mini|Syrisch-orthodoxer Priester bei der Göttlichen Liturgie Priester oder Priesterin ist eine Bezeichnung für Spezialisten für religiöse Fragen, die den Kultus verwalten sowie Lehre und Tradition bewahren. Im Gegensatz zu bestimmten religiösen Charismatikern wie etwa Schamanen, Sehern oder Propheten erhalten sie eine Art von Ausbildung und Einsetzung in ihr Amt, dem die Mitglieder der betreffenden Religionsgemeinschaft Heiligkeit zuschreiben.Franz-Joseph Post: Schamanen und Missionare. Katholische Mission und indigene Spiritualität in Nouvelle-France (= Europa - Übersee. Band 7). Doktorarbeit Universität Münster 1996. Lit, Münster 1997, ISBN 978-3-8258-2881-3, S. 48 ff. und 54–55. Priestertum wird oft nach außen über Besonderheiten der Lebensweise und der Kleidung kenntlich gemacht.
Die Bezeichnung Priester „Priester“ ist im Deutschen und anderen europäischen Sprachen ein Lehnwort. Im Neuen Testament wird „Älterer“ im Sinne einer Amtsbezeichnung (wie lateinisch Senator) verwendet, sowohl für die Vorsteher einer Synagoge, Mitglieder des Jerusalemer Synhedriums als auch für städtische Behörden. In urchristlichen Gemeinden war Presbyter ein Ehrentitel.Bauer/Aland, Griechisch-deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur. De Gruyter, 6. völlig neu bearbeitete Auflage Berlin / New York 1988, Sp. 1402f. Als Bezeichnung für den christlichen Amtsträger wurde das griechische Wort als presbyter ins Lateinische übernommen und gelangte von dort aus in alle romanischen Sprachen. Die Entlehnung ins Deutsche (althochdeutsch priastar und altsächsisch prēstar) erfolgte nach der hochdeutschen Lautverschiebung, also im frühen 8. Jahrhundert.Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. De Gruyter, 21. Auflage Berlin/New York 1975, S. 565. Trotz seiner Herkunft aus dem Christentum bezeichnet der Begriff „Priester“ nach Einschätzung von Manfred Hutter etwas, was für religiöses Spezialistentum allgemein kennzeichnend ist: „soziales Alter“, damit verbunden der Anspruch auf Kompetenz. Da Priester sich hinsichtlich des „sozialen Alters“ unterscheiden, tendieren Priestergruppen zu Hierarchienbildung.Manfred Hutter: Priests, Prophets, Sorcerers. Oxford/New York 2016, S. 604.
Religionswissenschaftliche Definition Aus religionswissenschaftlicher Sicht ist es problematisch, ein Konzept von Priestertum, das aus dem Christentum (genauer: dem Katholizismus) stammt, auf andere Religionen und Kulturen weltweit zu übertragen, wie es forschungsgeschichtlich geschehen ist. Es wäre daher besser, statt von Priestern in neutraler Weise von religiösen Spezialisten zu sprechen. Als Priester werden üblicherweise religiöse Spezialisten bezeichnet, auf die folgendes zutrifft:
Die angehenden Priester erfüllen bestimmte Zugangsvoraussetzungen, die je nach Religion unterschiedlich sind: Geschlecht, Abstammung aus bestimmten Familien, körperliche Unversehrtheit., hier Sp. 1645. Sie bereiten sich, im Gegensatz zu Charismatikern, auf eine traditionell geregelte Weise auf ihre Aufgaben vor. Das kann an bestimmten Orten (Tempel, Priesterseminar) stattfinden. Dann werden sie durch eine Zeremonie ermächtigt, ihre priesterlichen Aufgaben zu erfüllen. (Dieses Verfahren gewährleistet, dass die mit dem Priestertum verbundene Macht in bestimmten Familien verbleibt; es entstehen Priesterdynastien.) Falls das Priestertum nicht erblich ist, bedeutet diese Initiation zugleich den Wechsel der sozialen Gruppe, eventuell den Bruch mit der Herkunftsfamilie. Falls das Priestertum erblich ist, kann die Initiation Bedingung sein, um den Priesterdienst ausüben zu dürfen.Manfred Hutter: Priests, Prophets, Sorcerers, Oxford / New York 2016, S. 602f. Die Angehörigen des Priesterstands haben eine „Heiligkeit kraft des Amtes“, die auch nach außen gezeigt wird, etwa über die Kleidung. Für sie gelten besondere Regeln der Lebensführung (Speise- und Reinheitsvorschriften, Beschränkungen der sozialen Kontakte, Kleiderregeln, Zölibat). In manchen traditionalen Gesellschaften empfangen Priester für ihre Dienste Abgaben und sind dadurch auf eine bestimmte Weise in das Wirtschaftsleben einbezogen.Manfred Hutter: Priests, Prophets, Sorcerers, Oxford / New York 2016, S. 603.
Priester nehmen vielfältige Aufgaben wahr. In Tempeln sind sie für den Opferkult zuständig, können dort aber auch anderen Tätigkeiten nachgehen (Studium heiliger Texte, Deutung von Omina). Bei anderen Zusammenkünften können sie als Leiter auftreten und z. B. einen Segen spenden. Vielfältige weitere Tätigkeiten in Verwaltung, Rechtsprechung, Bildung, Wirtschaftsleben zeigen den Priester in einer Mittlerfunktion zwischen Heilig und Profan bzw. zwischen der transzendenten Welt und der Alltagswelt. Priester tragen zur Stabilisierung einer Gesellschaft bei, indem sie die Einhaltung von Normen überwachen und außerordentliche Ereignisse wie Naturkatastrophen religiös deuten. Sie können ihre religiöse Macht aber auch kritisch gegen das herrschende System einsetzen. In modernen Gesellschaften werden Priester vor allem als religiöse Dienstleister angesehen., hier Sp. 1646.
In fast allen Religionen gibt es Menschen, die durch besondere Kenntnisse, Fähigkeiten, Vollmachten und göttliche Kräfte eine Verbindung zwischen dem göttlichen Bereich und der Alltagswelt der Menschen vermitteln und dadurch als göttlicher Stellvertreter ordnen, heilend wirken oder Erkenntnisse gewinnen. Aus diversen Geisterbeschwörern hat sich in den Hochkulturen in der Regel im Umfeld der Tempel ein Priesterstand mit genau geregelten Rechten und Pflichten entwickelt (siehe Geschichte der Religion).
Bei der Einordnung in das religionswissenschaftliche Typen-Modell religiöser Autoritäten ergeben sich für den Priester gewisse Überschneidungen zu anderen Typen, die, neben der allgemeinen Unschärfe des Modells, vor allem auf die Schwierigkeiten zurückzuführen sind, die sich ergeben, wenn der Begriff des Priesters aus den Mittelmeerreligionen auf vollkommen anders strukturierte Religionen (beispielsweise aus Fernost oder Nordamerika) übertragen wird.
mini|Relief am Kalabscha-Tempel: Horus und Thot reinigen den Pharao In Gesellschaften, in denen es nicht zur Ausbildung eines Priesterstandes gekommen ist, aber auch in solchen, in denen dieser Schritt vollzogen ist, gibt es gewisse „Vorstufen“ zum Priestertum. So ist in vielen Ethnien der „Hausvater“ (pater familias) oder das Oberhaupt einer Sippe mit der Wahrnehmung sakraler Funktionen betraut. In archaischen Kulturen war die Ausübung priesterlicher Aufgaben ursprünglich dem König vorbehalten, der sie aber mit der zunehmenden Differenzierung des religiösen Kultes an untergeordnete Priester delegiert hat. Ein in solcher Weise ausgeprägtes Priestertum wird zuerst für die Jungsteinzeit und die sich daran anschließende Bronzezeit im östlichen Mittelmeerraum angenommen. Das Gottkönigtum eines Pharao, Sohn, Abgesandter, Mittler und Nachfolger der Gottheiten, ist ein Beispiel.
Der Typ des Priesters ist in schriftlosen Kulturen oftmals nicht klar zu trennen von Geisterbeschwörern – also Medizinleuten, Zauberern oder Schamanen. Vom Grundsatz her haben Geisterbeschwörer jedoch charakteristischerweise mit unpersonalen Mächten oder Kräften zu tun, die sie beherrschen müssen, statt über einen Kultdienst in einer personalen Beziehung zu einer Gottheit zu stehen (siehe dazu: Abgrenzungsproblematik; Beispiel Schamane und Priester).
Auch Mönche verschiedener Religionen hatten ursprünglich nicht die kultische Mittlerfunktion des Priesters, doch können sie, wie beispielshalber im Buddhismus, priesterliche Funktionen übernehmen und so aus ihrer ursprünglichen Funktion in ein Priestertum „hineinwachsen“. Dieser Schritt wird häufig als Ursprung des Priestertums betrachtet. Typologisch charakteristisch ist jedoch, dass der Mönch die göttliche Kraft oder Gnade aus seiner Lebensführung bezieht und nicht wie der Priester, der sie aufgrund seines Amtes erhält.
Die Aufgaben, die dem Priester zugeordnet sind, differieren je nach Religion. Grundsätzlich nimmt der Priester jedoch stets eine Mittlerfunktion zwischen dem Göttlichen und den Menschen ein. Dabei ist er wechselseitig mit Stellvertretung der Gottheit gegenüber den Menschen und der Menschen gegenüber der Gottheit betraut: Er tut den göttlichen Willen kund, bewahrt das heilige Wissen und vermittelt etwa die göttlichen Gnadenerweise. Als Stellvertreter der Menschen handelt er durch die Leitung von Opferritualen und Gebeten an die Gottheit(en).
Als Kultdiener vollzieht er die kultischen Handlungen zumeist in einem engen räumlichen Zusammenhang mit einem Tempel, Altar oder Naturheiligtum. Dort opfert er und leitet die Riten, verliest die heiligen Schriften und bewahrt den Kultort vor dem Eindringen Unbefugter.
Zusätzlich zu diesen beiden Bereichen treten diverse andere Aufgaben hinzu, die jedoch nicht ausschließlich priesterlich sind: Dazu zählen psychische und medizinische Betreuung der Gläubigen, das Verkünden von Prophezeiungen oder – vor allem in ethnischen Religionen – die Beschwörungen der Gottheit oder anderer Geistwesen. Darüber hinaus sind die Priester in missionierenden Religionen gleichzeitig Lehrer und Missionare und übernehmen administrative Aufgaben oder die Rechtsprechung.
mini|hochkant|Priesterin der ägyptischen Göttin Isis mit einem Bronzegefäß. Museo Archaeologico Regionale, Palermo, Sizilien. Die Initiation der Priester erfolgt entweder über eine leibliche oder eine geistige Abfolge (Sukzession). In beiden Fällen ist wichtig, dass die Auswahl dabei nicht durch menschlichen Willen, sondern durch göttliche Kraft fällt. Bei der leiblichen Sukzession wird das Priesteramt innerhalb einer Familie vom Vater an den Sohn vererbt und weitergegeben. Der Vater weiht den Sohn in das priesterliche Wissen und eine eventuelle Geheimlehre ein. Die geistige Sukzession unterscheidet sich nur dahingehend, dass der Priester nicht durch Geburt, sondern durch eine besondere Weihe in das Priestertum aufgenommen wird und daher nicht in einer leiblichen, sondern über seinen „Weihevater“ in einer geistigen Ahnenreihe steht. Dabei werden die potentiellen Bewerber gezielt ausgewählt und im Hinblick auf ihre spätere Aufgabe erzogen, eventuell sogar in einer eigens dafür geschaffenen Institution. Die Ausbildung erstreckt sich dabei in erster Linie auf das Wissen um die korrekte Verrichtung des Kultes. Das Erlernen einer vielfach vorhandenen alten Kultsprache, des richtigen Ablaufs der verschiedenen Riten und der oft umfangreichen Gebetstexte steht im Vordergrund. Daneben ist die Priesterschaft einer Kultur aber oft auch ein Kulturträger ersten Ranges und wird in vielen anderen Bereichen zusätzlich ausgebildet. Dazu zählen bevorzugt Astronomie (Priesterastronom), Mathematik, Zeitrechnung, Medizin, Krankenpflege, Schrift, Kartografie und Geschichtsschreibung. Nicht selten waren Mönche, Äbte und Priester in der Geschichte auch mit Erfolg technisch und naturwissenschaftlich tätig; mehrere wichtige Erfindungen und Entdeckungen gehen auf sie zurück, siehe etwa Roger Bacon, Nikolaus von Kues, Christoph Scheiner, Nikolaus Kopernikus, Johann Adam Schall von Bell, Athanasius Kircher, Christophorus Clavius, Marin Mersenne, Caspar Schott, Claude Chappe, Gregor Mendel, Sebastian Kneipp und Georges Lemaître.