mini|Drei Ansichten des Piltdown-Schädels: Rekonstruktion aus dem Jahr 1915 von James Howard McGregor mini|Nachbildung des Piltdown-Schädels Als Piltdown-Mensch wurden die vermeintlichen Überreste eines Frühmenschen bekannt, die angeblich zwischen 1908 und 1913 in einer Kiesgrube bei dem Dorf Piltdown in der Nähe von Uckfield in Südostengland gefunden und 1953 als wissenschaftliche Fälschung entlarvt wurden. Die Fragmente eines Schädels und eines Unterkiefers wurden von den damaligen britischen Experten für Überreste eines bisher unbekannten Vorfahren des anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) gehalten. Sie gaben diesem „Frühmenschen“ den Artnamen ‚Eoanthropus dawsoni‘ (etwa „Dawsons Mensch der Morgenröte“), zu Ehren seines Entdeckers Charles Dawson (1864–1916), eines britischen Rechtsanwalts und Fossiliensammlers. Aus dem Fund wurden komplexe, letztlich irrige Hypothesen zur Herkunft und Evolution des Homo sapiens abgeleitet.
Frühe Zweifel an der Echtheit des Fundes und, nach dem Beweis der Fälschung, die Suche nach deren Urheber währten über Jahrzehnte und brachten einen umfangreichen Bestand an Literatur hervor.
Historischer Hintergrund Zur Zeit der Piltdown-Funde waren nur wenige Überreste von Frühmenschen gefunden worden; zu den bekanntesten zählten der Neandertaler aus der Nähe von Düsseldorf (das Fossil Neandertal 1, 1856), der Java-Mensch (1891), der Unterkiefer von Mauer (1907) und der Neandertaler-Fund La Chapelle-aux-Saints 1 (1908) aus Frankreich. Die Wissenschaftler interpretierten die Funde zumeist als Übergangsformen zum modernen Menschen, allerdings erlaubten die spärlichen Funde noch eine Vielzahl von Deutungen, so auch in der Frage, in welcher Reihenfolge die Entwicklungsschritte auf dem Weg zum modernen Menschen erfolgten. Der Fund von Piltdown schien diese Frage ein für alle Mal beantworten zu können und war schon von daher eine sensationelle Entdeckung. Daraus erklärt sich wohl seine schnelle Akzeptanz, obwohl bereits die Fundumstände dubios blieben.
Die besonderen Merkmale des Fundes waren sein hohes Alter, das auf rund 500.000 Jahre geschätzt wurde, eine große, schon dem modernen Menschen ähnelnde Schädelkapsel und ein noch primitiver Unterkiefer, der an den eines Menschenaffen erinnerte. Aus dieser Kombination wurden – insbesondere von englischsprachigen Wissenschaftlern – weitreichende Schlussfolgerungen zur Stammesgeschichte des Menschen abgeleitet, unter anderem, dass die Entwicklung zum modernen Menschen in Europa stattgefunden habe und sich beim Menschen bereits sehr früh ein großes Gehirn entwickelte. Die ersten Australopithecus-Funde, so das Kind von Taung (1924), wurden daher von britischen und US-amerikanischen Paläoanthropologen jahrzehntelang nicht als Vormenschen anerkannt, da sie aus Afrika stammten und nur sehr kleine Gehirne besaßen.
Deutsche und französische Forscher hatten hingegen aufgrund genauer Kenntnis der Neandertaler-Funde von Beginn an Zweifel an der Aussagekraft der Piltdown-Fragmente. Auch im Licht späterer Fossilfunde aus Asien und Afrika konnte der Piltdown-Mensch sich bestenfalls als rätselhafter Nebenast im Stammbaum des Menschen behaupten, da jene einen völlig anderen Entwicklungsweg zum modernen Menschen belegten, insgesamt jünger und mit spät einsetzender Vergrößerung des Gehirnvolumens. Die Bedeutung des Piltdown-Menschen blieb gleichwohl 40 Jahre lang umstritten, bis er 1953 als Fälschung entlarvt wurde.
Die Piltdown-Funde werden in den Archiven des Natural History Museum in London aufbewahrt.
Entdeckung mini|hochkant=1.7|Das Gemälde aus dem Jahr 1915 zeigt (von links) stehend: Frank O. Barlow, Grafton Elliot Smith, Charles Dawson, Arthur Smith Woodward; sitzend: Arthur Swayne Underwood, Arthur Keith, William Plane Pycraft und Ray Lankester.
Die genauen Umstände, unter denen der Piltdown-Schädel entdeckt worden ist, wurden nur unzureichend dokumentiert.Die Fundgeschichte folgt der Übersicht unter dem Stichwort Piltdown in Bernard Wood: Wiley-Blackwell Encyclopedia of Human Evolution. Wiley-Blackwell, 2011, ISBN 978-1405155106. Charles Dawson zufolge wurde ihm 1908 bei einem Besuch der Piltdown-Kiesgrube von einem Arbeiter das Fragment eines ungewöhnlichen Hohlkörpers („hollow object“) übergeben, den er als ein ungewöhnlich dickes, menschliches Scheitelbein interpretierte. Er habe daher in den folgenden Jahren die Kiesgrube wiederholt aufgesucht. Im Herbst 1911 habe er bei solch einem Besuch „ein größeres Stück desselben Schädels“ aus dem Bereich oberhalb der Augenhöhle und kurz darauf den Zahn eines Nilpferds entdeckt. Dawson war seit 1884 ehrenamtlicher Fossiliensammler des British Museum, weswegen es naheliegend war, dass er dem Kustos der geologischen Abteilung des Museums, Arthur Smith Woodward, über seine Funde berichtete. Woodward war an den Fundstücken sehr interessiert und ließ sich daher am 2. Juni 1912 von Dawson – in Begleitung von Pierre Teilhard de Chardin – die Fundstelle zeigen. Dawson entdeckte bei diesem Besuch ein drittes Schädelfragment. Bei einem weiteren Besuch der Kiesgrube entdeckte Dawson in Anwesenheit von Smith Woodward Ende Juni 1912 die linke Hälfte eines Unterkiefers, bei dem der Gelenkansatz fehlt, und kurz darauf drei Bruchstücke des Scheitelbeins sowie das Fragment eines Hinterhauptbeins. Im Juli 1913 sammelte Dawson schließlich noch zwei Knochen aus dem Bereich der Nase auf, und am 30. August 1913 fand Teilhard de Chardin einen stark abgekauten Eckzahn (was auf ein hohes Lebensalter seines einstigen Besitzers schließen ließ), dessen Wurzelhöhle jedoch – wie bei einem sehr jungen Menschen – noch unverschlossen war. Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald: Begegnungen mit dem Vormenschen. dtv, München 1965, S. 153.
Veröffentlichung Am 18. Dezember 1912 gaben Arthur Smith Woodward und Charles Dawson während eines Treffens der Geological Society of London bekannt, die Schädelfragmente seien ein epochemachender Fund. Die von Woodward anhand der gefundenen Fragmente angefertigte Rekonstruktion ähnelte weitgehend dem Schädel eines modernen Menschen, mit Ausnahme des Occiput, einer Region am Übergang des Schädels zur Wirbelsäule, sowie der Größe des Gehirns, die nur ungefähr zwei Drittel eines modernen Menschen betrage, und der nur annähernd menschenähnlichen Zähne und des Kieferknochens, der sich nicht von dem eines heutigen jungen Schimpansen unterscheide. Gestützt auf die hohe wissenschaftliche Autorität des British Museum interpretierte Woodward die Funde von Piltdown als ein Missing Link zwischen Menschenaffe und Mensch. Die Gelehrten des Natural History Museum in London schrieben – trotz anfänglicher Zweifel – dem Fund ein Alter zwischen 200.000 und 500.000 Jahren zu. Damit wäre er wesentlich älter gewesen als der Neandertaler. Die Bekanntgabe der Entdeckung fand sofort ein großes Interesse sowohl in der Fachwelt als auch in der britischen Bevölkerung: Die Tageszeitung Manchester Guardian hatte bereits am 21. November 1912 über den Fund berichtet, mit der Folge, dass das Treffen der Geological Society of London so gut besucht war wie keines zuvor. Die Meldung des Piltdown-Fundes ging als Sensation um die ganze Welt. Über 500 wissenschaftliche und publizistische Veröffentlichungen beschäftigten sich mit ‚Eoanthropus dawsoni‘,Vgl. etwa die ursprünglichen Berichte über die Funde, die sekundäre Berichterstattung und die Überblickswerke, alle auf der Homepage der Clark University zusammengestellt von Charles Blinderman und David Joyce. darunter der Überblick The earliest Englishman von Arthur Smith Woodward, posthum herausgegeben von Arthur Keith.Arthur Smith Woodward: The earliest Englishman. Watts, London 1948 (Volltext).
Vor allem für die britischen und einige US-amerikanische Paläoanthropologen stellte der Fund eine Bestätigung ihrer theoretischen Überlegungen dar, dass die Entwicklung eines großen Gehirns Voraussetzung für die Menschwerdung gewesen sei und das Größerwerden des Gehirns der Ausbildung anderer Merkmale des modernen Menschen (terrestrische Lebensweise, aufrechter Gang, Werkzeuggebrauch, Entwicklung von Sprache und Kultur) vorausgegangen sei. Daher blieb die früh einsetzende Kritik an Woodwards Rekonstruktion der Piltdown-Fragmente weitgehend unbeachtet. Am Royal College of Surgeons wurden beispielsweise Kopien der Fragmente für eine Rekonstruktion verwendet, die hinsichtlich der Größe des Gehirns und anderer Eigenschaften dem modernen Menschen wesentlich stärker ähnelte als jene von Woodward. Das Ansehen, das Woodward unter seinen Fachkollegen genoss, verhinderte jedoch letztlich jede offene Kritik an seiner Rekonstruktion.
1915 behauptete Dawson, Fragmente eines zweiten Schädels an einer Stelle gefunden zu haben, die etwa zwei Meilen vom Ort der ursprünglichen Funde entfernt lag. Nach Dawsons Tod im folgenden Jahr konnte die in Frage kommende Stelle (Piltdown II) nicht mehr exakt identifiziert werden, zudem sind die Funde schlecht dokumentiert. Selbst Woodward scheint den zweiten Fundort nicht besucht zu haben.
Gedenken an die Entdeckung mini|Gedenkstein am Fundort
Am 23. Juli 1938 enthüllte Sir Arthur Keith in der Nähe von Barkham Manor ein Denkmal, um die Stelle zu kennzeichnen, wo der Piltdown-Mensch von Charles Dawson entdeckt wurde. Keith beendete seine Ansprache mit den Worten:
Die (übersetzte) Widmung auf dem Gedenkstein lautet:
Der nahe gelegene Pub wurde zu Ehren des Fundes in „The Piltdown Man“ umbenannt.
Aufdeckung der Fälschung mini|Das Fragment des Unterkiefers des Piltdown-Menschen (Mitte) im Vergleich mit einem Orang-Utan-Kiefer (weiblich, unten) und dem Kiefer eines modernen Menschen (männlich, oben) Die Enthüllung der Piltdown-Fälschung am 21. November 1953 durch Kenneth Oakley, Wilfrid Le Gros Clark und – auf Oakleys Initiative hin – Joseph Sidney Weiner (University of Oxford) wurde in vielen akademischen Kreisen mit Erleichterung aufgenommen.Joseph Sidney Weiner, Kenneth Page Oakley und Wilfrid Le Gros Clark: The Solution of the Piltdown Problem. Bulletin of the British Museum (Natural History), Geology. Band 2, Nr. 3, London 1953, Volltext. Der Piltdown-Mensch war zuvor bereits als Abweichung betrachtet worden, die vollständig im Widerspruch zur wesentlichen Hauptrichtung menschlicher Evolution stand, wie sie zwischenzeitlich an anderen Orten entdeckte fossile Hominini zu zeigen schienen. Die seit Ende der 1940er-Jahre von Kenneth Page Oakley entwickelte Methode, den Fluoridgehalt der Fossilien zu messen (Fluor-Datierung), hatte bereits 1950 für die Piltdown-Funde (Schädel und Unterkiefer) zwar ein annähernd gleiches Alter ergeben, jedoch zweifelsfrei ein weit geringeres Alter als die ursprünglich geschätzte Datierung ins Mittelpleistozän. Kenneth Page Oakley, C. Randall Hoskins: New Evidence on the Antiquity of Piltdown Man. In: Nature. Band 165, 1950, S. 379–382, doi:10.1038/165379a0. Kenneth Page Oakley: Relative Dating of the Piltdown Skull. In: Advancement of Science. Band 6, 1950, S. 343–344, Volltext. Eine Altersbestimmung durch die Radiokohlenstoffdatierung konnte 1959 nachweisen, dass sowohl Schädel als auch Unterkiefer nur wenige hundert Jahre alt waren.Hessel de Vries, Kenneth P. Oakley: Radiocarbon Dating of the Piltdown Skull and Jaw. In: Nature. Band 184, 1959, S. 224–226, doi:10.1038/184224a0. Sie bestätigte folglich, dass der Piltdown-Mensch eine zusammengesetzte Fälschung ist.