mini|Weibliche Urogenitalorgane
Die Urologie (von ; ; deutsch eigentlich Harnlehre) ist ein Teilgebiet der Medizin. Sie beschäftigt sich mit den harnbildenden und harnableitenden Organen, also mit Bau, Funktion und ErkrankungenBrockhaus Enzyklopädie, 19. Auflage, Verlag F. A. Brockhaus, Mannheim 1993, 22. Band, ISBN 3-7653-1122-7, S. 708. von Niere, Harnblase, Harnleiter und Harnröhre. Ein Urologe behandelt zudem auch Krankheiten der Geschlechtsorgane des Mannes, also der Hoden, Nebenhoden, Samenleiter, Samenbläschen, des Penis sowie der Prostata, und deckt damit Bereiche der Andrologie ab.
Untersuchung und Behandlung der weiblichen Geschlechtsorgane hingegen liegen in der Zuständigkeit der Gynäkologie und der Urogynäkologie. Naturgemäß ist die Zusammenarbeit mit Neurologen, Onkologen, Venerologen und Chirurgen nötig. Die Urologie steht „zum Teil in Konkurrenz mit der Nephrologie“,Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung 1966–1977, 6. Ordner (S–Zz), München / Berlin / Wien 1974, ISBN 3-541-84006-4, S. U 41 f. diese ist ein Teilgebiet der Inneren Medizin. Zusätzlich bestehen Überschneidungen mit der Reproduktionsmedizin, der Dermatologie und der Endokrinologie.Willibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch. 268. Auflage. Verlag Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2020, ISBN 978-3-11-068325-7, S. 1844.
Behandlungsspektrum Aufgaben der Urologie sind Wissenschaft, Lehre, Diagnose und Behandlung von Krankheiten der Harnorgane und der männlichen Geschlechtsorgane.Peter Reuter: Springer Klinisches Wörterbuch 2007/2008. Springer-Verlag, Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-34601-2, S. 1914.Duden: Wörterbuch medizinischer Fachbegriffe. 10. Auflage, Dudenverlag, Berlin 2021, ISBN 978-3-411-04837-3, S. 827. Dazu gehören konservative und operative endourologische, laparoskopische und offene urologische Therapien und auch Steinzertrümmerungen oder Laserbehandlungen zum Schneiden und Verdampfen unerwünschten Gewebes.
mini|Transurethrale Resektion der Prostata Zum konservativen Spektrum gehören die medikamentösen Behandlungen der Geschlechtskrankheiten im Rahmen der urologischen Venerologie Impotenz (erektile Dysfunktion, Impotentia coeundi, Impotentia generandi, Infertilität, Unfruchtbarkeit, Impotentia ejaculandi, Anejakulation) benignen (gutartigen) Vergrößerung der Vorsteherdrüse (Prostatahyperplasie) Lower Urinary Tract Symptoms (Harnwegsinfekte) Miktionsstörungen (Blasendysfunktion, Blasenentleerungsstörungen, Blasenspeicherstörungen) Blasenschwäche (Blaseninkontinenz, Harninkontinenz) urologischen Karzinome mit Zytostatika (auch Antihormontherapie in der Onkologie) Sexualstörungen zum Beispiel mit Sexualhormonen im Rahmen einer Hormontherapie Ejakulationsstörungen (zum Beispiel retrograde Ejakulation, Ejaculatio praecox oder Ejaculatio retarda) Urolithiasis mit Präparaten zur Chemolitholyse
und nach der Richtlinien der Musterweiterbildungsordnung außerdem die physikalische Therapie des Urogenitaltraktes sowie die Diagnostik psychosomatischer Krankheitsbilder in der Urologie. Die konservative Behandlung in der Urologie umfasst auch Änderungen der Lebensweise und nicht-invasive Maßnahmen, wie beispielsweise Ernährungsumstellungen, Beckenbodenübungen und Gewichtsmanagement.
Zum operativen Spektrum gehören die Behandlung von Prostatatumoren mit sensiblen, nerverhaltenden Operationstechniken, um Wucherungen zu entfernen und gleichzeitig die Erektionsfähigkeit und die Kontinenz zu erhalten. Eingriffe am äußeren Genitale transurethrale Resektionen von gutartigen Prostatawucherungen und Blasentumoren die perkutane Steinsanierung Korrekturverfahren bei Inkontinenz die konventionelle organerhaltende Nierentumorchirurgie die radikale retropubische oder perineale Prostatektomie die Zystektomie (vollständige Entfernung der Harnblase) mit Schaffung einer Harnableitung und einer Ersatzblase aus dem Dünndarm die extrakorporale Stoßwellenlithotripsie von Nierensteinen. die Nierentransplantation einschließlich der Explantation die urologische Wiederherstellungschirurgie (kosmetische Chirurgie, geschlechtsangleichende Maßnahmen) Vasektomien zur Sterilisation (Unfruchtbarmachung) des Mannes Die moderne Urologie nutzt zunehmend minimal-invasive und endoskopische Verfahren, bei denen diagnostische und therapeutische Eingriffe über die natürlichen Harnwege oder über kleine Zugänge durchgeführt werden. Diese Techniken können die Belastung für Patientinnen und Patienten verringern und ermöglichen häufig kürzere Krankenhausaufenthalte sowie verkürzte Erholungszeiten. Minimal-invasive und endoskopische Verfahren gelten als etablierte Behandlungsoptionen und werden in verschiedenen evidenzbasierten Leitlinien, unter anderem der European Association of Urology (EAU), als Standardverfahren für unterschiedliche urologische Erkrankungen beschrieben.
Zum minimal-invasiven Spektrum gehören unter anderem
die minimal-invasive laparoskopische Chirurgie des Retroperitoneums (hinterer Bauchraum) Roboter- und laparoskopische Chirurgie der Prostata, der Niere und des Harnleiters Lasertherapie zur Behandlung von gutartiger Prostatavergrößerung, der benignen Prostatahyperplasie (BPH) Laser-Lithotripsie zur Zertrümmerung von Nieren- und Harnleitersteinen Laserablation von Nieren-, Prostata- und Blasentumoren Flexible Ureteroskopie und andere endoskopische Eingriffe Laparoskopische radikale Prostatektomie und robotergestützte laparoskopische Prostatektomie
Geschichte der Urologie Altertum und Antike Auf einen Ursprung der Beschneidung (Zirkumzision) in der Steinzeit deuten Funde des traditionell verwendeten Werkzeugs. Hier wird vermutet, dass die Prozedur anfänglich der Markierung der Stammeszugehörigkeit diente.Ulrich Zimmermann: Artikel Beschneidung (AT) im Lexikon Bibelwissenschaft Um 2500 v. Chr. führten auch die Chirurgen im Alten Ägypten Beschneidungen durch; sie arbeiteten mit Messern, Skalpellen und Zangen.Zeittafel der Medizingeschichte. Könemann Verlagsgesellschaft, Köln 2000, ISBN 3-8290-2831-8, S. 20. Bei Mädchen nennt man die weibliche Genitalverstümmelung mit Verengung der Vaginalöffnung Infibulation oder pharaonische Beschneidung, bei Jungen sprach man von einer Peritomie (ἡ περιτομη).Ludwig August Kraus: Kritisch-etymologisches medicinisches Lexikon. 3. Auflage, Verlag der Deuerlich- und Dieterichschen Buchhandlung, Göttingen 1844, S. 242 und 762. Digitalisat der Ausgabe von 1844, Internet Archive. Weitere gesundheitliche Risiken und Komplikationen ergeben sich dadurch, dass bei Frauen die Vulva wieder aufgeschnitten werden muss (medizinischer Fachbegriff: Defibulation), um Geschlechtsverkehr zu ermöglichen. Gelingt dem Mann die Öffnung der Vagina durch Penetration nicht, muss die infibulierte Vaginalöffnung mit einem scharfen Gegenstand erweitert werden. Zur Entbindung ist oft eine zusätzliche weiter reichende Defibulation notwendig. Manchmal wird an unbeschnittenen schwangeren Frauen vor der Entbindung eine Infibulation durchgeführt, weil geglaubt wird, dass die Berührung der Klitoris zu Fehlgeburten führt.Comfort Momoh: Female Genital Mutialtion. Redcliffe Publishing, Oxford 2005, ISBN 978-1-85775-693-7, S. 22 und 24 f. In manchen Gegenden folgt nach der Geburt eine erneute Infibulation, Reinfibulation oder auch Refibulation genannt.WHO, Department of Reproductive Health and Research: Eliminating female genital mutilation. An interagency statement – OHCHR, UNAIDS, UNDP, UNECA, UNESCO, UNFPA, UNHCR, UNICEF, UNIFEM, WHO. Genf 2008, ISBN 978-92-4-159644-2, S. 35.
In Papyri des Jahres 1350 vor Christus wurde bei den Ägyptern der sogenannte Samenfluss (griechisch Gonorrhoe, von gonos „Samen“, und rhein „fließen“) des Mannes beschrieben. Auch im Alten Testament „in den Büchern des Propheten Samuel, im fünften Buch Moses, im Buche Levitas wurde bereits der ‚Samenfluß‘ erwähnt.“Günter Ehlers, Rudolf Maximilian Bohnstedt: Venerologie. Medizin von heute. Band 22, Tropon-Werke, Köln-Mülheim 1974, S. 11. In Ägypten um circa 1000 v. Chr. kannte man Blasenkatheter; diese frühen Formen waren aus Bronze. Die Operation von Blasensteinen war hier ebenfalls bekannt. „Erasistratus nannte zuerst das Instrument, um den Stein in der Blase zu untersuchen, Katheter.“Johann Georg Krünitz: Oeconomische Encyclopädie. Berlin 1830, Band 153, S. 5 f. (Stichwort Steinschnitt) und 4–46.
Im antiken Griechenland beschäftigt man sich ebenfalls mit urologischen Erkrankungen. Hippokrates von Kos klassifiziert als erster Störungen des Wasserlassens und unterscheidet hierbei in Dysurie (schmerzhaftes Wasserlassen), Strangurie (tropfenweises Wasserlassen) und Ischurie (Harnverhaltung). Weiterhin beschreibt er ausführlich die Bildung von Blasensteinen. Die operative Entfernung ist seiner Meinung nach für den Arzt nicht ratsam, daher verpflichtet sich der Arzt im hippokratischen Eid, keine Steine zu schneiden. Die damaligen Ärzte verachteten die Steinschneider; nach Avenzoar durften „ehrbare Männer“ den Steinschnitt weder ansehen noch ausüben.Johann Georg Krünitz: Oeconomische Encyclopädie, Berlin 1830, Band 153, S. 5. Stichwort Steinschnitt, S. 4–46. Hippokrates beschäftigte sich auch mit Nierenerkrankungen und deren Therapie bis hin zur operativen Nierenfreilegung und Entfernung bei eitrigen Entzündungen mit Abszessbildung. Da ihm aus religiösen Gründen anatomische Studien an Leichen verwehrt sind, gründen sich seine Lehren auf die genaue Beobachtung der Leidenden.
Die erste anatomische Beschreibung der Prostata stammt von Herophilos von Chalkedon um 300 vor Christus. Diese Beschreibung beruhte auf der Sektion von Leichen. Ammonios von Alexandria verbessert um 250 v. Chr. die Technik der Steinoperation über einen Dammschnitt durch vorherige Zerkleinerung und anschließende Bergung mit einem Haken. Sein Beiname „der Lithotom“ rührt daher.
Archäologische Funde legen nahe, dass schon um das Jahr 7500 v. Chr. die Kastration als Akt der Hingabe wesentlicher Teil des antiken Kybele-Kultes war. Auch Kastrationen aus medizinischen Gründen waren bereits in der Antike bekannt. „Ihre Geschichte reicht bis ins graue Alterthum hinauf und läßt vermuthen, daß die Castration in den Sandwüsten Afrikas, in Aethiopien und Lybien ihren Ursprung genommen habe, zuerst bei Thieren angewendet, dann aber auch auf Jünglinge übertragen wurde, um aus ihnen Frauenwächter für die Harems der üppigen und eifersüchtigen Großen zu bilden. Von Aethiopien aus ging der Gebrauch des Castrirens wahrscheinlich zuerst nach Aegypten und Assyrien über, in welchem erstern Lande die Juden dasselbe kennen lernten, aus deren Gesetzen zugleich die erste Nachricht über die damaligen Castrationsmethoden hervorgeht.“Johann Georg Krünitz: Oeconomische Encyclopädie, Berlin 1855, Band 215, S. 516. Stichwort Verschneiden bei Menschen und Tieren, S. 514–554. Von Lukian stammt die klassisch gewordene Überlieferung über Kombabus, der sich als Reisebegleiter der syrischen Königsgemahlin zuvor aus eigenem Entschluss kastriert hatte (Penisamputation). Im religiösen Bereich standen sogenannte Eunuchen in verschiedenen Religionen in hohem Ansehen: In der Antike etwa die Galloi oder Galli im Kult der Kybele.
Der römische Arzt Aulus Cornelius Celsus (ca. 25 v. Chr. bis 50 n. Chr.) entdeckt die Lehren des Hippokrates wieder und beschreibt in seinen Werken die Technik der Blasensteinentfernung und das Katheterisieren mit metallenen Blasenkathetern.
Aretaios von Kappadokien (81–138) klassifiziert die verschiedenen Arten von Nierenentzündungen und schlägt als Therapie die Harnableitung mittels Katheter vor. Darüber hinaus empfiehlt er bei Misserfolg einen Dammschnitt mit Eröffnung der Harnblase zur Urinableitung. Die erste Beschreibung und Therapieempfehlung von Harnröhrenengen stammen von Heliodoros (um 120–150). Er führt sie auf Geschwülste zurück, die durch Herauskratzen entfernt werden sollen.