mini|Ein Kind mit Pocken Als Pocken, Blattern oder Variola (), genannt auch Pockenkrankheit, bezeichnet man eine für den Menschen gefährliche und lebensbedrohliche Infektionskrankheit, die von Pockenviren (Orthopox variolae, Spezies Orthopoxvirus variola) verursacht wird. Durch ihre hohe Infektiosität und Letalität gehört die Erkrankung zu den gefährlichsten des Menschen. Das für die Erkrankung typische und namensgebende Hautbläschen wird als Pocke oder Blatter bezeichnet.

Seit den letzten Erkrankungen im Jahr 1977 in Somalia sowie von Janet Parker 1978 sind keine neuen Pockenfälle mehr aufgetreten; der letzte Fall in Deutschland trat im Jahr 1972 auf. Durch ein konsequentes Impf- und Bekämpfungsprogramm der WHO und anderer Gesundheitsorganisationen konnte die WHO das Pockenvirus am 26. Oktober 1979 für ausgerottet erklären.Minute 39:39

Etymologie Der Name „Pocken“ ist erstmals in einer angelsächsischen Handschrift aus dem 9. Jahrhundert am Ende eines Gebets belegt: … geskyldath me wih de lathan Poccas and with ealle yfeln. Amen. („… beschützt mich vor den scheußlichen Pocken und allem Übel. Amen.“) Das Wort Pocke kommt aus dem Germanischen und bedeutet „Beutel“, „Tasche“, „Blase“, „Blatter“ (mittelhochdeutsch blātere). Es ist mit den , , und verwandt. Im Englischen wurden zur Unterscheidung von der Syphilis („great pockes“ bzw. „great pox“) die Pocken seit Ende des 15. Jahrhunderts als „small pockes“ (bzw. „smallpox“) bezeichnet; im Französischen heißen sie dementsprechend petite vérole im Gegensatz zur „grosse Vérole“,Walther Schönfeld: Einleitung. In: Girolamo Fracastoro: Syphilidis sive morbi gallici libri tres. in der Übersetzung von Ernst Alfred Seckendorf (1892–1943), eingeleitet von Walther Schönfeld, Lipsius & Tischer, Kiel 1960, S. 5–20, hier: S. 13 (= Schriftenreihe der Nordwestdeutschen dermatologischen Gesellschaft, Heft 6). dem Ausschlag bei Syphilis.

Die Bezeichnung variola (von lateinisch ‚bunt‘, ‚scheckig‘, ‚fleckig‘) wurde von Bischof Marius von Avenches (heute Schweiz) um 571 n. Chr. geprägt und soll im 11. Jahrhundert der Krankheit auch von dem Arzt und Übersetzer Constantinus Africanus gegeben worden sein.Ernest Wickersheimer: L’apparition de „variola“ dans le vocabulaire médical. In: Nova Acta Leopoldina, Neue Folge, Band 27, Leipzig 1963, S. 175–181.

Erreger

mini|Pockenviren mit äußerer Virushülle und zusätzlich innenliegender, sanduhrförmiger Membranstruktur, TEM-Aufnahme Die Erreger der Pocken beim Menschen ist das Pockenvirus (Variola-Virus) aus der Gattung Orthopoxvirus (Spezies Orthopoxvirus variola, früher Orthopoxvirus variolae). Pockenviren sind mit 200 bis 400 nm die größten bekannten animalen Viren. Diese Viren sind auch hinsichtlich ihrer DNA-Replikation im Cytoplasma im Vergleich zu anderen DNA-Viren ungewöhnlich. Eine mit einem Pockenvirus infizierte Zelle weist eine DNA-Synthese in einer „Virusfabrik“ außerhalb des Kerns auf,Pockenviren. In: Lexikon der Biologie, Spektrum.de, 1999 was sonst nur in intrazellulären Organellen wie Mitochondrien (und bei Pflanzen in Chloroplasten) oder bei der Reifung des Hepatitis-B-Virus innerhalb des Kapsids im Cytoplasma vorkommt. Für Pockenviren ist eine zweite Membranstruktur innerhalb des Virions charakteristisch, die innerhalb der Virushülle liegt und während des Zusammenbaus des intrazellulären Viruspartikels de novo um das Kapsid herum synthetisiert wird.

Erkrankung medizinischer Name Erreger Sterblichkeit Echte Pocken Variola vera, Variola major Orthopoxvirus variolae alias Variola virus Pockenvirus 10…90 % – je nach Stamm Weiße Pocken Variola minor, Alastrim Orthopoxvirus variolae var. alastrim Kaffernpockenvirus 1…5 % Ostafrikanische Pocken Schwarze Blattern Variola haemorrhagica ? 5 %

Tierpocken Neben den Pockenerkrankungen des Menschen gibt es auch bei einer Reihe von Tieren durch verwandte Viren ausgelöste Erkrankungen. Die ebenfalls durch Orthopox-Viren hervorgerufenen Tierpocken – die sogenannten „Säugerpocken“ wie Kuhpocken, Mpox (Affenpocken), Katzen-, Kamel- und Mäusepocken – sind mit Ausnahme der Mäusepocken prinzipiell auch für den Menschen pathogen.Alfred D. Steinberg: Recent Worldwide Research on Animal Pox Viruses. (PDF; 360 kB) Open Source Center, Januar 2008 Sie sind also Zoonosen und daher meldepflichtige Tierkrankheiten, lösen aber meist nur leichte Erkrankungen aus. Die übrigen durch Pockenviren hervorgerufenen Tierkrankheiten wie Schweine-, Schaf- und Ziegen-, Euter- und Vogelpocken, Myxomatose, Kaninchenfibromatose, Stomatitis papulosa der Rinder sind dagegen streng wirtsspezifisch und für den Menschen ungefährlich.

Von besonderer Bedeutung ist der Erreger der Kuhpocken Orthopoxvirus vaccinia, der mit dem Variolavirus eng verwandt ist, beim Menschen aber nur eine leichtere Krankheit auslöst. Dafür ist der Patient nach einer Ansteckung mit Kuhpocken gegen die echten Pocken immunisiert. Deshalb wurden Varianten von Vaccinia für die Pockenimpfung verwendet. Das Erregerreservoir stellen vermutlich Nagetiere dar, und ein wichtiger Überträger auf den Menschen sind Katzen (→ Katzenpocken). Bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem (zum Beispiel durch AIDS oder eine hochdosierte Kortisonbehandlung) können durch Katzen übertragene Kuhpockeninfektionen auch tödlich enden.

Die Bläschenkrankheit der Schlangen wird fälschlicherweise auch als „Pocken“ oder „Wasserpocken“ bezeichnet. Sie ist jedoch keine Viruserkrankung, sondern eine bakterielle Hautentzündung infolge schlechter Haltungsbedingungen.

Übertragung Pocken können direkt von Mensch zu Mensch durch Tröpfcheninfektion beim Husten übertragen werden. Daneben kann die Ansteckung auch durch Einatmen von Staub passieren, der z. B. beim Ausschütteln von Kleidung oder Decken Pockenkranker entsteht.

Krankheitsverlauf mini|Im Gegensatz zu den Windpocken sind bei Pocken vor allem stärker die Extremitäten und das Gesicht vom Hautausschlag betroffen.

Die Inkubationszeit beträgt ein- bis zweieinhalb Wochen, meistens jedoch 12 bis 14 Tage. Bei Beginn der Erkrankung kommt es zu schwerem Krankheitsgefühl, Kopf- und Rückenschmerzen mit hohem Fieber (Pockenfieber) und Schüttelfrost, ferner tritt ein Rachenkatarrh auf. Zu diesem Zeitpunkt ist der Patient hochinfektiös. Bei den Pocken ist ein biphasischer Fieberverlauf typisch: Nach ein bis fünf Tagen sinkt das Fieber und steigt nach einem Tag wieder an. Nun kommt es zu den typischen Hauterscheinungen.Hahn: Medizinische Mikrobiologie und Infektiologie. 6., komplett überarbeitete Auflage. Springer, 2009, ISBN 978-3-540-46359-7, S. 588.

Die Reihenfolge, in welcher die Hauterscheinungen (Effloreszenzen) auftreten, ist dabei typisch: Makula (Fleck) → Papel → Vesikel (Bläschen) → Pustel (Eiterbläschen) → Kruste. Die verschieden lokalisierten Hauteffloreszenzen sind, im Gegensatz zu den Effloreszenzen bei Windpocken, nacheinander alle im gleichen Stadium. Sie treten fast am gesamten Körper auf, wobei Kopf, Hände und Füße am stärksten, Brust, Bauch und Oberschenkel nur schwach betroffen sind. Ausgenommen sind die Achselhöhlen und Kniekehlen. Die eitrige Flüssigkeit in den Pusteln verbreitet einen sehr unangenehmen Geruch. Bei einem weniger schweren Krankheitsverlauf trocknen die Pusteln etwa zwei Wochen nach Ausbruch der Krankheit nach und nach ein und hinterlassen deutlich erkennbare Narben. In schwereren Fällen können Erblindung, Gehörlosigkeit, Lähmungen, Hirnschäden sowie Lungenentzündungen auftreten. Oft verläuft die Krankheit tödlich. Die geschätzte Letalität der unbehandelten Pocken liegt bei etwa 30 Prozent.

Impfung mini|Impfung gegen Pocken mit Impfpistole (Niger, 1969)

mini|Impfzertifikat über die erfolgte Pockenimpfung

Gegen Pocken gab es vor der Zulassung von Tecovirimat im Januar 2022 kein bekanntes Heilmittel, nur eine vorbeugende Impfung war möglich; sie kann ihre Schutzwirkung auch noch entfalten, wenn sie bis etwa fünf Tage nach der Infektion vorgenommen wird. Die Pockenimpfung ist eine Lebendimpfung und gilt als gut verträglich.Netdoktor.de abgerufen am 10. Mai 2024.

Am 18. April 1801 hatte Johann Friedrich Küttlinger erfolgreich eine Pockenimpfung bei dem Sohn des Schulleiters Degen im mittelfränkischen Neustadt an der Aisch durchgeführt.Max Döllner: Entwicklungsgeschichte der Stadt Neustadt an der Aisch bis 1933. Ph. C. W. Schmidt, Neustadt a. d. Aisch 1950; Neuauflage ebenda 1978, ISBN 3-87707-013-2, S. 322 und öfter. Am 26. August 1807 wurde in Bayern als weltweit erstem Land eine Impfpflicht eingeführt. Baden folgte 1809, Preußen 1815, Württemberg 1818, Schweden 1816, England 1867 und das Deutsche Reich 1874 durch das Reichsimpfgesetz. Im lutherischen Schweden hatte die protestantische Geistlichkeit bereits um 1800 eine Vorreiterrolle bei der freiwilligen Pockenschutzimpfung inne.Anders Jarlert: Sveriges Kyrkohistoria. Band 6. Stockholm 2001, S. 33–54. In Liechtenstein war die erste Impfung 1801 vorgenommen worden, ab 1812 galt eine gesetzliche Impfpflicht.Rudolf Rheinberger: Zum 200. Geburtstag von Landesphysikus Gebhard Schaedler. In: Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein. Band 76. 1976, S. 337–343.

Die ab 1967 weltweit von der Weltgesundheitsorganisation vorgeschriebene Impfpflicht gegen Pocken endete in Westdeutschland 1976, bis 1983 erfolgten nur noch Wiederholungsimpfungen (außer für Risikopersonen). In der DDR wurde die Pflichtimpfung gegen Pocken 1982 aufgehoben, bereits ab 1980 fanden keine Erstimpfungen mehr statt. In Österreich endete die Impfpflicht 1981. Die Impfung wurde typischerweise mit einer Impfpistole oder Lanzette meist am Oberarm ausgeführt, wo sich an der Einritzstelle durch die resultierende, gewollte Infektion in der Regel eine Pustel und daraus schließlich eine rundliche vertiefte Impfnarbe bildete, die bis heute bei vielen geimpften Menschen zu sehen ist. In manchen Ländern war es in Zeiten der Impfpflicht bei der Einreise erforderlich, die Impfnarbe vorzuzeigen.

Variolation – Impfung durch Variolaviren