 (von 950) war eine Außenaufnahme. Sie zeigte in einem Garten liegende Fragmente eines antiken Marmorfrieses.
Nachdem sie in den ersten Jahren um 1840 wegen der langen Belichtungszeit hauptsächlich für Architekturaufnahmen verwendet worden waren, erlangten die Daguerreotypien bald insbesondere als kleinformatige Porträts Popularität. Sie waren preiswerter als die bis zu dieser Zeit üblichen gemalten Miniaturen, dabei aber von unübertroffener, damals überraschender Naturtreue.Heinrich L. Nickel: David Octavius Hill. Wurzeln und Wirkungen seiner Lichtbildkunst. fotokinoverlag Halle, Halle (Saale) 1960, S. 18. Man präsentierte sie daher in ähnlich eleganten Schatullen oder repräsentativen Bilderrahmen. Das Fehlen der Farbe in den Abbildungen wurde meist gern in Kauf genommen. Allerdings entwickelte sich auch das Kolorieren bereits zu einer hohen Blüte, insbesondere bei den in Paris meistens als Stereoaufnahmen hergestellten Aktfotos.Rainer Wick (Hrsg.): Die Erotische Daguerreotypie. Sammlung Uwe Scheid. Kunstverlag, Weingarten 1989, ISBN 3-8170-2504-1, S. 12.
Daneben wurden auch nahezu alle anderen Einsatzgebiete der Fotografie bereits durch Daguerreotypie-Aufnahmen begründet. Neben beispielsweise Stillleben, Reproduktionen von Gemälden oder Grafiken, Wissenschafts- und Reiseaufnahmen hat man auch zeitgeschichtliche Ereignisse festgehalten. Die Aufnahmen der Ruinen der Brandkatastrophe in Hamburg von Hermann Biow im Jahr 1842 gelten als die Anfänge des Fotojournalismus in Deutschland.James E. Cornwall: Die Frühzeit der Photographie in Deutschland. 1839–1869. Die Männer der ersten Stunden und ihre Verfahren. Verlag für Wirtschaft und Industrie, Herrsching/(Ammersee) 1979, ISBN 3-88369-120-8, S. 54. (Kommentar: Die Aufnahmen gingen verloren, weil der Historische Verein Hamburgs sie nicht ankaufen wollte. (Cornwall, S. 54, nach: Wilhelm Weimar: Die Daguerreotypie in Hamburg 1839–1860, S. 15.)) Alexander von Minutoli in Liegnitz nutzte die Daguerreotypie dreizehn Jahre lang zur Ablichtung seiner Sammlung von Vorbildern für Handwerker und Fabrikanten. Papierabzüge von Glasplatten-Negativen wurden nach technologischen und historischen Kriterien sinnvoll geordnet in 9 Buchbänden veröffentlicht.
Popularität mini|Die Original-Daguerreotypie von Henry David Thoreau in ihrer geöffneten Schatulle, Aufnahme von Benjamin D. Maxham, 1856. mini|La Daguerréotypomanie Karikatur von Théodore Maurisset (1803–1860), die Ende 1839 veröffentlicht wurde
Durch die Veröffentlichung des Daguerreotypie-Verfahrens im Jahr 1839 konnte sich die Fotografie schon zu Beginn ihrer Geschichte innerhalb weniger Monate über die ganze Welt ausbreiten. Die Daguerreotypie erfreute sich bis gegen Ende der 1850er Jahre großer Beliebtheit. In der Schärfe und Detailgenauigkeit waren die Abbildungen dem ersten Negativ-Positiv-Verfahren der Kalotypie (auch bekannt als „Talbotypie“) von William Henry Fox Talbot deutlich überlegen, das zur selben Zeit hauptsächlich in Großbritannien gebräuchlich war. Sie war allerdings wegen des lästigen Spiegelns – anders als die Kalotypie – für große Bildformate und als Wandschmuck kaum geeignet. Die kleinformatigen Daguerreotypien wurden mit Zierrahmen geschmückt und einem schützenden Deckel versehen.
Das Daguerreotypie-Verfahren war in Europa bis in die 1850er Jahre vorherrschend, in den USA noch einige Jahre länger.Brian Coe: Das erste Jahrhundert der Photographie. 1800–1900. Gondrom, Bindlach 1986, ISBN 3-8112-0484-X, S. 19. Es wurde dann durch bessere Verfahren, das Kollodium-Negativ und den Albuminpapierabzug, insbesondere durch die preiswerten Visitenkarten-Porträts und das Positiv-Verfahren der Ambrotypie verdrängt.
Daguerreotypien sind seit etwa 1970 begehrte Sammelobjekte.Uwe Scheid: Photographica sammeln. Kameras, Photographien, Ausrüstungen. Keyser, München 1977, ISBN 3-87405-102-1, S. 7. Seitdem haben ambitionierte Fotografen in der ganzen Welt das Verfahren als künstlerisches Stilmittel wieder aufgegriffen.
Verfahren mini|hochkant=1.5|Pariser Straßenansicht (Boulevard du Temple), Daguerreotypie von Louis Daguerre, aufgenommen vom Fenster seines Arbeitszimmers aus, 1838; diese Aufnahme gilt als das älteste Foto, auf dem Menschen abgebildet sind (Schuhputzer und Kunde an der Straßenecke unten links)
Daguerre hatte seit 1829 mit Nicéphore Niépce, dem Erfinder der Heliografie, in Partnerschaft zusammengearbeitet. Sein Verfahren ist jedoch eine eigenständige Entwicklung, die auf völlig anderen Grundlagen als die Heliografie beruht.Wolfgang Baier: Geschichte der Fotografie, S. 74.
Die Daguerreotypie basiert auf der Lichtempfindlichkeit von Silberhalogeniden. Die versilberten Kupferplatten wurden zunächst sorgfältig poliert und dann durch Einwirkung von Joddampf lichtempfindlich gemacht. Später wurden die Platten zusätzlich auch noch Brom- und Chlordämpfen ausgesetzt, wodurch sich die Lichtempfindlichkeit der Platte erheblich erhöhte.Walter Koschatzky: Die Kunst der Photographie. Technik, Geschichte, Meisterwerke (= dtv-Taschenbücher 2898). Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1987, ISBN 3-7010-0386-6, S. 57. Durch die Bedampfung bildete sich an der Oberfläche der Silberschicht Silberiodid bzw. Silberbromid. Die Platte musste danach im Dunkeln aufbewahrt und möglichst bald verwendet werden, weil sie nur kurz haltbar war.James E. Cornwall: Die Frühzeit der Photographie in Deutschland. 1839–1869. Die Männer der ersten Stunden und ihre Verfahren. Verlag für Wirtschaft und Industrie, Herrsching (Ammersee) 1979, ISBN 3-88369-120-8, S. 66.
Beim Belichten („Exponieren“) setzte man sie an der Bildseite eines Fotoapparates dem durch das Objektiv der Kamera einfallenden Licht aus. Auf ihre Oberfläche wurde ein kopfüber stehendes und (in der Draufsicht) zudem seitenverkehrtes Bild projiziert. Wegen der geringen Empfindlichkeit des Jodsilbers dauerte eine Belichtung an der Sonne anfangs zehn bis fünfzehn Minuten, später jedoch durch Verbesserungen des Verfahrens und der Objektive weniger als eine halbe Minute, wodurch Porträts möglich wurden. An den belichteten Stellen der Aufnahme wurde das Silberhalogenid zu metallischem Silber reduziert.