mini|Landsknecht Als Landsknecht (frühneuhochdeutsch auch fälschlich Lanzknecht) bezeichnet man einen zu Fuß kämpfenden, zumeist deutschen Söldner des späten 15. und des 16. Jahrhunderts, dessen primäre Waffe nach dem Schweizer Vorbild der Reisläufer die Pike, ein langer Spieß, war. Obwohl Landsknechte im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation ursprünglich als kaiserlich-habsburgische Söldner angeworben wurden, kämpften sie auch für viele andere europäische Herrscher. Sie gelten als Nachfolger der mittelalterlichen Ritter und Vorgänger der Infanterie und galten aufgrund ihrer fortschrittlichen und disziplinierten Kampfweise als besonders schlagkräftig, hatten aber immer auch den Ruf von Plünderern und Marodeuren, die nach ausgebliebenen Soldzahlungen oder bei „Arbeitslosigkeit“ ganze Landstriche verheeren konnten. Das Landsknechtswesen nach dem Vorbild des schweizerischen Kriegswesens entwickelte sich und bestand vor allem während der Regierungszeit Kaiser Maximilians I. und endete um das Jahr 1570.
Entwicklung des Landsknechtwesens
Etymologie Im 15. Jahrhundert bezeichnete der Begriff Lantknecht (bzw. Landknecht) einen Büttel (Gerichtsboten), der auch militärische Tätigkeiten übernahm.
„Knecht“ geht zurück auf das mittelhochdeutsche altsächsische kneht, für Knabe, Jüngling, Nach: Wolfgang Pfeifer et al.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 1993. weist aber schon früh auch auf militärischen Dienst hin. Im Englischen hat sich dieser Begriff als knight über den Reiterkrieger hin zum Adelstitel entwickelt. Im deutschen Sprachraum bezieht sich Knecht besonders auf im Dienst stehende Söldner. So sind die Begriffe Waffenknecht, Fußknecht oder Stadtknecht im Hochmittelalter für angeworbene Söldner gebräuchlich, und auch die Begriffe Seeknecht oder Waldknecht sind für Söldner aus der Bodenseeregion bzw. Böhmen für den Landshuter Erbfolgekrieg 1504 nachweisbar. Auch der Begriff Landsknecht wird im Zusammenhang mit Söldneranwerbungen gelegentlich verwendet, hat aber noch keinen Bezug zu den späteren militärischen Einheiten.
Die besondere Bedeutung des Landsknechts erhält der Begriff erst durch Anwendung auf Mitglieder der neuen militärischen Infanterieformationen, die unter Maximilian in Burgund seit 1482 nach Schweizer Vorbild gebildet wurden. Erstmals urkundlich erwähnt ist die Verwendung des Begriffs Landsknecht (im Sinne von „Knecht deutschen Landes“Günther Franz: Von Ursprung und Brauchtum der Landsknechte. In: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung. Band 61, 1953, S. 79–98, hier: S. 87 und 98.) in den eidgenössischen Abschieden des Jahres 1486Martin Nell: Die Landsknechte. Entstehung der ersten deutschen Infanterie (= Historische Studien. Band 123). Berlin 1914, S. 160 und 281–282. (3. Januar 2010) und meint einen „Söldner, der im Gegensatz zum Schweizer in kaiserlichen Landen geworben ist“.Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg.: Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“): ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 422. Die Bezeichnung wird hier als bewusste Abgrenzung zu den aus dem Gebirge – und nicht vom flachen Land – stammenden als SöldnerVgl. etwa P. de Vallière: Treue und Ehre. Geschichte der Schweizer in fremden Diensten. Verlag von F. Zahn, Neuenburg 1940. tätigen Schweizern verwendet.
Um 1502 taucht auch die Bezeichnung Lanzknecht auf, die wohl den Ursprung in einer lautsprachlichen Schreibweise hat, da die Verbindung des Begriffes Knecht mit einer Waffengattung sonst nicht belegt ist. Durch die Verwechslung der Langspieße (bzw. Piken) mit der Lanze findet dieser Begriff jedoch immer wieder Verwendung.
Seit 1527 ist im italienischen auch die Kürzung Lanz (wohl zu italienisch lanzo, lanzichenecco) als abwertende Bezeichnung, auch für Deutsche allgemein, nachweisbar.Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 1975, S. 422.
Auch nach der Abschaffung der Landsknechte als selbstorganisierte Einheit nach 1570 wird der Begriff für geworbene Söldner weiterverwendet, auch wenn die aus ihnen gebildeten Einheiten im militärischen Sinne keine Landsknechte mehr sind. Der umgangssprachliche Begriff Landser für den deutschen Heeressoldaten des Ersten und Zweiten Weltkrieges leitet sich von Landsknecht ab. Im heutigen Sprachgebrauch wird Landsknecht gelegentlich als Synonym für Söldner verwendet.
Ursprung der Söldnerheere Das Militärwesen des Spätmittelalters basierte auf zwei Säulen: Dem eisengepanzerten Ritter, der als Vasall seines Lehnsherrn getreu seinem Lehenseid in den Kampf zog, begleitet von reisigen Kriegsknechten des eigenen Gefolges. Andererseits dem Defensionswerk oder Volksaufgebot zur allgemeinen Landesverteidigung durch die wehrpflichtigen Männer, das insbesondere die Bürger der Städte zur Verteidigung ihrer Mauern verpflichtete.
Neben diesen feudalistisch geprägten Heeren warben Landesherren und erstarkende Städte in zunehmendem Maß auch besoldete Fußsoldaten für einzelne Feldzüge an und stellten dadurch das Kriegsmonopol des Ritterstandes in Frage. So traten im 12. Jahrhundert die Brabanzonen im heutigen Belgien auf, die für Sold und Beute kämpften, im Hundertjährigen Krieg gefolgt von den Armagnaken aus Frankreich und den Söldnerhaufen unter Führung der italienischen Condottieri, die als Unternehmer die Kriegsgeschäfte der norditalienischen Stadtstaaten erledigten. Solche Söldnerhaufen boten ein buntgemischtes Bild und folgten weder einer einheitlichen Taktik noch einem gemeinsamen Gesetz: Neben militärisch ausgebildeten Berufskriegern wie Sarazenen und Genueser Armbrustschützen strömten Bauernkrieger und Vagabunden zu den Werbern. Viele Schlachten hatten bereits bewiesen, dass eine mit Stangenwaffen ausgestattete, diszipliniert kämpfende Infanterie einer aus Rittern bestehenden, eigenständig agierenden, schweren Reiterei durchaus standhalten konnte. Beispiele dafür waren: zum ersten Mal in der Sporenschlacht von Kortrijk oder Goldene-Sporen-Schlacht vom 11. Juli 1302 (niederländisch Guldensporenslag; auch bekannt als Schlacht der Goldenen Sporen), als ein flämisches Volksheer zu Fuß ein etwa gleich großes französisches Ritterheer vernichtend schlug, die Hussiten, die sich in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, gestützt auf Neuerungen wie Wagenburg und Feuerwaffen, in mehreren Schlachten als militärisch unbezwingbar erwiesen hatten, und die Schweizer Eidgenossen, die 1315 in der Schlacht am Morgarten und 1386 in der Schlacht bei Sempach die habsburgischen Österreicher vernichtend schlugen und 1477 in der Schlacht von Nancy den entscheidenden Sieg über Karl den Kühnen von Burgund erstritten. Hussiten, die aus ihren Wagenburgen heraus kämpften, und Schweizer, die in mehreren tausend Mann starken Gewalthaufen aus Hellebardieren und Pikenieren fochten, inspirierten das Reisläufertum des ausgehenden 15. Jahrhunderts und wurden zum Vorläufer des Landsknechtwesens.
Entstehung des Landsknechtwesens mini|Landsknechte und Türke, Grafik von Albrecht Dürer mini|Landsknechte unterliegen dem schweizerischen Aufgebot bei der Schlacht bei Dornach mini|Albrecht Altdorfers Darstellung vom Triumphzug Kaiser Maximilians nach dem Sieg gegen Venedig
Nach dem Tode Karls des Kühnen von Burgund fiel dessen territoriales Erbe an den Habsburger Maximilian, den Sohn des damaligen Kaisers Friedrich III. Um seine Ansprüche gegen König Ludwig XI. von Frankreich militärisch durchzusetzen, griff Maximilian zunächst auf flämische Aufgebote zurück. Adlige Ritter wie Graf Engelbert von Nassau und der Graf von Remont aus dem Haus Savoyen stiegen vom Pferd und traten selbst in die Reihen der Spießträger ein. Durch den Sieg bei Guinegate konnte Maximilian daher den Großteil seiner neu gewonnenen Gebiete behaupten; um aber weiteren französischen Angriffen begegnen zu können und Druck auf die mächtigen Territorialstaaten Bayern und Böhmen auszuüben, während Kaiser und Reichsaufgebot durch den Krieg mit den Türken in Ungarn gebunden waren, brauchte der Habsburger auch weiterhin ein eigenes schlagkräftiges Heer. Da er dabei nicht auf Vasallen oder auf Aufgebote zurückgreifen konnte, war er gezwungen, eigenständig Kriegsknechte anzuwerben. 1487, nur wenige Monate nach seiner Krönung zum deutschen König, tauchte bei diesen Anwerbungen erstmals der Begriff des Landsknechts auf.
Diese Einheiten wurden in Brügge unter dem Kommando von Graf Eitel Friedrich II. von Hohenzollern sowie schweizerischer Hauptleute ausgebildet und leisteten ab 1490 den Gefolgschaftseid auf Maximilian, der diese als „Kriegsorden“ nach dem Vorbild der bestehenden Ritterorden prägen wollte.
Blütezeit des Landsknechtwesens Als Ende des 15. Jahrhunderts der Konflikt mit der Schweizerischen Eidgenossenschaft zum Schwabenkrieg eskalierte, zogen Maximilians LandsknechteVgl. Wilhelm Erben: Maximilian I. und die Landsknechte. In: Historische Zeitschrift. Band 116, 1916, S. 48–68 . auf Seiten des Schwäbischen Bundes ins Gefecht, der 1488 als Gegengewicht zu den Expansionsbestrebungen der bayerischen Wittelsbacher gegründet worden war. Diese kaiserlich-schwäbischen Truppen mussten im Kampf gegen die Schweizer demütigende Niederlagen hinnehmen. Das begründete den trotz ihrer nahen Verwandtschaft tiefen Hass zwischen deutschen Landsknechten und schweizerischen Reisläufern, der bis zum sogenannten „schlechten Krieg“ entartete, bei dem im Gegensatz zum „guten Krieg“ keine Gefangenen gemacht und der unterlegene oder verwundete Gegner gnadenlos niedergemacht wurde.
Georg von Frundsberg, der am schwäbischen Feldzug teilgenommen und danach in kaiserlichen Diensten gegen die in das Herzogtum Mailand eingefallenen Franzosen gekämpft hatte, stellte im Auftrag Maximilians Landsknechtheere auf. Er bildete diese aufgrund seiner Erfahrungen mit den Schweizer Soldaten aus, deren Taktiken er aufgriff und weiterentwickelte. Frundsberg galt bald als „Vater der Landsknechte“; seine Truppen errangen in den Italienischen Kriegen bedeutende Siege gegen Franzosen und auch Schweizer. Das Verhalten der Landsknechte war von da an von wachsendem Selbstwertgefühl geprägt; sie setzten ihre Forderungen daher umso selbstbewusster auch gegenüber ihrem eigenen Dienstherrn durch, der auf ihren Gehorsam in der Schlacht angewiesen war. Der Vorsturm der deutschen Landsknechte gipfelte schließlich im berüchtigten Sacco di Roma, mit der erbarmungslosen Plünderung Roms im Mai 1527. Fortan verbreiteten Landsknechte Angst und Schrecken. Frundsbergs Tod im Jahre 1528 markierte daher auch einen Wendepunkt in der Geschichte der Landsknechte und der etwa 30 bis 40 Jahren währenden BlütezeitEugen von Frauenholz: Das Heerwesen in der Zeit des freien Söldnertums. Das Heerwesen des Reiches in der Landsknechtszeit. In: Eugen von Frauenholz mit Walter Elze und Paul Schmitthenner (Hrsg.): Entwicklungsgeschichte des deutschen Heerwesens. 5 Bände. München 1935–1941, Band 2.2. München 1937, S. 4, 23 und 25–27. des Landsknechtswesen.
Niedergang des Landsknechtwesens mini|Musketiere und Pikeniere aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges