mini|Tom Kummer (2020) Tom Kummer (* 14. Januar 1961Tom Kummer. Aufbau Verlage, abgerufen am 4. September 2017. in Bern) ist ein Schweizer Schriftsteller und Journalist. Im Jahr 2000 wurde aufgedeckt, dass er grosse Teile seiner Interviews erfunden hatte, was einen Medienskandal auslöste.

Leben und Wirken Kummer war mehrere Jahre als Reporter für die Zeitschrift Tempo tätig. Ab 1993 arbeitete er als Hollywood-Korrespondent für das SZ-Magazin und das Tages-Anzeiger-Magazin sowie als freier Journalist (etwa für Die Zeit, Der Spiegel, NZZ, FAZ, Stern und Vogue). 1994 wurde er für seine Geschichte Misterklasse. In: Tages-Anzeiger-Magazin. 19. August 1995, archiviert beim Berlin Verlag (PDF; 5,99 MB) über den Pulitzer-Preis-Gewinner Richard Ford für den Joseph-Roth-Preis nominiert. Er bezeichnet sich als Vertreter des «Borderline-Journalismus»;Erst Sensation dann Skandal: zu was journalistische Schlamperei führen kann. In: Focus Magazin. 13. November 2013 (Archiv). in seinem 1996 veröffentlichten Buch Good Morning, Los Angeles bekannte er sich offen zu seiner Borderline-Persönlichkeitsstörung. In einem 2012 aktualisierten Essay stellte er seine «publizistische Grundidee» als Ausdruck der postmodernen Welt dar.Tom Kummer: Vom Mythos des Realen. In: Vocer. 9. Februar 2012 (Archiv).

Im Jahr 2000 entwickelte sich ein Medienskandal um Kummer, als das Magazin Focus enthüllte, dass er mehrere Interviews mit Prominenten – darunter Hollywood-Stars wie Charles Bronson, Brad Pitt oder Sharon Stone – nicht selbst geführt, sondern aus vorhandenem Material neu zusammengesetzt oder frei erfunden hatte.Alexandra Klausmann: Als Tom Kummer die Welt zum Narren hielt. In: Focus Magazin. 15. November 2013. Beide Chefredaktoren des SZ-Magazins, Ulf Poschardt und Christian Kämmerling, wurden daraufhin entlassen. Roger Köppel, einer der geschädigten Abnehmer solcher Interviews, sagte 2011, er habe sich nicht vorstellen können, «dass jemand so dreist vorgeht. […] Kummer erzählte danach gerne, dass er seine Stücke mit Wissen der Chefredaktoren als Kunstform verkaufte – das ist eine dreiste Lüge. Schliesslich verrechnete er dafür Spesen – die waren sehr real und kein artistisches Konzept.»Ronnie Grob: «Ich misstraue der Masse». In: Medienwoche. 25. November 2011, abgerufen am 1. Juni 2013.

Nach mehreren Jahren Pause erhielt Kummer 2005 von der Berliner Zeitung eine neue Chance auf dem deutschsprachigen Printmarkt. Eine von ihm gelieferte Reportage erwies sich jedoch als Konvolut aus zwei Texten, die er bereits in der NZZ und im SZ-Magazin veröffentlicht hatte.Philipp Holstein: Der Fälscher der Wahrheit. In: RP Online. 3. Mai 2011. Obwohl es in der Branche als nicht ungewöhnlich gilt, bereits veröffentlichte Storys wiederzuverwerten, brach die Berliner Zeitung die Zusammenarbeit sofort ab, weil die Redaktion nicht darüber informiert war, dass es sich um alte, schon veröffentlichte Texte handelte. Ebenfalls 2005 wurde er als Kolumnist der Schweizer Zeitschrift Faces vorgestellt.Faces. Neue Kolumnisten mit Maxim Biller, Tom Kummer und Uwe Kopf. In: persoenlich.com. 15. März 2005, abgerufen am 31. Mai 2014.

2009 erschien sein Bericht Nation ohne BodenTom Kummer: Nation ohne Boden. In: WOZ Die Wochenzeitung. 5. Februar 2009. über den Super Bowl in der WOZ. Dieser Artikel wurde danach in Der Sonntag vom Journalisten Peter Hossli kritisiert: Fakten seien unrichtig, Passagen überhöht und verdreht worden.Peter Hossli: Kummer kummert wieder. In: Der Sonntag. 8. Februar 2009 (archiviert in hossli.com). Die Redaktion der WOZ rechtfertigte sich in einem separaten Artikel;Carlos Hanimann: Kummer mit Tom. In: WOZ. 12. Februar 2009. Hossli wiederum kritisierte die Rechtfertigung und lieferte weitere Fakten zu Ungereimtheiten in Kummers Artikel.Peter Hossli: Spielberg kummern. In: hossli.com. 12. Februar 2009.

Im Juli 2009 schrieb Kummer für die deutsche Wochenzeitung Der Freitag einen Artikel über das Phänomen Facebook.Tom Kummer: Moritz trinkt immer noch. In: der Freitag. 7. Juli 2009 Der Text wurde von der Website Der Umblätterer zu einem der zehn besten Feuilleton-Texte von 2009 gewählt und mit dem «Goldenen Maulwurf 2009» ausgezeichnet.Best of Feuilleton 2009. 7. Moritz trinkt immer noch. In: Der Umblätterer. 12. Januar 2010. Ein Remake wurde 2011 im Aprilheft der Schweizer Kulturzeitschrift Du unter dem Titel Facebook Revisited – die Fiktion des Realen publiziert.. In: Das Herrenzimmer (zum Inhalt von Du, Heft 815, April 2011).

2010 erschien der Dokumentarfilm Bad Boy Kummer unter der Regie von Miklós Gimes, dem 1997 stellvertretenden Chefredaktor beim Tages-Anzeiger-Magazin.Miklós Gimes: . In: kummer-film.ch (PDF; 127 kB), abgerufen am 21. Oktober 2010. Der Film startete am 21. Oktober 2010 in den Schweizer Kinos,Constantin Seibt: Der Fälscher. In: Tages-Anzeiger. 21. Oktober 2010. in Deutschland am 5. Mai 2011.Hannah Pilarczyk: Das schillernde Versprechen des Pop. In: Spiegel Online. 5. Mai 2011. Laut Gimes wurde Kummer für seine Teilnahme an Interviews entschädigt, habe aber nicht an der Filmgestaltung mitgewirkt.Helen Pidd: Journalist who faked celebrity scoops stars in film about his life and lies. In: The Guardian. 10. Mai 2011.

2013 erschien Kummers Geschichte Borderline im Schweizer Magazin Reportagen. Der Text wurde als Kummers Comeback-Story gewürdigt.Tom Kummer: . In: Reportagen. Nr. 11, Juni 2013.Jan Wehn: . In: Spex. 1. Juli 2013. Alexander Krex: Banale Wirklichkeit: Begegnung mit Tom Kummer. In: Berliner Gazette. 5. Juli 2013. Von 2013 bis 2014 schrieb Kummer wieder regelmässig für die Schweizer Wochenzeitung Die Weltwoche.Weltwoche. Comeback von Tom Kummer. «Interviewfälscher» schreibt über Martina Hingis. In: persoenlich.com. 18. Juli 2013, abgerufen am 1. Dezember 2013. 2016 sah sich Kummer mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert. Es stellte sich heraus, dass mehrere Artikel von Kummer in der Weltwoche und im Magazin Reportagen Sätze und Abschnitte enthielten, die er aus Artikeln im Spiegel, in der Zeit, Süddeutschen Zeitung, Wikipedia und weiteren Orten abgeschrieben hatte.Rainer Stadler: Die (Un-)Kultur des Kopierens. In: Neue Zürcher Zeitung. 9. Juli 2016, abgerufen am 9. Juli 2016.

Nach dem Tod seiner Frau Nina zog Kummer 2016 von Los Angeles wieder nach Bern.Stefan von Bergen: Tom Kummer: «‹Bad Boy›, das kommt meinem Wesen nahe». In: Berner Zeitung. 28. August 2016. In wohlwollenden Rezensionen seines 2017 erschienenen Romans Nina & Tom wurde Kummer als «glänzender Stilist» und «starker Erzähler» bezeichnet. Tageszeitungen und Fachpresse berichteten jedoch über erneute Plagiate.. In: Börsenblatt. 19. April 2017, abgerufen am 21. April 2017. Der Zürcher Plagiatsforscher und Literaturwissenschaftler Philipp Theisohn bezeichnete Kummers Schreibverfahren als «Kunstgriff», vermutete erneut «Szenen, die sich womöglich nie abgespielt haben» und bilanzierte: «Hier trauert auch eine in die Jahre gekommene Schreibhaltung um die ihr abhandengekommene Welt.» Ebenfalls 2017 entschied sich die Jury des Transform-Kunstprojekts in Bern, ihn mit der Realisierung seines Vorschlags «Die Säulenheiligen von Holligen» zu betrauen.Alexander Sury: Vom Unort zur sakralen «Alhambra». In: Der Bund. 8. Juni 2017.

Auf Einladung von Michael Wiederstein war Kummer für den Ingeborg-Bachmann-Preis 2019 nominiert. Er las den Text Von schlechten Eltern. 2020 erschien der fertige Text als Roman unter demselben Titel. Von schlechten Eltern wurde für den Schweizer Buchpreis nominiert und als Theaterfassung am 6. November 2021 von Bühnen Bern uraufgeführt.

Im Dezember 2021 stellte ihn die Weltwoche als neuen freien Mitarbeiter vor.Intern. In: Die Weltwoche. Nr. 50, 16. Dezember 2021 (Archiv).

Kummer lebt in Bern.Tom Kummer bei Klett-Cotta.

Veröffentlichungen (Auswahl) Good Morning, Los Angeles. Die tägliche Jagd nach der Wirklichkeit. Mit einem Nachwort von Claudius Seidl. dtv, München 1997. Gibt es etwas Stärkeres als Verführung, Miss Stone? Star-Interviews von Tom Kummer. Mit einem Vorwort von Ulf Poschardt. dtv, München 1997. Jackie! Ein Body-Bildungsroman. Ullstein, Berlin 1999. Blow up. Blumenbar, München 2007, ISBN 978-3-936738-26-1. Kleiner Knut ganz groß. Der berühmteste Eisbär der Welt im Gespräch mit Tom Kummer. Heyne, München 2007, ISBN 978-3-453-14658-7. Nina & Tom. Roman. Blumenbar, Berlin 2017, ISBN 978-3-351-05035-1. Von schlechten Eltern. Roman. Klett-Cotta, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-608-50428-6. Unter Strom. Roman. Klett-Cotta, Stuttgart 2022, ISBN 978-3-608-50513-9. Freiwürfe mit einem Diktator. Roman. Klett-Cotta, Stuttgart 2026, ISBN 978-3-608-50514-6.

Nominierungen und Auszeichnungen 2019: nominiert für den Ingeborg-Bachmann-Preis 2020: nominiert für den Schweizer Buchpreis 2020: Werkbeitrag für Literatur der Stiftung Pro Helvetia

Dokumentarfilm Miklós Gimes: Bad Boy Kummer. T&C Film, Columbus Film. 92 Minuten, CH 2010.

Literatur Martin Doll: Fälschung und Fake. Zur diskurskritischen Dimension des Täuschens. Kadmos Kulturverlag, Berlin 2012, S. 305–330, ISBN 978-3-86599-140-9. Andrea Höhne, Stephan Ruß-Mohl: Schwarze Schafe in medialen Grauzonen. In: Neue Zürcher Zeitung. 24. März 2005. Harun Maye: Blow Up. Die Tom Kummer Interviews. In: Text+Kritik. Sonderband Literarischer Journalismus, München 2022, S. 134–153, ISBN 978-3-96707-669-1. Nils Minkmar: Das gedopte Magazin. In: Die Zeit. Nr. 22, 25. Mai 2000. Stephan Pabst: Interview-Literatur: Tom Kummers Fake-Interviews und die Folgen. In: The Germanic Review: Literature, Culture, Theory 91/1 (2016), S. 41–60, ISSN 0016-8890 Adrian Pohr: Die zweite Chance. In: Die Zeit. Nr. 5, 2. Februar 2005. Thomas Schuler: Der Fall Kummer: Neue Vorwürfe gegen das Magazin der «Süddeutschen»: Vergiss die Zweifel. In: Berliner Zeitung. 23. Mai 2000. Thomas Schuler: Die Süddeutsche Zeitung berichtet ausführlich über die Fälschungen im SZ-Magazin: Die Gegendarstellung der Woche. In: Berliner Zeitung. 29. Mai 2000. Holger Schulze: Wirklichkeit messen. Tom Kummer vs. Reality. In: nach dem Film. Nr. 2, 1. Dezember 2000.

Weblinks Zum Autor

Zum Fälschungsskandal Holger Hoetzel: «Frei erfunden», «nie geführt». In: Focus Magazin. 20. Mai 2000, abgerufen am 19. Juni 2013 Rudolf Maresch: Kummer über Kummer. In: Telepolis. 31. Mai 2000, abgerufen am 19. Juni 2013 Fritz Wolf: Grenzgänger. Kurzer Blick zurück auf den Fall Tom Kummer. In: der Freitag. 30. Juni 2000, abgerufen am 19. Juni 2013

Interviews Adrian Schräder: «Das Argument der Gutgläubigkeit ist ziemlich lächerlich.» In: persoenlich.com. 19. Oktober 2010 (Interview mit Tom Kummer) Adrian Schräder: «Durch meine Naivität habe ich im Kummer-Theater mitgespielt.» In: persoenlich.com. 19. Oktober 2010 (Interview mit Regisseur Miklós Gimes von «Bad Boy Kummer») Sandro Brotz: . In: Der Sonntag. 16. Oktober 2010 (Interview) Nicolas Semak: Autofiktion – Tom Kummer. Die Rückschau ist immer fiktiv. In: Viertausendhertz auf Spotify (= Elementarfragen). 18. Februar 2019 (Audiopodcast; Interview)

Einzelnachweise

Kategorie:Journalist (Schweiz) Kategorie:Zeitungsjournalist Kategorie:Kolumnist Kategorie:Auslandskorrespondent Kategorie:Fälscher Kategorie:Hochstapler Kategorie:Autobiografie Kategorie:Schweizer Kategorie:Geboren 1961 Kategorie:Mann Kategorie:Roman, Epik