mini|Bibliothek von Carouge Die Buchwissenschaft (auch Buchwesen und BuchkundeS. Corsten u. a. (Hrsg.): Lexikon des gesamten Buchwesens. 2. Auflage. Stuttgart 1986 ff.) behandelt das Buch – sowie verwandte Formen wie die Broschüre, das Flugblatt usw. – als Medium der Schriftkommunikation unter kulturellen, ökonomischen und soziologischen Fragestellungen. Forschungsfragen entstehen aus dem Spektrum der Funktionen und Leistungen des Buchs im Kommunikationssystem der Geschichte ebenso wie der Gegenwart. Kennzeichnend für die Buchwissenschaft als inter- und transdisziplinär arbeitender Wissenschaft ist daher ein methodischer Pluralismus: Übernahme und Anpassung von Methoden und Modellen aus anderen Disziplinen. Früher war Bibliografie auch als Ausdruck für die Bücherkunde allgemein üblich.

Die Wissenschaftskontexte der Buchwissenschaft sind vielfältig und reichen teilweise weit zurück. Eine der Wurzeln ist die ‚Litterärgeschichte‘ des 18. Jahrhunderts als historisch-systematische Bücherkunde, die in der Bibliophilie ihren spezialisierten Seitenzweig hat. Im Zentrum der Buchkunde standen und stehen die Inkunabel- und Frühdruckforschung sowie die analytische Druckforschung. Unter historisch-soziologischer Perspektive erforscht die Buchhandelsgeschichte die Ökonomie des Buchs und der Verwertungskette vom Autor über den Buchhandel bis zum Käufer und Leser. In jüngerer Zeit sind hier explizit wirtschaftswissenschaftliche Fragestellungen hinzugetreten.

Bereitstellungsqualität des Buchs Der Schweizer Medien- und Kommunikationswissenschaftler Ulrich Saxer entwickelte für eine Konzeptualisierung des Begriffs Medium eine Nominaldefinition, die der Medienwissenschaft „Identität verleiht, dem expansiven Gegenstand gerecht wird und die medienbezogenen Beiträge unterschiedlicher Disziplinen integriert“.Ulrich Saxer: Medienwissenschaft. In: Joachim-Felix Leonhard, Hans-Werner Ludwig (Hrsg.): Medienwissenschaft. Ein Handbuch zur Entwicklung der Medien und Kommunikationsformen. Teilband 1. Walter de Gruyter, Berlin / New York 1999, S. 5. Diese Definition beschreibt Medien wie folgt: „Medien sind komplexe institutionalisierte Systeme um organisierte Kommunikationskanäle von spezifischem Leistungsvermögen.“Ulrich Saxer: Medienwissenschaft. In: Joachim-Felix Leonhard, Hans-Werner Ludwig (Hrsg.): Medienwissenschaft. Ein Handbuch zur Entwicklung der Medien und Kommunikationsformen. Teilband 1. Walter de Gruyter, Berlin / New York 1999, S. 6. Im Zentrum der Definition steht der Aspekt der Kommunikationskanäle. Dieser ist der Dreh- und Angelpunkt und fasst Medien als Elemente kommunikativen Handelns.

Eine Buchwissenschaft, die das Buch als Kommunikationsmedium betrachtet, stellt den buchspezifischen Kommunikationsprozess unter Berücksichtigung seiner Systemhaftigkeit in den Fokus. Das Gelingen von Kommunikation ist nur dann gewährleistet, wenn Medien organisiert, institutionalisiert und funktional sind. Organisationen wie Verlage und Buchhandel sorgen dafür, dass die Kommunikationskette zweckerfüllend aufrechterhalten wird. Institutionen etablieren das Buch im gesellschaftlichen Kontext und Funktionalität betrachtet das Wirkungspotential des Buchs.

Grundlegend für dieses integrative Modell ist die Vorstellung von Medien als Kommunikationskanal. Dieser transportiert, unterstützt durch Medientechnologien, spezifische Zeichen. Ein solches Verständnis von Medien meint mehr als deren reine Materialität und damit physische Beschaffenheit. Vielmehr ist darunter das Dispositiv eines Mediums, hier des Buchs, zu verstehen. Ulrich Saxer fasst diesen Umstand mit dem Begriff der Bereitstellungsqualität, der auf den Publizisten und Kommunikationswissenschaftler Hans K. Platte zurückzuführen ist. Bereitstellungsqualität umfasst Zeichensysteme, Inhalte, Technik des Bereitstellungsvorgangs und hierbei die Periodizität der Produktion, herstellungstechnische Aspekte an sich sowie verschiedene Formate und Bereitstellungsdauer, -räume und -kosten. Die Bereitstellungsqualität stellt nach Ulrich Saxer eines der wesentlichen Arbeitsfelder der Buchwissenschaft dar. Weiterhin zählt er dazu die Beschäftigung mit dem Formalobjekt Buch sowie die Buchkommunikation, -wirtschaft und -funktionalität. Buchfunktionalität ist dabei die Summe aller dem Medium Buch zugeschriebenen Leistungen, die sich aus verschiedenen Produkten des Buchs und ihrer jeweiligen Bereitstellungsqualität sowie deren Akzeptanz, resultierend aus dem Gratifikationspotential, zusammensetzt. Hieran zeigt sich, dass Buchkommunikation im Speziellen wie Medienkommunikation im Allgemeinen ein hochkomplexer Vorgang ist. Jede Veränderung eines systemimmanenten Elements bedingt die Veränderung des gesamten Systems: „Von der Textniederschrift des Autors bis zur Lektüre des Gedruckten durch den Bucheigentümer oder -entleiher ist die Her-, Bereitstellungs- und Nutzerkette lang, und entsprechend vielfältig sind die Möglichkeiten, dass sie durch Missverständnisse fehlgeleitet oder überhaupt durch Kommunikationsverweigerung abgebrochen wird.“Ulrich Saxer: Buchwissenschaft als Medienwissenschaft. In: Ursula Rautenberg (Hrsg.): Buchwissenschaft in Deutschland. Ein Handbuch. Band 1: Theorie und Forschung. De Gruyter Saur, Berlin / New York 2010, S. 88.

Der Aspekt Bereitstellungsqualität betrifft in weiten Teilen die Bereiche Typographie und Herstellung von Büchern. Durch den wesentlichen Anteil an der Steigerung der Funktionalität von Buchkommunikation sind hier Ansätze aus der Leserforschung, vor allem die Lesemotivations- und -wirkungsforschung, relevant. Da Bereitstellungsqualität eng mit entsprechenden Medientechnologien verknüpft ist, sind jeweils, analog zu einem weiten Buchbegriff, „unterschiedliche, historisch aktualisierte Repräsentationen der Textüberlieferung“Ursula Rautenberg: Buch. In: Ursula Rautenberg (Hrsg.): Reclams Sachlexikon des Buches. 3., verb. Auflage. Stuttgart 2015, S. 83. und die damit zusammenhängenden Forschungsfragen zu untersuchen. Zusätzlich zu gewandelten mediengeschichtlichen Aspekten des Buchs sind, gewissermaßen als Rahmen, das Selbstverständnis einer Disziplin Buchwissenschaft und ihre damit verbundenen Forschungsfragen zu berücksichtigen.

Fachgeschichte der Buchwissenschaft Das Fach Buchwissenschaft wird derzeit an vier deutschen Universitäten gelehrt und wurde zuvor an einer weiteren deutschen und einer schweizerischen Universität unter diesem Namen gelehrt. Die folgende Nennung folgt den Entstehungsdaten.

Universität Leipzig: Auf Betreiben des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler entstand 1925 eine Professur für Buchhandelsbetriebslehre an der damaligen Handelshochschule. Daran knüpft die 1994 am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig errichtete Professur für Buchwissenschaft an, die Siegfried Lokatis von 2006 bis 2022 innehatte.Professur für Buchwissenschaft Leipzig: Homepage 2022 hat die Universität Leipzig die Buchwissenschaft in eine Professur für Medienwandel umgewidmet und das Fach Buchwissenschaft geschlossen.

Johannes Gutenberg-Universität Mainz: Das Mainzer Institut für Buchwissenschaft ist aus dem im Jahr 1900 gegründeten Gutenberg-Museum hervorgegangen und wurde 2018 in das Institut für Weltliteratur und schriftorientierte Medien überführt. 1947 wurde eine Stiftungsprofessur eingerichtet, die 1949 in eine ordentliche Professur überführt wurde, den Gutenberg-Lehrstuhl. Dessen erster Inhaber, Aloys Ruppel, war bis 1963 in Personalunion auch Direktor des Museums. Ihm folgte 1969 Hans Widmann nach, 1976 gefolgt von Hans-Joachim Koppitz, 1992 dann Stephan Füssel bis 2021. Derzeitige Leitung: Gerhard Lauer.Institut für Buchwissenschaft Mainz: Homepage

Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg: Aus den Historischen Hilfswissenschaften entstand 1983 eine Professur für Buch- und Bibliothekskunde, die Alfred G. Świerk innehatte und die zunächst dem Lehrstuhl für Geschichte des Mittelalters und Historische Hilfswissenschaften angegliedert war. Seit 1997 gibt es eine Professur für Buchwissenschaft, seit 2010 einen entsprechenden Lehrstuhl, den Ursula Rautenberg von 1997 bis 2019 innehatte,Lehrstuhl für Buchwissenschaft Erlangen: Homepage sowie seit 2011 eine weitere Professur für Buchwissenschaft und Medienwirtschaft, derzeitige Leitung: Svenja Hagenhoff.

Ludwig-Maximilians-Universität München: Die Gründung der Studiengänge Buchwissenschaft am Institut für Deutsche Philologie geht auf die Initiative von Herbert G. Göpfert, Verlagsleiter des Carl Hanser Verlags, zurück. Unter der Leitung von Georg Jäger wurde 1987 der Aufbaustudiengang Buchwissenschaft, 1996 der Diplomstudiengang Buchwissenschaft etabliert. 2006 folgte Christine Haug als Professorin für Buchwissenschaft. 2018 erfolgte die Gründung des Zentrum für Buchwissenschaft: Buchforschung – Verlagswirtschaft – Digitale Medien.Buchwissenschaft München: Homepage

Westfälische Wilhelms-Universität: Der Anglist Bernhard Fabian profilierte die Buchforschung seit den 1960er Jahren als Buchgeschichte, analytische Druckforschung und Editionskunde. Das Institut trug bis 1999 den Namen Forschungsinstitut für Buchwissenschaft und Bibliographie/Institutum Erasmianum und heißt heute Institut für Buchwissenschaft und Textforschung. Es bietet buchwissenschaftliche Lehrveranstaltungen in der Anglistik an. Derzeitige Leitung: Corinna Norrick-Rühl (seit 2020).https://www.uni-muenster.de/Anglistik/bookstudies/

Universität St. Gallen: Das interdisziplinäre Center for Book and Publishing Studies (Kompetenzbereich Buchwissenschaften) am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement der Universität St. Gallen existiert seit 2006. Entsprechend dem Fächerspektrum als Hochschule für Wirtschafts-, Recht- und Sozialwissenschaft liegt der Schwerpunkt des Lehrprogramms Buch- und Medienwirtschaft auf juristisch-ökonomischen Gebiet mit deutlichem Praxisbezug. Leiter war von 2009 bis 2020 Vincent Kaufmann.Center for Book and Publishing Studies St. Gallen:

Methoden der Buchwissenschaft Historisch-hermeneutische Buchforschung Typenkunde und analytische Druckforschung

Spezifisch buchwissenschaftliche Methoden sind im Kontext der materiellen, physischen Erschließung und hier besonders für das gedruckte Buch der Handpressenzeit entwickelt worden. Im Zusammenhang mit der im 18. Jahrhundert einsetzenden Katalogisierung und bibliographischen Beschreibung von Inkunabeln (Inkunabelforschung) entstand u. a. die von Robert Proctor und Karl Haebler entwickelte Typenkunde als Methode, die Vielfalt der Inkunabeldruckschriften systematisch zu erfassen und zu klassifizieren. Bei Drucken ohne Impressum konnten so Druckwerkstätten ermittelt und das Jahr oder der Zeitraum, in dem das Buch gedruckt wurde, ermittelt werden. Die Descriptive Bibliography/Analytical Bibliography (u. a. Ronald B. McKerrow, Philip Gaskell und Martin Boghardt) entwickelte die Methode für Drucke aus dem 16. bis zum 19. Jahrhundert weiter. Im Mittelpunkt steht der Vergleich von möglichst vielen Exemplaren einer Auflage. Varianten im Druck und im Text geben Hinweise zum Produktionsprozess und zur Organisation der Druckwerkstatt. Auch für literaturwissenschaftliche Probleme bei einer unklaren Druck- oder Ausgabengeschichte kann die Methode herangezogen werden. Die von Marianne Bockelkamp und Louis Hay initiierte Analytische Handschriftenforschung untersucht in Anlehnung an die Analytische Druckforschung bes. an literarischen Werken des 19. und 20. Jahrhunderts die gesamte schriftliche Überlieferung (u. a. Entwürfe, Druckmanuskripte, Korrekturabzüge), um die Genese eines Werks bis zum Druck zu dokumentieren.

Papier- und Wasserzeichenkunde