Gertrud Kolmar (Pseudonym für Gertrud Käthe Chodziesner, geboren am 10. Dezember 1894 in Berlin; ermordet Anfang März 1943 in Auschwitz) war eine deutsche Lyrikerin und Schriftstellerin.
Leben mini|hochkant|Berliner Gedenktafel für Gertrud Kolmar in Berlin-Westend
Gertrud Kolmar war die älteste Tochter des jüdischen Rechtsanwaltes Ludwig Chodziesner (1861–1943) und seiner Frau Elise, geborene Schoenflies (1872–1930). Sie hatte zwei Schwestern (* 1897 und 1905) und einen Bruder (* 1900).Regina Nörtemann (Hrsg.): Gertrud Kolmar. Das lyrische Werk, Wallstein, Göttingen 2003, Band 3, Seite 397 Sie war eine Cousine von Walter BenjaminVgl. dazu Gertrud Kolmar: Zwei Briefe an Walter Benjamin (aus dem Oktober und November 1934) sowie Erdmut Wizisla: Deine Teilnahme wäre ein viel tiefere, über Gertrud Kolmar und Walter Benjamin. Beide in: Sinn und Form 1/1991, S. 122–124 und 125–128. und dessen Bruder Georg Benjamin (→ Familien Schoenflies und Hirschfeld). Sie wuchs im Charlottenburger Westend auf, dem heutigen Berliner Westend, und besuchte nach mehreren privaten Berliner Mädchenschulen 1911/12 eine haus- und landwirtschaftliche Frauenschule in Elbisbach bei Leipzig. Sie war zwischenzeitlich in einem Kindergarten tätig, lernte Russisch und absolvierte 1915/16 ein Seminar für Sprachlehrerinnen in Berlin mit einem Diplom für Englisch und Französisch. Zu dieser Zeit hatte sie eine Liebesbeziehung mit einem Offizier, die mit einer Abtreibung und der anschließenden Trennung endete.
1917 erschien ihr erster Gedichtband unter dem Pseudonym Gertrud Kolmar. Das Pseudonym erklärt sich aus der Herkunft ihres Familiennamens von der Stadt Chodziesen in der damaligen preußischen Provinz Posen, die 1878 in Kolmar umbenannt worden war. In den Jahren 1917/18 arbeitete Gertrud Kolmar als Zensorin in dem Kriegsgefangenenlager Rohrbeck/Döberitz bei Berlin. 1921 zog die Familie Chodziesner in die Berliner Innenstadt, 1923 nach Falkensee bei Spandau in die Villenkolonie Finkenkrug. Gertrud war während dieser Zeit Erzieherin in verschiedenen Berliner Familien, 1927 ging sie in dieser Funktion auch nach Hamburg. Im selben Jahr unternahm sie eine Studienreise nach Frankreich mit Aufenthalten in Paris und Dijon. Ab 1928 übernahm sie wegen einer schweren Erkrankung der Mutter die Führung des elterlichen Haushalts und arbeitete daneben als Sekretärin für ihren Vater. Seinetwegen blieb sie nach 1933 in Deutschland, während ihren GeschwisternWenzel, Hilde. In: Ernst Fischer: Verleger, Buchhändler & Antiquare aus Deutschland und Österreich in der Emigration nach 1933: Ein biographisches Handbuch. 2. Auflage. Berlin : De Gruyter, 2020, S. 548 die Flucht gelang.
Ab Ende der 1920er-Jahre erschienen einzelne ihrer Gedichte in literarischen Zeitschriften und Anthologien. 1934 wurde ihr zweiter Gedichtband Preußische Wappen im Verlag Die Rabenpresse von Victor Otto Stomps publiziert. Diese Veröffentlichung brachte den Verlag auf eine Liste unerwünschter Verlage des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, von dem er dann boykottiert wurde. Kolmar durfte ab 1936 nicht mehr unter ihrem Künstlernamen publizieren, sondern nur noch unter ihrem Familiennamen Chodziesner.
mini|hochkant|Stolperstein in Berlin-Schöneberg Ihr dritter Gedichtband Die Frau und die Tiere, der im August 1938 im Verlag Erwin Löwe erschien, wurde nach der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 in Zusammenhang mit der Auflösung der jüdischen Buchverlage verramscht.Gertrud Kolmar: Briefe. Hrsg. von Johanna Woltmann, durchgesehen von Johanna Egger und Regina Nörtemann, Wallstein Verlag, Göttingen 2014, S. 300. Die Familie Chodziesner wurde infolge der verschärften Verfolgung der jüdischen Bevölkerung noch im November 1938 zum Verkauf ihres Hauses in Finkenkrug und zum Umzug in eine Etagenwohnung in einem „Judenhaus“ in Berlin-Schöneberg gezwungen.
Ab Juli 1941 musste Gertrud Kolmar Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie leisten. Ihr Vater wurde im September 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert und starb dort im Februar 1943. Gertrud Kolmar wurde am 27. Februar 1943 im Verlauf der Fabrikaktion verhaftet und am 2. März 1943 im 32. „Osttransport“ des RSHA ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Von den etwa 1500 Berliner Jüdinnen und Juden, die in diesem Zug am 3. März 1943 in Auschwitz ankamen, wurden nach der Selektion an der „Alten Rampe“ 535 Männer und 145 Frauen als „arbeitsfähige“ Häftlinge registriert und in das Lager eingewiesen. Die übrigen etwa 820 Deportierten dieses Zuges, darunter Gertrud Kolmar, wurden nicht als Häftlinge registriert und vermutlich sofort nach der Ankunft in der Gaskammer ermordet.Vgl. Danuta Czech: Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939–1945, Reinbek bei Hamburg 1989, S. 429.
Bedeutung Gertrud Kolmar, von deren Werk zu Lebzeiten relativ wenig erschien, gilt heute als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts. Nach eher konventionellen Anfängen fand sie in ihren Gedichten vor allem ab Ende der Zwanzigerjahre zu einem eigenen, unverkennbaren Ton, geprägt von großer sprachlicher Virtuosität und Expressivität, unter gleichzeitiger Beibehaltung traditioneller Formen. In ihrem Werk herrschen Natur- und Frauenthemen vor, oft ins Mystische und Hymnische gesteigert.
Ehrungen mini|hochkant|Gertrud-Kolmar-Bibliothek in Schöneberg
1956 wurde Gertrud Kolmar postum mit dem Deutschen Kritikerpreis ausgezeichnet. Seit 1999 trägt die Gertrud-Kolmar-Bibliothek (Stadtteilbibliothek) in Berlin-Schöneberg ihren Namen (2021 geschlossen) Eine Gertrud-Kolmar-Straße gibt es in Berlin-Mitte (2001), Potsdam und Sarstedt, einen Gertrud-Kolmar-Weg in Falkensee-Finkenkrug und in Dietzenbach. Im Jahr 2007 wurden bei ihrem letzten Wohnhaus in Falkensee für sie und ihren Vater Stolpersteine verlegt.Stolperstein-Verlegung für Gertrud und Ludwig Chodziesner 2007 An der Straßenfront des Wohnhauses befindet sich eine steinerne Gedenktafel, die in der Brandenburger Denkmalliste enthalten ist. Ein weiterer Stolperstein wurde an ihrer letzten Wohnstätte in der Münchener Straße in Berlin-Schöneberg verlegt. Das Museum und Galerie der Stadt Falkensee widmet sich in seiner Dauerausstellung ausführlich dem Leben und Werk Gertrud Kolmars.Museum und Galerie Falkensee mini|hochkant|Gertrud-Kolmar-Rose im Garten von Museum und Galerie Falkensee 2011 wurde eine Rosen-Neuzüchtung aus Hamburg als „Gertrud-Kolmar-Rose“ im Garten von Museum und Galerie Falkensee nach der Dichterin benannt und 'getauft'; der dortige Rosengarten trägt ihren Namen 2019 vergab die Online-Literaturplattform Fixpoetry den bisher einmal verliehenen mit insgesamt 18.500 Euro dotierten Gertrud-Kolmar-Preis für Lyrik. alternativtext=In diesem Haus in der heutigen Feuerbachstr. wohnte die Familie. Foto Januar 2025 |mini|Wohnhaus der Familie. Foto Januar 2025alternativtext=Vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie eine Infotafel|mini|Infotafel vor dem ehem. Wohnhaus der Familie. Foto Januar 2025alternativtext=Am ehem. Wohnhaus befindet sich eine Gedenktafel. Foto Januar 2025|mini|Gedenktafel am Wohnhaus. Foto Januar 2025alternativtext=Der Gertrud-Kolmar-Weg ist keine Straße, sondern ein Weg. Foto Januar 2025|mini|Gertrud Kolmar Weg. Foto Januar 2025Im April 2022 wurde der Kolmar Park in Chicago, Illinois, zu Ehren der Dichterin umgewidmet; zuvor hatte sich sein Name auf die benachbarte, nach der Stadt Colmar benannte Kolmar Avenue bezogen.
Werke Veröffentlichungen zu Lebzeiten Gedichte, Berlin, Fleischel & Co. 1917. Neuausgabe Hofenberg, Berlin 2022, ISBN 978-3-7437-4335-9. Preußische Wappen, Berlin, Die Rabenpresse 1934 Die Frau und die Tiere, Berlin, Jüdischer Buchverlag E. Löwe 1938 Die Frau und die Tiere, Quelle Kindler neu unterKolmar: Das lyrische Werk, DLA Marbach, erschienen 1938, DNB-Link
Posthume Ausgaben Welten, Berlin, Suhrkamp 1947 Das lyrische Werk, herausgegeben von Hermann Kasack, mit einem Nachwort von Jacob Picard, Heidelberg, Lambert Schneider 1955 Das lyrische Werk, München, Kösel 1960 Eine jüdische Mutter, München, Kösel 1965; Die jüdische Mutter, herausgegeben von Regina Nörtemann und Thedel v. Wallmoden, Göttingen: Wallstein Verlag, 2023, ISBN 978-3-8353-3388-8 Briefe an die Schwester Hilde, München 1970 Das Wort der Stummen. Nachgelassene Gedichte. Hrsg. und mit einem Nachwort von Uwe Berger und „Erinnerungen an Gertrud Kolmar“ von Hilde Benjamin, Berlin, Buchverl. Der Morgen 1978 Weibliches Bildnis. Sämtliche Gedichte, mit einem Nachwort von Hilde Wenzel, München, dtv 1987 Susanna, Frankfurt am Main, Suhrkamp 1993; auf 2 CD Berlin: Herzrasen Records, 2006 Nacht, Verona 1994 Briefe. Hrsg. von Johanna Woltmann. Göttingen, Wallstein 1997, ISBN 3-89244-232-0; durchges. von Johanna Egger und Regina Nörtemann, Göttingen : Wallstein, 2014, ISBN 978-3-8353-1397-2 Das lyrische Werk. Hrsg. von Regina Nörtemann. 3 Bände. (erste kritische, kommentierte Ausgabe). Göttingen, Wallstein 2003 (² 2010) Die Dramen. Hrsg. von Regina Nörtemann. Göttingen, Wallstein 2005, ISBN 3-89244-822-1 Gertrud Kolmar (= Poesiealbum 315), Lyrikauswahl von Horst Nalewski, Grafik: Max Liebermann. Märkischer Verlag Wilhelmshorst 2014, ISBN 978-3-943708-15-8. Der Engel im Walde, Fassung 1933 und 1937, Übersetzung ins Polnische von Iwona Mickiewicz, Übersetzung ins Hebräische von Varda Getzow, Künstlerbuch mit Linolätzungen von Thomas P. Konietschke, Kaefertal-Presse & Edition 2017
Literatur Walter Benjamin, Kommentar zu zwei Gedichten von Gertrud Kolmar, in: Die Literarische Welt, Jg. 4, Nr. 14/15 vom 5. April 1928, S. 1. Jacob Picard, Erinnerungen an Gertrud Kolmar, Nachwort zu Das lyrische Werk, Heidelberg 1955, wieder abgedruckt in: J. Picard, Werke in zwei Bänden, Konstanz 1991 und Werke in einem Band, Lengwil 1996. Victor Otto Stomps, Gertrud Kolmars lyrisches Werk, in: Deutsche Rundschau 82 (1956), S. 787–789. Wolfdietrich Schnurre, Zweifel und Hinnahme. Gertrud Kolmar zur Gedächtnis, Rundfunk-Essay, gesendet in RIAS 1960, gedruckt in: Triffst Du nur das Zauberwort. Stimmen von heute zur deutschen Lyrik, Frankfurt/Main 1961, S. 268–287 und in: W. Schnurre, Gelernt ist gelernt. Gesellenstücke, Ullstein Taschenbuch, 1984, S. 51–69. Hans Byland: Zu den Gedichten Gertrud Kolmars. Diss. Zürich 1971.
Marion Brandt: Schweigen ist ein Ort der Antwort. Eine Analyse des Gedichtzyklus „Das Wort der Stummen“ von Gertrud Kolmar. Hoffmann, Berlin 1993, ISBN 3-929120-00-3. Beatrice Eichmann-Leutenegger: Gertrud Kolmar. Leben und Werk in Texten und Bildern. Jüdischer Verlag, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-633-54072-5. Ulrich Ott (Hrsg.): Marbacher Magazin 63/1993. Gertrud Kolmar 1894–1943. Bearbeitet von Johanna Woltmann. Marbach am Neckar 1993, ISBN 3-928882-06-6. Marion Brandt (Hrsg.): Gertrud Kolmar, Orte. (Ausstellungskatalog). Kontext-Verlag, Berlin 1994, ISBN 3-86161-027-2. Birgit R. Erdle: Antlitz – Mord – Gesetz. Figuren des Anderen bei Gertrud Kolmar und Emmanuel Lévinas. Passagen, Wien 1994, ISBN 3-85165-095-6. Johanna Woltmann: Gertrud Kolmar. Göttingen 1994 (zugl. Diss. phil. Univ. München), ISBN 3-89244-067-0; Neuaufl. Suhrkamp TB, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-518-39754-0. Monika Shafi: Gertrud Kolmar. Iudicium, München 1995, ISBN 3-89129-233-3. Karin Lorenz-Lindemann (Hrsg.): Widerstehen im Wort. Studien zu den Dichtungen Gertrud Kolmars. Wallstein-Verlag, Göttingen 1996, ISBN 3-89244-230-4. Heidy Margrit Müller (Hrsg.): Klangkristalle, rubinene Lieder. Studien zur Lyrik Gertrud Kolmars. Lang, Bern [u. a.] 1996, ISBN 3-906755-42-8. Barbara C. Frantz: Gertrud Kolmar's prose. Lang, New York [u. a.] 1997, ISBN 0-8204-3658-5. Gudrun Jäger: Gertrud Kolmar: Publikations- und Rezeptionsgeschichte. Campus-Verlag, Frankfurt/Main [u. a.] 1998, ISBN 3-593-35964-2. Chryssoula Kambas (Hrsg.): Lyrische Bildnisse. Beiträge zu Dichtung und Biographie von Gertrud Kolmar. Aisthesis, Bielefeld 1998, ISBN 3-89528-199-9.